














Den Malern der Hochrenaissance genügte es nicht mehr, nur Abbilder der Realität zu schaffen. Man begriff die Kunst als Vollender der Natur.
Luftperspektive/Farbperspektive
Beim Naturstudium entdeckten
sie, dass die Umrisse von Dingen immer unschärfer werden, die Details
sich aufzulösen scheinen, Eckiges erscheint abgerundet. Dieses Phänomen,
das mit den Staubteilchen in der Luft auftritt, nennt man Luftperspektive.
Bereits KONRAD WITZ (1400-1445/47) wandte die von LEONARDO DA VINCI sfumato (Video 1) genannte Technik an, den Hintergrund des Bildes als atmosphärischen Dunstschleier ungenau und verschwommen in kalten Farben, heller und farbloser darzustellen. Luftperspektive wird in der Literatur oft auch
genannt. Die Häuser, Bäume, Berge werden in ihrer Form und Gestalt undeutlicher.
Die Farben verlieren an Sättigung, das Rot wird herausgefiltert, weit Entferntes erscheint blau. Der Vordergrund zeigt warme, dunkle, kontrastreiche Gegenstände. Diese Beobachtung, die man Farbperspektive nennt, wurde bewusst in der Malerei umgesetzt. So gelingt es eine glaubhafte Trennung von Vordergrund, Mittelgrund und Hintergrund malerisch umzusetzen. Diese perspektivischen Darstellungen konnten in dieser Form erst mit der Ölmalerei umgesetzt werden.
TIZIAN
Zu besonderer Meisterschaft in der Verwendung der Farbe als vorherrschendem
Gestaltungsmittel brachte es TIZIAN (eigtl. TIZIANO VECELLI, um 1488/90-1576) - "Erster Maler
Venedigs". Sein koloristischer Realismus ist an der holländischen Schule orientiert. Der sinnliche Farbeindruck
seiner Bilder beeindruckte bis ins 19. Jahrhundert Maler, wie PETER PAUL
RUBENS, EUGÉNE DELACROIX, REMBRANDT VAN RIJN, DIEGO VELAZQUEZ,
NICOLAS POUSSIN und JEAN-ANTOINE WATTEAU.
TIZIAN wurde durch seinen Lehrer GIOVANNI BELLINI (gen. GIAMBELLINO, um
1430-1516), einem der Hauptmeister der venezianischen Frührenaissance,
sowie durch seinen Mitschüler GIORGIONE (eigtl. GIORGIO DA CASTELFRANCO,
um 1478-1510) beeinflusst. Mit Letzterem malte er u. a. die
Fresken am Außenbau des Fondaco dei Tedeschi (Kaufhaus der Deutschen).
Ihm gelingt es, durch Farbunterschiede und Lichteffekte die Oberflächen
der Dinge plastisch erscheinen zu lassen, typisch ist die Kontrastierung
von warmen und kalten Farben in seinen Werken.
TIZIAN wurde bereits zu seinen Lebzeiten gefeiert.
TIZIANs Schaffen wird häufig in vier Perioden eingeteilt:
GIORGIONE
GIORGIONE (eigtl. GIORGIO DA
CASTELFRANCO, um 1478-1510) gilt als Vater der modernen venezianischen
Malerei des 16. Jahrhunderts. Er war nicht nur ein faszinierender
Porträtmaler, er schuf auch poetische Landschaften. Dabei kombinierte
er die sfumato-Technik LEONARDO DA VINCIs mit der lasierenden Technik
und Farbwahl der Niederländer. Völlig neu ist der Umgang GIORGIONEs
mit dem Licht. Eine idyllische Landschaft flankiert in "La
Tempesta" (dt.: "Das
Gewitter", Bild 4) im Bildvordergrund rechts, etwas erhöht, eine Mutter
mit Kind, links ein Wanderer. Hinter ihnen erhebt sich ein gewaltiges
Gewitter, das aber diese Idylle nicht trüben kann. Gäbe es die
Menschen auf dem Bild nicht, könnte man das Gemälde für
ein reines Landschaftsbildnis halten. Die Figuren des Bildes wurden in
der Kunstgeschichte unterschiedlich interpretiert. Der Wanderer im linken
Vordergrund wurde schon früh als Soldat oder Hirte gedeutet, die
stillende Mutter als Zigeunerin. Zeitgenössische Interpretationen
gehen davon aus, dass hier der Sündenfall von Adam und Eva (SETTIS)
thematisiert wird. MOTZKIN will eine gemalte Legende der Rom-Gründer
Remus und Romulus entdecken, aber es fehlt ein Säugling. Schließlich
soll das Bild den trojanischen Königssohn Paris zeigen, der von einem
Hirtenehepaar aufgezogen wurde, später eine Nymphe heiratete und
mit ihr einen Sohn zeugte (RAPP). Dem gemäß wäre der dargestellte
Wanderer/Hirte der Held Paris selbst, die stillende Frau aber Oinone,
das Kind der gemeinsame Sohn Korythos. Das Gewitter zeigt die Bedrohung
der Stadt Troja im Bildmittelgrund.
