






Die menschliche Gestalt -
zentrales Thema der griechischen Kunst
Das zentrale Thema der griechischen Kunst war die menschliche Gestalt.
Nicht das einzelne Individuum, sondern der Mensch
als Repräsentant einer Gesellschaft wurde zum Leitbild
der Skulptur.
Die Harmonie von Körper und Geist spiegelte sich in einem verallgemeinerten
Schönheitsideal
der Skulpturen. Wahrscheinlich hat die Bedeutung des Sports und das Leben
in den "Trainingszentren" die Auseinandersetzung der Künstler
mit dem nackten männlichen Körper stark beeinflusst und gefördert
(Bild 1).
Bei Skulpturen unterscheidet man zwischen Freiplastik, Relief, Bau- und
Kleinplastik. Als Werkstoff bearbeiteten die Griechen lokale Steinsorten,
Marmor, Bronze, Holz, Elfenbein und Ton.
Alle Plastiken waren in der
Antike farbig bemalt. Großplastiken standen in Tempeln, Heiligtümern,
in öffentlichen Gebäuden, Privathäusern, Gartenanlagen,
auf Plätzen, oder wurden als Siegerstatue, als Votivbild für
eine Gottheit oder als Statue eines Grabmals hergestellt. Reliefs schmückten
Tempel, Altäre und Grabmale.
Allen Mädchenstatuen
gemeinsam sind die stoffreichen, verschieden drapierten Gewänder,
sorgfältig frisierte Haare mit Kopfschmuck (Bild 3) und wiederum
das archaische Lächeln. Kore und Kuros verkörpern die Norm einer
adeligen Elite, die das gesellschaftliche Leben Griechenlands bestimmte.
In den Skulpturen bzw. dem plastischen Schmuck im Giebelfeld
der Tempel werden zielgerichtete Handlungen sichtbar (Sterbende
und Kämpfende aus dem Tempelfries des Aphaiatempels auf Ägina,
sogenannter Äginetenfries, um 480 v.Chr.).
Die perspektivische Umsetzung der Einzelfiguren in Dreiviertelansicht,
die Zwanglosigkeit von Figurengruppen, die gekonnte Ausnutzung des vorgegebenen
Raumes und die Staffelung der Figuren in den verschiedenen Ebenen des
Reliefs bis fast zur Vollplastik werden bis in die Gegenwart bewundert.
"Zum Unterschied von der üblichen Gepflogenheit, auf Tempeln Götter und Heroen wiederzugeben, sind auf dem Parthenonfries neben Pferden und anderen Tieren Bürger von Athen zu sehen, die der Göttin huldigen, ein Hinweis auf die unter PERIKLES entstandene demokratische Gesellschaftsordnung. Der Parthenonfries war das Vorbild für zahlreiche plastische Werke späterer Zeit. Die 1836 gefundenen Farbspuren machten deutlich, dass der weiße Marmor des Parthenon bemalt war, wie früher in Griechenland üblich. Die gewaltigen Kosten der Bautätigkeit auf der Akropolis finanzierte PERIKLES mit den Abgaben, die Athen durch den Attischen Seebund erhob."
(aus: "Das große Kunstlexikon" von P. W. Hartmann)
Das Neue, das die klassische griechische Statue gegenüber der Gebundenheit
der ägyptischen Statue und des Korus-Typs auszeichnet, ist das Gliederspiel.
Es zeigt sich im Wechsel von Stand- und Spielbein, in der Biegung der
Wirbelsäule, der Neigung von Hüfte und Schultern und der Drehmöglichkeit
der Glieder (Kontrapost, Ponderation).
Der Kontrast von Bewegung und Gegenbewegung erreichte im Kontrapost
2) (Bild 5) einen harmonischen Ausgleich.
POLYKLET ("Speerträger/Doryphoros", um 440 v.Chr., Bild 6) entwickelte mithilfe von Maß- und Zahlensystemen ein schriftliches Regelwerk (Kanon), das vermutlich seinen Plastiken zugrunde lag. In den Skulpturen der Bildhauer MYRON ("Diskuswerfer", um 450 v.Chr.) und PHIDIAS (Goldelfenbein-Standbild der "Athena Parthenos", "Zeusstandbild" in Olympia, um 450 v. Chr.) wurden alle Teile des Körpers im Verhältnis zum Ganzen gesehen.
1) Metope,
griech.-lat.: Teil des Gebälks beim dorischen Tempel; abgeteilte,
fast quadratische, bemalte oder mit Reliefs verzierte Platte aus Ton oder
Stein.
2) Kontrapost,
italienisch: contraposto = "gegeneinander Gesetztes"; Ausgleich
der tragenden und lastenden , der ruhenden und treibenden Kräfte
in einer Statue. Auf dem Standbein der Figur ruht die Last des Körpers,
während das Spielbein frei beweglich nur leicht aufgestützt
dargestellt wird. Dadurch ergeben sich: Schrägstellung des Beckens
und entgegengesetzte Schrägstellung der Schultern, gespannter Arm,
entspannter, herabhängender Arm; der Körper schwingt in einer
leichten S-Kurve.
Hellenistische
Periode (Hellenismus)
In der Spätklassik (PRAXITELES,
"Hermes mit Dionysosknaben", um 320 v.Chr.) und im Hellenismus blieb das klassische Menschenbild weiterhin Vorbild. Es wurde variiert und
erweitert. Schwellende Muskeln, ausgreifende Gesten und ein bewegterer Gesichtsausdruck
wurden üblich. Die Proportionen der Statuen änderten sich. Sie
wirkten schlanker und größer mit kleineren Köpfen und bewegten
Gewändern bei Frauenstatuen. PRAXITELES schuf mit der "Aphrodite [von Arles] "
um 340 v.Chr. die erste nackte Großplastik einer Frau und brach
damit ein Tabu (Bild 7).
Porträtplastik war bereits in der klassischen Epoche üblich und diente als Anerkennung
von Verdiensten in der Öffentlichkeit. Die Dargestellten verkörperten
aber nicht ein bestimmtes Individuum, sondern dessen Verallgemeinerung.
Im Hellenismus wurden die Porträts realistischer.
Von den ehemaligen Ganzkörperplastiken sind heute meist nur die Köpfe
und römische Kopien erhalten.
Ein Höhepunkt hellenistischer Plastik sind die Friese am Pergamonaltar (170 v.Chr.). Die mythologische Szene "Der Kampf der Götter gegen die Giganten" ist mit dichtgedrängten fast freiplastischen Figuren als Hochrelief ausgeführt. In Marmor gebannt, spielen sich dramatische Szenen ab. Realistisch werden seelische und körperliche Qualen in den Gesichtern und Körpern der Giganten den kühl überlegen wirkenden Göttern gegenübergestellt.