Kunst
George Grosz: "Die Stützen der Gesellschaft"
GROSZ: Stützen der Gesellschaft

Tradition
In der Tradition zynisch, kritischer Karikaturen seit HIERONYMUS BOSCH und PIETER BRUEGHEL ist das Bild "Die Stützen der Gesellschaft", 1926 von GEORGE GROSZ gemalt. Es ist schonungslose und hasserfüllte Kritik des Malers an den Missständen in der Weimarer Republik. Der Titel ist von einem gleichnamigen Drama HENRIK IBSENs von 1878 übernommen und gibt als aktualisierten Kommentar mit beißender Ironie einen Überblick über die ideologischen, politischen und religiösen Spielarten von Dummheit und Bosheit, die GROSZ in den Rollenklischees der Machthaber seiner Zeit erkannte.

Vorarbeiten
Für seine Arbeit an dem hochformatigen Bild (200 x 108 cm) konnte er auf eine Zeichnung von 1920/21 zurückgreifen. Das Blatt mit dem Titel "Wir treten zum beten vor Gott den Gerechten" zeigte schon die Motive der Typen mit dem Nachttopf auf dem Kopf sowie mit Bierseidel und Fähnchen in der Hand. Diese wurden von GROSZ aus der zeichnerischen Vorlage fast unverändert übernommen. Auch der konzeptionelle Aufbau des Bildes mit den drei dominierenden Figuren im Vordergrund, die im Hintergrund durch die Karikaturen des Klerus und des Militärs ergänzt wurden, findet sich schon in der Zeichnung von 1920/21 vorformuliert. Im harten Kontrast von Frontal- und Profilansicht präsentiert GROSZ seine schonungslos entlarvende Sichtweise auf die von ihm verachteten und gehassten Machthaber der Weimarer Republik, die er als eine Bande von Lügnern und Gesetzesbrechern darstellt.

Format
Das bewusst gewählte Hochformat unterstützt dabei den Eindruck einer hierarchisch gegliederten Ordnung, durch die der strukturelle Aufbau der Instanzen und damit das Gefüge der "Stützen der Gesellschaft" offen sichtbar gemacht werden sollte.
Diese satirische Allegorie erschließt sich aus ihrem Aufbau von unten nach oben, vom Vordergrund zum Hintergrund und aus der inhaltlichen Steigerung vom Stammtisch zur katastrofalen Perspektive von Krieg und Vernichtung.

Vordergrund: Armee
Im Vordergrund an der schrägen Kante eines Stammtisches sitzt im bräunlichen Zweireiher, als sogenannter "alter Herr" erkennbar, ein ehemaliger Offizier, der am Jackett das schwarze Bändchen des Kavallerieoffiziers trägt. In seiner rechten Hand hält er als ehemaliger Korpsbruder den Säbel seiner schlagenden Verbindung, in der linken Hand den halbleeren Bierseidel, fest umklammert. Das Couleurband trägt er über der blauen Krawatte, in der das goldene Hakenkreuz blinkt. Die 1919 gegründete NSDAP, die 1923 verboten und 1925 erneut gegründet wurde, hatte viele Anhänger in den deutschnationalen Kreisen. Das Gesicht mit Raffzahn und Schmissen auf der Wange wird im scharfen Profil gezeigt. Hinter dem Monokel ist das Auge blind, das Ohr erscheint wie zugenäht: Nichts hören … nichts sehen... Aus der aufgesägten Schädeldecke scheinen die Gedanken wie ein Reiter in einem Gestrüpp von sinnlosen Paragrafen hervor zu galloppieren. Strohreste deuten auf den Typus des Junkers hin, zu dem auch die Redensart "Dumm wie Stroh" zu passen scheint. Der Typus als ewiger Vorreiter des Revanchismus wird als Paragrafenreiter entlarvt, der durch den Mißbrauch der Gesetze der Weimarer Verfassung die Republik in Gesetzlosigkeit und schließlich zu Terror und unmenschlicher Gewalt führen wird.

