













Mittelalter
In der Zeit des Mittelalters
(475-1500) spielt die Zeichnung in Europa hauptsächlich in der
Buchkunst eine Rolle. Vor allem religiöse Schriften wurden aufwendig
zeichnerisch - größtenteils farbig - ausgeschmückt
oder Holzstiche und Holzschnitte koloriert.
Renaissance
Mit dem Beginn der Renaissance
(1430-1600) vollzog sich eine tief greifende, revolutionäre
Veränderung des Welt- und Menschenbildes in der Kunst.
Besonders die italienischen und deutschen Künstler wie
(aber auch andere) beschäftigten sich mit wissenschaftlichen -
anatomischen und architektonischen - Studien, widmeten sich mit großer
Hingabe dem zeichnerischen Naturstudium und dem erklärenden Zeichnen/Zeichnen
als Erkenntnisprozess. Aus ihren fundierten Erkenntnissen entwickelten
sie ihre künstlerischen Positionen für ein neues Selbstverständnis
des Menschen, eine neue Betrachtungs- und Interpretationsweise der Natur.
Nicht mehr die im Mittelalter vorherrschende verklärende Verehrung
und Anbetung der Gottesfamilie und der Himmelsscharen stand im Mittelpunkt
bildkünstlerischer Betrachtungen, sondern der Mensch
als ein sich selbstständig entwickelndes biologisches und gesellschaftliches
Wesen.
Die "Göttlichkeit des Irdischen" zeigten die Künstler
in Porträt-, Akt- und Landschaftsstudien und Malereien sowie beeindruckenden
bildhauerischen Arbeiten. Sie verbanden bildhafte Fantasie mit exakter
Naturbeobachtung, künstlerische Meisterschaft mit wissenschaftlichem
Forscherdrang. Religiöse Themen, vor allem Madonnen- und Heiligendarstellungen,
wurden entmystifiziert. Erstmalig waren die Voraussetzungen einer physischen
und psychischen Identifikationsmöglichkeit mit menschlichem Habitus
der Maria, des Jesus Christus oder einem seiner Jünger gegeben.
Die Handzeichnung erfuhr in der Zeit der Renaissance eine weit reichende
künstlerische Vervollkommnung und eine sich entwickelnde Eigenständigkeit
gegenüber den anderen Bereichen der bildenden und angewandten Kunst.
Der bis dahin eher vorherrschende Entwurfs- und Skizzencharakter der Handzeichnung
trat (kunstgeschichtlich betrachtet) ab jetzt mehr in den Hintergrund,
allerdings hat die Handzeichnung die Charakterisierung und Bewertung als
dienendes Medium bis heute nicht ganz verloren.
Barock und Rokoko
Im Barock und Rokoko,
der Zeit des Absolutismus, stand im bildkünstlerischen Sinne die
aufwendige Präsentation im Vordergrund. Die Kunst stand im Dienste
der Herrschenden und der Festigung ihrer Macht. Der dem Wesen der Zeichnung
entsprechende, reduzierte, vergleichsweise bescheidene Charakter genügte
nicht, um dem eitlen Darstellungs- und Geltungsdrang der europäischen
Königshäuser, des Adels und des Klerus zu entsprechen.
In der Malerei und Plastik wurden Formen und Inhalte idealisiert betont
und formal und inhaltlich überzogen. Die malerischen Darstellungen
gesellschaftlicher und religiöser Themen übertrafen sich gegenseitig
durch kolossale Formate und protzige Ausschmückungen.
Im Gegensatz zum übrigen Europa entwickelte sich im Holland
des 17. Jahrhunderts eine liberale und weltoffene Gesellschaftsform. Im
sogenannten "Holländischen Goldenen Zeitalter" erlebten
Handel, Wissenschaft und Kunst unter dem Einfluss eines erstarkten Bürgertums
eine große Blütezeit. Flämische und holländische
Künstler setzten die Traditionen der Renaissance fort und formten
ihr eignes fortschrittliches Bild vom Menschen und der Natur.
