



Ingenieurarchitektur - Eisenarchitektur
Völlig neue Aufgaben stellten Gebäude, für welche die stützenfreie
Überspannung großer Distanzen erforderlich war: Brücken,
Bahnhofs-, Ausstellungs- und Maschinenhallen, große Gewächshäuser,
Fabriken und Warenhäuser, Türme und Denkmäler. Hier waren
Ingenieure gefragt. Da als Material zunehmend Gusseisen oder Stahl verwendet
wurde, spricht man auch von der Eisenarchitektur.
Mit Eisenarchitektur
werden also Bauwerke bezeichnet, die überwiegend ais Eisen gebaut
wurden. Diese Epoche in der Architekturgeschichte wurde als Folge der
industriellen Revolution ermöglicht.
In Großbritannien wurden für Textilfabriken, v. a. aus Gründen
größerer Feuersicherheit, eiserne Gerüste aus Stützen
und Trägern innerhalb steinerner Außenwände entwickelt:
Vorläufer des Eisen-, später Stahlskelettbaus. Daneben gab besonders
der Brückenbau im Zuge des rasch wachsenden Straßen- und Schienennetzes
entscheidende Impulse.
Der "Kristallpalast" für
die Weltausstellung 1851
Die aufsehenerregendste Ingenieurkonstruktion in der Mitte des 19. Jahrhunderts
war der "Kristallpalast"
von JOSEPH PAXTON
(1801-1865) für die erste Weltausstellung
von 1851 in Londons Hydepark (Bild 1). Hauptziel der Weltausstellungen
war von Anfang an die Darstellung, Vermittlung und dadurch Förderung
des technisch-wissenschaftlichen Fortschritts und besonders die miteinander
konkurrierende Selbstdarstellung der beteiligten Länder aus aller
Welt. Es waren Großereignisse, die ungeheure Besucherströme
anzogen (1851 in London 6 Millionen, 1900 in Paris über 50 Millionen;
auch die Ausstellungsfläche nahm kontinuierlich zu: 8,4 ha 1851 London,
81 ha 1893 in Chicago).
PAXTONs Kristallpalast ist als eine der bedeutendsten Pionierleistungen
des 19. Jahrhunderts in die Architekturgeschichte eingegangen. Er wurde
aus vorfabrizierten gusseisernen Stützen über einem durchgehenden
Raster von 7,32 m in nur acht Monaten errichtet und war ringsum verglast
(er fiel 1936 einem Brand zum Opfer).
Der Eiffelturm und der Palais des
Machines
Eine ähnlich bedeutende Ingenieurleistung
ist der nach seinem Architekten GUSTAVE EIFFEL
(1832-1923) benannte Stahlturm für die Weltausstellung von 1889
in Paris; ebenso der für dieselbe Ausstellung bestimmte
"Palais des
Machines" aus Stahl und Glas
des Ingenieurs CONTAMIN (1840-1893) und des Architekten FERDINAND
DUTERT (1845-1906). Mit 115 m lichter Spannweite bei 45 m Höhe
und 420 m Länge war sie damals das größte Gebäude
auf der Welt. Das Problem der Streckung oder Verkürzung des Eisens
bei Temperaturschwankungen wurde mit der Erfindung des Dreigelenkbogens
gelöst, der beweglich auf dem Bodenlager aufsetzt: Die Halle erhebt
sich nicht auf schweren Fundamenten, sondern steigt von einer schmalen
Auflage empor. Hatte PAXTON mit den durchsichtigen Glaswänden seines
Kristallpalasts schon den unendlichen Raum geschaffen, so war jetzt eine
wie schwebende Architektur entstanden. (Die Halle wurde 1910 abgebrochen.)
Die neue Schönheit der Stahlbauten wurde von den Zeitgenossen durchaus
erkannt.
ROGER MARX: "Seht euch die Wege an, die gewählt wurden, das Ziel zu erreichen, die Leichtigkeit der Struktur, den kühnen Schwung der anmutigen Biegung der Bogen, die gleich den ausgebreiteten Schwingen des Vogels in seinem Flug den Raum teilen."
Der 300,5 m hohe und 7 000 t schwere Eiffelturm (Bild 2) wurde nach einer Bauzeit von nur 16 Monaten am 6. Mai 1889 anlässlich der Weltausstellung in Paris und der 100-Jahrfeier der Französischen Revolution eröffnet. Es gab mehrere Kritiker, die den stählernen Turm als ein Symbol einer neuen, kunstfeindlichen Zeit bekämpften. So auch der Schriftsteller GUY DE MAUPASSANT:
"Nicht genug, dass man ihn überall sieht, mein, er ist auch überall und in jedem erdenklichen Material erhältlich, in jedem Schaufenster ausgestellt, ein unentrinnbares, ein quälendes Albdrücken."
Trotz dieser Schmähung wurde der "hässliche Turm" zum bekanntesten und meistbesuchten Gebäude in Paris.
Die stählernen Brücken
Das größte Ingenieurwerk des Kontinents und des 19. Jahrhunderts
zu schaffen, dieses Ziel stellte sich 1869 der deutsche Einwanderer JOHANN
AUGUST ROEBLING mit der Konstruktion und dem Bau der
Brooklyn Bridge in New York (Bild 3).
Dieses Ziel erinnert an die biblische Legende vom Turmbau zu Babel. Doch
die Brücke konnte vollendet werden, wenn auch unter widrigen Begleitumständen.
Noch heute spannt sich die Brücke als vergitterte Hängekonstruktion
über den East River. Die Widerlager und Aufhängevorrichtungen
für die Spannseile sind als neugotische Triumphtore gestaltet.
Leider kostete der Bau der Brücke den Architekten das Leben und auch
sein Sohn, WASHINGTON AUGUSTUS, der die Arbeiten des Vaters fortsetzte,
erkrankte bei den Aushubarbeiten an der Druckluftkrankheit und war seitdem
an den Rollstuhl gefesselt. Auf Initiative seiner Frau EMELY konnte die
Brücke dann 1883 eröffnet werden.
Vor diesem Bau hatte ROEBLING mit der Niagara Railway Bridge (1851-1855)
und der 322 m langen Hängebrücke über den Ohio (1856-1867),
die heute noch Cincinnati und Covington verbindet, frühe Konstruktionen
verwirklicht.
Die Kostruktionen der ROEBLINGs leiteten in den USA eine Tradition ein,
die schließlich in der berühmten, 1937 eingeweihten Golden
Gate Bridge in San Francisco (Bild 4) gipfeln sollte.
Als erste gusseiserne
Brücke gilt die Brücke von Coabrookdale in Mittelengland
(1775-1779). Sie wurde nach dem Entwurf von THOMAS FARNOLLS PRITCHARD
über den Severn geschlagen.
Die erste Balkenbrücke
aus Schweißstahl war die Britanniabrücke über die Menaistraße
(1845-1850).