Mittelgrund: Presse und Parlament
Links hinter ihm in frontaler Sicht das Bild des "ewigen deutschen Spießers mit dem Nachttopf auf dem Kopf". Mit einem Zwicker auf der Nase zeigt er den Ausdruck des gedemütigten Untertans mit lauerndem Blick. Der Bart und das gesamte Erscheinungsbild mit Stehkragen und Krawatte lassen auf eine karikaturhafte Ähnlichkeit mit ALFRED HUGENBERG schließen, der als Vorsitzender der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) und als "Pressezar" erheblichen Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung hatte. Mit einem Bündel von Zeitungen unter seinem Arm hält er den spitzen Bleistift wie eine Waffe in der Hand. GROSZ kommentierte aus seiner Sicht:

"Die Zeitungen werden immer übler, das Friedensgewand hat sich gut erhalten - vorschriftsmäßig strotzt die erste Seite wieder von Raubmorden, Totschlägen, Familiensauereien und Sensationen. Die Dummheit, die, wie man töricht meint, im Abnehmen war - nimmt täglich zu - bei Verbilligung der Fertigfabrikate - der wirkliche demokratische Fortschritt triumphiert …"


Die Schlagzeilen im Bild sind querbeet gebündelt: "Neuer grausiger Kindermord in Schlesien", "morgige Kommunisten Demonstrationen …", für "ausreichenden Polzeischutz" ist dabei gesorgt. Also Straße frei!
Der "starke Rückgang der Konkurse" steht beschwichtigend im Raum und auch Lieschen Müller bekommt etwas für ihr sonniges Gemüt: "Bleibt der Bubikopf?"

Ab 1916 baute ALFRED HUGENBERG die zweitgrößte deutsche Nachrichtenagentur, die "Telegraphen-Union" auf und regierte einen einflussreichen Medienverbund aus Tageszeitungen, Nachrichten- und Werbeagenturen und vor allem auch Filmgesellschaften, zu denen unter anderem seit 1927 auch die UFA gehörte. Sein rechtsgerichtetes Presseimperium war ein wichtiger Bestandteil der sogenannten "nationalen Sammlung" im Netz der politisch-wirtschaftlichen Machtinteressen der konservativen Gegner der Demokratie, die HITLER salonfähig machten und ihm schließlich zur Macht verhalfen.


Mit der dritten Figur auf der rechten Seite will GROSZ den satt gefressenen "feisten Parlamentarier" entlarven. Diesen Typ mit Schweinsäuglein, Knollennase, Hängebacken und Doppelkinn hatte schon JOHN HEARTFIELD als "Arsch mit Ohren" bezeichnet. Auch hier ist die Schädeldecke abgeschnitten und zeigt sehr ausdrücklich, was sich dort statt eines Gehirns befindet ("so dumm, dass es zum Himmel stinkt.")
Mit dem Schild "Sozialismus ist Arbeit" spielt GROSZ auf das Programm der damals oppositionellen SPD an, mit dem versucht wurde, den Kapitalismus als Finanz-und Wirtschaftsform akzeptabel zu machen, und das Streiks und Klassenkampf verhindern sollte.

Das schwarz-weiß-rote Fähnchen verweist auf einen Erlass PAUL VON HINDENBURGs, der seit 1925 Reichspräsident war und dafür sorgte, dass neben der schwarz-rot-goldenen Fahne der Weimarer Republik auch die schwarz-weiß-rote Handeslsflagge der ehemaligen Kriegsmarine wieder gezeigt werden durfte. Noch bis heute gilt diese Fahne als Sammlungs- und Erkennungszeichen der ewig Gestrigen und neokonservativen Revanchisten.

Hintergrund: Kirche und Militaristen
Der Pfaffe, bekleidet mit schwarzem Talar und Barett auf dem Kopf, hält in einer leeren pathetischen Gesteseine Hände wie segnend über das zerstörerische Chaos. Seine rote Nase charakterisiert ihn als versoffenen Militärseelsorger, der öffentlich Wasser predigt, aber selber heimlich Wein trinkt, der den Frieden lobpreist aber den Krieg durch seinen Segen rechtfertigt. Als Grundtypus hatte GROSZ diese Figur schon in einer Zeichnung mit dem Titel "Kommet zu mir, die ihr mühselig und beladen seit!" von 1921 vorformuliert.
Dieser Typus des gottverlassenen Geistlichen hatte GROSZ schon in den frühen 1920erjahren mehrere Prozesse wegen Gotteslästerung eingebracht. Vor allem seine Zeichnung "Christus mit der Gasmaske", die den Gekreuzigten als Opfer des Gaskrieges zeigt, sorgte Jahre lang für öffentliche und juristische Streitereien.


