


Die große Stilwende im Werk PICASSOs erfolgt 1907. Unter dem Eindruck einer CÉZANNE-Ausstellung
und in der Auseinandersetzung mit afrikanischen Masken entsteht das Epoche
machende Gemälde "Les
Demoiselles d'Avignon" (Bild 2),
das erste kubistische Ansätze zeigt. Im selben Jahr lernt PICASSO
GEORGES BRAQUE kennen. Fortan werden beide Künstler Stillleben
(Bild 3), Porträts und Landschaften
im kubistischen Stil malen. Viele ihrer Gemälde sind schwer voneinander
zu unterscheiden oder einem Künstler zuzuordnen, mitunter sollen sie
jeweils die Werke des anderen signiert haben.
Um 1912 entstehen aus der Hand PICASSOs dreidimensionale Objekte, Plastiken
sowie vor allem Collagen, die als "Papier collés" bekannt
geworden sind. Mit seiner neuen Geliebten EVA verbringt PICASSO jene Jahre
in Paris, in der Vaucluse und in Céret.
1917 reist PICASSO nach Rom zur Vorbereitung
eines Bühnenbildes für ein Ballett und lernt dort die russische
Tänzerin OLGA KOKLOVA kennen, seine spätere Ehefrau und Mutter
des Sohnes PAUL.
Um 1917 treten im Werk PICASSOs neben die kubistischen Bilder wieder realistisch
wirkende Porträts, um 1919 entstehen
dann die ersten neoklassizistisch antikisierenden Figurenbilder.
1925 erscheinen die Radierungen der "Minotauromachie". Der Minotaurus - die Fabelgestalt des Stiermenschen
- wurde immer wieder als Sinnbild des Künstlers interpretiert, der
zeitlebens den Stier zu seinem Tier erklärt
hatte und die Stierkämpfe in südfranzösischen und spanischen
Arenen regelmäßig besuchte.
1927 lernt PICASSO in Paris die 17-jährige Elsässerin
MARIE-THERÈSE WALTER kennen, die seine Geliebte und 1935 Mutter
der gemeinsamen Tochter MAYA wird.
1936 hat PICASSO engen Kontakt zum Kreis der Pariser
Surrealisten um PAUL ÉLUARD, MAN RAY und der Fotografin und Künstlerin
DORA MAAR, die seine Geliebte wird. Im selben Jahr bricht in Spanien
der Bürgerkrieg aus, PICASSO ergreift
Partei gegen FRANCO.
1953 lernt PICASSO JAQUELINE ROQUE kennen, die er 1961 heiraten wird. In den 1950er- und 1960er-Jahren widmet sich PICASSO vor allem den Paraphrasen, den malerischen Bearbeitungen bekannter Meisterwerke von zum Beispiel VELÁZQUEZ, REMBRANDT oder ÉDOUARD MANET. Im südfranzösischen Mougins, wo PICASSO seit 1961 lebt, entstehen dann auch heiter-parodistische Zeichnungen sowie die großformatigen, starkfarbigen Ölgemälde. 1973 stirbt PICASSO im Alter von 91 Jahren in Mougins.
"Les Desmoiselles d'Avignon"
und der Kubismus
Mitte 1907 vollendete PABLO PICASSO sein Gemälde Les
Desmoiselles d'Avignon" (vgl. Bild 2). Dieses Schlüsselwerk
des 20. Jahrhunderts, das in Anlehnung an die Darstellung gesellschaftlicher
Außenseiter in der "blauen Periode" PICASSOs eine
Bordellszene mit fünf nackten Frauen zeigt, verbindet sich eine
neue innerbildliche Räumlichkeit mit der für das beginnende
Jahrhundert charakteristischen Beschäftigung mit afrikanischen Kunst-
und Kultgegenständen. Wesentlich für die Entstehung des Bildes
war aber auch PICASSOs Kenntnis des Werkes von PAUL CÉZANNE, insbesondere
seiner Bilder der "Badenden".
1943 macht PICASSO - nun ein berühmter Künstler -
auch keinen Hehl aus seiner Bewunderung für den anerkannten "Vater
der Moderne":
"Und ob ich CÉZANNE kenne! Er und kein anderer war mein Lehrmeister",
sagt er zu dem Fotografen und Freund BRASSAÏ. CÉZANNE, der in der Malerei die Natur auf die geometrischen Formen Kegel, Kugel und Zylinder zurückgeführt hatte und der die seit der Renaissance als Errungenschaft gefeierte zentralperspektivische Darstellung aufgegeben hatte zugunsten einer aus der Farbe heraus in der Fläche entwickelten Malerei ist Anregung.
