Romantik
- 1795 bis 1830
Die Romantik war eine
europäische
Geistesbewegung in der Zeit zwischen 1795 und 1830. Der Begriff wurde
von ihren Gegnern geprägt, die an diesem Stil das Irrationale und Überspannte
kritisierten.
JOHANN WOLFGANG VON GOETHE:
"Das Klassische nenne ich das Gesunde und das Romantische das
Kranke. Und da sind die Nibelungen klassisch wie der Homer, denn beide
sind gesund und tüchtig. Das meiste Neuere ist nicht romantisch,
weil es neu, sondern weil es schwach, kränklich und krank ist,
und das Alte ist nicht klassisch, weil es alt, sondern weil es stark,
frisch, froh und gesund ist. Wenn wir nach solchen Qualitäten Klassisches
und Romantisches unterscheiden, so werden wir bald im reinen sein."
GOETHE an ECKERMANN, 02.04.1829
Allerdings war die Romantik kein ganz einheitlicher Stil,
weder der Form, noch den Themen nach. Die englische Malerei der Romantik
sieht ganz anders aus als die französische oder die deutsche.
In England (WILLIAM TURNER, 1775-1851) und Deutschland (CASPAR DAVID
FRIEDRICH, 1774-1840; PHILIPP OTTO RUNGE, 1777-1810) überwiegen
landschaftliche Motive,
in Frankreich (EUGÈNE DELACROIX, 1798-1863; THÉODORE
GERICAULT, 1791-1824) dramatische Historienbilder.
Die englischen und französischen Künstler bevorzugen einen offenen
Pinselduktus und interessieren sich für Farbwirkungen, die Deutschen
tendieren zu einer gedankenschweren Feinmalerei.
CASPAR DAVID
FRIEDRICH "Mönch am Meer"
CASPAR DAVID FRIEDRICH
(1774-1840, Bild 1) widmete sich zunächst der Zeichenkunst,
bevor er 1807 sich der Ölmalerei zuwandte. Seiner Auffasung nach sollte
die Kunst als
"Mittlerin zwischen der Natur und
den Menschen" treten. Ein gesteigertes, aus sorgfältiger
Beobachtung erwachsendes Gefühl für die vielfältigen Stimmungen
der von kosmischen und göttlichen Kräften durchdrungenen Natur
sollte die Schemata der idealen Landschaftsform ablösen. Verinnerlichung,
seelisches Erspüren geistiger Zusammenhänge und Stimmungen, Todesmelancholie
und überkonfessionelle Religiosität durchziehen FRIEDRICHs Malerei.
CASPAR DAVID FRIEDRICHs
"Mönch
am Meer" (Bild 2), gemalt
1809/10, zeigt die Vereinzelung des Menschen angesichts der erhabenen Unendlichkeit
der Schöpfung. Das Bild macht das durch eine radikal abgemagerte Komposition
anschaulich: Himmel, Meer, Ufer als waagerecht gebreitete Naturelemente,
darin die winzige aus der Mitte gerückte Senkrechte des Mönchs
- eine kühne Konfrontation und Destillation.
HEINRICH
VON KLEIST (1777-1811) hat das gesehen. In den "Berliner Abendblättern"
vom 13. Oktober 1810 schrieb er:
"Das Bild liegt mit seinen zwei oder
drei geheimnisvollen Gegenständen wie die Apokalypse da ...
und da es in seiner Einförmigkeit und Uferlosigkeit nichts als den
Rahmen zum Vordergrund hat, so ist es, wenn man es betrachtet, als wenn
einem die Augenlider weggeschnitten wären."
Denn das ist nicht einfache
Naturdarstellung,
sondern vom Künstler gefilterte:
"Der Maler soll nicht bloß malen, was
er vor sich sieht, sondern auch was er in sich sieht. Sieht er aber
nichts in sich, so unterlasse er zu malen, was er vor sich sieht."
(Notiz von CASPAR DAVID FRIEDRICH)
PHILIPP OTTO
RUNGE - "Morgen"
PHILIPP OTTO RUNGE (1777-1810,
Bild 3) will im Gegensatz zu CASPAR DAVID FRIEDRICH Zusammenhänge
geben.
