Kunst
Neue Sachlichkeit
 Die Stützen der GesellschaftSelbstbildnis als Clown

Die Neue Sachlichkeit ist wie die meisten Richtungen entstanden, weil sich Künstler von Vorangegangenem, in diesem Fall von expressionistischer Kunst - abstoßen wollten. Wenn dieser Wille auf neue Lebensstile, -gefühle und Realitäten trifft, entstehen für die jeweilige Zeit neue Formen, sich künstlerisch, philosophisch und politisch zu äußern, die die Zeitgenossen und Historiker als "Strömung" oder neue Richtung wahrnehmen und der sie einen Namen geben. Künstlerisch im Stile der Neuen Sachlichkeit zu arbeiten, war für viele Künstler zwar eine relativ kurze Phase ihres Schaffens, jedoch nicht selten eine sehr prägende, sei es in dieser Tradition oder in ihrer Negation.

Als Geburtsort des Begriffs Neue Sachlichkeit gilt eine 1925 in Mannheim veranstaltete Ausstellung zeitgenössischer Malerei, die unter diesem Motto stattfand. Geprägt hat es GUSTAV FRIEDRICH HARTLAUB.

Das Stichwort der Neuen Sachlichkeit gehörte zu den meist diskutierten Begriffen in den Kunstdebatten der Weimarer Republik. Es war ein Schlagwort und Sammelname für verschiedene Sachlichkeitskonzepte.

Andere Bezeichnungen waren

Neusachliche Kunst nahm in der Konstituierungsphase auf den Naturalismus Bezug und entfaltete sich in der Auseinandersetzung mit den Prozessen der Industrialisierung und Urbanisierung. Der Begriff der Neuen Sachlichkeit basierte vor allem auf dem Lebensgefühl in den großen Städten, die sich seit Anfang des Jahrhunderts entwickelt hatten. Eine neue Wirklichkeit der Technik, Wirtschaft und Gesellschaft prägten das künstlerische Bewusstsein dieser Zeit. Die Neue Sachlichkeit war keine interne Kunstangelegenheit!

Definition
Neue Sachlichkeit bezeichnet eine in allen Bereichen der Kultur auftretende Strömung und damit auch eine Kunst- und Literaturrichtung in der Zeit der Weimarer Republik (1918-1933). Sie ist ein Teil der Moderne-Bewegung des 20. Jahrhunderts.
Neue Sachlichkeit speziell in der Kunst bezeichnet eine Auffassung von gegenständlich-realistischer Malerei, die im Gegensatz zu Expressionismus und Dadaismus die Realität im Stil des "Magischen Realismus" oder des sozialkritisch-engagierten "Verismus" sachlich genau und wirklichkeitsgetreu wiedergeben will.

Begriff
Der Begriff der Neuen Sachlichkeit hat wie auch die Begriffe Impressionismus und Expressionismus seinen Ursprung in der Beschreibung von Werken der bildenden Kunst, durchgesetzt hat er sich durch die Architektur, einer Kunst, die nicht mit Farbe, sondern mit dem Raum arbeitet. Für diese Richtung in der Architektur steht vor allem der Name "Bauhaus".

Motto der Bauhaus-Architektur, (seit 1919 in Weimar, 1925 Umsiedlung nach Dessau): Schönheit ist Zweckmäßigkeit oder: das wahrhaft Schöne ist zugleich das wahrhaft Zweckmäßige.

Eigene Traditionen
Der Begriff der Neuen Sachlichkeit vereint in heutiger Wahrnehmung unterschiedliche, z.T. gegensätzliche Ausdrucksformen und dient damit als Sammelbegriff für verschiedene künstlerische und angewandte Formen.
Das Stichwort der Neuen Sachlichkeit gehörte zu den meist diskutierten Begriffen in den Kunstdebatten der Weimarer Republik. Es war ein Schlagwort und Sammelname für verschiedene Sachlichkeitskonzepte. Neusachliche Literatur hat dabei auch ihre eigenen Traditionen. Im Unterschied zur neusachlichen Malerei hat sie konsequent auf die Entwicklung einer Gebrauchskunst für viele hingearbeitet.

