




"Es darf nicht verschwiegen werden, daß nach der Zahl der Denkmäler, die diesem oder jenem errichtet werden, auf die größere oder geringere Bedeutung, Beliebtheit, Volkstümlichkeit des einen oder anderen nicht zu schließen ist. Es spielen da, wie überhaupt auf dem Gebiet der Anerkennung und des Ruhms noch andere Bedingungen mit als nur die Würdigkeit. Am sichersten dürfen - wenn wir mit der Geburtsaristokratie anfangen und die Blicke auch über Deutschland hinaus richten - im allgemeinen die Fürsten auf ein Denkmal rechnen; nach ihnen die Feldherren und Staatsmänner, vor allem diejenigen, die entscheidend in einer Epoche des nationalen Aufschwungs mitgewirkt haben; weiterhin kommen die Dichter, und dann in einem breiten Abstande Gelehrte, Erfinder, Tonkünstler, Ärzte, Industrielle, Volksvertreter, bildende Künstler usw. Mit zwei Denkmälern mußte sich selbst Mozart begnügen. Die Denkmalsaristokratie beginnt wohl erst mit fünf. Zu ihr zählen Columbus, Franz I. von Österreich, Goethe (neuerdings mehren sich seine Standbilder), Leopold I. von Belgien, Melanchthon, Shakespeare, Wilhelm III. von England. Von den Dichtern ist Denkmalskönig unser Schiller - mit vierzehn. Die meisten Standbilder erhielten Kaiser Wilhelm I., Kaiser Friedrich und Bismarck."
Bei GOETHE hat OTTO WEDDINGEN sich verzählt, es gab damals bereits mehr als nur fünf Standbilder für ihn - auch im Elsass und dem heutigen Tschechien etwa (dem damaligen Böhmen), in Italien und mehrere sogar in den USA.
Das Goethe-Denkmal in Frankfurt am
Main
Das erste wollte man in des Dichters Geburtsstadt Frankfurt
am Main noch zu dessen Lebzeiten errichten, anlässlich seines
70. Geburtstages 1819.
Es sollte eine umfangreiche Anlage werden mit einem großen Rundtempel,
verschiedenen allegorischen Gestalten und Figuren aus seinen Dichtungen,
mit Decken- und Wandmalereien und einer Goethe-Statue.
Das wäre teuer geworden, darum warb das Denkmalkomitee um Spenden,
allerdings mit geringem Erfolg. Weshalb GOETHE selbst etwas brummig kommentierte:
"Zu Goethes Denkmal, was zahlst Du jetzt? / Fragt dieser, jener und
der. - / Hätt ich mir nicht selbst ein Denkmal gesetzt,
/ Das Denkmal, wo käm es denn her?"
Am Ende begnügte man sich in Frankfurt mit einer bescheideneren Version,
einer Bronzestatue (Bild 1)
des Münchner Bildhauers LUDWIG VON SCHWANTHALER (1802-1848).
Sie steht auf mit Reliefs geschmücktem hohem Sockel und wurde 1844
enthüllt: GOETHE in zeitgenössischem Kostüm und einem schweren,
kräftige Falten werfenden Mantel. Er stützt seinen Arm auf einen
Baumstamm (deutsche Eiche), seine Rechte hält eine Schriftrolle,
die Linke mit einem Lorbeerkranz fällt lose herab - eine etwas
müde Figur ohne Glanz.
"Bei der Auffassung der beiden Individualitäten Goethes und Schillers verbunden als Gruppe zu einem Monument habe ich geglaubt in Goethe die selbstbewusste Grösse und klare Weltanschauung in möglichst ruhiger und fester Haltung, sowie Schillers kühnen, strebenden, idealen Geist durch mehr vorstrebende Bewegung und etwas gehobenen Blick zu charakterisieren ... Goethe, 10 Jahre älter als Schiller, also früher im Besitze seines Ruhms, hält den Kranz fest, den er als Symbol der Poesie und des Ruhmes oder der Unsterblichkeit errungen oder den ihm die Nation gereicht, Schiller, seiner hohen Bedeutung sich bewusst, fasst zugleich hinein."
Doch LUDWIG I. wünschte Änderungen am Kostüm und der Haartracht, der Künstler ärgerte sich und schrieb in einem Brief:
"Der König ist zufrieden, er hat nur Bedenken gegen das Kleid, er glaubt, dass ein Oberrock besser sei. Das ist künstlerisch schwer, zwei Oberröcke. Offen können nicht beide sein, also Goethes zu, ein Sack dann auf zwei Füssen. Wie uninteressant und prosaisch! Als wenn der Oberrock den Dichter mache."
