Merkmale
des Rokoko
Das Rokoko ist eine
Stilrichtung
französischen Ursprungs, die sich vor allem während der Regierungszeit
LUDWIGs (LOUIS) XV: (1723-1774) entwickelte. Deshalb trägt
diese Stilrichtung auch die Bezeichnung "Louis-Quinze". In der
älteren Kunstgeschichtsschreibung wird Rokoko als Spätbarock bezeichnet.
Waren visuell vermittelte Kraftanstrengung, Wucht und Ernst der Charakter
des Hochbarock, so erscheint das Rokoko leicht, heiter, elegant und verspielt.
Wohl aber entstehen die Formen des Rokoko organisch aus dem Barock und lassen
sich zunächst kaum unterscheiden. Erst als die herrschenden Wertvorstellungen
des 17. Jh.s zu wanken beginnen und sich die Menschen im 18. Jh.
vom Geist der universellen Brüderlichkeit und des Skeptizismus der
Aufklärung beeinflussen
lassen, zeigen sich im Kunstschaffen Züge von Respektlosigkeit, Sinn
für Intimität und die Ablehnung des theatralischen Charakters
des Barock.
Benannt wurde die Kunstepoche bzw. der Stil nach der Rocaille
(Bild 1), dem in schwingenden Muschelformen gebildeten Ornament (frz.: rocaille
= Muschelwerk; in der Bedeutung von in Muschelformen gebildetes Ornament
und Grundelement der Rokokodekoration; auch in künstlichen Grotten
der Barockzeit). Dieses dekorative Motiv findet sich in vielfältiger
Abwandlung in Ausschmückungen und an Ausstattungen des Rokoko.
Das Rokoko war in erster Linie eine Dekoration,
die sich vor allem in der Innenausstattung ausprägte. Aber auch in
Architektur, Malerei und in der erfundenen Porzellanherstellung verwischt
überreich verspieltes, oft exotisches Dekor, die Grenze zwischen
Schein und Wirklichkeit. Bezaubernde Schlösser und Kirchen, der natürlich
gestaltete Landschaftsgarten, filigrane Porzellanfiguren und die das flüchtige
Glück festhaltende Malerei versinnbildlichen die ersehnte "Leichtigkeit
des Seins" jener Epoche. Das Rokoko setzt sich zwischen 1720 und 1790
in Europa und in den Kolonialreichen Spaniens und Portugals durch.
Die Malerei des Rokoko
In der Malerei wurde das Pastell mit
seinen weichen, zarten Farben (z. B. Porträts von ROSSALBA
CARRIERA, Bild 2) zur
bevorzugten Technik. Die neue malerische Auffassung wurde in Venedig,
Paris und London entwickelt.
Unter LUDWIG XIV. war in Frankreich für einige Jahre die "Commedia
dell'Arte" wegen Unbotmäßigkeit verboten gewesen. Jetzt,
im neuen Jahrhundert, wurde sie beliebter denn je.
Der 1721 früh verstorbene JEAN-ANTOINE WATTEAU
(1684-1721), war vielleicht der größte Maler der Epoche.
JEAN-ANTOINE
WATTEAU
Mit seinem Gemälde "Die Einschiffung nach
Kythera" (1771),
das allgemein als Schlüsselbild der neuen Epoche angesehen wird, prägte
WATTEAU ein neues künstlerisches
Genre, die "fètes galantes", die Darstellung höfischer
Feste im Freien (Bild 3). Hier ist es eine Gesellschaft von Damen und
Kavalieren, gekleidet in Fantasietrachten, die in Wirklichkeit gar nicht
- und wenn, dann nur in Theatervorstellungen getragen wurden. Die Gestaltung
von Liebespaaren ist - umflattert von witzigen Amor-Putten - im
Aufbruch. Eingeladen von den Liebesgöttern wird man die Barke nach
Kythera - der Insel der Glücksseligen, der Liebesgöttin
Venus
- besteigen. Man ist glücklich, berauscht, in Gedanken an die
zu erwartenden Erlebnisse verzückt. Eine gewisse Trauer liegt aber
auch über diesem Gemälde WATTEAUs, über dem Traum einer kleinen
privilegierten Gesellschaftsschicht, dem Traum von Müßiggang,
vollkommener Kultur und der Verschmelzung von Kultur und Natur.JEAN-ANTOINE WATTEAU porträtierte mehrfach
Schauspieler in ihren Rollen.
Oft und gern legten auch seine begüterten Kunden die Kostüme eines
Harlekins oder anderer beliebter Komödienfiguren an. Die Grenzen zwischen
Spiel und Wirklichkeit sind längst verwischt; kaum ein Theaterstück,
in dem nicht die Herrschaft mit den Dienern die Rollen tauscht und umgekehrt.
In zahlreichen Komödien der Irrungen gilt die Verwechslung alles und
die Wirklichkeit nichts.
Ein rätselhaftes Bildnis schuf WATTEAU mit der Darstellung des
"Gilles"
in der Kostümierung der "Commedia dell'Arte" (Bild 4).
Vielleicht war das Bild als Aushängeschild einer Schauspielertruppe
gedacht. Die Verkleidung ist mehr als eine Pose, der Mensch scheint in eine
andere, unwirkliche Welt eingetaucht - oder taucht aus ihr hervor.