Die Handzeichnung mit ihrer Eigenart erlangte wieder größere
Beachtung und Wertschätzung. Einen besonderen Reiz und einen faszinierenden
eigenständigen Charakter besitzen die Zeichnungen des Malers HARMENSZ
REMBRANDT VAN RIJN (Bild 6). Wie auch die malerischen Arbeiten besitzen
REMBRANDTs Handzeichnungen eine besondere gestalterische, kontrastreiche
Tiefe. Vor allem durch die Gestaltung der Hell - Dunkel - Werte
und die Platzierung von Licht und Schatten im Bildraum erreichte der Künstler
bildkünstlerische Verdichtung und thematische Dramatik.
Bürgerliche Revolution in Frankreich
Durch die großen bürgerlichen Revolutionen (Große Bürgerliche
Französische Revolution
1789-1799; bürgerliche Revolution in England 1640-1649)
veränderten sich die europäischen Machtverhältnisse grundlegend.
In vielen Ländern wurden die gestürzten Monarchien durch die
Gründungen von Republiken abgelöst. Durch die industrielle Revolution,
die Mitte des 17. Jahrhundert einsetzte, entwickelte sich das Bürgertum
zur ökonomisch stärksten und einflussreichsten sozialen Schicht
innerhalb der Gesellschaft.
Die philosophische Bewegung der Aufklärung
und ihre geistigen Strömungen, deren Zeitraum vom Beginn des 16.
Jahrhunderts bis zum Ende des 18. Jahrhunderts reichte, war prägend
für alle Bereiche der Gesellschaft. Die geistigen Positionen der
Aufklärung förderten wesentlich den bürgerlichen Emanzipationsprozess
und die intellektuelle Entwicklung der westlichen Gesellschaft. Ausgehend
von den historischen Erkenntnisprozessen der Antike und der Renaissance,
galt es vor allem, erstarrte und rückwärts gewandte Denkweisen
zu erneuern und eine Akzeptanz für neues Wissen zu schaffen. Die
Kultur des Verstandes sollte als ein Garant für den gesellschaftlichen
Fortschritt die Rückständigkeit und geistige Unbeweglichkeit
des Denkens ablösen.
In allen Bereichen der Kunst bildeten sich verschiedene, zum Teil parallel,
auch formal und inhaltlich gegensätzlich verlaufende Strömungen,
Positionen und Stile. Nach der überschwänglichen Formenvielfalt
des Barocks und Rokokos erfuhren ein sachlich-klärender und der sparsame
Umgang mit künstlerischen Formen und Maßen einen neuen Zuspruch.
Der Klassizismus (1760-1830,
Bild 7) berief sich inhaltlich und formal auf die Positionen der griechischen
Antike, konnte aber seinen historisierenden Charakter nicht überwinden.
Das Studium der Natur und des Menschen stand wieder im Mittelpunkt der
künstlerischen Bemühungen, die eine Grundlage für einen
idealisierten Humanismusbegriff bildeten. Der deutsche Dichter JOHANN
WOLFGANG VON GOETHE beschäftigte sich neben seiner literarischen
Arbeit auch intensiv mit den Naturwissenschaften und der bildenden Kunst.
So zeichnete er vor der Natur und beschäftigte sich mit Fragen der
Malerei.
Romantik/Naturalismus/Realismus
Auch die Künstler der deutschen Romantik
(1800-1830) widmeten sich intensiv dem zeichnerischen Naturstudium.
In der Geschichte der Handzeichnung setzten die Künstler des Naturalismus
(1870-1900), aber vor allem die des zeitlich parallel verlaufende
Realismus (1850-1890),
neue qualitative Maßstäbe und bereiteten durch ihre Arbeit
eine wesentliche Ausgangsposition für den Beginn der klassischen
Moderne in der bildenden Kunst. Ihr wirklichkeitsnaher Darstellungsstil
wiederum suchte seine Anregungen in den Positionen der Kunst der Antike
und der Renaissance. Künstler wie
widmeten der Zeichnung in ihrem Werk größte Aufmerksamkeit.
