JOAN
MIRÓ - ein spanischer Künstler des Surrealismus
JOAN MIRÓ wurde am 20. April 1893 in Barcelona geboren (Bild 1).
Sein Vater, MIQUEL MIRÓ ADZERIAS, war Goldschmied und Uhrmacher,
seine Mutter, DOLORES FERRÀ OROMI, die Tochter eines Kunsttischlers
aus Palma de Mallorca.
Bereits während des Besuches der Grundschule erhielt der junge MIRÓ
Zeichenunterricht und
so sind aus dem Jahr 1901 auch schon erste Zeichnungen MIRÓs
überliefert.
Von 1907 bis 1910 besucht MIRÓ die Handelsschule in Barcelona und
gleichzeitig die
Kunstakademie
La Lonja. Mit Beginn seiner Tätigkeit als Buchhalter erkrankt er an
Typhus und zieht sich zur Genesung zurück nach Montroig, wo sein Vater
ein Landhaus gekauft hatte.
MIRÓ beschließt, sich künftig ganz der Malerei zu widmen
und schreibt sich an der Kunstschule von FRANCESC GALÍ ein.
Erste
Ölbilder entstehen und der Kunsthändler JOSEP DALMAU beginnt
sich für MIRÓs Werke zu interessieren. MIRÓ hatte inzwischen
zusammen mit ENRIC CRISTÒFOL RICART ein Atelier in Barcelona gemietet.
1919 reist MIRÓ erstmals nach Paris und
begegnet dort auch PABLO PICASSO. 1920 lässt er sich in Paris nieder
- wenngleich er immer wieder seine katalanische Heimat besucht, lebt
und arbeitet in der Rue Blomet 45 und befreundet sich mit dem Künstler
ANDRÉ MASSON, der sein Nachbar ist.
Über MASSON bekommt MIRÓ Kontakt zu den
Pariser
Surrealisten MAX JACOB, MICHEL LEIRIS und ANDRÉ BRETON und schließt
sich dieser Künstlergruppe an. Die surrealistischen Arbeitsweisen und
Techniken haben großen Einfluss auf seine Malerei. 1929 heiratet MIRÓ
in Palma de Mallorca PILAR JUNCOSA, das Paar hat eine Tochter, MARIA DOLORES.
Um diese Zeit entstehen MIRÓS erste Objekte und Collagen. Wegen des
bevorstehenden Spanischen Bürgerkriegs verlässt MIRÓ mit
seiner Familie Spanien und zieht nach Frankreich, zunächst nach Paris,
1939 nach Varengeville-sur-Mer in der Normandie.
1940 flieht er nach Palma de Mallorca, findet Unterschlupf bei seiner Schwester,
bevor er 1942 nach Barcelona zurückkehrt. 1944 beginnt MIRÓ
gemeinsam mit dem Freund seit Studienzeiten JOSEP LLORENS ARTIGAS mit keramischen
Arbeiten. Im selben Jahr nimmt MIRÓ auch die Leinwandmalerei wieder
auf, die er 1939 aufgegeben hatte. Von nun an arbeitet er in den verschiedensten
Gattungen der Kunst: neben den
großformatigen Gemälden entstehen Bronzeplastiken wie der "Monument"
(1970; Bild 2), Keramiken, Buchillustrationen, Theaterausstattungen und
Theaterstücke. 1983 finden zahlreiche Veranstaltungen und Ausstellungen
anlässlich des 90. Geburtstags des Künstlers statt, bevor
MIRÓ am 25. Dezember 1983 in Palma de Mallorca stirbt.
Er wird auf dem Montjuïc-Friedhof in Barcelona beigesetzt.
MIRÓs
Wege zur surrealistischen Malerei
Von 1915 bis 1919 malte MIRÓ in einem Stil, den er selbst dem
Fauvismus
verpflichtet sah.
Landschaftsdarstellungen
wie "Montroig - Sant Ramon" (1916; New York, Kouros Gallery)
in starken und kräftigen Farben oder Bilder wie "Akt mit Spiegel"
(1919) zeigen aber auch mit der Zersplitterung der Formen Einflüsse
der kubistischen Malerei.
Nachdem MIRÓ sich 1924 den Pariser Surrealisten um ANDRÉ MASSON,
ANDRÉ BRETON und YVES TANGUY angeschlossen hatte, gab er seinen detailbetonten
Realismus der vorausgehenden Jahre auf zugunsten einer assoziierenden
"Traummalerei"
mit fantastischen Szenerien aus biomorphen Formen, mit Strichfiguren, eingestreuten
Worten und Zahlen. "Danseuse II" ("Tänzerin II",
1925) ist ein Beispiel dieser rätselhaften Bildwelten. Ein Mond, ein
großes rotes Herz und eine Spinne sind in der rechten Bildhälfte
auf dem blauen Grund zu erkennen. Mit der zugehörigen Fantasie lässt
sich daraus eine Frauenfigur bilden, deren tänzerische Bewegung die
gepunktete Linie in der linken Bildhälfte wiedergibt.
Der im Jahr zuvor entstandene "Karneval der Harlekine" (1924;
Bild 3) ist eines der viel publizierten Bilder Mirós dieser
Schaffensphase. Die Farbpalette ist reduziert, außer dem zeichnerischen
Schwarz werden vorwiegend die Grundfarben Rot, Gelb und Blau eingesetzt.
