


Historienmalerei - ein Bildvergleich
Die Gemälde "Der Tod des Marat" (1793) von JAQUES-LOUIS
DAVID
(1748-1825) und "Seni an der Leiche Wallensteins"
(1855) von KARL
THEODOR VON PILOTY (1826-1886) sind prominente
Historienbilder.
Historienbilder stellen Ereignisse aus der Bibel dar oder Szenen aus der
Mythologie, aber auch geschichtliche oder aktuelle Begebenheiten.
Es gab sie schon in der Antike, wenn auch selten (Mosaik mit der
"Alexanderschlacht", 3. Jh. v. Chr.).
Erst seit dem 14. Jahrhundert werden sie selbstverständlich.
Ihre Blüte fällt ins
19. Jahrhundert. In dieser Zeit herrschte das Prinzip der sogenannten
Inhaltsästhetik, d. h., ein Bild musste vor allem ein
bedeutendes Thema darstellen. Darum suchten die Künstler damals oft
nach möglichst sensationellen, Aufsehen erregenden Motiven, und die
entnahmen sie zunehmend der Geschichte.
Entsprechend galt an den Kunstakademien
die Historienmalerei als höchste
Bildgattung. Stillleben, Landschaften
und Porträts rangierten deutlich
darunter. Diese Stufung hatte
sich bereits seit der Renaissance
entwickelt.
SCHELLING ordnete in seiner "Philosophie
der Kunst", (1859 veröffentlichte
er seine Vorlesungen von 1802/03 und 1804/05) die Malerei nach folgender
Hierarchie: Auf der tiefsten
Stufe stehen die Stillleben, dann
folgt die Blumen- und Fruchtmalerei,
dann die Tiermalerei, dann die
Jagdstücke, dann die Landschaftsmalerei,
dann folgen die Porträts, dann
allegorische Darstellungen und
schließlich: "Die Historie ist ohne
Zweifel der vornehmste Gegenstand der Malerei".
Zweimal Mord
Sowohl DAVIDs Gemälde, wie auch das von PILOTY zeigen einen Ermordeten.
Bei DAVID handelt es sich um einen aktuellen
Mord:
der Künstler hatte
den zu den radikalsten Führern der
französischen Revolution gehörenden
JEAN PAUL MARAT (1744-1793)
noch am Abend vor dessen Tod besucht.
Bei PILOTY dagegen geht es
um ein lange zurück liegendes Ereignis aus dem
Dreißigjährigen Krieg
(1618-1648), das der Maler so dargestellt hat,
wie es von FRIEDRICH
SCHILLER
(1759-1805) in seinem Schauspiel
"Wallenstein, ein dramatisches
Gedicht" (1798/99) aufgefasst worden war.
"Ich traf ihn in einer Haltung an, die mich frappierte. Er hatte neben sich eine Holzkiste mit Tinte und Papier, seine Hand schrieb aus der Wanne heraus seine letzten Gedanken für das Glück des Volkes nieder. ... ich habe mir gedacht, es würde interessant sein, ihn in jener Lage zur Schau zu stellen, in der ich ihn angetroffen habe: schreibend für das Glück des Volkes."
DAVID malte MARAT als Märtyrer
der Revolution: Tot liegt er in
der
Wanne, schlaff hängt sein Arm, die Feder entgleitet seiner
Hand, die
Seitenwunde klafft, der blutbefleckte Dolch liegt am Boden.
Die Wanne
und die Tücher bezeugen sein Leiden, die billige Kiste
seine Armut. Das
Ganze wird überhöht durch die karg-feierliche
Bildbeschriftung: "À MARAT, DAVID - lan DEUX"
(Für Marat, David, im Jahr zwei [der Revolution]).
In seiner Linken hält MARAT einen Brief.
Es ist der, den die CORDAY bei
ihrem ersten Besuch am Morgen des
Mordtages in der Wohnung
zurückgelassen hatte. Mit ihm wollte
sie sich Zutritt verschaffen: "am
13. Juli 1793
/ MARIE ANNE CHARLOTTE / CORDAY an den Bürger / MARAT / Es genügt,
dass ich / sehr unglücklich bin / um ein Recht auf Ihr
Wohlwollen
/ zu haben."
Auf der Kiste das Schreiben
eines Unbekannten, der MARAT einen
Geldschein anvertraut und bittet: "Geben
Sie / diesen Assignaten jener /
Mutter von 5 Kindern / deren
Mann / für seine Heimat gestorben ist."
Beide Schriftstücke machen hier Sinn: Der Brief der CORDAY soll zeigen,
wie niederträchtig sich die Mörderin bei MARAT eingeschlichen
hatte. Der
andere, welches Vertrauen der Ermordete genießt.
