










"Architektur beginnt, wenn zwei Backsteine sorgfältig zusammengesetzt werden. Architektur ist eine Sprache mit der Disziplin einer Grammatik. Man kann Sprache im Alltag als Prosa benutzen. Und wenn man sehr gut ist, kann man ein Dichter sein." MIES VAN DER ROHE
Norddeutsche Backsteingotik (Bilder 1-12) verdankt ihre Existenz dem Mangel an geeignetem Baumaterial. So entstanden originäre, äußerlich weniger reich verzierte Sakral- und Profanbauten, die bis heute das Stadtbild Norddeutschlands prägen. Dekorative Elemente stellen
dar.
Die Backsteingotik konnte sich dank des mittelalterlichen Städtebundes, der Hanse, verbreiten. Lübeck, als "Königin der Hanse" (Bild 2), war mit seiner Kirche St. Marien Vorbild für weitere Sakralbauten in Wismar, Rostock, Stralsund, Neubrandenburg, Gdansk (Danzig), Riga und darüber hinaus im gesamten Ostseeraum. Das Langschiff von Lübecks St. Marien ist mit 40 Meter das höchste Backsteingewölbe der Welt und die Kirche selbst die drittgrößte Deutschlands.
Werkstoff Backstein
Mit dem Werkstoff Backstein
(Ziegelstein) ließ es sich jedoch nicht so filigran arbeiten, wie
man es von den aus Haustein (zu regelmäßiger Form zugehauener
Stein) gebauten Kathedralen West-und Süddeutschlands sowie Frankreichs
her kannte. Das liegt am Rohstoff: Backstein wird aus Lehm- oder Tonerde
hergestellt. Diese wird in eine Form (Model) gegeben und mehrere Tage
im Ofen gebrannt. Das in der Tonerde vorhandene Eisenhydroxid wandelt
sich beim Brennprozess bei etwa 1000 Grad ins rote Eisenoxid um. Das Herstellen
mittelalterlicher Backsteine war sehr zeitaufwendig. Insgesamt drei
Jahre brauchte es, um sie zu brennen, denn bevor die Backsteine
in den Ofen kamen, mussten sie jahrelang getrocknet werden.
Folgende Arbeitsschritte
waren nötig, um Backstein zu produzieren:
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Da feste Formen für das Herstellen des Backsteins verwendet werden, ist auch jeder Stein gleich groß. Um Steine anderen Aussehens herzustellen, musste man neue Formen entwickeln. So gibt es nicht nur den bekannten quaderförmigen Ziegelstein, sondern Backsteine in Form eines Kreuzes, als Rechteck mit einem Halbrund versehen usw. Weil sie eine bestimmte Form (Model) benötigen, nennt man diese Steine Formsteine (Bild links). |
Städtegründungen
1143 verlieh Graf ADOLF II. das Stadtrecht für eine Siedlung deutscher
Kaufleute, die bald zum Haupt
der Hanse werden sollte: Lubeke, heute als Lübeck
(Bild 2, 3) bekannt. Der Slawenkreuzzug
(Wendenkreuzzug) von 1147 brachte im Osten mächtige Gebietsgewinne.
Sachsenherzog HEINRICH DER LÖWE (1129-1195) wollte die Westslawen,
die zwischen Elbe und Oder siedelten, christianisieren und sich zugleich
das eroberte Land einverleiben. Zur Besiedlung der ostelbischen Gebiete
rief man deutsche und niederländische Bauern ins Land. Nach 1200
begann die massenhafte Besiedlung Nordostdeutschlands. Um 1150 wird in
einer dänischen Aufzeichnung ein "Vismar Havn" beschrieben.
