Kunst
Joseph Beuys
JOSEPH BEUYS JOSEPH BEUYS: "Hirsch und Sonne"

JOSEPH BEUYS - Kunst und Leben
Der deutsche Aktionskünstler, Bildhauer und Zeichner wurde am 12. Mai 1921 in Krefeld geboren (Bild 1). Für den Hitlerjungen BEUYS bleiben aufgrund der strengen katholischen Erziehung die Ideologien der nationalsozialistischen Diktatur jedoch im Hintergrund. In seinem Elternhaus hatte sich BEUYS eine kleine Tier-Sammlung angelegt, in der er Ratten, Fliegen und Frösche hielt.
1940 erhielt BEUYS den Einberufungsbefehl und musste zur als Bordfunker zur Luftwaffe. Sein Ausbilder war der Unteroffizier HEINZ SIELMANN, der nach dem Krieg ein bekannter Tierfilmer werden sollte und mit dem er sich auf Spaziergängen über die Tierwelt unterhielt. Tieren, wie Hase, Biene, Elch und Hirsch, wird später im Werk des Künstlers BEUYS ein besonderer Stellenwert eingeräumt.
Im Winter des Jahres 1943 stürzte BEUYS mit einer Ju 87 auf der Krim ab. Dieses Ereignis ist gewiss. Seine Bedeutung für das künstlerische Werk JOSEPH BEUYS’, in dem Filz und Fett eine große Rolle spielen, geht auf Berichte des Künstlers zurück, nach denen Tataren den im Schnee entdeckten abgestürzten Flieger in Filz einwickelten, seine Wunden mit tierischem Fett versorgten und er nur so überleben konnte. Dass dieses Kriegserlebnis sich genauso ereignete und damit Grund für die lebenslange Beschäftigung BEUYS’ mit den Materialien Filz und Fett sein soll, wird heute jedoch auch als eine vom Künstler selbst und mancher seiner Interpreten verbreitete Legende angesehen.

BEUYS studierte von 1947 bis 1951 an der Düsseldorfer Kunstakademie zunächst bei JOSEF ENSELING, ab 1949 bei dem Bildhauer EWALD MATARÉ, der vor allem durch Tierplastiken bekannt geworden ist. In jenen Jahren beschäftigte er sich auch mit der Anthroposophie RUDOLF STEINERs und den mit den Kunst und Wissenschaft verbindenden Universallehren des Renaissancekünstlers LEONARDO DA VINCI sowie mit den ebenfalls universellen Schriften JOHANN WOLFGANG GOETHEs. Von diesen Anregungen sind sein gesamtes künstlerisches Werk wie seine kunsttheoretischen Äußerungen beeinflusst.
Aber nicht nur um das Zusammenführen von Kunst und Wissenschaft ging es BEUYS, sondern vor allem um die Verbindung, ja Gleichsetzung von Kunst und Leben. Mit seiner Devise "Jeder Mensch ist ein Künstler" und seiner Theorie von der "sozialen Plastik" zielte er auf die vollständige Durchdringung von Kunst und Leben. Seinem künstlerischen Schaffen liegt die Suche nach dem verlorenen "ganzen" Menschen zugrunde, in dem Natur und Kultur, Mythos und Wissenschaft wieder eins werden. Immer wieder hat BEUYS sich in politische, kulturelle und wissenschaftliche Fragen und Prozesse eingemischt und Stellung bezogen. Durch die Kriegsverletzungen ein Leben lang leidend aber immer kämpfend starb BEUYS am 23. Januar 1986 in Düsseldorf.

