





Europas Felsenmalereien
Man geht heute davon aus, dass die Felsmalereien
in Europa eine lange kulturelle Tradition von mindestens 20 000 Jahren
hatten und dafür eine bestimmte Grenze in der Entwicklung des menschlichen
Geistes überschritten werden musste. Frühe Kunst hatte somit
einen Anteil an der menschlichen Evolution.
In Europa sind ungefähr 350 Fundorte von Felsmalereien bekannt. Die
meisten befinden sich in Spanien und Frankreich (Bild 1). Der älteste
bislang datierte Fundort ist die 1994 entdeckte Höhle von Chauvet
in Frankreich.
Die Grotte von Chauvet
Die nach Radiocarbondatierungen bestimmten Zeichnungen entstanden um 30000 v.Chr. Die Radiokarbonmethode,
auch
C-14-Methode genannt, ist ein Verfahren zur Altersbestimmung geologischer
und historischer Gegenstände aus organischem Material. Mit dieser
Methode wird der Gehalt an radioaktivem Kohlenstoff ermittelt. Dieser
Kohlenstoff stammt aus dem Kohlendioxid der Luft und verringert sich im
Laufe der Zeit gesetzmäßig durch radioaktiven Zerfall.
Die Entdecker der Höhle, JEAN MARIE CHAUVET, E. BRUNEL-DESCHAMPS
und CHRISTIAN HILLAIRE, beschreiben fasziniert ihre Eindrücke:
"Wir alle sind von einem Schwindel erfasst. Aber welch ein Anblick hat sich auch vor uns aufgetan! Es sind unzählige Tiere: ein Dutzend Löwen oder Löwinnen (sie tragen keine Mähne), Nashörner, Wisente, Mammute, ein Rentier, die meisten von ihnen sind dem Ausgang zugewandt. ... Ein seltsames kleines Mammut, fast ein Fabelwesen, sticht uns ins Auge. Ein herrlicher Wisent mit leicht gewellter Mähne, die Hörner von vorn, der Kopf im Profil dargestellt, das Maul leicht geöffnet, ist von Kratzspuren überdeckt. Rechts auf einem Felsvorsprung der Deckenwölbung hat Daniel eine Gestalt mit Wisentkopf und menschlichem Körper entdeckt, die uns als "Zauberer" den gigantischen Fries zu überwachen scheint. ... Auch bei diesem Fries bewundern wir wieder die Vollkommenheit der Komposition."
(In: CHAUVET/DESCHAMPS/HILLAIRE: Grotte Chauvet. Sigmaringen, 1995, S. 50).
In der Grotte de la Combe d'Arc, jetzt nach ihrem Entdecker Grotte von Chauvet genannt, sind auf einer Gesamtlänge von 490 m und in mehreren Seitentunneln Tiere, Symbole und ein Tiermensch dargestellt. Neben den üblichen Jagdtieren - Wildpferde, Rentiere, Wisente - erwecken besonders gefährliche Tierarten wie Nashörner, Löwen, Bären und solche, die erstmalig in der altsteinzeitlichen Kunst dargestellt wurden, wie Uhu, Panther und Hyäne, die Aufmerksamkeit der Wissenschaftler. Wunderbar realistisch gemalte Tiere, großartige Kompositionen einer Vielzahl von Tieren, perspektivische Verkürzungen und ein körperhaftes Empfinden unter Ausnutzung von Vorsprüngen und Nischen beeindrucken durch ihre Originalität. Als Symbole sind Handpositive und -negative neben roten Punktornamenten entdeckt worden. Diese Handabdrücke wurden in verschiedenen Höhlen gefunden. Eine von vielen Bedeutungen könnte mit einem erwachenden Ich-Bewusstsein der Steinzeitmenschen zusammenhängen. Die Bilderhöhle von Chauvet gilt als eine der schönsten weltweit. Sie ist aber der Öffentlichkeit nicht zugänglich, um die Malereien und die noch vorhandenen Spuren von Menschen und Höhlenbären nicht zu zerstören.
Die Höhle Altamira
1879 wurde Altamira als erste
Höhle mit Malereien der Steinzeit entdeckt. Zunächst hielt man
die Bilder von Altamira für Fälschungen, da man den Steinzeitmenschen
derart hohe geistige und künstlerische Fähigkeiten absprach.
