







Bedeutendster Schauplatz der Malerei der Frührenaissance war Florenz. Hier gab es reiche Patrizier, die sich als Mäzene betätigten. Vor allem die MEDICI machten die Stadt zu einem kulturellen Zentrum. COSIMO DE MEDICI begründete mit der "Platonischen Akademie" einen Gelehrtenzirkel.
"Heilige Dreifaltigkeit (Trinität)"
Auf der Grundlage der Entdeckungen BRUNELLESCHIs schuf MASACCIO
(TOMMASO DI GIOVANNI DI SIMONE GUIDI CASSAI, 1401-1428) mit der "Heiligen
Dreifaltigkeit (Trinität)" um 1427 ein erstes Fresko, das die
Zentralperspektive
(1) in der Malerei anwendet (Bild 1, 2).
(1) Die Zentralperspektive, von lat. perspicere, "mit Blicken durchdringen", "hindurchsehen", imitiert Räumlichkeit auf einer Bildfläche. Dabei geht man davon aus, dass sich die Sehstrahlen im Auge des Betrachters treffen. In Augenhöhe befindet sich (in der Regel) der Horizont, auf dem sich der Fluchtpunkt befindet.
Die täuschend echte räumliche Perspektive versetzte die Besucher der Kirche in Aufregung. Man glaubte einen Mauerdurchbruch vor sich zu haben und ins Innere einer Kapelle zu schauen. Diese Wirkung entstand durch die perspektivische Darstellung der Architektur und durch das Körper-Raum-Verhältnis. Die streng geometrisch ausgerichteten Menschen und der Raum sind im selben Maßstab gemalt. Der scheinbare Lichteinfall von nur einer Seite gibt den Figuren Plastizität.
MASACCIO schuf sein 6,67 x 3,17 m großes Fresko
für die Kirche Santa Maria Novella in Florenz. Gott stützt den
Gekreuzigten. Zwischen beider Häupter schwebt die Taube des Heiligen
Geistes. Die Trinität wird ergänzt durch die Gottesmutter Maria
(links neben dem Kreuz), die in den realen Kirchenraum blickt und zugleich
mit der Rechten auf ihren toten Sohn zeigt, und den Lieblingsjünger
Johannes (rechts neben dem Kreuz), der seine Hände zum Gebet gefaltet
hat. Vor den korinthischen Säulen, sozusagen außerhalb des
eigentlichen Bildes, kniet das Stifterpaar aus der Florentiner Familie
LENZI, ebenfalls die Hände zum Gebet gefaltet, dabei das Geschehen
betrachtend. Alle Figuren sind lebensgroß gemalt. Unterhalb der
Szenerie erinnert ein Skelett an die Endlichkeit alles Irdischen.
Das Fresko hat man erst 1861 wiederentdeckt.
Von MASACCIO stammt auch die erste realistische Aktdarstellung der Kunstgeschichte, das Bild "Vertreibung aus dem Paradies" (Bild 3).
MASACCIO gilt als der Begründer der Renaissancemalerei. Er schuf sein Fresko im Alter von 27 Jahren. Neben den Arbeiten BRUNELLESCHIs war das plastische Schaffen DONATELLOs stilbildend für seine Malerei.
FRA ANGELICOs "Die Beweinung
Christi"
Ein Zeitgenosse war auch der Dominikanermönch FRA
ANGELICO (FRA GIOVANNI DA FIESOLE, eigtl. GUIDO DI PIETRO, 1400-1455).
Er orientierte sich in seiner Malerei ebenfalls an der neu entdeckten
Zentralperspektive. Allerdings sind seine Fresken spärlicher mit
Staffage ausgestattet, seine Bilder sind klassisch einfach komponiert,
die Figuren seiner Spätzeit wirken, wie die MASACCIOs, plastisch
und zart. COSIMO DE MEDICI beauftragte ihn 1436 mit der Ausgestaltung
von Kirche und Kloster von San Marco in Florenz. Aus diesem stammt "Die
Beweinung Christi" (Bild 4).
FRA ANGELICO wurde 1982 selig gesprochen. Er ist der Patron der christlichen
Künstler. Seine Hauptwerke sind die Fresken im Kloster San Marco zu Florenz.
