



Gattungen in der Malerei
In der Kunstrezeption existiert eine Rangfolge
der Bildthemen nach ihrer historischen Wertschätzung. Als höchste Gattung
empfand man bis in das 19. Jahrhundert die Historienmalerei.
Dann folgte das Porträt. Landschafts- und Genremalerei nahmen
im 18. Jahrhundert einen mittleren Platz ein, während das
Stillleben den letzten Platz belegte.
Eine solche Wichtung gibt es heute nicht mehr, wobei die Historienmalerei
kaum noch vertreten ist und alle anderen Gattungen von Gegenwartskünstlern
in einer Vielzahl stilistischer und technischer Gestaltungsarten und inhaltlicher
Variationen malerisch umgesetzt werden.
Das Historienbild
Bilder, in denen geschichtliche Ereignisse, mythologische und religionsgeschichtliche
Aspekte widergespiegelt werden, sind sogenannte Ereignis- oder Historienbilder.
Dargestellt werden außergewöhnliche, nicht alltägliche
Geschehnisse und bedeutende Persönlichkeiten. Die Auftraggeber dieser
meist großformatigen Gemälde waren der Adel und die Kirche.
Mit der Darstellung vergangener Ereignisse sollten Zeitgenossen und Untertanen
nicht nur belehrt und gebildet werden. Die Bilder dienten auch der Glorifizierung
der Personen oder Taten des Dargestellten. In vielen Gemälden
stellte man weit zurückliegende Ereignisse dar, um sie mit zeitgenössischen
gleichbedeutend erscheinen zu lassen.
Mit dem Christentum nahm die religiöse Historienmalerei ihren Anfang. Im Mittelalter spielte die Darstellung von Heiligenlegenden eine große Rolle. Gegen Ende des 6. Jahrhunderts ließ die Langobardenkönigin THEUDELINDE geschichtliche Szenen in ihrem Palast in Monza malen (nicht mehr erhalten). Ähnliche Ausmalungen sind für KARL DEN GROSSEN (Pfalzen von Aachen und Ingelheim) und HEINRICH I. (Pfalz Merseburg) überliefert.
Besondere Bedeutung erlangte die Historienmalerei in der Buchmalerei
(Livres d'heures Etienne chevalier, 1452-1460; Miniaturen JEAN FOUQUETs
zu "Les grandes chroniques des rois des France" um 1465;
Bild 2).
Im Barock verbreitete sich das
Historienbild in feudal regierten Ländern schnell in Form von Schlachtenbildern
und Triumphzügen, Aufständen oder der Schlüsselübergabe
einer Stadt.
Einen Höhepunkt der Historienmalerei
des Barock bildet DIEGO VELÁSQUEZ' "Übergabe von Breda"
(1634/35; Bild 4). Eine Reihe von Malern spezialisierte sich auf
Schlachtenmalerei (SALVATOR ROSA, MICHELANGELO CERQUOZZI, JAQUES COURTOIS,
GEORG PHILIPP RUGENDAS).
In vom Bürgertum beherrschten Regionen sind Historienbilder kaum
zu finden.
Die französischen Vertreter der Romantik
THÉODORE GEÉRICAULT und vor allem EUGÈNE DELACROIX
machten sich eine dramatisierende Gestaltungsweise zu Eigen, die Leiden
und Tod mit einbezog, ohne zu beschönigen.
Demokratische Tendenzen fanden in Deutschland
besonders in Werken von CARL FRIEDRICH LESSING, ADOLPH MENZEL und EMANUEL
LEUTZE Ausdruck (Bild 5).
Um die Jahrhundertwende suchte FERDINAND HODLER die Historienmalerei zu aktualisieren, indem er sie ins Monumentale steigerte ("Auszug der Jenenser Studenten in den Freiheitskrieg 1813", 1907/08).
In der modernen Kunst verlor sie in der Folgezeit an Bedeutung; ein letztes herausragendes
Beispiel ist PABLO PICASSOs "Guernica" (1937).
Eine zeitweilige Wiederbelebung der Historienmalerei zeigte sich im 20. Jahrhundert
in der Kunst totaler Regime und im sozialistischen Realismus
und Muralismo = monumentale Wandmalerei (Kunstrichtung, die sich in Mexiko
nach der Revolution von 1910 herausgebildet hatte, bedeutender Vertreter
war DIEGO RIVERA).