Erst die Entdeckung weiterer Steinzeithöhlen, deren Bilder sicherer
datiert werden konnten, brachten den endgültigen Beweis der Echtheit
der Felsmalereien (Bild 2).
Altamira gilt als die "Sixtinische Kapelle der Eiszeit". Berühmt
geworden ist Altamira durch den "Saal der Bisons". Dessen Deckengemälde
ist nicht nur zweifarbig, sondern mehrfarbig. Durch verschiedenfarbige
Ockererden, Manganoxid und Kohle erreichten die "Maler" eine
unwahrscheinliche Plastizität der Tierkörper. Von fast schon
expressiver Kraft zeugt die Darstellung des 1,40 m großen "Sterbenden
Bisons". Die Modulation des Körpers erfolgte durch die mit dem
Mund aufgesprühte Farbe. Wichtige Körperteile wie Augen, Schwanz,
Hörner wurden zusätzlich durch dunkle Farbe betont. Zur Unterstützung
der Tiefenwirkung finden sich außerdem häufig Gravierungen
der Kontur.
Die Höhle Lascaux
Die Bilder der Höhle von Lascaux
in Frankreich um 16 500 v.Chr. und Altamira
in Nordspanien um 16 000 v.Chr. galten bis zur Entdeckung von
CHAUVET als die Schönsten.
Berühmt geworden ist Lascaux besonders durch seine Pferde-
und Stierdarstellungen. Frische und
Lebendigkeit der Bilder werden oft gerühmt. In der Nähe des
Eingangs gestalteten die Eiszeitmenschen die sogenannte "Rotunde
der Stiere" - Stiere, die springen, laufen, verharren, Jungtiere
und Pferde, Hirsche und ein "Einhorn". Inzwischen weiß
man, dass immer zuerst die Pferde und dann die anderen Tiere gemalt wurden.
Die später angebrachten Linien wurden sorgfältig um die Pferde
herum geführt.
Majestätisch wirken die gemalten Auerochsen,
Hirsche, Stiere, Pferde und Steinböcke in der Höhle von Lascaux
(Bild 3 und 4). Als Besonderheit sind gezeichnete "Speere",
"Lanzen" oder fallenähnliche Strichkombinationen
zu finden. Mysteriös erscheint auch eine Szene in einem schmalen
Schacht. Vor einem tödlich verwundeten Wisent fällt ein dünner
Mann mit einem Vogelkopf nach hinten. Darunter ist - ebenfalls nur
im Umriss - ein Vogel auf einer Stange sitzend gezeichnet. Zunächst
als Jagdunfall gedeutet, denkt man heute eher an die Darstellung schamanistischer
Praxis - den Zeitpunkt, an dem die Seele (Vogel) des Schamanen seinen
Körper verlässt, um Kontakt mit den Geistern aufzunehmen.
Die Höhle Les Trois Frères -
Die Drei-Brüder-Höhle
Der Name der Höhle Trois
Frères erinnert daran, dass diese 1914 von den drei Söhnen
des französischen Grafen und Archäologen HENRI BÉGOUËN entdeckt
und untersucht wurde. Bereits 1912 hatten die Geschwister mit einem selbst
gebauten Kahn eine Höhle gefunden, die von einem Fluss durchströmt wurde.
Es handelt sich um die Höhle Tuc-d'Audoubert. In einem Seitenarm befanden
sich in Lehm erhärtete Abdrücke - Fußspuren eiszeitlicher Menschen.
Berühmt geworden ist diese Höhle durch eine Art Halbskulptur
von zwei Wisenten - einer Kuh und einem Bullen - die
an einen Felsen gelehnt waren. Bis zum heutigen Tag kann man noch immer
die Fingerspuren des Modellierenden erkennen und ebenfalls menschliche
Fußspuren. Noch eine dritte Höhle, Enlène, gehört zum Besitz der Familie.
Alle drei werden von ihren Mitgliedern mit Unterstützung internationaler
Wissenschaftler erforscht und auch nur diesen mit privaten Führungen zugänglich
gemacht. In Enlène hat man sehr viele Zeugnisse einer Besiedlung, Feuerstellen,
Knochenreste von Mahlzeiten u. a. gefunden. Durch einen unterirdischen
Gang ist Enlène mit Les Trois Frères verbunden. Wissenschaftler bezeichnen
sie als die magischste aller Bilderhöhlen.
