


PAUL GAUGUIN - ein Künstlerleben
in Europa, auf Tahiti und auf den Marquesainseln
Der am 7. Juni 1848 in Paris geborene GAUGUIN (Bild 1) lebte die ersten Jahre
bis 1855 in Lima,
wohin sein Vater, ein liberaler Journalist, ausgewandert war. Nach dem
Tod des Vaters kehrte die Familie zurück nach Frankreich und PAUL
besuchte in Orléans ein privates Internat. Nachdem er mehrere Jahre
zur See gefahren war und Reisen vor allem nach Südamerika
gemacht hatte, begann PAUL GAUGUIN um 1870 in Paris als Angestellter
in einem Geldinstitut zu arbeiten.
Zur gleichen Zeit lernte er in Paris die Malerei des Impressionismus
kennen. GAUGUIN begann selbst zu malen und beteiligte sich an Ausstellungen.
Die Sommermonate verbrachte er mit CAMILLE PISSARRO, den er 1874 kennen
gelernt hatte, in Pontoise.
1873 hatte GAUGUIN die Dänin METTE-SOPHIE GAD geheiratet; das Paar
hatte fünf Kinder.
1883 gab GAUGUIN seine Anstellung in der Pariser Finanzbranche auf, um
nur noch künstlerisch tätig zu sein.
Es folgten Jahre eines unsteten Wanderlebens,
das ihn zunächst nach Rouen führte, 1885 für kurze
Zeit nach Dänemark und ab 1886 in die Bretagne nach Pont-Aven.
Dort begegnete er dem Maler ÉMILE BERNARD, der neben PISSARRO den
größten Einfluss auf sein Werk haben sollte.
1887 reiste GAUGUIN mit dem befreundeten Maler CHARLES LAVAL nach Panama
und dann nach Martinique.
Wieder zurückgekehrt nach Frankreich besuchte er im Herbst 1888 VINCENT
VAN GOGH in Arles. Die beiden Künstler lebten zusammen im "Gelben
Haus" in Arles - malend und diskutierend. Der künstlerische
Einfluss GAUGUINs auf die Malerei VAN GOGHs wird als größer
angesehen als die Anregungen, die GAUGUIN von VAN GOGH empfangen hat.
Ende Dezember des Jahres kam es zu dem psychischen Zusammenbruch
VAN GOGHs, infolge dessen der Künstler sich selbst verstümmelte
und ein Stück seines linken Ohres abschnitt. GAUGUIN verließ
überstürzt Arles und kehrte nach Paris zurück.
Dort verkehrte er in den literarischen Kreisen um den symbolistischen
Dichter STÉPHANE MALLARMÉ. Unterbrochen wurde sein Leben
in Paris immer wieder von Aufenthalten im bretonischen Pont-Aven und im
benachbarten Le Pouldu.
Angewidert vom Kunstbetrieb
in Europa und auf der Suche nach einem unverfälschten Lebensraum
brach GAUGUIN im April 1891 nach Tahiti
auf. Von Marseille aus schiffte er sich ein nach Australien und kam nach
kurzen Aufenthalten in Melbourne und Sidney Anfang Juni in Papeete an.
Die Hauptstadt Tahitis verließ er rasch, um im Süden der Insel
unter den Eingeborenen zu leben und zu malen.
Doch 1893 reiste er krank und mittellos zurück nach Paris.
Erste Präsentationen seiner Bilder
aus Tahiti in Pariser
Ausstellungen waren ein finanzieller Misserfolg, erfuhren aber die
Aufmerksamkeit der französischen Kunstkritik. In seinen Pariser Ateliers
in der Rue de la Grande Chaumière und dann in der Rue Vercingétorix,
wo er mit ANNA, einer javanischen Geliebten, zusammenlebte, pflegte er
einen aufwendigen Lebensstil und umgab sich mit exotischen Gegenständen.