Doch PICASSO vollzieht hier noch einen weiteren
Schritt in Richtung einer dezentralisierten Raum- und Flächenkunst
und einer eigengesetzlichen Bildwirklichkeit, die das Kunstwerk zu einem Ort der Erkenntnis auch über die Sehgewohnheiten,
die von einer bildnerischen Nachahmung der Realität geprägt waren,
werden lässt.
PICASSOs "Les Demoiselles d'Avignon" brechen mit der bisher gültigen Ästhetik. Die in der Fläche
zersplitterten Formen und Farben führten dann auch - etwa zeitgleich
mit den Bemühungen von GEORGES BRAQUE - zum analytischen Kubismus.
Die Auflösung der Gegenstände in stereometrische Strukturen näherte
sich in den Bildern der Folgezeit der Abstraktion, ohne dass die Gegenständlichkeit ganz aufgegeben wird, so zum
Beispiel in "Frauenkopf" (1909; Privatbesitz), "Porträt
des Kunsthändlers Daniel-Henry Kahnweiler" (1910; Chicago, Ill.
Art Institute) oder "Ma Jolie" (1911/12; New York,
Museum of Modern Art).
Eine auf die Zweidimensionalität der Bildfläche bezogene Sicht lag auch dem PICASSO und BRAQUE entwickelten synthetischen Kubismus zugrunde. Über die "Papier collés", die aus geklebten Papierstücken entstandenen Collagen, gelangten die Künstler zu einer malerischen Zusammensetzung der Gegenstände aus kleinen geometrisierenden Farbformen, zum Beispiel in "Die Violine" (1912; Stuttgart, Staatsgalerie).
"Guernica"
Nach den Jahren neoklassizistischer antikisierender Bildgestaltung und
einer eher aus dem privaten Leben schöpfenden Bildwelt wird PICASSO
mit Ausbruch
des Spanischen Bürgerkriegs 1936 zu einem politischen
Künstler. Er ergreift Partei gegen den spanischen General
FRANCO.
Anfang des Jahres 1937 entsteht die satirische
Radierfolge "Traum und Lüge Francos", die zugunsten
der Spanischen Republik verkauft wird.
Im neuen Pariser Atelier in der Rue des Grands Augustin malt er das von
der spanischen Regierung für den spanischen Pavillon auf der Weltausstellung
1937 in Auftrag gegebene Monumentalbild "Guernica" (Madrid,
Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia), das wohl einflussreichste
und bedeutendste Anti-Kriegsbild des 20. Jahrhunderts (vgl. Bild 4).
Mit dem Titel nimmt es Bezug auf die vernichtende Bombadierung und Zerstörung
der baskischen Stadt Guernica durch die deutsche "Legion Condor".
Die Szenerie bleibt bis heute rätselhaft und vielen Interpretationsmöglichkeiten
offen. Das Motiv der Mutter mit dem toten Kind im Arm bereitet PICASSO
in vielen Studien vor. Es scheint, als habe ihm daran besonders viel gelegen.
Durch diese Kriegserfahrung politisiert, wird PICASSO 1944 Mitglied der
Kommunistischen Partei Frankreichs.
Das Spätwerk
Bereits in den 1950er-Jahren begann PICASSO mit den sogenannten "Paraphrasen", den auch Metamorphosen genannten Überarbeitungen der Werke großer Meister der Kunstgeschichte
wie VELÁZQUEZ (zum Beispiel "Las Meninas: Die Infantin Margarita
María"; 1957; Barcelona, Museu Picassso) REMBRANDT, EL CRECO
oder LUCAS CRANACH D. Ä. Damit wurde er ebenso wie mit seinen großformatigen
und starkfarbigen, mit breitem Pinselstrich gearbeiteten Leinwänden
mit meist erotisierenden Bildthemen in den 1960er-Jahren zum Vorbild vieler
junger Künstler.
1963 wurde in Barcelona das Museu Picasso gegründet. Einen großen Teil des Nachlasses erhielt (zur Abgeltung von Erbschaftssteuern) der französische Staat, der daraufhin das Musée Picasso in Paris einrichtete. Im Picasso-Museum in Antibes an der Côte d'Azur sind weitere Arbeiten des Künstlers ausgestellt und seit 2004 kann man nun auch in der Geburtsstadt PICASSOs, in Málaga, in einem eigens für den Künstler eingerichteten Museum seine Werke betrachten.