

Bis ins hohe Mittelalter hatte man innerhalb der bildenden Kunst die
darzustellenden Personen nicht nach ihrer Position im Raum, sondern nach
ihrer Bedeutung festgelegt (Bedeutungsperspektive).
Noch DUCCIO (um 1250/60-1318) malte so. In seiner "Versuchung
Christi auf dem Berg" (Bild 1) wird der Bildvordergrund zwar perspektivisch,
jedoch viel kleiner als der Gottessohn mit Engeln und "Versucher"
im Bildhintergrund dargestellt. Die Bauwerke sind additiv
ins Bild gestellt, haben jedes für sich eine
eigene Perspektive, die nicht mit der des Gesamtbildes übereinstimmt.
Deshalb wirken sie wie nicht zum Bild gehörig, puppenstubenhaft.
Diese Raumvorstellungen wurden erst allmählich, und zuerst in der
Architektur (gotischer
Kirchenbau), überwunden. Die
neuen, lichtdurchfluteten Kathedralen der Gotik hoben die Schwere des
Kirchenraums, wie sie noch in der Romanik präsent waren, auf. Um
so bauen zu können, mussten die Architekten räumlich denken
können, sich das Bauwerk als Ganzes vorstellbar machen. Dazu genügte
das additive Bauprinzip nicht mehr.
GIOTTO
Einzig GIOTTO (1266-1337)
vermochte im 13. Jahrhundert einen neuen Stil innerhalb der bildenden
Kunst zu kreieren. Auch er stellt die Gebäude ín seinem Fresko
"Bürger von Assisi breitet seinen Mantel vor dem Hl. Franziskus
aus" (Bild 2) in Assisi noch additiv nebeneinander, durch Licht-
und Schattenwirkung Dreidimensionalität erreichend. Die Menschen
im Vordergrund treten in eine glaubhafte Beziehung zu den Gebäuden
im Hintergrund: Die Größenverhältnisse wirken harmonisch.
Damit verlässt GIOTTO die Prinzipien der Bedeutungsperspektive und
nähert sich denen der (Zentral-)Perspektive
an. GIOTTOs Gestalten beginnen sich von den byzantinischen Vorbildern
zu emanzipieren durch plastische, körperhafte Darstellung.
Entdeckungen neuer Räume
Kaum ein Ereignis veränderte das Denken jener Zeit so, wie die Entdeckungen
neuer Räume jenseits des vermuteten Endes der Welt: Amerika.
AMERIGO VESPUCCI, ein Florentiner Seefahrer, gab dem Kontinent Amerika
seinen Namen, entdeckt hatte ihn am 12. Oktober 1492 aber ein anderer:
CHRISTOPH KOLUMBUS. Allerdings war eine andere Entdeckung Amerikas längst
in Vergessenheit geraten. Der Wikinger LEIF ERIKSSON hatte den Kontinent
schon 500 Jahre früher betreten.
Bedeutende Entdeckungsreisende haben dazu beigetragen, das
geographische Weltbild vor allem der Europäer von Irrtümern
zu befreien und zu erweitern. Die großen
geographischen Entdeckungen führten auch zur Einbeziehung bisher
unbekannter Regionen und Länder in eine von Europa aus entstehende Weltwirtschaft.
FERNANDO MAGELLAN (1480-1522) umsegelte schließlich als erster Seefahrer
die Erde und trug damit zum Nachweis der Kugelgestalt unseres Planeten
bei. Er fand bei seiner Weltumseglung die sogenannte Westpassage, die
nach ihm benannte Magellanstraße,
an der Südspitze Amerikas, die den Atlantischen und den Pazifischen
Ozean miteinander verbindet. Anlass für die Weltumseglung war der
Auftrag des spanischen Königs, einen westlichen Seeweg zu den Gewürzinseln
(Molukken) zu finden.
Neues Zeitverständnis
Neben einem neuen Raumverständnis bedurfte es jedoch auch eines neuen
Verständnisses von Zeit. Der mittelalterliche
Mensch außerhalb von Klöstern lebte faktisch ohne
genaue Zeitangaben.
Für ihn ging der Tag von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, war im
Sommer länger als im Winter. So wurde im Althochdeutschen der März
Lenzing (fränkisch lenzinmanoth)
genannt (von german. langa-tin = die Tage werden länger). Man richtete
sich im Tagesverlauf nach dem Stand der Sonne. Es war ein Leben nach der
Sonnenuhr. Auch die Arbeit auf dem
Lande hatte ihre eigene Zeit. Im Frühjahr wurde das Feld bestellt,
im Sommer wurde es beerntet. Daher bekamen die Monate ihre Namen: der
August war in althochdeutscher Zeit der Ernting, der Erntemonat. Der Mensch
richtete sich außerdem nach seiner eigenen "biologischen"
Uhr, die anzeigte, wann man durstig oder hungrig war. Erst die
Erfindung der Uhr im 13. Jahrhundert machte eine genauere Organisation
von Zeit möglich. Mit der Erfindung der Taschenuhr (Nürnberger
Ei) um 1510 von PETER HENLEIN wird die Zeit jedem zugänglich. Sie
ist exakt ablesbar und der Tag wird genau in seine Stunden, Minuten und
Sekunden zerlegbar, ist also genau planbar. Mit der Zeit konnte man jedoch
auch die Erde in Längengrade einteilen.
Orte, die auf einem gemeinsamen Längengrad liegen, haben dieselbe
Zeit. Entfernt man sich in östlicher oder westlicher Richtung davon,
ändert sich die Uhrzeit. Dieses Prinzip nutzten schließlich
die Seefahrer, um ihre Position im Ozean zu bestimmen.
Die Bewusstwerdung von Raum und Zeit bereitete den Weg für ein perspektivisches, dreidimensionales Weltverständnis.