1895 beschloss GAUGUIN, wieder nach Tahiti zu fahren. Er verließ
Frankreich für immer. Da ihm bei seiner Ankunft in Papeete nun auch
Tahiti europäisiert erschien, plante er, rasch zu den Marquesainseln
weiterzureisen, doch blieb er zunächst auf Tahiti. Von verschiedenen
starken Krankheitssymptomen in der künstlerischen Arbeit gehindert,
versuchte er dennoch auf der Pazifikinsel sein Glück. 1897 erschien
seine Erzählung "Noa
Noa".
Anfang des Jahres 1898 unternahm GAUGUIN einen Selbstmordversuch,
der misslang. Von Krankheiten gezeichnet, verließ GAUGUIN 1901 Tahiti
und reiste zu den Marquesainseln, wo er am 8. Mai 1903 in Atuano
auf Hiva Oa starb.
Die Maler von Pont-Aven und der Cloisonismus
GAUGUINs Frühwerk zeigt
noch den Einfluss des Impressionismus, vor allem CAMILLE PISSARROs.
1886 erfolgte eine Wendung in der Malweise
GAUGUINs. Der Künstler hielt sich mit einigen Unterbrechungen bis 1888
in dem bretonischen Hafenort Pont-Aven auf, wo eine Gruppe von Malern,
unter ihnen ÉMILE BERNARD, sich versammelt hatte. Sie nahmen Einflüsse
der Volkskunst und des japanischen
Holzschnitts auf und fassten Linie, Form und Farbe als einfache
elementare Ausdrucksträger auf.
Auch GAUGUIN fand hier zu einer zeichnerisch gefestigten Flächengliederung
mit ornamentaler Wirkung und zu einer außergewöhnlichen Leuchtkraft
der Farben. Sein bekanntestes Gemälde aus diesen Jahren ist "Vision
nach der Predigt - Jakobs Kampf mit dem Engel" (1888; Bild 2).
Schwingende, dunkle Konturen, die ein rhythmisches Eigenleben auf der
Bildfläche führen, umranden flächige, intensiv farbige
Motive - wie hier die in traditioneller bretonischer Tracht gezeigten
Bäuerinnen - in einem Bildraum nahezu ohne perspektivische Darstellung.
Zugleich ist das Bild ein Beispiel für die von GAUGUIN, BERNARD und
anderen ausgeführte Malweise, die als Cloisonismus
(frz. cloison = Scheidewand) bezeichnet wird. Dabei werden die
in kräftiger Kontrastierung gesetzten Farbflächen durch schwarze
Linien umrahmt, vergleichbar der Technik des Cloisonnés in der
Emailkunst mit Bleistegen.
Bilder der Südsee
1891 war GAUGUIN zum ersten Mal nach Tahiti gereist. Seine zahlreichen
auf der Südseeinsel
entstandenen Bilder verbinden religiöse Themen der christlichen Ikonografie
mit mythologischen Motiven polynesischer Kulte; die Bildtitel waren zumeist
in der Sprache der Maori gewählt und betonten GAUGUINs Vorliebe
für das Geheimnisvolle, Rätselhafte: "Ia orana
Maria" ("Gegrüßt seist Du Maria", 1891; Bild 3),
"Manao tupapau" ("Der Geist der Toten wacht", 1892)
oder "Parahi te marae" ("Dort ist der Tempel", 1892).
In kräftigen klaren Farben sind die Bildgegenstände flächig
nebeneinander gesetzt, die Formen der Natur erhalten durch Abstrahierung
und Stilisierung ihre eigentümliche Ausdrucksstärke.
Die Kompositionen strahlen Lebendigkeit, Vitalität und Lebensfreude
ebenso wie Gleichmut und Ruhe aus. Eindrucksvolles Beispiel hiefür
ist das 1891 entstandene Gemälde "Frauen am Strand".
In ihren kräftigen Farben und
der ausdrucksstarken Bildwelt waren GAUGUINs Bilder wesentliche Anregungen
für die Maler des Fauvismus und
des Expressionismus.