Die Idee des Gesamtkunstwerks, die Entwicklung von Technik und Multimedia haben die ästhetischen Ausdrucksmöglichkeiten für Künstler erweitert. Nicht nur Bildende Künstler, sondern auch Komponisten, Musiker und Architekten schufen neuartige Werke, die die traditionellen Grenzen der Kunst überschritten und individuelle künstlerische Konzepte realisierten. 1971 prägte der Texaner MAX NEUHAUS (* 1939) dafür den Begriff "Klanginstallation" ("sound installation"), der Werke beschreibt, die weder einen Anfang noch ein Ende haben und deren Struktur sich mehr im Raum als in der Zeit entfaltet (Bild 1).
Einige der wichtigsten Vertreter der
Klangkunst sind:
LLORENÇ BARBER
* 1948 in Aielo de Malferit; lebt seit 1972 in Madrid; Klavier-,
Orgel-, Kompositions- und Dirigierstudium in Valencia und Madrid, Studium
der Kunstgeschichte in Madrid, Studium der zeitgenössischen Musik
in Darmstadt und Siena; seit 1990 Professor am Institut für Ästhetik
in Madrid; wichtige Elemente seiner Kompositionen nach 1980 sind Obertongesänge,
Glocken, Lautgedichte und Volksmusik sowie
Improvisation; seit 1980 gibt er Stadtkonzerte und mehrstündige
Konzerte von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang; 1981 konstruierte er einen
tragbaren Glockenturm; seine Glockentürme
sind zerlegbar und bestehen
u. a. aus Fundstücken wie alte schüsselförmige Eisenteile
oder Deckel von Wassercontainern, die Glocken spielt er mit verschiedenen
Schlägeln, mit dem Körper oder mit dem Mund (z. B. "Spanische
Glocken", 1988); er entwickelte die perkussive Seite des Instruments
und vollzieht improvisatorisch eine Art zeremoniellen Dialog mit seinem
Instrument; er gibt internationale Konzerte und Performances.
HENNING CHRISTIANSEN
* 1932 in Kopenhagen; lebt seit 1970 auf der Insel Møn (Dänemark);
1950-55 Studium der Komposition, Klarinette und Klavier in Kopenhagen;
1960-61 Studium der Musikgeschichte und Musiktheorie in Kopenhagen;
in den 1960er Jahren an der Fluxus-Bewegung beteiligt; im Bereich Performance
Zusammenarbeit mit JOSEPH BEUYS (1921-1986) und BJØRN NØRGAARD
(* 1947); 1985-97 Professor für Multimedia an der Hochschule
für Bildende Künste in Hamburg; im Mittelpunkt seines Schaffens
stehen multimediale happeningartige Performances
und Objekte, die mit Klang assoziiert werden; Leben und Freiheit spielen
in seinem Werk eine große Rolle, symbolisch stehen dafür z. B.
Kanarienvögel, die er in einigen seiner Arbeiten verwendet.
WALTER FÄHNDRICH
* 1944 in Menzingen (Schweiz); lebt im Tessin und in Basel; 1965-71
Musikstudium am Konservatorium Luzern (Hauptfächer Theorie und Viola);
1971-85 Unterrichtstätigkeit; seit 1972 Komposition von Musik
zu Hörspiel, Theater, Ballett, Film; seit 1973 Konzerte mit improvisierter
Kammermusik; Workshops zu Live-Komposition/Improvisation; seit 1979 Komposition
und Realisierung elektroakustischer Musik;
seit 1980 "Musik für Räume", Musikalische Projekte
und Klanginstallationen in Innen- und
Außenräumen.
BILL FONTANA
* 1947 in Cleveland, Ohio; lebt in Paris; Philosophie- und Musikstudium
u. a. an der New School of Social Research in New York; nach einem längeren
Aufenthalt in Australien, Gastkünstler in Deutschland und Japan;
seit 1976 zahlreiche radiophone Projekte
und Klangskulpturen; von wesentlicher
Bedeutung für Fontanas künstlerische Entwicklung sind seine
für das Studio Akustische Kunst des WDR in Köln realisierten
Kompositionen und Live-Klangskulpturen, u. a. "Entfernte Züge"
(1983), "Metropolis Köln" (1984) "Satelliten-Ohrbrücke
Köln - San Francisco" (1987).