Ausstellung "Die neue Sachlichkeit"
Die Ausstellung "Die neue Sachlichkeit" wurde 1925 zuerst in Mannheim gezeigt. Anschließend zog sie als Wanderausstellung durch Deutschland und wurde mit großem Erfolg beachtet. Die ausstellenden Maler suchten gegen die Aufgeregtheit und das Chaos der Lebensumstände wieder eine neue, aus der ruhigen Betrachtung der Gegebenheiten gewonnene Haltung zurück zu gewinnen. Eine Synthese der Stil-Merkmale war jedoch aus den sehr unterschiedlichen, vor allem auch politisch-gesellschaftlichen Auffassungen der Maler kaum noch möglich. Das Spektrum der Malerei des 19. Jh. - zwischen den Begriffen "Realismus" und "Naturalismus" - spiegelte sich auch in den Positionen der gegenständlichen Malerei der 1920er-Jahre wider. Thematisch und formal beschäftigte sich ein Teil der Künstler wieder mehr mit einer Neuen Innerlichkeit und knüpfte damit an bis in die Romantik zurück reichende Bild-Traditionen an. Gegen die überbordende Dynamik und Hektik eines Krisen geschüttelten Alltags stellten diese Künstler im festen Bildaufbau und in der Bewegungslosigkeit der abgebildeten Figuren eine neue ruhige Betrachtungsweise, die im klaren Blick auf die einfachen fast banalen Themen des Lebens eine neue emotionale Sicherheit vermitteln wollte.
Diese subjektive, weltabgewandte Innerlichkeit und die Konzentration auf die zeitlos, unbewegliche Dingwelt führte auch zur Bezeichnung "magischer Realismus", in der die entfernten Beziehungen zum Surrealismus bewusst mit anklingen sollten.

Der Protest gegen die sozialen Missstände war auch schon vor 1900 von KÄTHE KOLLWITZ (1867-1945) und HEINRICH ZILLE (1858-1929) eindringlich formuliert worden, und auch der Expressionismus und der Dadaismus wollten in ihrem künstlerischen Engagement die gesellschaftlichen Verhältnisse verändern. Der sozial-kritische Realismus der zwanziger Jahre entwickelte sich mit der Zunahme der gesellschaftlichen Gegensätze und Spannungen zu einer Malerei, die - nun auch als "Verismus" bezeichnet - nicht nur das äußere Erscheinungsbild des Elends, sondern auch die Ursachen der gesellschaftlichen Fehlentwicklungen anschaulich aufzeigen wollte.

1926 malte RUDOLF SCHLICHTER (1890-1955) das Bildnis "Bert Brecht", in dem er ihn mit Lederjacke und skeptischem Blick zeigt. Im "Prolet-Look" war BRECHT in Berlin aufgetreten, um als Literat und Theatermann auch äußerlich auf seine Verbundenheit mit der Arbeiterklasse hinzuweisen.
Das Bild "Die Stützen der Gesellschaft" 1926 von GEORGE GROSZ (1893-1959, Bild 1) als beißende Kritik an den Verhältnissen der Weimarer Republik gemalt, hat er später mit den Worten kommentiert:

"Der Verist hält seinen Zeitgenossen den Spiegel vor die Fratze. Ich zeichnete und malte aus Widerspruch und versuchte, durch meine Arbeit die Welt davon zu überzeugen, dass sie hässlich, krank und verlogen ist".

Die politischen Auseinandersetzungen bewirkten schließlich die offene Parteinahme einiger Künstler, die nun ihre Werke als Mittel im politischen Kampf einsetzen wollen.

In dem Bemühen, eine der Wirklichkeit entsprechende Darstellung zu erreichen, spielte die Fotografie eine immer wichtigere Rolle. Sie hatte sich längst zu einem selbstständigen und massenwirksamen Medium entwickelt und mit der großen Werkbund-Ausstellung "Film und Foto" präsentierte sie sich in Stuttgart 1929 der Öffentlichkeit. Die Ausstellung von fast 200 Fotografen mit ca. 1 200 Exponaten zeigte neben medienspezifischen Experimenten, wie Fotogrammen und Mehrfach-Belichtungen, vor allem auch die Sichtweise der Neuen Sachlichkeit. Die Inhalte wurden oft isoliert vor neutralem Hintergrund oder als Detail mit effektvoller Lichtführung ins Bild gesetzt. Starke Licht-Schatten-Effekte und ungewöhnliche Perspektiven zeigten die neuen Möglichkeiten der Fotografie als einem scheinbar dokumentarisch-objektiven Medium, das längst eigene, von der Malerei unabhängige, ästhetische Ausdrucksformen entwickelt hatte.

Verwandte Themen
© Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, Mannheim und DUDEN PAETEC GmbH, Berlin. Alle Rechte vorbehalten. www.schuelerlexikon.de