Kunstwerke, Aktionen und politische Manifestationen
1949 war JOSEPH BEUYS Meisterschüler des Bildhauers EWALD MATARÉ geworden. Zunächst gemeinsam mit ihm, Anfang der 1950er-Jahre auch eigenständig, schuf BEUYS bildhauerische Arbeiten. Mitte der 1950er-Jahre lag der Schwerpunkt seiner Arbeit auf Zeichnungen, die Bienen, Elche, Hirsche (Bild 2) und weibliche Archetypen zeigen und mit denen BEUYS Lebensprozessen und -ordnungen nachspürte.
Um 1960 begründete BEUYS seinen "erweiterten Kunstbegriff", mit dem er die Trennung von Kunst und Gesellschaft aufzuheben suchte. Zur Erläuterung seiner Vorstellungen zeichnete er ein vielfach wiederholtes Schema mit einer stilisierten liegenden Figur, an deren Füßen ein chaotisches Linienknäuel angedeutet ist, aus dem eine Linie zu einem Tetraeder beim Kopf verläuft und dabei ein Herz umkreist: Aus Chaos wird Form, ursprüngliche Energie erstarrt durch Intellektualisierung.
Die für BEUYS beste Entsprechung fand dieses Schema in den Materialien Fett und Wachs. Beide nehmen durch Wärmezufuhr Energie auf und werden flüssig, also formlos, und erstarren bei Wärmeentzug. Die Gegensätze von Wärme und Kälte, Evolution und Erstarrung, Kreativität und Rationalisierung setzte BEUYS in Objekten und Environments um, zum Beispiel in der "Honigpumpe am Arbeitsplatz", die er 1977 auf der documenta 6 in Kassel zeigte.
1962 kam BEUYS in Kontakt mit dem in Europa lebenden Amerikaner GEORGE MACIUNAS und mit dem koreanischen Performance-Künstler NAM JUN PAIK und mit der Fluxus-Bewegung. Jene offene Kunstform, bei der alles im "Fließen" begriffen sein sollte, zielte auf die Unterhöhlung und Aufhebung des herkömmlichen Kunstbegriffs. In öffentlichen Aktionen sollten im Zusammenspiel von Musik, Theater und bildender Kunst die Grenzen zwischen den Künsten, aber auch zwischen Künstlern und Publikum aufgehoben werden.
Im Februar 1963 organisierte BEUYS seine erste eigene spektakuläre Aktion in Düsseldorf: "Festum Fluxorum - Fluxum". Die Relikte dieses Happenings gingen in seine spätere Objektplastik ein, zum Beispiel in die Installation "Zeige deine Wunde" (1974/75; München, Städtische Galerie im Lenbachhaus).
Seit den 1970er-Jahren versuchte BEUYS seine Theorie künstlerischer Kreativität und seine gesellschaftsutopischen Vorstellungen auf alle Lebensbereiche auszudehnen. Dies führte zu vielfältigen politischen Aktionen: 1971 gründete er die "Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung" (Freie Volksinitiative e. V.) und 1973/74 die "Freie Internationale Universität für Kreativität und interdisziplinäre Forschung".

Mehr und mehr übertrug BEUYS seine Ideen in den ökologischen Bereich, was auch zu seinem politischen Engagement bei der Partei "Die Grünen" führte. In dem Zusammenhang ist auch sein letztes Großprojekt "7000 Eichen - Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung" zu sehen, bei dem er 1982 anlässlich der documenta 7 in Kassel vor dem Fridericianum 7000 Basaltsteine zu einem Hügel aufhäufte, der durch die entsprechende Anzahl angepflanzter junger Eichenbäume in der Stadt allmählich dadurch abgetragen werden sollte, dass jeder, der 500 DM spendete, einen Basaltblock entfernen und dafür an anderer Stelle ein Eichenbäumchen einpflanzen dürfe. BEUYS erlebte das Ende seiner Pflanzaktion nicht mehr; er starb am 23. Januar 1986, rund drei Monate vor seinem 65. Geburtstag. Ein Jahr nach seinem Tod pflanzte sein Sohn WENZEL BEUYS 1987, zur documenta 8, den letzten Baum. Der Landschaftsarchitekt JOHANNES STEINER aus Stuttgart sammelte die Früchte der Eichen, steckte sie in Blumentöpfe und gibt die Pflanzen an Baumpaten weiter.

"Man muss mit den Menschen in ein Gespräch kommen …
… aber nicht die Werke erklären" lautet ein berühmt gewordener Satz, den BEUYS in einem Interview äußerte. Damit wird deutlich, dass auch der Künstler selbst wusste, dass sich sein Werk einer unmittelbaren Annäherung verschließt. Mit kluger Askese hat er stets Materialien - Fett, Filz, Wachs, Eisen - ausgewählt, die wir nicht mit Kunst in Verbindung bringen und denen jeglicher Sinnenreiz abzugehen scheint. So mischte sich BEUYS unter das Publikum und war stets bereit, Erklärungen über seine Kunstwerke und über die diesen Werken vorausgehenden Überlegungen abzugeben, auch um Fehldeutungen vorzubeugen. Doch kann und soll sein Werk nicht über rationale Erklärungsversuche erschlossen werden.
Solange man Kunst als eine Kombination aus Form und Farbe betrachtet und nicht die materielle Qualität befragt, wird man BEUYS’ "erweiterten Kunstbegriff" nicht verstehen.

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