ROLF JULIUS
* 1939 in Wilhelmshaven; lebt in Berlin; 1961-69 Studium
der freien Kunst in Bremen und Berlin; Mitte der 1970er Jahre Experimente
mit zeitgenössischer Musik zur Unterstützung der Wahrnehmung
seiner visuellen Objekte; 1979 Beginn der Integration von Klängen
und Geräuschen in die bildnerische Arbeit und eigene Tonbandkompositionen;
seine Arbeiten sind synästhetisch konzipiert
und raumbezogen; er arbeitet meist mit Naturgeräuschen
und Instrumentalklängen, die so
bearbeitet sind, dass sie nicht mehr auf ihren Ursprung verweisen und
dem Visuellen analog Qualitäten von "Farbe", "Form"
und "Plastizität" erhalten.
KATJA KÖLLE
* 1955 in Hamburg; lebt in Viersen (Rheinland); 1975-78 Studium
der Malerei und visuellen Kommunikation an der Hochschule für bildende
Künste in Hamburg; 1978-83 an der Staatlichen Kunstakademie
in Düsseldorf und Musikstudien an der Universität in Wuppertal;
sie ging von großformatigen Bildpartituren aus, denen sie musikalische
Strukturen zugrunde legte, entwickelte ein Farbe-Ton-System
für mobileartige Objekte; in ihren Installationen bezieht
sie Visuelles, Akustisches und Haptisches sowie u. a. Düfte
mit ein; sie beschäftigt sich mit Raum
charakterisierenden Klang- und Formschöpfungen, die die Atmosphäre
von Innen- und Außenräumen verändern und so die Möglichkeiten
geben, vertraute Orte sinnlich wahrzunehmen.
CHRISTINA KUBISCH
* 1948 in Bremen; lebt seit 1987 in Berlin; 1967-68 Studium
der Malerei in Stuttgart; 1969-74 Kunst- und Musikstudium in Hamburg,
Graz und Zürich; 1974-76 und 1980-81 Studium der Komposition
und der Elektronischen Musik sowie der Elektronik in Mailand; seit 1994
Professorin für Plastik und Audiovisuelle Kunst an der Hochschule
der Bildenden Künste Saar, Saarbrücken; seit 1980 Klanginstallationen
und Klangskulpturen im Innen- und Außenraum
sowie Licht-Klang-Räume mit UV-Licht,
Farbpigmenten und verschiedener Audiotechnik; seit 1991 u. a. Verwendung
von Solarenergie zur Klangsteuerung; seit 2003 erneut Live-Performances
mit Musikern und Tänzern.
BERNHARD LEITNER
* 1938 in Innsbruck; 1956-63 Architekturstudium in Wien; 1968
Übersiedlung von Wien nach New York (USA), dort Urban Designer im
Department of City Planning; 1982-1986 Aufenthalt in Berlin; seit
1987 Professor für Gestaltungslehre an der Hochschule für angewandte
Kunst in Wien; 1968-1978 Untersuchungen zur Ton-Raum-Arbeit (Ton-Raum-Objekte);
theoretische und praktische Untersuchungen zur Idee raumplastischer Kompositionen
mit Ton-Linien (Raum-Pendel, Wölben, Vertikale Räume), ab 1975
körperbezogene Arbeiten (Ton-Liege, Ton-Würfel), später
Raumkompositionen mit plastisch amorphen,
punktuellen und feldartigen Klangbewegungen; 1984 permanente Klanginstallation
"Ton-Raum" im Hauptgebäude der Technischen Universität
Berlin; 2003 Kopf-Ton-Räume; seine Arbeiten verfolgen das Anliegen,
die Eigenwahrnehmung zu verstärken, indem bauliche, architektonische,
geometrische Aspekte von Raum rein klanglich nachgestellt werden; internationale
Ausstellungen von Klanginstallationen
und permanente Installationen.
ROBIN MINARD
* 1953 in Montréal; lebt seit 1980 in Berlin; studierte
Komposition und elektroakustische Musik in Kanada und Paris; seit den
frühen 1980er Jahren elektroakustische Komposition und Klanginstallationen
im öffentlichen Raum; seit 1997 Professor für elektroakustische
Komposition und Klanggestaltung an der Hochschule für Musik "Franz
Liszt" und der Bauhaus-Universität in Weimar, wo er auch das
Studio für elektroakustische Musik (SeaM) der Hochschule für
Musik leitet; seit den 1980er Jahren instrumentale
und elektroakustische Raumkompositionen;
seit 1994 Klangistallationen; Beschäftigung mit der Gestaltung
der akustischen Umwelt und Konzentration auf pflanzenartige Lautsprecherinstallationen
mit einer Mischung aus synthetischen und natürlichen Elementen; weltweite
Ausstellungen von Klanginstallationen.