Nach ersten, noch klassizistisch geprägten Werken begann er 1802/1803
an seinem Hauptwerk zu arbeiten, dem unvollendeten Zyklus der "Vier
Tageszeiten". Erhalten sind die Entwürfe und Studien, nur
"Der
Morgen" wurde als Gemälde
fertig gestellt. Es gibt zwei Fassungen, die erste wurde 1808 (Bild 4),
die zweite Fassung, auch "Der kleine Morgen" genannt, 1808/09
geschaffen. Beide befinden sich in der Kunsthalle Hamburg.
In seinem streng symmetrisch komponierten
Gemälde " Der (kleine) Morgen" (Bild 5), bietet RUNGE ein
hieroglyphisches Bild, das den Anbruch des Tages in allegorischen Gestalten
veranschaulicht. Im Zentrum ist eine weibliche Gestalt, die gleichzeitig
drei verschiedene Personen verkörpert: Aurora, die Göttin der
Morgenröte; Venus, die Göttin der Liebe und Schönheit;
die Gottesmutter Maria, die Christus, das Licht der Welt, geboren hat.
EUGÈNE
FERDINAND VICTOR DELACROIX (1798-1863)
Gedankenmalerei war den
französischen Künstlern fremd.
EUGÈNE
FERDINAND VICTOR DELACROIX (1798-1863, Bild 6) bevorzugte Themen,
die weniger an den Verstand, eher ans Auge und seine Farbempfindlichkeit
adressiert waren.
Schon vor den Impressionisten erkannte er die Beziehungen zwischen Farbe
und Licht.Bei einer Reise durch
Marokko
(1831/32) entdeckte er den gesetzlichen Zusammenhang von
Farbwirkungen
im Licht und im Schatten: Die drei Primärfarben rot, blau und gelb
korrespondieren mit den drei sekundären orange, grün, violett.
Diese Einsicht wurde für DELACROIX zur Grundlage für den Farbaufbau
seiner Bilder - denn für ihn war, anders als für die Klassizisten,
die Farbe das wesentlichste Bildelement, nicht die Kontur (Bild 7). Den verschiedenen Farben schrieb DELACROIX eigenständige
Stimmungswerte zu. Der sichtbar
belassene, freie und skizzenhafte Farbauftrag sollte im Unterschied zur
glatten Oberfläche akademischer Bilder - wie sein Gegenspieler JEAN
AUGUSTE DOMINIQUE INGRES malte - den Eindruck des Unvollendeten vermitteln
und Raum für die Vorstellungskraft des Betrachters lassen. Farben,
nicht Konturen machen ein Bild zu einem Fest fürs Auge. Ein weiteres
Beispiel ist das Gemälde "Marokkanischer Scheich besucht seinen
Stamm" (Bild 8).
Tagebuchnotiz von DELACROIX:
"Es ist die erste Pflicht eines Bildes,
ein Fest für die Augen zu sein. Ich will damit nicht sagen, dass
es nichts vorzustellen brauche." (1863)
JEAN LOUIS
THÉODORE GÉRICAULT (1791-1824) -
"Das Floß der Medusa"
Großes politisches Aufsehen erregte der Maler
JEAN
LOUIS THÉODORE GÉRICAULT (1791-1824) mit seinem in
unruhigen Hell-Dunkel-Kontrasten gehaltenen Gemälde
"Das
Floß der Medusa", 1817/19
(Bild 9).
Es schildert die Folgen eines Schiffsunglücks an der westafrikanischen
Küste, dessen Umstände zur Kritik an der französischen Regierung
Anlass gaben.
Im Juli 1816 war die unter französischer Flagge segelnde Fregatte "Medusa"
vor der afrikanischen Küste gekentert. Ihr Kapitän, ein Günstling
der regierenden Bourbonen, hatte bei der
Rettungsaktion
die Taue zwischen seinem Boot und einem mit einfachen Matrosen besetzten
Floß kappen lassen. Erst mehrere Wochen später hatte man dessen
durch Krankheit, Hunger, vielleicht sogar Kannibalismus stark dezimierte
Besatzung retten können.
