


Kunstfotografie
Die Kunstfotografie war
im wesentlichen eine englische Bewegung. Sie erreichte ihren Höhepunkt
zwischen 1850 und 1870, als sich die Fotografie noch im Anfangsstadium
befand. Geschaffen wurde sie von einer Reihe Fotografen, die ihrem Werk
die gleiche Geltung verschaffen wollten, wie sie zur damaligen Zeit der
bildenden Kunst besaß. Dementsprechend gestalteten sie ihre Fotos
nach dem Vorbild der Malerei: Als Themen für ihre Darstellungen wählten
sie literarische, historische und mythologische Stoffe; besonders die
Motive der Präraffaeliten hatten es ihnen angetan. Die entsprechenden
Szenen mussten im Atelier mit Kulissen, Requisiten, Kostümen und
viel Aufwand inszeniert werden. Darüber hinaus retuschierten die
Kunstfotografen ihre Bilder nach Art der Portraitmaler, kolorierten sie
und verfremdeten sie mittels Montagetechnik. Vertreter
der Kunstfotografie waren OSCAR GUSTAV REIJLANDER und HENRY PEACH
ROBINSON.
Pictoralismus
Der Pictorialismus war
eine internationale Bewegung, die um 1900 auf die Stilphase der Kunstfotografie
folgte. Mit ihr teilte der Pictorialismus die grundsätzliche Auffassung,
dass ein Foto an Wert gewinnt, wenn es im Stil einem anderen Kunstwerk
- z. B. einer Zeichnung oder einem Gemälde - ähnelt.
Ganz deutlich zeigt sich das Bestreben der Pictorialisten, ihre Werke
von "profaneren" Bildern, wie z. B. einfachen Schnappschüssen,
abzuheben, um sie als Kunstwerke zur Geltung zu bringen. Hierzu orientierten
sie sich an der Atmosphäre und Licht
einfangenden Malweise des Impressionismus.
Wie den Kunstfotografen ging es den Pictorialisten um eine rein ästhetische
Wirkung ihrer Bilder. Und weil das ästhetische Empfinden der
Betrachter angesprochen werden sollte, schieden unschöne Motive von
vorn herein aus. Im Unterschied zu den Vertretern der Kunstfotografie
arbeiteten die Pictorialisten jedoch nicht im Atelier, sondern im Freien,
bei Tageslicht. Nebelverhangene (Stadt-)Landschaften zählten zu ihren
beliebtesten Motiven. Charakteristisch
für ihre Bilder sind
Vertreter des Pictorialismus sind ALFRED STIEGLITZ (in seinem Frühwerk), ALVIN LANGDON COBURN, EDWARD STEICHEN, JULIA MARGARET CAMERON und GERTRUDE KÄSEBIER.
"Straight"-Fotografie
Die "straight"-Fotografie
- eine Strömung, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand
- bewirkte die Emanzipation der Fotografie
von der Malerei. Künstler beider Bereiche akzeptierten, dass
die unterschiedlichen Medien ganz individuelle, unvergleichbare Merkmale
und Eigenschaften besaßen und jeweils eigene Möglichkeiten
der Darstellung boten. Dieser Erkenntnis entsprechend begann eine Reihe
von Fotografen - darunter. PAUL STRAND und EDWARD WESTON in Amerika
und ALFRED RENGER-PATZSCH in Europa -, sich weniger mit Stimmungen
und Impressionen, dafür aber stärker mit dem formalen
Aufbau ihrer Bilder zu beschäftigen. Sie lehnten die Inszenierung
und Manipulation des Bildes ab, forderten Klarheit
des Themas und machten
zu zentralen Kriterien ihrer Bildästhetik.
Dabei ging es ihnen vor allem darum, das den Dingen Wesentliche im Bild
sichtbar zu machen.
Im Jahr 1932 gründeten Anhänger dieser an die Prinzipien
der Neuen Sachlichkeit anknüpfenden Richtung - unter ihnen
EDWARD WESTON, ANSEL ADAMS, IMOGEN CUNNINGHAM, WILLARD VAN DYKE -
die Gruppe f/64.
Der Name leitet sich ab von der kleinsten damals verfügbaren Objektivblende,
mit der eine größtmöglichste Tiefenschärfe erzielt
werden konnte. Zur Verbreitung ihres fotografischen Stils einfacher und
direkter Darstellung war die Gruppe bestrebt, ihre Werke in möglichst
vielen Ausstellungen zu präsentieren. Mit ihrer Forderung nach sachbezogener
Präzision leitete die Fotografie der Neuen Sachlichkeit zur
Dokumentar- und Reportagefotografie
über.