Die äußere Gestalt der Dinge wurde konzentriert und zugleich
mit tiefem Einfühlungsvermögen intensiv zeichnerisch untersucht,
um sich so der "inneren Wirklichkeit" der Dinge zu nähern.
Die Formate der Zeichnungen wurden größer und die zeichnerischen
Auffassungen wurden formal malerischer, da auch die Farbe eine zunehmend
größere Rolle im Entstehungsprozess spielte.
Impressionismus
Der Realismus des 19. Jahrhundert kann auch als Vorläufer des Impressionismus
(1860-1910) verstanden werden. Interessanterweise sind im Werk vieler
Künstler dieser Zeit gestalterisch-formale Positionen beider Stile
vorhanden und fließen zum Teil ineinander über. Verwiesen sei
auf eine vergleichende Betrachtung früher und später Werkperioden
des deutschen Malers MAX LIEBERMANN oder des französischen Malers
und Zeichners EDGAR DEGAS (Bild 9). Auch die Abgrenzung von Malerei und
Zeichnung wird durchlässiger und transparenter. Mit zeichnerischen
Mitteln entstehen malerische Effekte und Elemente/Formen und umgekehrt.
Verwiesen sei in diesem Zusammenhang auf die Pastelle DEGAS, die
zeichnerische und malerische Elemente miteinander verknüpfen und
ergänzen.
In einem besonderen Maße weisen die Zeichnungen VINCENT VAN GOGHs (Bild 10) auf einen neuen Umgang mit zeichnerischen Elementen hin.
beschreiben und kennzeichnen das gesehene und erlebte Naturbild, schaffen
aber durch ihre starke Vereinfachung und starke Rhythmisierungen ein eigenes
neuartiges Bildgefüge; eine abstrakte Formsprache entsteht, die auch
ohne den Naturbezug einen eigenen Reiz und künstlerische Qualität
besitzt.
20. Jahrhundert
Im 20. Jahrhundert
erfährt die vielfältige Formensprache der Handzeichnung
eine schnelle und kreative Weiterentwicklung. Individuell-orientierte
Ausdrucksformen stehen im Vordergrund künstlerischer Bemühungen
und diese orientieren sich zwar an den Vorbildern der jüngeren Kunstgeschichte,
fordern aber auch gleichzeitig ein neues inhaltliches und formales Sehen
und Umwerten und die Bereitschaft für ein lustvolles Experimentieren.
Gleich zu Beginn des neuen Jahrhunderts setzten die Künstler der
europäischen Jugendstilbewegung
(1895-1910, Bild 11) völlig neue Akzente. Sie befreiten die
Kunst von rückständigen Positionen des Historismus
und Eklektizismus. Angeregt durch die
fernöstliche Kunst und Kultur entwickelten sie eine revolutionäre
Linien- und Flächenkunst, die alle Bereiche der bildenden Kunst,
des Designs und der Architektur erreichte. Die Linie - in ihrer bestechend
klaren und einfachen Form (das Hauptgestaltungsmittel der Zeichnung) -
wurde das wichtigste Gestaltungsmittel.
In Wien, einem Zentrum des Jugendstils
arbeiteten und lebten viele begabte und wichtige Künstler dieser
Zeit. Als ein außerordentlich begabter Zeichner sei der Maler GUSTAV
KLIMT erwähnt. Mit seiner konzentrierten, reduzierten, aber hochsensiblen
Linienführung gelang ihm Abstraktion und Kennzeichnung des Wesentlichen.
