Jugendstil in der Bildhauerei
Der Begriff Jugendstil
Der Begriff "Jugendstil" kommt aus Deutschland und ist von der
Münchener Kunstzeitschrift
"Jugend" abgeleitet. In Frankreich wurde dieser Stil Art nouveau,
in Italien Stile Liberty, in Großbritannien Modern Style und in
Österreich Sezessionsstil genannt. Neben den Einflüssen aus
der englischen Bewegung Arts and Crafts gab es durch die Öffnung
Japans Mitte des 19. Jahrhunderts erstmals Einblicke in das Kunstschaffen
Asiens. So wurde der Jugendstil auch von den asiatischen Holzschnitten
beeinflusst.
Skulpturen - Ausdruck der Ideale
der Jugendstilkünstler
Trotz mancher Gemeinsamkeiten mit dem Symbolismus, haben die Jugendstilkünstler
doch andere
Ideale. Sie finden sie in einem eleganten Ästhetizismus, der das ganze Leben
durchdringen sollte, von den einfachsten Gebrauchsgegenständen bis
hin zu plastischen Kunstwerken, in denen sich hohe Sensibilität für
Lineamente und floral schwingende
Ornamente zeigt (Bild 1 und 2).
In der Bildhauerei lassen sich sehr unterschiedliche Strömungen erkennen.
Dabei ist zu beachten, dass meistens ein bestimmter Stil nicht rein auftritt,
sondern mit Einflüssen anderer Stile behaftet ist. In vielen Fällen
hängt das mit der Ausbildung und künstlerischen Herkunft der
Künstler zusammen.
Im Jugendstil wurden selten monumentale Skulpturen geschaffen. Meist handelt
es sich um
kleinformatige
Arbeiten, wobei die Künstler
großen Wert auf Material und Oberfläche legten.
Idealisierte
Frauenfiguren
Ein häufiges Motiv waren
idealisierte
Frauengestalten (Bild 2 und 3), meist in lang fließenden
Gewändern, verbunden mit pflanzlichen Ornamenten. Ein Beispiel dafür
ist die Skulptur der "Weiblichen Figur" im Stadtpark von Wien
nach einem Entwurf von OTTO WAGNER (1841-1918). Diese Figur ist harmonisch
gestaltet. Sie wirkt vornehm und ist im oberen Teil von einem Halbkreis
aus Pflanzen umgeben.
Ganz anders die Gestaltung der Fassade
der Österreichischen Postsparkasse, die ebenfalls von OTTO WAGNER
geschaffen wurde. Diese zeigt einen rationalen Aufbau mit klar strukturierten
Flächen, die mit Marmorplatten verkleidet sind und von Aluminiumbolzen
gehalten werden. Seine Formensprache
zeigt sich am deutlichsten am dekorativen Dachaufbau, dessen Ecken durch
Viktorien, also wiederum idealisierten Frauenfiguren, mit Siegeskränzen
akzentuiert werden (Bild 4).
Brunnen mit
fünf knienden Knaben
Eine hohe Sensibilität für Lineamente und floral schwingende Ornamente
drückt sich auch in dem "Brunnen mit fünf knienden Knaben"
(Bild 5), 1898-1906, des belgischen Bildhauers GEORGES MINNE (1866-1941)
aus. Fünf gleiche, auf dem Brunnenrand kniende
Knabenfiguren
aus Marmor - überschmale, sich je selbst umarmende, sinnend niederblickende
Jünglinge mit stark stilisierten, in eine elegante S-Schwingung versetzten
Körpern, zwar zusammen, dabei doch einzeln - eine seltsam traumverlorene
Gruppe von hoher Künstlichkeit zeigt sich dem Betrachter.