Mehr als 1 100 Bilder - nur in Lascaux gibt es mehr -
befinden sich an den Wänden: Hörnersenkende Stiere, ein "blutspeiender"
Bär, Löwen, vielfach übereinander gravierte oder überzeichnete Figuren.
Berühmt geworden ist diese Höhle aber wegen des "Zauberers",
der über eine Wand voller Tierbilder tanzt. Gestaltet ist ein Tier-Mensch-Wesen
in ekstatischer Bewegung - eine der seltenen menschlichen Darstellungen
der Altsteinzeit. Menschenbeine, ein Wolfschwanz, ein Vogelgesicht mit
Wisentohren und Hirschgeweih deuten auf die Darstellung eines sich in
Trance befindenden Schamanen. Eine andere Hypothese geht davon aus, dass
ein Mischwesen dargestellt wurde, an dessen Existenz die Eiszeitmenschen
glaubten (Bild 5). Da das Alter dieser Bilder noch nicht bestimmt wurde,
schätzt man sie auf 10 000-17 000 Jahre.
Viele Malereien der Altsteinzeit sind
im Innern von schwer erreichbaren oder engen Stellen der Höhlen angebracht.
Wahrscheinlich wurde diesen Orten oder bestimmten Stellen in der Höhle
eine magische Funktion zugeschrieben. Die spärlichen Lichtquellen
- nur eine sehr begrenzte Fläche der Wand oder Decke konnte
mit Harzfackeln oder kleinen "Steinöllampen" beleuchtet
werden - verstärkten diesen Eindruck.
Felsgravuren und Felsmalereien in
der Mittelsteinzeit
In der Mittelsteinzeit
(Mesolithikum) fand man nennenswerte Felsgravuren
in Sizilien (Addaura, Levanzo), die um 8 000 v.Chr. entstanden
waren. Ritzzeichnungen von Tieren, besonders von Hirschen, bilden eine
Komposition mit nackten, anatomisch fast richtig gezeichneten Menschen.
Die einfache Kontur dieser 25 bis 38 cm großen Nackten lässt
die Bewegung und athletische Muskulatur deutlich erkennen. Rätselhaft
bleibt die Szenerie, z. B. werden zwei Männer mit Tiermasken
und am Boden liegende gefesselte Männer von anmutigen Gestalten umringt.
Der erzählerische Zusammenhang kann vieles bedeuten: eine rituelle
Tötung, Tanz, Akrobatik (vgl. Tab.1).
Ein neuer Aspekt taucht in dieser Kunst auf. Der mesolithische Mensch
wird sich selbst wichtig und ebenso gekonnt, wie er Tiere darzustellen
vermag, zeichnet er nun sich selbst.
In Ostspanien (Vallitorta,
Remigia) entsteht in geographischer Nähe zur oben beschriebenen altsteinzeitlichen
Höhlenkunst eine andere Art von Felsmalerei unter überhängenden
Felsvorsprüngen in natürlichem Licht. Nicht mehr das Tier mit
seiner Gewichtigkeit, Stofflichkeit und seiner Farbe steht im Mittelpunkt
des Interesses, sondern der Mensch. Die
Aufmerksamkeit der ostspanischen "Künstler" gilt einer
Handlung. Häufig werden Jagdszenen
dargestellt. In Alpera z. B. befindet sich ein Fries mit der Abbildung
von Hunderten von Menschen und einigen Dutzend Tieren, die in einem sehr
bewegten Geschehen komponiert sind. Die einzelnen Figuren sind nicht allzu
groß. Interessant sind die Figur eines tanzenden Zauberers und die
Szene des Honigsammelns. Auch Kampf- und Tötungsszenen tauchen erstmalig
auf. Inhaltlich scheinen also viele Episoden aus dem Leben der mittelsteinzeitlichen
Menschen dargestellt. Aber sicherlich hat man es auch hier mit Malerei
zu tun, die im Zusammenhang mit rituellen Praktiken entstand.
Die Einzelgestalten der vielfigurigen Szenen
sind nicht mehr Abbild, sondern bereits abstrahiert, als wollten die Künstler
diese von Unwesentlichem befreien. Notwendig scheint die Dynamik, die
Wahrnehmung komplizierter Stellungen und das Wesen der Ereignisse zu sein.
Der Mensch wird zum Teilnehmer einer Handlung und kann durch seine Aktivität
irgendwelche wichtigen, vielleicht auch zukünftige Geschehen auslösen.