Hinter dem alles absegnenden Pfaffen sind die Militärs: die Reichswehr, der "Stahlhelm", der "Wehrwolf" und das "Reichsbanner", zum letzten Gefecht angetreten, nach GROSZ' eigenen Worten die "Blecheimerköpfe deutscher Militärs", die im Straßenkampf mit den roten Brigaden auch nicht vor Gewalttaten und Morden zurückschreckten. Am roten Stehkragen des mit blutigem Säbel vorpreschenden Offiziers befindet sich die alte Flagge, die auf das Motto: "Schwarz-Weiß-Rot - bis in den Tod" verweist.

Die brennenden Häuser geben als Abschluss, der über den oberen Bildrand hinausweist, eine Vision der kommenden Ereignisse:
Der Brand des Reichstages, die Bücherverbrennungen, die apokalyptische Vision des Untergangs des nationalsozialistischen Deutschlands: Holocaust und Krieg werden hier unmisverständlich aufgezeigt.


Zu diesem hellsichtigen Panoptikum von Typen, die GEORGE GROSZ schon 1921 in dem Buch "Das Gesicht der herrschenden Klasse", das er gemeinsam mit seinem Freund und Verleger WIELAND HERZFELDE herausgegeben hatte, schrieb KURT TUCHOLSKY 1924 in der "Weltbühne:

"Er ist doch der Erste von Allen. Und ich weiß keinen, der das moderne Gesicht der Machthabenden so bis zum letzten Rotweinäderchen erfasst hat wie dieser Eine. Das Geheimnis: Er lacht nicht nur - er haßt. Das andere Geheimnis: Er zeichnet nicht nur, sondern zeigt die Figuren - welch patriotische Hammelbeine! Welche Bäuche! Mit ihrem Lebensdunst, mit ihrer gesamten Lebenssphäre in ihrer Welt! So wie diese Offiziere, diese Unternehmer, diese uniformierten Nachtwächter der öffentlichen Ordnung in jeder einzelnen Situation bei Grosz aussehen: so sind sie immer, ihr ganzes Leben lang… Und wohin du blickst: Fratzen von Grosz. All diese Gesichter kann man auch zum Sitzen benutzen."


Schicksal des Bildes
Das Schicksal des Bildes ist ebenso grotesk wie seine Bildsprache:
Die "Stützen der Gesellschaft" hatte GROSZ 1927 in der Galerie FECHTHEIM und im gleichen Jahr auf der großen Berliner Kunstausstellung gezeigt. Käufer fanden sich für das damals mit 5000 Reichsmark angebotene Bild aber nicht. Vor seiner Auswanderung 1933 in die USA ließ der Maler sein Bild in der Wohnung seines Schwagers OTTO SCHMALHAUSEN am Savignyplatz 5 zurück. Im gleichen Hause unterhielt die SS (Schutz-Staffel) HEINRICH HIMMLERs nach 1933 ein Büro. Das Bild - im Keller versteckt - überlebte sozusagen bestens bewacht alle Wirren des "Dritten Reiches", und wurde erst 1958 in der GROSZ-Ausstellung der Galerie NIERENDORF erstmals nach dem Krieg wieder gezeigt.
LEOPOLD REIDEMEISTER erwarb das Bild schließlich für den Preis von 12000 DM für die Nationalgalerie im Westteil Berlins und immer noch kommentierte die Boulewardpresse scheinheilig (Kurier vom 5.7.58):

"Was für ein öffentliches Interesse an dieser teuren Neuerwerbung vorliegen soll, ist schwer zu ersehen".

In seiner Autobiografie von 1955 fasste GEORGE GROSZ seine Lebenserfahrungen in der Zeit der Weimarer Republik als Höllensturz zwischen den Katastrophen zweier Weltkriege zusammen:

"Alle wurden gehaßt: die Juden, die Kapitalisten, die Junker, die Kommunisten, das Militär, die Hausbesitzer, die Arbeiter, die Arbeitslosen, die Schwarze Reichswehr, die Kontrollkommissionen, die Politiker, die Warenhäuser und nochmals die Juden. Es war eine Orgie der Verhetzung, und die Republik war schwach, kaum wahrnehmbar. Das mußte mit einem furchtbaren Krach enden. ...
Es war eine völlig negative Welt, mit buntem Schaum obenauf, den viele für das wahre, glückliche Deutschland vor dem Anbruch der neuen Barbarei hielten."
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