Auch EGON SCHIELE (Bild 14) und OSKAR KOKOSCHKA waren herausragende Zeichner,
die wiederum mit ihrem kreativen Potenzial die Grenzen der Stilkunst um
1900 überschritten und sich den neuen Positionen des Expressionismus
zuwandten und ihn maßgeblich mitgestalteten.
Neben den vielen, nun zeitlich dicht aufeinanderfolgenden Stilen und Positionen
der Kunstentwicklung sind die Künstler des europäischen Expressionismus
als herausragende Zeichner hervorzuheben. Ihren explosiven, oft kantig-schroffen
und symbolhaften Zeichenstil übertrugen sie auch in ihre farbintensive
Malerei. Die individuelle Sichtweise, die Authentizität und die Direktheit
der Empfindung des Künstlers standen im Mittelpunkt des Schaffens
ohne akademische Zwänge und Maßregelungen.
Aber auch traditionelle Positionen und Ansichten entwickelten sich weiter.
Verwiesen sei auf das umfassende Werk der deutschen Zeichnerin und Grafikerin
KÄTHE KOLLWITZ (1867-1945), das sich neben der künstlerischen
Meisterschaft vor allem durch seine inhaltliche Aussagekraft und humanistischen
Positionen auszeichnet.
Stellvertretend für die vielen bildenden Künstler der klassischen Moderne, die sich zeichnerisch betätigten, seien
erwähnt.
Nachkriegsjahre bis etwa 1950
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und in den Nachkriegsjahren
bis etwa 1950 suchte eine junge Künstlergeneration vor allem in den
USA und in Europa neue Aspekte und neue Arbeitsansätze. Auch vorbereitet
durch die Positionen des
in der ersten Hälfte des 20. Jh. entwickelten sich die abstrakte Kunst bereits in den 1940er-Jahren sowie die Pop-Art ab 1960.
Postmoderne
Von der Postmoderne spricht
man ab 1980.
Die Suche nach neuen und "unverbrauchten" Bild-, Zeichen- und
Ausdrucksformen fordert seit dem 20. Jahrhundert enorme kreative Potenziale
der Künstler heraus. Die Wertschätzung des gesteigerten individuellen
Erlebens und dessen so unterschiedliche Umsetzung in künstlerische
Erkenntnis- und Arbeitsprozesse, erzeugt auch die Vielzahl und die große
Unterschiedlichkeit künstlerischer Ergebnisse. Da die Maßregelungen
eines naturnahen Realismus- und Kunstbegriffes längst aufgehoben
sind und ersetzt wurden durch komplizierte kunstwissenschaftliche Theorien
zum Thema der künstlerischen Denk- und Handlungsfreiheit, hat fast
jede subjektiv gezeichnete Linie die Aussicht als künstlerisch wertvoll
betrachtet zu werden. Das ist die Schwierigkeit für den eventuell
verunsicherten Betrachter, herauszufinden oder herauszufühlen: "Ist
diese Zeichnung (oder dieses Bild) das Ergebnis eines sinnlichen kreativen
Arbeitsprozess oder purer Dilettantismus, um etwa viel Geld zu verdienen?"
Das individuelle Moment und seine Ausprägung spielen jetzt eine sehr
große Rolle in der Zeichnung. Viele Künstler stellten sich
dieser Herausforderung. Handwerklich wurde der Begriff der Handzeichnung
immer wieder erneuert und erweitert. Es entwickelten sich freie abstrakte
sowie auch interessante realistische Positionen. Als einen Klassiker der
Zeichnung in der modernen Kunst nach 1950 ist ALBERTO GIACOMETTI (1901-1966)
zu nennen. Als Bildhauer beschäftigte ihn vorrangig das Thema der
Räumlichkeit und der Figur im Raum.
Wichtige Vertreter der Handzeichnung dieser Zeit sind auch BASQUIAT (1960-1988),
JOSEPH BEUYS, DAVID HOCKNEY (geb. 1937), ARNULF RAINER (geb. 1929), HORST
JANSSEN (1929-1995).