Am 4.September 1857 endlich wurde das Bronzedenkmal auf dem Platz vor
dem Nationaltheater in
Weimar enthüllt - einhellige Zustimmung aus ganz Deutschland
(Bilder 2 und 3). Die Gruppe wurde mehrfach nachgegossen, so
auch für die USA (1901 San Francisco, 1907 Cleveland/Ohio,
1908 Milwaukee/Wisconsin).
Das Kostüm erscheint heute
selbstverständlicher als antike Tracht es hätte sein können
- der Streit von damals mutet kurios an. Zumal in den beiden verschiedenen
Mänteln ein Ausdruck liegt, den RAUCH in seinen Togen nicht gefunden
hatte. In der Art, wie SCHILLER seinen Mantel trägt mit den breit
aufgeschlagenen Revers und dem lang und glatt laufende Linien erzeugenden
Zuschnitt, liegt etwas Kühnes und Offenes, während dem Obergewand
GOETHEs in seiner Geschlossenheit (wenn es auch nicht zugeknöpft
ist) und in der relativen Kürze eine Art Korrektheit, Beherrschtheit,
Gesammeltheit eigen ist. Alles Eigenschaften, die sich in den Haltungen
der Arme, den Gesten der Hände, in den verschieden aufgesetzten Füßen
und der unterschiedlichen Wendung der Häupter ähnlich ausdrücken.
Die Hauptstadt des
Kaiserreichs braucht ein Goethedenkmal
1871 - Deutschland war Kaiserreich geworden und Berlin nun nicht nur Hauptstadt von Preußen
- so wurde in Berlin ein Wettbewerb für ein Goethedenkmal ausgeschrieben,
das im Tiergarten aufgestellt werden sollte. Freilich fiel es den Berlinern
schwer, diesen Denkmalswunsch zu begründen, denn GOETHE war hier nur
ein einziges Mal und lediglich für ein paar Tage gewesen; noch dazu
hatte er sich kritisch über die Berliner Künstler geäußert.
- Es gingen 50 Entwürfe ein:
Sieger wurde der damals noch ganz unbekannte FRITZ SCHAPER (1841-1919), der einen jugendlichen Goethe präsentierte, im Zeitkostüm, einen Kranz aus Rosen und Lorbeer in den Händen, auf zylindrischem Podest, an dessen Fuß die Allegorien der Lyrik, des Dramas und der Wissenschaften, begleitet von einer Schar nackter Kinder.37 Standbilder und
13 Sitzfiguren.
Mit diesen drei Goethedenkmälern - dem von Frankfurt (1844),
dem Doppelbild von Weimar (1857) und dem von Berlin (1880) schien der
Bedarf der Nation an Goethemonumenten erst einmal gedeckt. Aber es folgten
weitere:
1900 in Wien (von EDMUND HELLMER),
1903 in Leipzig (CARL SEFFNER) und in Darmstadt (LUDWIG HABICH und ADOLF
ZELLER),
1904 in Straßburg (ERNST WÄGENER) und Rom (GUSTAV EBERLEIN),
1914 in Chicago (HERMANN HAHN, eine fünf Meter hohe Bronzestatue)
und
1919 in Wiesbaden (HERMANN HAHN).
Die Denkmäler in Wiesbaden und
München
Das Denkmal in Wiesbaden (Bild
4) wurde auf den Stufen vor der Tempelfront des Wiesbadener Museums errichtet
- Begründung: GOETHE hatte sich für den Ankauf der Kunst-
und Naturaliensammlung des Frankfurters JOHANN ISAAC VON GERNING eingesetzt,
die dann zum Grundstock der Wiesbadener Sammlungen wurde. Als Material
wählte der Bildhauer blank polierten Granit aus dem Fichterlgebirge
- eine Anspielung auf des Dichters Text "Über den Granit"
von 1784.
HERMANN HAHN (1868-1942) gibt GOETHE überlebensgroß als
Olympier: Mit entblößter Brust thront er auf Wolken und hält
einen Adler unter seinem Arm (eine Anspielung auf Prometheus und Zeus).
"Vor dem Eingang des Museums hat sich jetzt ein Goethe niedergelassen ... vor der porta clausa [geschlossenen Tür], hinter der ein zweckloses Foyer schlummert. Goethe von grauem Stein, der von dem gelblichen des Gebäudes übel absticht. Goethe mit verdrießlicher Miene und mit einem Adler unter dem Arm. Daher schon die volkstümliche Nottaufe: Adlerhamster, Geflügelschieber. Die Leute wissen nicht, was der Mann mit dem Vogel vor dem Museum will. Und sonst weiss es auch niemand."
Erst 1962 kam man auch in Bayern auf die Idee, GOETHE ein Denkmal zu setzen, die Stadt München wollte eins haben. ELMAR DIETZ (1902-1996) machte ihn - es wurde eine uninspirierte Kostümfigur (Bild 5) von der Art, die ERNST RIETSCHEL so "uninteressant und prosaisch" gefunden hatte: "ein Sack auf zwei Füssen."
Die Goethe-Bank in Heidelberg