"Geburt der Venus"
Der Florentiner SANDRO BOTTICELLI
(eigtl. ALESSANDRO DI MARIANO FILIPEPI, 1444-1510) schuf mythologische
Allegorien, wie "Nascita di Venere" (Geburt der Venus, 1486/87,
Bild 5), das die Geburt der Aphrodite (lat. Venus) aus dem Meeresschaum
thematisiert. Bei BOTTICELLI trägt eine Muschel die eben Geborene
ans Ufer, der Windgott Zephyros, der seine Frau Flora, die Königin
der Blumen, eng umschlungen hält, flankiert sie zur Linken, die mit
Kleidung zur Göttin eilende Hora zur Rechten. Der warme Atem Zephyros
(Zephyr steht für den griechischen Westwind) weht die Venus ans Ufer.
Die Haltung der Göttin entspricht den Vorstellungen von der Venus
pudica, der sittsamen Venus. Wie MASACCIOs und FRA ANGELICOs zeichnet
sich das Werk BOTTICELLIs durch genaue Naturbeobachtung aus.
BOTTICELLIs Bild war eine Auftragsarbeit von LORENZO DE MEDICI. Venus
trägt das Antlitz der SIMONETTA VESPUCCI, der Geliebten des Auftraggebers.
Viele seiner religiösen Bilder für die Florentiner Kirchen sowie
Porträts berühmter Patrizier waren Auftragsarbeiten für
die MEDICI. Beeinflusst wurde der Künstler von MASACCIO und ANTONIO
DEL POLLAIUOLO
(um 1431-1498).
Die Frührenaissance erreichte ab etwa 1450 Mailand und um 1480 Rom
und Venedig.
MANTEGNAs "Grablegung Christi"
Die "Beweinung Christi" (um 1480) von ANDREA
MANTEGNA (1431-1506, Bild 6) entstand rund 50 Jahre nach MASACCIOs Trinitätsfresko
und rund 35 Jahre nach FRA ANGELICOs "Grablegung Christi". Das Gemälde
besticht nicht nur durch die meisterhaft eingesetzte Perspektive, sondern
auch durch die dramatische Inszenierung und die ungewöhnlich kräftige
Farbigkeit. Der Leib des toten Jesus bestimmt in seiner Wuchtigkeit und
Plastizität die Bildmitte, perspektivisch verkürzt liegt er
auf der Bahre, während von der linken oberen Bildhälfte zwei
klagende Frauenköpfe ins Bild ragen, als wollten sie den Leichnam
sezieren. Zugleich scheinen ihre Gesichter vom Heiligen Geist erhellt.
Bedeutsam ist auch der Faltenwurf des löchrigen Leichentuchs, mit
dem der Körper spärlich bedeckt ist. Die Darstellung MONTEGNAs
weist schon weit in den Manierismus hinein.
Neben Mailand und Padua waren Florenz, Pisa und Rom MANTEGNAs Schaffensorte. Sein Zeitgenosse MELOZZO DA FORLÍ (1438-1494) und sein Schüler CORREGGIO (eigtl. ANTONIO ALLEGRI, 1489-1534) wurden von ihm angeregt. Die Bewegtheit der Figuren in CORREGIOs Landschafts- und Milieubildern fand viele Nachathmer. MONTEGNAs Einfluss reicht bis in den Manierismus und den Barock hinein: Bei MICHELANGELO CARAVAGGIO z. B. spürt man ihn ganz besonders in dem Bild "Bekehrung Sauli" (1600-1601, Bild 7).
SALVADOR DALI regte die extreme Verkürzung des Leibes Jesu in MANTAGNAs "Beweinung Christi" zu seinem Bild "Christus am Kreuz" an.
In Venedig wirkten u. a.
ANTONIO VIVARINI (1415-1484) und sein Atelierkollege deutscher Abstammung
GIOVANNI D'ALEMAGNA (gest. 1450), der aus Sizilien stammende ANTONELLO
DA MESSINA (um 1430-1479), der die Ölmalerei in Italien bekannt
machte und der auch in Neapel und Mailand weilte, sowie die Venezianer
VITTORE CARPACCIO (um1460-um 1525) und CARLO CRIVELLI (1430/35-um
1495).