Ein "Aqua Wissemara" bzw. "To de Wissemer" (An der
Wissemer) gab dem Marktflecken den Namen. 1227 wurde Wismar
erstmals urkundlich erwähnt. Auf
einem Hügel unweit der heutigen Petrikirche soll bereits 1189 der
Marktflecken Rostock mit Markt und
Kirche gegründet worden sein. 1218 erhielt die Gemeinde das Lübische
Stadtrecht. Rostock, Lübeck und Wismar schlossen sich 1259 zu einem
Städtebund zusammen, dem sich bald Stralsund und weitere Städte
des Ostseeraums anschlossen: Die Hanse
(1) war gegründet.
(1) Hanse: althochdeutsch Hansa: Schar, Bund.
Backsteinarchitektur
Die Jerichower Klosterkirche ist der
älteste Backsteinbau Norddeutschlands. Er ist nach 1144 entstanden,
noch im Stile der Romanik. Davon zeugen u. a. das runde Kreuzgewölbe
und die runden Bögen der Fenster.
Der Städtebund der Hanse machte es möglich, dass sich nach
der Eroberung der ostelbischen Gebiete sehr rasch die Technologie der
Backsteinarchitektur ausbreiten konnte: Den Werkstoff Tonerde gab es genug
im Osten. Man gründete zahlreiche Ziegeleien,
die den Werkstoff verarbeiteten.
Wände und Pfeiler der imposanten Kirchen
wurden auf einem stabilen Fundament errichtet. Um die Kreuzrippengewölbe
mauern zu können, konstruierte man hölzerne Lehren (Video 1),
auf die Formsteine gemauert wurden. Nach dem Abbinden des Mörtels konnte
man die Lehren wieder entfernen.
Doberaner Münster
Das Bad Doberaner Münster
ist das bedeutendste gotische Bauwerk in Mecklenburg-Vorpommern. Es wurde
ab 1294 im hochgotischen Stil nach dem Vorbild französischer Kathedralen
errichtet. Die Bauzeit betrug lediglich 70 Jahre. Die Kirche wurde 1368
geweiht. Man schätzt, dass fünf Millionen Backsteine verbaut
wurden. Das Fundament ist 5 m tief. Es besteht aus Feldsteinen, ungelöschtem
Kalk, Sand und Ziegelsteinresten. Darauf wurde eine dreischiffige
Basilika gebaut. Das Mittelschiff ist 12,5 m breit und 26,5 m
hoch. Die Seitenschiffe sind 12,5 m hoch. Die Querhausbauten sind zweischiffig
und mit farbigen Stützpfeilern geschmückt. Die Gewölberippen
sind rot und blau bemalt, während das Gewölbe selbst in schlichtes
Weiß gehalten ist.
Kirchen in Rostock
Die St. Petrikirche in Rostock
(Bild 4) ist die älteste Fischerkirche der Stadt. Sie wurde wurde
erstmalig 1252 urkundlich erwähnt. Der feinlinige und schlanke Korpus
der St. Petrikirche thront am Rande der Stadtmauer über der höchsten
Erhebung der östlichen Altstadt. Sein Turm diente den Seeleuten zur
Orientierung. Die querschifflose vierjochige
Basilika wurde im Zweiten Weltkrieg stark zerstört und seit
den 1960er-Jahren schrittweise wieder aufgebaut. Dabei verzichtete man
allerdings auf die Rekonstruktion des Kreuzgewölbes. Man gab der
Kirche lediglich ein Flachdach. In den 1990er-Jahren erhielt sie wieder
ihre 117 m hohe gotische Turmhaube.
St. Nikolai wurde 1312 geweiht. Diese
frühgotische Hallenkirche (Bild
5) ist dreischiffig, wobei alle Schiffe gleich hoch und fast gleich breit
sind. Der Ostchor ist zweijochig. Aus einem ursprünglich vierjochigen
Kirchenschiff wurde in der Spätgotik ein fünfschiffiges, indem
ein Joch an der Westseite angebaut wurde. Die Westfront ist einturmig.
Die Kirche dient heute als Konzerthaus. Im Dachstuhl sind Wohnungen eingerichtet.
