






Farbe im Außenraum
Die Farbgestaltung in und
am Bauwerk gehört zu den großen kulturellen Leistungen der
Gesellschaft. Jede Zeit und jede Epoche hatten ihr spezifisches Verhältnis
zur Farbe in der Architektur.
Im Mittelalter galt ein Bau erst durch die sogenannte farbige Fassung als vollendet. Das gelang durch Anstriche (Dom von Limburg, Deutschland, um 1235) oder durch den Wechsel von hellem und dunklem Stein (Dom von Siena, Italien, 12./13. Jh.).
In der deutschen Renaissance wurde besonders in der Profanarchitektur ein ganzes Dekorationssystem entwickelt: perspektivische Quaderung, Fenster- und Türrahmungen in Malerei und Sgraffito-Technik;1) (Fassade im Innenhof des Dresdner Schlosses, 16. Jh., BASTIAN KRAMER, Schabbelhaus in Wismar, Bild 2).
1) Sgraffito (ital. Kratzputz): mehrere Schichten verschiedenfarbiger Putze werden auf die Wand aufgetragen. Durch Abkratzen der oberen Schicht legt man die darunter liegende frei.
Im Barock wurden farbige Wandflächen, Vorlagen, Fensterumrahmungen und Portale in bestimmten Farbsystemen gegeneinander abgesetzt. Im Innenraum vermittelte die illusionistische Deckenmalerei eine gesteigerte Raumillusion - eine scheinbare Öffnung des Himmels. Für die neu angelegten Residenzstädte und Stadterweiterungen wurden zur Erreichung einer einheitlichen Gesamtwirkung Farbrichtlinien erlassen. Die bis dahin üblichen starken Farbkontraste wichen pastelligen Farben und wurden im Klassizismus meist auf Weiß- und Grautöne beschränkt.
Nachdem KARL FRIEDRICH SCHINKEL (1781-1841) auf den ästhetischen Wert der natürlichen Farben von Stein- und Ziegelmaterial hingewiesen hatte, wurde ab ca. 1830 und im Historismus fast nur noch mit der naturgegebenen Farbigkeit von Baumaterialien gearbeitet. Farbanstriche sollten natürlichen Materialien ähneln (Bild 3). Allerdings bevorzugten die Baufachleute des Historismus im Innenraum einen besonders farbigen Dekorationsaufwand. Traditionsbewusst zeigten sich jedoch die Briten: Ihre Pubs sind einander optisch sehr ähnlich (Bild 5).
Nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte BRUNO TAUT
(1880-1938) unter dem Einfluss des Expressionismus seine "Farbige
Stadt", und versuchte, Teile des Großstadtbildes durch
starkfarbige Anstriche zu verändern (Magdeburg, 1921-1923). Auch
ERNST MAY (1886-1970) setzte für die Siedlungen des Neuen
Frankfurt Farbsysteme ein (1927-1928).
In London sticht vor allem der Picadilly Circus durch überdimensionierte
Leuchtrekklame hervor, der so zum Touristenmagneten wurde (Bild 4).
Der International Style hatte das vorherrschende Weiß zum Dogma erhoben. Bereits im Nationalsozialismus und bis Ende der 1950er-Jahre fand Naturstein zur Verkleidung öffentlicher Bauten Verwendung. In den 1960er-Jahren wurde das Grau des unverkleideten Betons (Sichtbeton) hoffähig. Zunehmend gestalteten Architekten Vorhangfassaden mit Glas, Kunst- oder Natursteinplatten.
In der Gegenwartsarchitektur existiert die Farbe im Außenraum als Anstrich (Wohnhäuser in Berlin-Lichtenberg, Quartier Schützenstraße des Architekten ALDO ROSSI, Bild 6), als Vorhangfassaden aus verschiedenen Materialien (Holz, Stein, Metall, Glas etc.), als massives Ziegel- und verschiedenfarbiges Klinkermauerwerk, als Keramik usw. (Bild 7, am Potsdamer Platz in Berlin wurde u. a. mit Stahl-Beton-Glas, mit unterschiedlichen Klinkern usw. gebaut).
Ästhetische Aufgaben der Farbgestaltung sind z. B.:
Farbe im Innenraum
Wie im Außenraum erfuhr die Farbe
im Innenraum durch die Jahrtausende einen Bedeutungswandel.
Ägyptische Wandmalerei in Tempeln und Gräbern war nicht als Schmuck, sondern aus kultisch bedingten Gründen farbig. Jede verwendete Farbe hatte eine andere symbolische Bedeutung.
Farbige Dekorationssysteme verwendeten die Griechen und Römer bevorzugt als Schmuck und zur Repräsentation.
Farbverwendung in historischen Bauernhäusern erfolgte als Schmuck, aber auch in dem Glauben, damit das Eindringen böser Geister abzuhalten.
In der Gegenwart wird Farbe im Innenraum
Die Anwendung bestimmter Farben und Farbkombinationen in Arbeits-, Wohn-, Schul- und Praxisräumen stützt sich auf die Erfahrungen, dass sogenannte
"kalte Farben" (Violett, Blau, Grün) beruhigend wirken.
Dabei sind diese Eigenschaften immer in Abhängigkeit von den Nachbarfarben
zu sehen. Deshalb spielen auch bei der Gestaltung mit Farbe wiederum Kompositionsprinzipien
und die Farbkontraste eine Rolle (Komplementär-, Hell-Dunkel-, Intensitäts-,
Qualitäts-, Mengen-, Simultan- und Farbe-an-sich-Kontrast).

"Die Griechen, deren Tempel aus einem glasklaren, zuckerartigen Marmor waren, transparent und wunderschön, zweifelten nicht einen Augenblick und gaben diesen Tempeln bunte Farben. Farbe ist Leben und wir sollten dieses Element nicht gering schätzen, um es in unsere Werke eindringen zu lassen" (ANTONI GAUDI).