Landschaftsfotografie
Die Landschaftsfotografie
hat sich schon frühzeitig als fotografisches Genre etabliert -
nicht zuletzt deshalb, weil die Unbeweglichkeit der Landschaft den damals
üblichen langen Belichtungszeiten entgegenkam. Die frühe Landschaftsfotografie
war jedoch nicht allein vom ästhetischen, sondern auch vom dokumentarischen
Interesse geleitet. Fotografen wie MAXIME DU CAMP und FRANCIS FRITH erfassten
im Auftrag von Akademien und öffentlichen Einrichtungen mit ihren
Bildern systematisch die Welt des Orients. In den USA nahmen seit den
1870er-Jahren TIMOTHY O'SULLIVAN und WILLIAM HENRY JACKSON an Expeditionen
zur Erforschung und Vermessung der westlichen Territorien teil und dokumentierten
mit ihren Bildern die Schönheit der dortigen Landschaften.
Später, im 20. Jahrhundert, ging es dann vor allem um eine ästhetische Darstellung der Landschaft. Einer der prominentesten modernen Landschaftsfotografen ist ANSEL ADAMS. Durch die Begegnung mit PAUL STRAND, einem der "straight"-Fotografie verpflichteten Fotokünstler, entdeckte ADAMS im Jahre 1930 die Fotografie als sein Ausdrucksmedium. Angeregt durch STRAND und geprägt durch sein Engagement in der Künstlergruppe f/64 entwickelte ADAMS seinen durch
geprägten Stil. 1941 entwickelte er sein "Zonen-System", ein Hilfsmittel zur Bestimmung von Belichtungs- und Entwicklungszeiten. Mit seinen umfangreichen Landschaftsaufnahmen in amerikanischen Nationalparks leistete ADAMS einen wichtigen Beitrag dazu, der Öffentlichkeit die Schönheit dieser Landschaften und die Notwendigkeit ihrer Erhaltung nahezubringen.
Porträtfotografie
Die Porträfotografie (Bild 2) widmet sich der Abbildung und Darstellung von Personen. Sie gehört
zu den Genres, die sich in der Frühphase der Fotografie, mit Verbreitung
der 1837 vom französischen Dekorations- und Illusionsmaler LOUIS
JACQUES MANDÉ DAGUERRE entwickelten Daguerreotypie herausbildeten. Tatsächlich waren die meisten Daguerreotypien Porträtaufnahmen. Trotz der langen Belichtungszeiten erfreute sich die Porträtfotografie
zu jener Zeit großer Beliebtheit. Das neue Verfahren bot einer breiten
Schicht die Möglichkeit, sich durch die Anfertigung eines Porträts
in Szene zu setzen und aus der Anonymität herauszutreten. Dies konnten
sich zuvor nur wohlhabende Adlige leisten, indem sie bei einem Maler ein
Porträt in Auftrag gaben. Insofern spiegelt die um die Jahrhundertwende
einsetzende enorme Nachfrage nach fotografischen Porträts das Selbstbewusstsein
des aufstrebenden Bürgertums wider.
Einer der bedeutendsten frühen Porträtfotografen war der Franzose NADAR (d.i. GASPARD FÉLIX TOURNACHON, Bild 3). Um die Jahrhundertwende erstanden die kunstvollen Porträts der Pictorialisten. Zu den bekanntesten Vertretern dieser fotografischen Stilart zählt die Fotografin JULIA MARGARET CAMERON. Sie öffnete die Blende zu starker Unschärfe, beleuchtete nur partiell und ließ Bewegungen zu. Entscheidend für sie waren Ausdruck und Antlitz als Spiegel der inneren Persönlichkeit. Im Laufe des 20. Jahrhunderts gewann eine mehr soziologisch orientierte Sehweise größere Bedeutung: AUGUST SANDER begann 1910 seinen Bilderzyklus "Menschen des 20. Jahrhunderts". Dieses Lebenswerk - eine umfangreiche fotografische Bestandsaufnahme zeitgenössischer Menschen aus unterschiedlichen Berufs- und Gesellschaftsschichten - sollte ihn 40 Jahre lang beschäftigen. In den 1940er-Jahren fotografierte ARNOLD NEWMAN verschiedene namhafte Persönlichkeiten und entwickelte dabei einen ganz eigenen Stil: das "environmental portrait". In das Porträt einbezogen wurden charakteristische Gegenstände bzw. eine typische Umgebung, die auf die Tätigkeit und die Ideenwelt des Fotografierten verweisen. In den 1960er-Jahren erweiterte DIANE ARBUS die Porträtfotografie um eine neue, ungewohnte Dimension. Sie fotografierte Menschen am Rande der Gesellschaft: Transvestiten, Kleinwüchsige, Patienten in Nervenheilanstalten. Die Schonungslosigkeit ihres Blicks wirkte auf die viele Zeitgenossen schockierend.