GÉRICAULT brach hier in doppelter Weise mit dem Klassizismus: Er
wählte ein nicht repräsentatives und
unheroisches
Thema aus dem aktuellen Zeitgeschehen, und er entschied sich für
eine bis dahin ungekannte Wahrhaftigkeit in der Darstellung realistischer
Details anstelle abstrakter Formideale. Die "Medusa", als Floß
identifiziert, wurde im
Pariser
Salon von 1819 auch politisch zum Stein des Anstoßes. Man verstand
das Bild als Anklage gegen die korrupte Regierung.
GÉRICAULT bereitete sich sehr gewissenhaft mit
wissenschaftlicher Genauigkeit auf sein Projekt vor. So führte
er Gespräche mit Überlebenden, zeichnete Meeresstudien und besuchte
Krankenhäuser, um Leichen und Leichenteile zu skizzieren. Nach mehreren
Entwürfen konzentrierte er sich auf die dramatischste
Szene, die verzweifelten Bemühungen einiger Überlebender,
die Besatzung eines im Horizont erkennbaren Schiffes auf sich aufmerksam
zu machen. Über die realistischen Leichendarstellungen
im Vordergrund türmt GÉRICAULT die winkenden Menschen zu einer
das Bild diagonal durchschneidenden Pyramide auf. Die unruhigen Hell-Dunkel-Kontraste
unterstreichen Pathos und Dramatik.
Mit diesen an barocker Malerei geschulten Mitteln (vor allem RUBENS),
mit den schockierenden Details und mit dem wenig heroischen Thema verließ
GÉRICAULT die klassizistische Darstellungstradition und malte das
erste Hauptwerk der
Romantik.
JOSEPH MALLORD
WILLIAM TURNER (1775-1851)
Der Engländer
JOSEPH
MALLORD WILLIAM TURNER
(1775-1851, Bild 10) ist einer der originellsten Künstler
der Neuzeit. TURNER begann mit dem Kolorieren von Stichen und studierte
ab 1789 an der Royal Academy in London. Sein Interesse galt zunächst
der Landschaftsmalerei. Auf seinen Reisen in England und Wales entstanden
Zeichnungen und Aquarelle von alten Schlössern, Kathedralen und Küstenlandschaften.
Erste Ölbilder schuf TURNER 1796. In der Folgezeit schuf er Landschaftsbilder
und Seestücke, die er oft auch durch mythologische Figuren und dramatische
Motive ins Unwirkliche steigerte.
TURNERs
Landschaftsbilder
sind ein Vorspiel von Impressionismus, Expressionismus und Informel. Er
gilt als der "Entdecker" der "Stimmungslandschaft" und
schuf daher als erster jene Richtung in der Landschaftsmalerei, welche nicht
die Gegenstände selbst, sondern den
Eindruck
darstellen will, den sie unter gewissen
Lichtverhältnissen
machten. So gesehen ist er der wahre Vorläufer der Impressionisten
und das etwa zwei Generationen vor den Franzosen.TURNERs Bilder bringen völlig neue Modi und
Klangfarben in die Malerei des 19. Jahrhunderts ein. Er malte seine
Landschaften, Tageszeiten, Wetterzustände, Wolkenbildungen mit aufgelöst-verwischten
Konturen, dazwischen scharfe Details. Sein Gemälde
"Regen,
Dampf, Geschwindigkeit" (Bild 11),
1844, ist eine der ersten
Eisenbahndarstellungen
überhaupt: Aus einem nebulösen Farbgewölk drängt die
eiserne Dampfmaschine - Hässlichkeit und Großartigkeit der
von der Industrie veränderten Welt zugleich ansprechend.
Im Vergleich das nur wenige Jahre später geschaffene Gemälde von
ADOLPH FRIEDRICH ERDMANN VON MENZEL "Berlin-Potsdamer Bahn", 1847
(Bild 12).