

Ursachen für das "entzweite
Jahrhundert"
Als Stilepoche der Kunstgeschichte
ist das 19. Jahrhundert
ein "langes" Jahrhundert. Es reicht von etwa 1770, dem Ende
des Barock,
bis zum Ersten Weltkrieg, als die abstrakte
Kunst beginnt.
Im Gegensatz zur Kunst der vorangehenden Epochen mit ihrer relativen Einheitlichkeit
über längere Zeit hin, ist die Kunst des 19. Jahrhunderts
widersprüchlich, schnelllebig und vielgestaltig wie nie zuvor. Das
ist Folge der Aufklärung, der Französischen Revolution, der
Entmachtung von Königen, Fürsten, Adel, Klerus, des Anspruchs
jedes Einzelnen auf Bürger- und Menschenrechte, auf Freiheit. Es
ist Folge von Einsichten, Erfindungen, Verfahrensweisen in der Wissenschaft,
der Technik, der Wirtschaft, der Geistesgeschichte, im Sozialen, wie es
sie in solcher Fülle nie gegeben hat.
Erfindungskraft in Wissenschaft und
Kunst
Das 19. Jahrhundert entwickelte allein auf technischem Gebiet eine nie
dagewesene Dynamik: Die natürlichen und animalischen Antriebskräfte
werden ersetzt durch die Dampfmaschine.
In der Wirtschaft vollzieht sich der Übergang von der einfachen Warenproduktion
in der Manufaktur zur Massenproduktion
in Fabriken (Kapitalismus). Die meisten technischen
Erfindungen dienten der Beschleunigung
Mutig wagte man im Bau Neuerungen, wie
Die Erkenntnisse, das Wissen in den verschiedenen wissenschaftlichen Teildisziplinen wachsen enorm, sodass die zahlreich gedruckten Wissensspeicher, die Conversations-Lexika die Masse der Fakten kaum noch erfassen können.
Eine ähnliche Erfindungskraft und ähnliche Beschleunigungen wie in Wissenschaft, Technik und Wirtschaft
zeigen sich auch in den Künsten. In den Jahren vor Ausbruch der Französischen
Revolution ging es vor allem um die Abgrenzung gegenüber Barock und
Rokoko, also um die Unterscheidung von höfisch-adliger Propagandakunst.
Diese Tendenz wird vom bürgerlichen Publikum unterstützt.
In den anschließenden Jahrzehnten und bis um 1900 arbeiten z. B.
die Maler zunehmend daran, eine persönliche Weltsicht
und -auslegung zu erarbeiten und zu demonstrieren (Bild 2). Am Ende, also
um 1900, steht das Publikum den Neues zeigenden Künstlern jedoch
überwiegend verständnislos gegenüber.
Die Balance zwischen Bedürfnis nach Fortschritt und dem nach Aufhalten der stürmischen Entwicklung ist prekär
und hat eine eigene Dynamik.
Kunstausstellungen - Ersatz für
traditionelle Auftraggeber
Mit der Entmachtung von Adel und Klerus verloren die Künstler traditionelle
Auftraggeber. Sie fanden Ersatz
in den jetzt wichtiger werdenden regelmäßigen Kunstausstellungen.
Diese waren für die Künstler unverzichtbar, denn allein sie
boten die Chance zum Erfolg, zu öffentlicher Anerkennung, Verkauf,
Auftrag und Ruhm.
Das Kunstwerk wurde zur Ware auf dem freien
Markt, der von Angebot und Nachfrage, von Gefallen und Nichtgefallen
reguliert wurde - also von unberechenbaren Kriterien.
Die ersten Kunstausstellungen fanden in Paris bereits im 17. Jahrhundert
statt und wurden von den Königlichen Kunstakademien organisiert.
Es waren aber auch Atelierausstellungen üblich. Kunstgalerien,
wie wir sie heute kennen, gibt es erst seit dem späten 19. Jahrhundert.
Die Kunstwerke wurden immer individueller und subjektiver. Dem konnte
das Publikum oft nicht mehr folgen. Es spaltete sich in die Anhänger
der offiziellen (akademischen) Kunst und die Avantgardisten.
Aus dieser Differenz entstanden die für die zweite Hälfte des
19. Jahrhunderts so typischen Kunstskandale.
So wurden die Impressionisten als "wild gewordene Kleckser"
beschimpft. Ein Skandal ging besonders in die Geschichte ein: Das Gemälde
"L'absinthe"
von DEGAS (Bild 3). Dieses Bild,
1876 fertig gestellt, zeigt einen Mann und eine Frau in einem Café
mit einer Karaffe und Gläsern Absinth. Ihre Augen sind glasig, ihre
Gesichter geistesabwesend. Auf der Ausstellung 1893 in Grafton-Gallery
in London rief das Bild heftige Diskussionen hervor und führte zur
Verschlechterung der englisch-französischen diplomatischen Beziehungen.
DEGAS wurde mit Salonverbot
bestraft und stellte seine Werke ebenso wie MANET in den Pariser Cafés
aus. Dieser und ähnliche Skandale hatten aber auch ein Gutes, sie
verhalfen den Malern und ihrer impressionistischen Bewegung zu hoher Popularität.
Parallel zu den Ausstellungen entwickelte sich eine professionelle Kunstkritik.
Sie setzte öffentliche Debatten in Gang, die auf die Entwicklung
der Kunst zurückwirkten und sie antrieben.