In den Jahren ab 1935 entstehen monströse,
ungeheuerliche
Figurationen wie "Tête dhomme" ("Kopf eines
Mannes", 1935), die in ihrer magisch beängstigenden Farbigkeit
eine Bedrohlichkeit ausstrahlen, die immer wieder als Vorausahnung der Schrecken
des Spanischen Bürgerkriegs gedeutet wurden.
Um 1940/41 entstehen die ersten der zahlreichen Arbeiten, die als Serie
unter der Bezeichnung
"Constellations"
("Konstellationen"/"Sternbilder") zusammengefasst werden.
Kleinteilige, figurative und abstrakte Bildzeichen und Lineaturen überziehen
wie ein Netz die Bildgründe. Erkennbar sind Vögel, Augen, kosmische
Elemente wie Sterne, Sonnen oder Monde, die fortan zum bildnerischen Vokabular
des Künstlers gehören werden.
Die
Gouache "Ziffern und Sternbilder,
in eine Frau verliebt (1941) ist als ein Beispiel zu nennen. Jene Bildwelten
werden dann auch mit typisch spanischen Themen und Motiven verbunden, wie
in "La course de taureaux" ("Der Stierkampf", 1945).
Poetische Titel tragen zur
Rätselhaftigkeit
der Bilder bei wie "La petite blonde au parc dattractions"
(Kleine Blonde im Vergnügungspark", 1950) oder "Libellule
aux ailerons rouges à la poursuite dun serpant glissant en
spirale vers létoile-comète" ("Libelle mit
roten Flügeln verfolgt eine Schlange, die in Spiralen zum Kometenstern
gleitet", 1951).
Im
malerischen Spätwerk werden diese
einzelnen Bildelemente isoliert und immens vergrößert auf die
Leinwand gebracht: 243,5 x 174 cm misst das Bild "Femme
et oiseaux dans un paysage" ("Frau und Vögel in einer Landschaft",
1970-1974).
Keramik
Keramisches Arbeiten
spielt im Werk JOAN MIRÓs eine bedeutende Rolle. 1944 hatte der Künstler
zusammen mit dem Studienfreund und Keramiker JOSEP LLORENS ARTIGAS begonnen,
in dieser Technik zu arbeiten. Es entstanden Teller, Vasen und Kannen, glasierte
Bruchstücke, die zum Kunstwerk erklärt wurden und skurrile Objekt-Plastiken
wie "Personnage" ("Figur", 1955).
Einem großen Publikum bekannt wurde MIRÓ aber vor allem mit
seinen monumentalen
Keramikfassaden
und -wänden. 1955 erhielten er und ARTIGAS den Auftrag, zwei Keramikwände
für das UNESCO-Gebäude in Paris zu gestalten. Es folgten weiter
elf Keramikwände, unter anderem für die Havard-Universität
(1960), für die Handelshochschule in St. Gallen (1964), im Solomon
R. Guggenheim Museum in New York (1966), am Flughafengebäude in
Barcelona (1970), im Kunsthaus Zürich (1971/72) und am Wilhelm-Hack-Museum
in Ludwigshafen am Rhein (1979).
Literaturillustrationen und Theaterarbeiten
Früh zeigte der Bildkünstler MIRÓ Interesse an der
Literatur
und bekundete, dass ihn die surrealistischen Dichter, die ANDRÉ MASSON
ihm in Paris vorstellte, oftmals mehr interessierten als die Maler der Zeit.
MIRÓ fertigte immer wieder Einzelblätter oder
Blattfolgen
zu Texten von unter anderem MICHEL LEIRIS
und JACQUES PRÉVERT an. Eine fast lebenslange Beschäftigung
MIRÓs aber galt dem Theaterstück "Ubu Roi" ("König Ubu"),
das der französische Autor ALFRED JARRY in den 1880er-Jahren des 19. Jahrhunderts
geschrieben hatte und das 1896 in Paris uraufgeführt wurde.
Dieses
Skandalstück
der europäischen Literaturgeschichte, das mit dem Wort "merdre"
beginnt, was eine Verballhornung des französischen "merde"
("Scheiße") ist, war bei den französischen Surrealisten
beliebt. Sie schätzten diese derben Szenen um den grotesken Tyrannen
König Ubu.
1966 erschienen in einer Buchausgabe 13
Lithografien
MIRÓs zum Text ALFRED JARRYs. In "Ubu aux Baléares"
(Ubu auf den Balearen) aus dem Jahr 1971 verbindet MIRÓ eigene obszöne
und absurde Texte mit 15 Lithografien, in "Lenfance dUbu"
("Die Kindheit Ubus", 1975) stellt er mallorquinischen Sprichwörtern
24 Lithografien zur Seite, die menschliche und tierische Ungeheuer
wiedergeben, die bereits Züge der überlebensgroßen Puppen
tragen, die MIRÓ für sein Theaterstück "Mori el Merma"
("Tod dem Tyrannen") anfertigte.
Jene neun
Riesenpuppen aus
verschiedenen Stoffen, Federn und Nylonschaum, in die Schauspieler schlüpften,
kamen 1978 aus Anlass des Endes der Franco-Didaktur mit der Gruppe Teatre
de la Claca im Teatre del Liceu in Barcelona zur Aufführung und sind
heute eine Attraktion in der Fundació Joan Miró in Barcelona.