


Die ersten Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges galten dem Überleben, der materiellen Sicherung der Existenz. Den Lebensalltag bestimmten Hunger, Not und soziale Härten. Millionen Flüchtlinge, zerstörte Städte, Infrastruktur und Industrie, knappe Lebensmittel und der mühevolle Wiederaufbau aller gesellschaftlichen Strukturen markieren die Epoche. Deutschland war ein besetztes Land, das durch die Siegermächte in vier Besatzungszonen aufgeteilt war: die amerikanische, französische und britische Zone ("Westzonen") und die sowjetisch besetzte Zone (SBZ, "Ostzone").
Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges
auf die Kunst
Kunstwerke,
die während des Krieges ausgelagert worden waren, mussten geborgen,
gesichtet und erfasst, Kunstsammlungen mühsam wieder zusammengeführt
werden. Bis heute tauchen Kunstwerke an weit entfernten Orten wieder auf,
die durch Krieg und Nachkriegswirren dorthin gelangt waren (Stichwort
"Beutekunst").
Die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges auf die Kunst deutscher wie anderer
europäischer Kunstsammlungen
in öffentlichem und privatem Besitz sind bis heute sichtbar.
Viele Museumsgebäude waren zerstört und es bedurfte einiger
Jahre, um Räume angemessen wieder herzurichten. Beispielhaft zeigt
sich an der Geschichte der Alten Nationalgalerie
auf der Museumsinsel in Berlin (Bild 1), vor welche Aufgaben Museumsangestellte
nach 1945 gestellt waren: Gegen Ende des Krieges war das Stammhaus
der Alten Nationalgalerie durch Bomben, Granaten und Häuserkampf
schwer getroffen und weitgehend zerstört worden.
1947 begannen die Enttrümmerungsarbeiten
und ein Jahr später konnte ein Notdach errichtet werden. Die nach
dem Krieg verbliebenen Museumsmitarbeiter verfügten weder über
Bau- noch Heizmaterial und, da das Dach fehlte, waren die Einrichtungen
den Witterungsunbilden ausgesetzt. Erst 1966 gelang es, das ganze
Gebäude wieder so herzustellen, dass alle Ausstellungsräume
den Besucherinnen und Besuchern zugänglich gemacht werden konnten.
Rückkehr emigrierter Künstler
In den Nachkriegsjahren kehrten einige jener Künstler nach Deutschland
zurück, die während der NS-Zeit emigriert waren. Nicht wenige
entschieden sich jedoch auch dafür, im Land
ihrer Emigration zu
bleiben.
Zu den international wirkungsvollsten Künstlern, die nicht mehr nach
Deutschland zurückkamen, gehörten die Maler MAX BECKMANN (1884-1950)
und MAX ERNST (1891-1976), aber auch die Lehrer des Bauhauses, der
Architekt WALTER GROPIUS (1883-1969) und der Maler JOSEF ALBERS (1888-1976).
Auch Künstler, die während der Weimarer
Republik aus dem Ausland nach Deutschland gekommen waren und das
vitale Kulturklima dieser Jahre geschätzt hatten, blieben nun Deutschland
fern. Dazu zählten Künstlerpersönlichkeiten wie WASSILY
KANDINSKY (1866-1944), LYONEL FEININGER
(1871-1956), LÁSZLÓ MOHOLY-NAGY (1895-1946).
Künstler, die als Remigranten
in die SBZ/DDR übersiedelten, waren der Maler HORST STREMPEL (1904-1975),
die Bildhauer RÉNE GRAETZ (1908-1974) und WILL LAMMERT (1892-1957)
und der Zeichner und Maler MAX LINGNER (1888-1959; Bild 2).
In den Westzonen wirkten die
Maler ERNST WILHELM NAY (1902-1968), WILLI BAUMEISTER (1889-1955)
und FRITZ WINTER (1905-1976), die die Jahre der Verfolgung in innerer
Emigration überstanden hatten.
Entwicklung kulturellen Lebens in
den Besatzungszonen
Nur zwei Jahre lang, von 1946 bis 1948, wirkte in allen Besatzungszonen
ein liberaler Geist unter den Kulturverantwortlichen. Es schien Einigkeit
darüber zu bestehen, dass sich "die geistige Erneuerung nur
aus dem antifaschistischen Konsens" entwickeln kann. Der spätere
Kulturminister der DDR JOHANNES R. BECHER (1891-1958; Bild 3)
hatte bereits im Sommer 1945 den "Kulturbund
zur demokratischen Erneuerung Deutschlands" gegründet. Dessen
Ziel lag darin, eine "nationale Einheitsfront
der deutschen Geistesarbeiter" zu bilden sowie die
"Wiederentdeckung und Förderung der freiheitlichen humanistischen,
wahrhaft nationalen Traditionen" und die "Neugeburt
des deutschen Geistes im Zeichen einer streitbaren demokratischen Weltanschauung".
(Aus: KARL DIETRICH BRACHER, MANFRED FUNKE, HANS-PETER SCHWARZ
(Hg.): Deutschland zwischen Krieg und Frieden. Beiträge zur Politik
und Kultur im 20. Jahrhundert, Düsseldorf und Bonn 1991, S. 396).
Doch mit der Währungsreform
in den Westzonen und der vollständigen Blockade Westberlins durch
die Sowjetunion 1948 begann sich die ideologische und infolgedessen auch
kunstpolitische Spaltung Deutschlands herauszubilden, die durch die Gründungen
der BRD und der DDR 1949 besiegelt wurde. Durch grenzüberschreitende
Ausstellungen versuchten Künstler der zunehmenden Ideologisierung
und der Teilung entgegenzuwirken; beispielsweise mit der 1947 in Baden-Baden
veranstalteten Schau "Deutsche Kunst der Gegenwart", an der
sich Künstler aus der SBZ beteiligten.