MAX NEUHAUS
* 1939 in Beaumont, Texas; lebt in New York und Paris; 1957-62
Schlagzeugstudium in New York; Anfang der 1960er Jahre Konzerte u. a.
mit PIERRE BOULEZ (* 1925) und KARLHEINZ STOCKHAUSEN (* 1928)
in Europa und den USA, 1966 erstes akustisches Netzwerk WBAI ("Public
Supply") in New York, wo er eine Radiostation und das öffentliche
Telefonnetz einbezog; 1967 realisierte Neuhaus die erste
elektroakustische Installation "Drive-in-Music" in Buffalo,
New York, und verfolgte das Konzept einer Musik
im öffentlichen Raum; 1977 erste
permanente Klanginstallation (Times Square) in New York und "Radi
Net", ein landesweites Netzwerkprojekt mit 190 Radiostationen;
1979 erste Klangarbeit für eine Museumssammlung (Museum of Contemporary
Art, Chicago); seitdem diverse permanente Arbeiten für Museen und
öffentliche Orte; Max Neuhaus prägte den Begriff "Klanginstallation"
(sound installation).
ANDREAS OLDÖRP
* 1959 in Lübeck-Travemünde; lebt in Hamburg; 1978-88
Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg und
an der Universität Hamburg (Philosophie); 1989/90 Studium an der
Zhejiang Akademie Hangzhou in China; 1990-92 Referendar für
das Lehramt an Gymnasien (Kunst und Philosophie); Objekt- und Installationskunst;
seit 1985 Beschäftigung mit den Wechselwirkungen von Klang und Raum
bzw. Architektur (Akustische Innenarchitektur); seit 1988 Klanginstallationen
und -skulpturen mit konstanten Klängen, die durch ihre
Schwebungen im Raum komplexe Klanggewebe erzeugen; meist verwendet er
Orgelpfeifen oder "Singende Flammen", bei denen gas- oder wasserstoffbetriebene
Flammen Luftsäulen in installierten Glasröhren zum Schwingen
und Klingen bringen; zahlreiche nationale und internationale Ausstellungen.
NICOLAS SCHÖFFER
* 1912 in Kalocsa (Ungarn), 1992 in Paris; lebte seit 1936
in Paris; Studium am Jesuitkolleg von Kalocsa; Doktor der Rechtswissenschaft;
Kunststudium in Budapest; Studien an der Ecole Nationale Supérieure
des Beaux-Arts de Paris; er ist einer der Väter der Cybernetic-Art
(1954) und der Video-Art (1961);
um 1948 begann er mit dem Bau von spatio-dynamischen Skulpturen aus Metallteilen;
Arbeit an kybernetischen Kunstprojekten
seit den 1950er Jahren bis zu seinem Tod; seine künstlerische Arbeit
umfasst Skulptur, Architektur, Urbanismus, totales Theater, Dekorentwürfe,
Film, Musik; 1954 Kybernetischer Turm für den ersten Salon Bâtimat
in Paris; 1956 "CYPSI", interaktive
Skulptur mit photoelektrischen Zellen und Mikrophonen, bei der
die Bewegung durch Licht und Umgebungsklänge gesteuert wird; 1961
eine der ersten Videoaufzeichnungen in der Geschichte des Fernsehens,
"Variations Luminodynamiques 1" (Télévision
Française); 1965 Mitgründer der GIAP (International Group
of Prospective Architecture); verschiedene kybernetische Skulpturen im
öffentlichen Raum; 1973 erste experimentelle kybernetische Theaterproduktion
an der Hamburger Oper; Gründung eines Nicolas Schöffer Museums
in seinem Geburtsort.
JEAN TINGUELY
* 1925 in Freiburg (Schweiz), 1991 in Bern; 1940 Lehre
als Schaufensterdekorateur; 1941-1945 Kunstgewerbeschule in Basel;
1951 siedelte er nach Paris; der schweizerisch-französische Bildhauer
und Objektkünstler zählt zu den führenden Mitgliedern der
Nouveaux Réalistes und nahm u. a. mit ROBERT RAUSCHENBERG (* 1925)
an internationalen Happenings teil; seit 1944 Beschäftigung mit räumlicher
Bewegung in seinen maschinenartigen Skulpturen; er baute Phantasiemaschinen
aus Schrott mit programmierten Zufallselementen (die sogenannten
"Métamatics"), Maschinen zur Herstellung von Zeichnungen
oder sich selbst zerstörende Maschinen und wurde einer der wichtigsten
Repräsentanten der kinetischen Kunst;
ab 1958 auch klingende Objekte; 1977 Beginn mit der Arbeit an dem tönenden
Relief "Méta-Harmonique"; ihm ist heute ein eigenes Museum
in Basel gewidmet.