"MARAT liebte wie Jesus das Volk innigst und liebte nur dasselbe. Er verabscheute wie Jesus die Könige, den Adel, die Pfaffen, die Reichen, die Betrüger und hörte nicht auf, diese Seuche der menschlichen Gesellschaft zu bekämpfen. Er lebte wie Jesus, arm und einfach".
Dieser Kult gipfelte in einem blasphemischen "Glaubensbekenntnis an MARAT":
"Ich glaube an MARAT, den Allmächtigen, Schöpfer der Freiheit und Gleichheit, unsere Hoffnung, den Schrecken der Aristokraten, der hervorgegangen ist aus dem Herzen der Nation und offenbart ist in der Revolution, der ermordet ist von den Feinden der Republik, der ausgegossen hat über uns seinen Gleichheitsatem, der niedergefahren ist zu den Elyseischen Feldern, von dannen er eines Tages kommen wird zu richten und zu verdammen die Aristokraten."
Zum Vergleich sei hier das Gemälde CARAVAGGIOs genannt: "Grablegung
Christi"; (Bild 3).
Zum Gemälde von KARL THEODOR
VON PILOTY "Seni an der Leiche Wallensteins"
Ganz anders PILOTYs Gemälde
(Bild 4). Es ist kein Auftragsbild, wurde aber noch im Jahr seiner
Vollendung von König LUDWIG I. von Bayern vom Künstler
erworben. Die zeitgenössische Kritik bewunderte es, zahlreiche
Kopien
und druckgrafische Reproduktionen entstanden, und so begründete
es
PILOTYs Ruhm als Historienmaler. Dabei ist es eine reine Erfindung,
rekonstruiert nicht die historischen Fakten, sondern orientiert sich
an
SCHILLERs Wallenstein-Trilogie.
Historischer Hintergrund
ALBRECHT WENZEL EUSEBIUS VON WALLENSTEIN, Herzog von Friedland,
Mecklenburg
und Sagan (1583-1634) war Feldmarschall und Oberbefehlshaber
der kaiserlichen Truppen gegen die Schweden unter König GUSTAV ADOLF.
Eigenmächtige
Verhandlungen mit Schweden und Frankreich hinter dem
Rücken
des Kaisers zum Zweck eines schnellen Friedens und
undurchsichtige
Pläne für ein großes Ostseereich führten zu seiner
Absetzung und der Ermordung am 25. Februar 1634 in Eger.
Aufbau des Gemäldes
Den Augenblick unmittelbar
nach dem Mord setzt PILOTY in Szene: In
einem
mit reichen Stoffen, Teppichen, Möbeln, Papieren und verschiedenen
Requisiten ausgestatteten Zimmer liegt WALLENSTEIN tot quer auf dem
Boden. Ein Tuch ist über seinen Leib geworfen, das seidene Tischtuch
hat
er halb herabgezogen, die Bücher sind nahe an die Kante
des Tisches
gerutscht. Neben dem Leichnam steht resigniert der Astrologe
SENI, hatte
er den Feldherrn doch zuvor noch gewarnt und versucht,
ihn zur Flucht zu
bewegen, denn die Sterne verrieten Unheil:
"Die Zeichen stehen
grauenhaft, nah, nahe umgeben dich die Netze
des Verderbens." (SCHILLER)
Alle Details sind wie Regieeinfälle für eine Bühnenaufführung
platziert,
das geht bis zur Lichtführung, die effektvoll den
Leichnam beleuchtet
(üppig gefärbte Textilien - das
goldseidene Tischtuch, der grüne
Bettvorhang im Hintergrund,
der rote Teppich). Auf dem Tisch einige
vielsagend gruppierte Dinge:
die gerade verlöschende Kerze (das ausgeblasene Lebenslicht) mit
ihrem senkrecht aufsteigenden Rauchfaden,
die kleine Glücksgöttin
auf dem Leuchter, die weggedreht ist, der
Globus, die Lage und Haltung
der Leiche in der Stellung des toten
Christus. Alles Bühne
und alles Appelle ans Bildungswissen
der Bürger,
bei dem die Kenntnis von SCHILLERs Theaterstück
vorausgesetzt ist.
Die konzentriert einfache Komposition
von DAVIDs "Marat" hat PILOTY
gerade vermieden. Sein sehr
großformatiges Bild (15 m² gegen rund 2 m²
bei
DAVID) wirkt mit Gegenständen so erstickend überfüllt wie
ein
Gründerzeitsalon und lebt von den vielen Requisiten, von
den
Anspielungen, Andeutungen, den Hinweisen auf Stellen in SCHILLERs
Drama.