All diese Interpretationsversuche zeigen, dass das Rätsel um GIORGIONE
bis heute eines bleibt. Ganz sicher wird hier das Sujet vom Menschen im
Einklang mit der Natur behandelt, ganz gleich, welche Personen hier dargestellt
werden. Einhellig wird das Gemälde von GIORGIONE als "Mysterium",
zuweilen als "Allegorie der Liebe", begriffen. Diesem Gedanken
folgend, wurde eine Werkausstellung 2004 im Kunsthistorischen Museum in
Wien "Giorgione. Mythos und Enigma" genannt. Die Interpretation
des Bildes in der Ausstellung folgt weitgehend RAPP.
Eine Röntgenaufnahme zeigt eine andere Version des Bildes: Statt des Hirten wird eine nackte Frau sichtbar, deren Kopftuch sich fast mondförmig unter dem weißen Hemd des Hirten/Soldaten abzeichnet. Das schließt darauf, dass GIORGIONE sein Sujet im Laufe der Arbeit verändert hat. Kunstwissenschaftler gehen davon aus, dass der Maler ursprünglich eine Amazonenidylle vorhatte. Dafür könnte die Haltung der stillenden Frau sprechen. Sie zeigt nur eine ihrer Brüste. Amazonen ließen sich bekanntlich der Überlieferung nach die rechte Brust entfernen, damit sie den Bogen besser halten konnten.
Farblich besticht "Das Gewitter" durch die Wahl der Farben:
Schon Zeitgenossen bewunderten die Lebendigkeit des farblichen Ausdrucks
dieses gemalten Gewitters.
Welche Intentionen der Maler schließlich verfolgte, ist wohl mit
heutigem Blick kaum feststellbar. Und er selbst äußerte sich
nicht: GIORGIONE starb 1510 erst 32-jährig an der Pest.
RAFFAEL
RAFFAEL (1483-1520) bewies
sein Talent, erst siebzehnjährig, als er Teile der "Krönung
des heiligen Nikolaus von Tolentino" für einen Altar in Città
di Castello malte. Bereits hier zeigen die Gottvater- und Madonnafigur
eine Lebendigkeit des Ausdrucks, als hätte RAFFAEL nach der Natur
porträtiert. In Florenz schulte er sich ab 1504 an Werken LEONARDO
DA VINCIs und MICHELANGELOs. Er wollte nicht nur seine Fertigkeiten der
Darstellung bewegter Gruppen, sondern auch die im Porträt weiterentwickeln.
Diese sollten den Ausdruck der menschlichen Seele materialisieren. In
Florenz erwarb er soviel Handwerklichkeit und Kunstverständnis, dass
die Kompositionen seiner Werke als Inbegriff klassischer Vollkommenheit
gelten.
Wegen seiner vielen Madonnendarstellungen wird RAFFAEL auch als der Maler
der Madonnen bezeichnet. Nach den Regeln des Goldenen Schnitts
entstand RAFFAELs berühmtestes Werk, die "Madonna di San Sisto",
besser bekannt unter dem deutschen Namen "Sixtinische
Madonna", das 1512/1513 entstand
und heute das wohl wichtigste Werk in der Dresdener Gemäldegalerie
ist (Bild 5). Die Madonna ist Ausdruck von RAFFAELs Streben nach Schönheit.