St. Marien ist die größte
Rostocker Kirche. Sie wurde als dreischiffige Basilika
mit Umgang und Kapellenkranz aus einem Vorgängerbau entwickelt.
Im Ostteil der Marienkirche befinden sich Chorhaupt und Chorumgang mit
fünf radial ausstoßenden Kapellen. Die Pfeiler ahmen die französischen
Bündelpfeiler nach.
Das Westwerk wurde als Einturmfassade ausgeführt, allerdings war
wohl lange an eine Zweiturmplanung gedacht worden, da das Westwerk als
einheitlicher Quader bis zum dritten Geschoss hoch geführt wurde
(Bild 6).
Der Unterbau des Westwerks stammt aus dem 13., die oberen Stockwerke
aus dem 14. und 15. Jahrhundert. Auch die Obergaden des Mittelschiffes
wurden teilweise erst im 15. Jahrhundert fertig gestellt. Ein mächtiges
einschiffiges Querschiff türmt sich in Ost-West-Richtung auf.
Für den Bau der Kirche wurden zweifarbige, teilweise glasierte Backsteine
benutzt. Das Querschiff weist grüne und gelbe Ziegel auf, das Mittelschiff
und die Seitenschiffe rote und schwarze Ziegel.
Wesentlich kleiner ist die ehemalige Zisterzienser-Nonnenkirche Heilig Kreuz, die heutige Universitätskirche, eine gotische Backsteinhalle.
Eine weitere Rostocker Kirche, die St. Jacobikirche (Bild 9), wurde in den 1960er-Jahren gesprengt. Sie stand der Stadterweiterung in Richtung Süden im Wege.
Kirchen in Wismar
In Wismar werfen die Kirchen/ wie rote Berge auf ..." (FRIETZ MIELERT, zitiert nach JÜRGEN BORCHERT)
"Vor den Kirchen (...Wismars) ... bekommt man noch heute ein leises, schauderndes Gefühl von der Glaubens- und Schaffenskraft des Volkes, das diese Städte baute - wenn es sich einmal aufgemacht hatte, sein Schicksal und seinen Glauben weiterzutragen in die Weite der Welt." PAUL FECHTER (1880-1958)
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Die im 14. Jahrhundert nach Plänen des Baumeisters JOHANN GROTE errichtete siebenjochige, querschifflose Basilika mit Umgangschor und Kapellenkranz von Sankt Marien in Wismar (Video 2) wurde bei Bombenangriffen auf die Stadt vom 14. auf den 15. April 1945 schwer beschädigt. Sie wurde 1960 gesprengt. Übrig blieb allein der Marienkirchturm. Turm der St. Marienkirche in Wismar |
"Ausgerechnet der letzte der fünfzehn Bombenangriffe, die Wismar von 1940 bis 1945 erdulden mußte, und der frevelhafte Abriß der Reste 1960/61 schufen die kahle Weite des Platzes, die heute den einsam ragenden Turm so anklagend umgibt. Einsam: ja, indes nicht schweigend. Wenn es Wunder gibt, so ist dieses eins: Das herrliche, zwölf Glocken umfassende Geläut
blieb erhalten."
JÜRGEN BORCHERT (1941-2000)
Vorbild für die Kirche war die Lübecker Marienkirche.
Als zweite große Wismarer Kirche wurde die Sankt-Georgen-Kirche
im letzten Krieg schwer zerstört. Sie stand wohl niemandem
im Wege, die Distanz zum Rathaus war groß genug. Deshalb durfte
die Ruine stehen bleiben. Seit den 1990er-Jahren wird sie mithilfe der
deutschen Stiftung Denkmalschutz und den Spenden vieler Wismarer wieder
rekonstruiert.
Profanbauten
Es entstanden nicht nur bedeutende Sakralbauten im Ostseeraum, sondern
auch prächtige Profanbauten.