Ein leidenschaftlicher Sammler der Bilder WATTEAUs und Förderer
seiner Nachfolger war FRIEDRICH II., DER GROSSE, König von Preußen.
Er erwarb auch WATTEAUs Bild "Ladenschild
für den Kunsthändler Gersaint", das der Maler 1720
für seinen Freund GERSAINT gemalt hatte (Bild 5). Wie in WATTEAUs
"Einschiffung
" sind auch hier die Besucher des Ladens
in einer Situation des Aufbruches festgehalten. Die Kenner und Liebhaber
dringen mit gierigen Augen oder vergeistigt - sinnlichen Gedanken
und Gesten in das Fantasieland der gehandelten Kunst ein, die sie nicht
mehr frei geben wird. Arbeiter packen ein Bild - ein Porträt
LUDWIGs XIV. - in eine Kiste. Das Detail hat Symbolcharakter.
Hier wird über der barocken Epoche des "Sonnenkönigs"
der Deckel geschlossen.
FRANÇOIS
BOUCHER und JEAN-HONNORÉ FRAGONARD
In Frankreich erreichte das ausklingende Rokoko noch einmal in der Malerei
einen Höhepunkt. Unter dem Vorwand, mythologische Geschichten zu erzählen,
entstanden unzählige Aktbilder verführerisch präsentierter
junger Mädchen.
Maler, wie
FRANÇOIS
BOUCHER (1703-1770) oder JEAN-HONNORÉ FRAGONARD (1732-1806)
kamen damit dem geradezu unersättlichen Wunsch reicher Genießer
nach weiblichen Sinnesreizen nach.
BOUCHER war der Lieblingsmaler der Madame POMPADOUR, Hauptmätresse
LUDWIGS XV. Wahrscheinlich liebte sie die Gabe BOUCHERs, eine absolut
künstliche Welt der Eroten, der Venus und der Nymphen in künstlich
wirkenden Farben zu entwerfen (Bild 6).
DENIS DIDEROT (1713-1784), der Philosoph
und Dramatiker, der auch zu den ersten Kunstkritikern gehörte, hasste
BOUCHER wegen des völligen Mangels an Wahrhaftigkeit, wegen seiner
Typisierungen und Verniedlichungen. Seine Modelle seien Huren und er mache
Püppchen daraus.
BOUCHER war der Repräsentant
der Rokokomalerei. Nicht nur, was seine Malweise betrifft, sondern es
waren auch seine Themen, die ihm Erfolg garantierten: Bilder der Liebesgöttin
Venus, der jungfräulichen Jagdgöttin
Diana wurden
von den Auftraggebern bestellt. Die Pastorale, also das gemalte Hirtengedicht,
spiegelt eine durch und durch künstlich-idyllische Welt. Nicht zufällig
arbeitete BOUCHER hin und wieder als Bühnenbildner. Seine arkadischen
und pastoralen Landschaften scheinen immer die Hintergrundkulisse einer
Opernaufführung abzugeben (Bild 7).
Als der Maler
JEAN-HONNORÉ
FRAGONARD, BOUCHERs erfolgreichster
Schüler, 1767 von einem Edelmann den Auftrag erhielt, dessen
Geliebte in der verfänglichen Situation zu malen, wie sie - einer
zugeworfenen Rosenblüte gleich - von der
Schaukel
in die Luft gehoben wird, während dem Galan sich unerwartete oder erhoffte
Einblicke bieten, war ihm das Thema noch vorgeschrieben. Das Bild wurde
ein Symbol der späten Epoche des Rokoko. Es ging um den kurzen, glücklichen
Augenblick. Ein erotisches Thema ist fast wie ein sakrales aufgefasst. Wie
ein Engel in den Himmelswolken schwebt hier eine weltliche Nymphe in den
Baumkronen eines Gartens und - welche Ironie - verliert ihren
Pantoffel (Bild 8).
Die arkadischen Bildwelten eines CLAUDE
LORRAIN (1600-1682) oder NICOLAS POUSSIN (1593-1665) scheinen
Vorwegnahmen der später nach englischem Vorbild verwirklichten Landschaftsgärten
(Bild 9).
Rokokomalerei
in England
Der gleichzeitigen englischen Malerei (THOMAS GAINSBORROGH, 1727-1788;
WILLIAM HOGARTH, 1697-1764; JOSHUA REYNOLDS, 1723-1792;) verdanken
wir auch die Bildnisse der neureichen Kaufleute und Bankiers, die einerseits
ihren Besitz dem Adel angleichen und zugleich einer antibarocken, liberalen
Richtung der Politik angehören.
GAINSBORROGH
war der gefeierte Bildnismaler des Adels, der in Opposition gegen die Unnatur
und geschmacklichen Verirrungen des Absolutismus trat (Bild 10).
WILLIAM
HOGARTH
war Maler und Kupferstecher. Besonders seine satirischen Schilderungen und
Karikaturen der englischen Gesellschaft fanden auf dem europäischen
Kontinent viele Nachahmer (Bild 11).
JOSHUA
REYNOLDS,
der Hofmaler König GEORGs III., war vor allem der Maler der Londoner
Gesellschaft (Bild 12). Seine kunsttheoretischen Äußerungen
gelten als wichtige Quelle für die Ästhetik des 18. Jahrhunderts.