Die Madonna trägt das Christuskind auf den
Armen, flankiert wird sie vom Heiligen (Papst) SIXTUS II. und der Heiligen
Barbara. Hinter Barbara ist ihr Attribut, der Turm, in Ansätzen zu
erkennen. Zwei Engel schauen am unteren Bildrand der Szenerie zu. Verblüffend
ist der Umgang mit der Perspektive: Während die Brüstung, auf
der sich die Engel stützend halten, sowie die Tiara Papst SIXTUS
eindeutig im Vordergrund stehen, befindet sich der Vorhang hinter der
Ebene mit der Tiara. Der Hintergrund scheint ins Unendliche zu greifen.
RAFFAEL malte das Bild ursprünglich für den Hochaltar von San Sisto in Piacenza. Auftraggeber war Papst JULIUS II. 1754 wurde es im Auftrag des sächsischen Königs FRIEDRICH AUGUST III. für die Gemäldesammlung in Dresden erworben.
Viele Geistesgrößen rätselten über das Gemälde und beschrieben es. JOHANN JOACHIM WINCKELMANN äußerte sich:
"... Eine Madonna mit dem Kinde, dem heiligen Sixtus und der heiligen Barbara, kniend auf beiden Seiten, nebst zwei Engeln im Vordergrunde. Es war dieses Bild das Hauptaltarbild des Klosters St. Sixti in Piacens. Liebhaber und Kenner der Kunst gingen dahin, um diesen Raffael zu sehen ....
Sehet die Madonna mit einem Gesichte voll Unschuld und zugleich einer mehr als weiblichen Größe, in einer selig-ruhigen Stellung, in derjenigen Stille, welche die Alten in den Bildern ihrer Gottheiten herrschen ließen ...
Das Kind auf ihrem Arm ist ein Kind über gemeine Kinder erhaben, durch ein Gesicht, aus welchem ein Strahl der Gottheit durch die Unschuld der Kindheit hervorzuleuchten scheint."
Dem Philosophen ARTHUR SCHOPENHAUER entlockte RAFFAELs Madonnenbild sogar Verse:
"Auf die Sixtinische Madonna
Sie trägt zur Welt ihn: und erschaut entsetzt
In ihrer Gräu'l chaotische Verwirrung,
In ihres Tobens wilde Raserei,
In ihres Treibens nie geheilte Torheit,
In ihrer Qualen nie gestillten Schmerz -
Entsetzt: doch strahlet Ruh und Zuversicht
Und Siegesglanz sein Aug', verkündigend
Schon der Erlösung ewige Gewißheit."
(1815)
Und auch der Dichter FRIEDRICH HEBBEL hub eine Lobeshymne an:
WILHELM KELBER sagte:Auf die Sixtinische Madonna
Das hätt' ein Mensch gemacht? Wir sind betrogen!
Das rührt nicht her von einer ird'schen Hand!
Das ist entstanden, wie der Regenbogen,
Und auch, wie er, ein göttlich Unterpfand!
Als einst die Himmelskönigin sich zeigte,
Als sie von ihrem Throne, sanft und mild,
Sich auf die dunkle Erde niederneigte,
Da seufzte jedes Herz nach ihrem Bild.Und sieh: des Äthers reinste Tropfen fallen,
Der Sonne hellste Strahlen schimmern drein,
Und wie sie blitzend durcheinander wallen,
So fangen sie den holden Widerschein.Er selber aber hält sie nun zusammen,
Und ein kristallner Spiegel bildet sich
Aus glüh'nden Perlen und aus feuchten Flammen,
In dem auch keine Linie erblich.Schau' hin! Dein Auge wird dir nimmer sagen,
Was Tau ist oder Licht im kleinsten Punkt;
Drum soll sich keiner an dies Wunder wagen,
Der seinen Pinsel bloß in Farben tunkt.Viel lieber soll's die Zukunft ganz betrauern,
Als nur zur Hälfte sich erhalten sehn:
In einer Sage mög' es ewig dauern,
In einem Abbild nicht zugrunde gehn!
"In diesem Jesushaupt selbst, das fast so groß ist wie das der Madonna, kämpft ein pausbäckiges, grübchenreiches Kindergesicht einen erschütternden Kampf mit dem Welternst der Augen und dieser mächtigen Stirn, in der der Heilsplan zu wohnen scheint."
Übrigens: Die beiden Engel am unteren Bildrand - oft kopiert
für Kunst und KItsch - wurden erst nachträglich auf die
Wolken aufgemalt, sie stammen nicht von RAFFAELs Hand.