Dokumentarfotografie
Die Dokumentarfotografie
ist eine Richtung, die das Foto als ein authentisches
Zeitdokument, als ein Medium zur Abbildung zeitgenössischer
Wirklichkeit einsetzte. Sie hatte ihre Blütezeit Ende der 1920er-
bis Mitte der 1950er-Jahre. Die Vertreter der Dokumentarfotografie strebten
danach, die vorgefundene Realität so objektiv wie möglich abzubilden
und sahen sich den Prinzipien der "straight"-Fotografie verpflichtet.
EUGÈNE ATGET fotografierte vielfach die Straßenszenen
in Paris und schuf so ein beredtes Zeugnis des zeitgenössischen Charakters
der Metropole. HENRI CARTIER-BRESSON ging es darum, den "entscheidenden
Augenblick", der die Essenz einer
Situation in sich trägt, festzuhalten. Dieser Devise verpflichtet,
schuf er eine Reihe einprägsamer Bilder vom Pariser
Stadtleben. Darüber hinaus reiste er im Auftrag verschiedener
große Zeitschriften auch nach Indien, Pakistan, China, Mexiko und
die UdSSR, um die Lebensweise der dort
lebenden Menschen zu dokumentieren.
Zu den ersten die Dokumentarfotografie als Medium
der Sozialkritik einsetzenden Fotografen gehörte JACOB AUGUST
RIIS, ein aus Dänemark stammender Zeitungsreporter. In seinen Bildern
hat er die Brutalität in den Slums von
New York City eingefangen. Fotografen der Farm Security Administration
(FSA) wie WALKER EVANS und DOROTHEA LANGE hielten in einer großangelegten
fotografischen Dokumentation das Elend der arbeitslosen Landarbeiter im
Mittleren Westen der USA während der "Great Depression"
in den 1930er-Jahren fest.
Beispielhaft für eine politisch und sozial engagierte Fotografie ist auch das Werk der Amerikanerin MARGRET BOURKE-WHITE, die während des Zweiten Weltkrieges als Kriegsberichterstatterin fotografierte. Unmittelbar nach Ende des Kriegs erregten ihre erschütternden Aufnahmen aus dem Konzentrationslager Buchenwald weltweit Aufsehen. 1946 reiste BOURKE-WHITE im Auftrag des Life-Magazine nach Indien, um den Befreiungskampf der Inder zu dokumentieren.
Auch der Karikaturist HEINRICH ZILLE probierte sich in der politisch und sozial engagierten Fotografie aus (Bild 4).
Als spezieller Zweig der dokumentarischen Fotografie verbreitete sich in den 1920er-Jahren die Pressefotografie. Sie ist ein Produkt der technischen Realisierbarkeit von sofortigen Fotodrucken in Zeitungen ab Ende des 19. Jahrhunderts. Der Beruf des Fotoreporters etablierte sich. Zwar unterschied sich die Technik des Pressefotografen nicht von der anderer Fotografen. Es wurden an ihn jedoch besondere Anforderungen in Hinblick auf
gestellt. Der Pressefotograf wurde zum Sensationssucher, der dafür zu sorgen hatte, dass spektakuläre Ereignisse in Bildern festgehalten wurden. Einer ihrer Vertreter, WEEGEE (d.i. ARTHUR H. FELLING), verfolgte ab Mitte der 1930er-Jahre mit wahrer Besessenheit sensationelle Ereignisse in New York wie Verkehrsunfälle, Gewaltverbrechen und Brandkatastrophen. Die Bilder lieferte er der Boulevardpresse. Sein Markenzeichen waren Fotos aus nächster Nähe, frontal und hart mit dem Blitz ausgeleuchtet. Mit seinen unzähligen Fotoreportagen wurde er zu einem der bekanntesten Chronisten der Schattenseiten des modernen, großstädtischen Lebens.
Werbefotografie
Die Werbefotografie ist
ein relativ junges Genre, das sich in den 1950er-Jahren herausbildete
und an die fotografischen Prinzipien der Bauhaus-Schule:
anknüpft. Sie zielt darauf, das Besondere einer Ware herauszustellen. In kaum einem anderen Bereich der Fotografie sind Ideenreichtum, aber auch die technische Umsetzung selbst ausgefallenster Motive so gefragt wie in der Werbepraxis. Werbefotografie ist visuelle Kommunikation: Es geht um die Vermittlung einer Botschaft mit Hilfe des fotografischen Bildes.