Bürgerhäuser (Bild 11, 13)
Rathäuser (Bild 3, 10)
Stadttore (Bild 2, 14)
Brunnen
Bürgerhäuser wurden quer zur Straße errichtet. Typisch
für den Ostseeraum sind die reich verzierten Giebel zur Straßenseite.
Der "Alte Schwede"
in Wismar ist das älteste erhaltene Bürgerhaus der Stadt
(erbaut 1380) und ein bedeutendes Beispiel für die profane Architektur
der Backsteingotik. Typisch ist der stufenförmige Pfeilergiebel,
der mit glasierten Ziegelsteinen verziert ist. Die unteren Geschosse wurden
als Wohnraum genutzt, in den oberen Dachgeschossen befand sich der Speicher.
Anlässlich der Rekonstruktion des "Alten Schweden" seit
den 1970er-Jahren wurde ein gotisches Dielenhaus mit Sichtmauerwerk freigelegt.
Es erhielt eine Galerie. An der Rückseite des Hauses wurde ein Eichenfachwerk
mit Ziegelausfachung freigelegt. Der Giebel wurde ebenfalls rekonstruiert.
Den Namen "Alter Schwede" erhielt das Haus wegen der zeitweiligen
Zugehörigkeit Wismars zu Schweden (1648-1803). Daran erinnert
bis heute ein sogenannter Schwedenkopf im Tympanon des Portals.
Das Wismarer Archidiakonat wurde Mitte des 15. Jahrhunderts errichtet. Es diente ursprünglich als Wohnhaus für den Archidiakon (2).
(2) Archidiakon: Vorsteher eines Kirchensprengels, in der evangelischen Kirche heute Prälat oder Generalsuperintendent, in der katholischen Kirche heute Generalvikar.
Der nördliche Staffelgiebel und die westliche Traufe sind sehr reich gestaltet, u. a. durch Verwendung schwarzer Glasurbacksteine sowie durch Formbacksteine (Bild 11). Das Haus wurde 1945 durch Bomben stark beschädigt. Als 1960 das Kirchenschiff der gegenüberliegenden Marienkirche gesprengt wurde, kam es zu weiteren Schäden am Bau. Seit 1961 wurde das Archidiakonat restauriert und teilweise rekonstruiert.
Das Stralsunder Wulflamhaus
(Bild 13) wurde als gotisches Wohnspeicherhaus um 1360 erbaut. Auftraggeber
war der damalige Ratsherr und spätere Bürgermeister BERTRAM
WULFLAM. Es besteht aus Diele, Galerie, zweigeschossigem Kemladen und
Speicherböden sowie einem Saalgeschoss. Architektonisch auffallend
ist der reich gegliederte Pfeilergiebel der Fassade, der mit der sechsteilig
gegliederten Giebelwand des Rathauses am gegenüberliegenden Ende
des Marktplatzes korrespondiert.
Die historischen Altstädte Stralsund und Wismar wurden im Juni 2002 gemeinsam in die Welterbeliste der UNESCO aufgenommen. Auf der Webseite der deutschen UNESCO-Kommission heißt es:
"... Wismar ist die einzige in dieser Größe und Geschlossenheit erhaltene Hansestadt im südlichen Ostseeraum. Das historische Hafenbecken vermittelt ein authentisches Bild von dem eigentlichen Rückgrat der Seehandelsstadt. Stralsunds einmalige Insellage zwischen dem Strelasund und den im 13. Jahrhundert aufgestauten Teichen betont den mittelalterlich geprägten Stadtkörper. Stralsund war neben Lübeck im 14. Jahrhundert die bedeutendste Stadt im gesamten Ostseeraum und wurde 1370 als Ort für die Friedensverhandlungen mit Dänemark (Stralsunder Friede) ausgewählt. Von dieser Zeit zeugen die aufwändig gestalteten Kaufmannshäuser und das historische Rathaus...." (Quelle: Deutsche UNESCO-Kommission, http://www.unesco.de/c_arbeitsgebiete/welterbe_d26.htm)