Der bedeutendste Künstler des Cinqecento war - neben LEONARDO
DA VINCI und RAFFAEL - MICHELANGELO
BUONAROTTI (eigtl.: MICHELAGNIOLO DI LUDOVICO DI BUONARROTO SIMONI).
Sein Werk besticht durch das Hervorheben der Idealformen menschlicher
Schönheit. MICHELANGELO war nicht nur Maler, sondern vor allem Bildhauer
und sogar Architekt. Zwar lernte er zunächst in der Malschule von
DOMENICO GHIRLANDAIO, wurde aber noch vor Beendigung seiner Lehre in die
Bildhauerschule gegeben, die LORENZO DE MEDICI hatte gründen lassen.
Für die Decke entwarf MICHELANGELO neun zentrale Geschichten aus der Genesis (Video 2):
Es ist eine deutliche Dreiteilung auszumachen: Handeln die ersten drei
Fresken von der Erschaffung der Welt durch Gott, werden in den nächsten
vier Darstellungen menschliche Gestalten gezeigt. Diese handeln zunächst
unschuldig (deshalb werden sie nackt gezeigt). Nachdem die Schlange Eva
betört ("Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem
Baum des Gartens essen?") und sie überredet, vom Baume der Erkenntnis
zu essen ("Apfel"), verlieren Adam und Eva ihre Unschuld. Sie
erkennen, dass sie nackt sind. Sie werden aus dem Paradies vertrieben.
Von nun an ist der Mensch sterblich.
Drei weitere Episoden beschäftigen sich mit der Sintflut. Noah kann
sich nach dem Willen Gottes als einziger Mensch retten. Seine Nachkommen
sind es, die sich vermehren dürfen.
FRIEDRICH MÜLLER schreibt über die Gottesfigur des Deckenfreskos:
"Gott Vater rauscht darin, von einer Heerschar göttlicher Einzelkräfte seines schöpferischen Worts in der Gestalt von Genien, welche ihn halb tragen, halb von ihm getragen werden und von seinen flatternden Gewanden bedeckt sind, in gewaltigem Fluge dahin"
(FRIEDRICH MÜLLER: "Die Künstler aller Zeiten und Völker", 1857).
Die Erschaffung Adams nennt er "ein Bild von
wunderbar tiefsinniger Komposition und voll der edelsten Hoheit und Majestät
in der Ausführung" (F. MÜLLER). Generationen von
Menschen standen und stehen staunend vor diesem Meisterwerk der Malerei.
Im Fresko zum Jüngsten Gericht ist jene Szene festgehalten, die in Mattäus 25, Vers 31-46 dargestellt wird (Bild 11):
"Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit, und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken."
Den Mittelpunkt bildet Jesus Christus (Bild 12), an den sich Maria mit leicht zur linken Seite geneigtem Kopf anlehnt. Ihn umringen die Heiligen. Die Engel der Apokalypse darunter lassen ihre Posaunen ertönen, dass die Menschen auferstehen. In der unteren rechten Bildecke steht Charon in seinem Kahn und wirft die Verdammten in den Fluss. Alle Figuren,
erwarten gespannt das Urteil Jesu. MICHELANGELO gelingt hier eine kühne
Komposition, in der die griechische Mythologie ebenso zitiert wird, wie
DANTEs "Göttliche Komödie".
VASARI überliefert die Meinung eines Zeitgenossen, der meinte, dass
"die vielen nackten Körper, die ihre Scham zur Schau stellten, für einen so ehrwürdigen Ort wie die Papstkapelle unschicklich und eher für eine Badestube oder ein Wirtshaus geeignet seien"
(G. Vasari, "Le vite de' più eccellenti architetti, pittori ed scultori italiani", deutsch: "Die Lebensbeschreibungen der berühmtesten italienischen Architekten, Maler und Bildhauer").
MICHELANGELO malte seine Figuren nackt. Nachdem er gestorben war, erhielt DANIELE DA VOLTERRA vom Vatikan den Auftrrag, die pikanten Stellen mit Tüchern zu übermalen. Die Römer riefen ihn von nun an bei seinem neuen Spitznamen "il braghettone", was auf deutsch "der Hosenmacher" bedeutet. 1975 wurden die Übermalungen entfernt und die Fresken restauriert.