




Von diesen Faktoren ist der Punkt der Ort und die Linie der Weg. Egal in welcher Richtung man den Punkt weiterführt (gerader, runder, eckiger Verlauf ...), entwickelt er sich zur Linie. Die entstehenden Linienarten sind äußerst mannigfaltig, sie unterscheiden sich in dem bereits genannten:
Ausdehnung in der Breite.
Mit Linien lassen sich Bewegungen, Richtungen und Geschwindigkeiten darstellen.
Linien, die Flächen dekorativ
gliedern, drücken eine schmückende, ornamentale Funktion aus
(Bild 3).
Die Linie, ein Punkt in mehr oder weniger bewusster, gezielter Bewegung,
birgt also vielfältige Ausdrucks- und Gestaltungsmöglichkeiten.
Das Aufbringen von Punkten bzw. Linien auf Papier lässt immer Flächen,
Hell-Dunkel-Differenzierung, Schraffuren, Strukturen durch Verdichtung
und Streuung entstehen.
In der Op-Art,
einer seit Ende der 1950er-Jahre bekannten Kunstrichtung, die vor
allem optische Täuschungen des menschlichen Auges erreichen will,
werden mittels Überlagerungen von Linien charakteristische Effekte
erzeugt (Bild 4).
KANDINSKY und PAUL KLEE zu Punkt und
Linie
WASSILY KANDINSKY (1866-1944)
unterrichtet von 1922 bis 1933 am Bauhaus. Die Lehrtätigkeit zwang
ihn, sich theoretisch mit den Grundlagen der Malerei zu beschäftigen.
Die moderne Malerei hat das Bewusstsein dafür geschärft, dass
die Linie von der Dynamik ihrer Hervorbringung nicht zu trennen ist.
KANDINSKY und KLEE begreifen die Linie als dynamischen Punkt, der aus
sich heraustritt. "Sie ist die Spur des sich
bewegenden Punktes, also sein Erzeugnis", sagte KANDINSKY
in Punkt und Linie zur Fläche. Beitrag zur Analyse der malerischen
Elemente (1926).
PAUL KLEE (1879-1940) beschreibt
das Zeichnen und Malen als Reise des dynamischen Punktes:
"Über den toten Punkt hinweggesetzt sei die erste bewegliche Tat (Linie). Nach kurzer Zeit Halt, Atem holen (unterbrochene oder bei mehrmaligem Halt gegliederte Linie). Rückblick, wie weit wir schon sind (Gegenbewegung). Im Geiste den Weg dahin und dorthin erwägen (Linienbündel). Ein Fluß will hindern, wir bedienen uns eines Bootes (Wellenbewegung). Weiter oben wäre eine Brücke gewesen (Bogenreihe). Drüber treffen wir einen Gleichgesinnten, der auch dahin will, wo größere Erkenntnis zu finden. Zuerst vor Freude einig (Konvergenz), stellen sich allmählich Verschiedenheiten ein (selbständige Führung zweier Linien).
Gewisse Erregung beiderseits (Ausdruck, Dynamik und Psyche der Linie).
Wir durchqueren einen ungepflügten Acker (Fläche von Linien durchzogen), dann einen dichten Wald. Er verirrt sich, sucht und beschreibt einmal gar die klassische Bewegung des laufenden Hundes. Ganz kühl bin ich auch nicht mehr; über neuer Flußgegend liegt Nebel (räumliches Element). Bald wird es indessen wieder klarer. Korbflechter kehren heim mit ihren Wagen (das Rad). Bei ihnen ein Kind mit den lustigsten Locken (die Schraubenbewegung). Später wird es schwül und nächtlich (räumliches Element). Ein Blitz am Horizont (die Zickzacklinie). Über uns zwar noch Sterne (die Punktsaat). Bald ist unser erstes Quartier erreicht. Vor dem Einschlafen wird manches als Erinnerung wieder auftauchen, denn so eine kleine Reise ist sehr eindrucksvoll."
PAUL KLEE (1920), zitiert nach WERNER HOFMANN,
"Die Grundlagen der modernen Kunst", S. 419 f.
In dem 1926 veröffentlichten Buch "Punkt und Linie zur Fläche"
und in der früheren Abhandlung "Über das Geistige in der
Kunst" legte KANDINSKY Gedanken zur Wechselwirkungen der Form und
den musikalischen und emotionalen Entsprechungen der Farben in der Malerei
dar.
Linienformen
Linien können:
Geometrische Linienformen
| Primärform (Grundform) | Sekundärform (Zweitform) |
|
gerade
![]() |
stumpfwinklig ![]() |
gebogen ![]() |
spitzbogig ![]() |
spitzwinklig ![]() |
flachbogig
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Weitere Kombinationen ergeben sich durch Addition und Variation, sodass komplexere Formen entstehen können.
Aus den Formen der Natur lassen sich sowohl organische als auch freie
Linienformen herleiten (Bild
6).
Die Linienwirkung
Schon einfachste Linien rufen bei ihrer Betrachtung unterschiedliche Wirkungen
hervor, die aus Stimmungen und Gefühlen und aus menschlichen Raumerfahrungen
resultieren.
| Grundform | Charakteristik | Grundform | Charakteristik |
|
senkrecht (vertikal)
![]() |
stehend, fest, stabil
|
waagerecht (horizontal)
![]() |
liegend, ruhig, statisch
|
|
schräg
![]() |
unruhig, dynamisch, richtung-
weisend |
diagonal
![]() |
aufsteigend, fallend
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rund, gebogen
![]() |
aufnehmend, offen bzw. beschützend, geschlossen
|
rechtwinklig
![]() |
konstruktiv, exakt
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winklig
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technisch, konstruiert
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organisch, frei
![]() |
natürlich, lebendig
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wellenförmig
![]() |
bewegt, unruhig
|
dünn
|
zart
|
|
breit
![]() |
fest, hart, stabil
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auslaufend
![]() |
lebendig, unruhig
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