Realismus
- Naturnachäffung?
Realismus ist ein schillernder Begriff. Meint er fotografische, sozusagen
mechanische Naturnachäffung? Oder ist darunter eine Naturannäherung
zu verstehen, die zwar auf Idealisierungen verzichtet, dabei aber Darstellungsspielraum
in Anspruch nimmt? Der französische Maler GUSTAVE COURBET (1819-1877,
Bild 1) war der erste Künstler, der den Realismus zu seinem Programm
gemacht hat. Anlässlich der
Weltausstellung
von 1855 in Paris zeigte er eine Auswahl seiner Werke in einem Pavillon,
über dessen Eingang er ein Schild angebracht hatte: "Le Realisme".
In einem offenen Brief von 1861 schrieb er:
"Ich halte dafür, dass die Malerei ihrem
Wesen nach eine konkrete Kunst ist und einzig in der Darstellung der wirklichen
und vorhandenen Dinge bestehen kann. Sie ist eine ganz und gar körperliche
Sprache, die sich anstelle von Worten aus allen sichtbaren Dingen zusammensetzt;
ein abstraktes, nicht sichtbares, nicht vorhandenes Ding hat im Bereich
der Malerei nichts zu suchen."
Das ist eine Absage an Klassizismus
und Romantik, auch an die Historienmalerei. Es ist eine Verpflichtung
zur Wiedergabe allein des Wirklichen - auf welche Weise immer.
Kennzeichen
des Realismus
Der
Realismus entwickelte sich
zwischen 1850 und 1900 fast überall in Europa und Nordamerika.
Künstler des Realismus wollten die
Wirklichkeit
nicht nach vorformulierten Idealen und Gestaltungsregeln überhöhen
oder vervollkommnen, sondern die sichtbare Wirklichkeit ungeschönt
darstellen, selbst von ihren gewöhnlichen und hässlichen Seiten.
Statt erfundener Ideallandschaften oder historischer Szenen zeigten die
Maler wie THÉODORE ROUSSEAU, CAMILLE COROT, KARL BLECHEN und CARL
SPITZWEG die heimische Natur oder beschauliche Momente aus dem Alltagsleben.
Der Realismus war kein einheitlicher Stil. Besonderes Kennzeichen
des Realismus ist die fortschrittliche Form, die nicht zwingend Detailgenauigkeit
fordert, sondern oft eine Verknappung oder sogar Konstruktion von Wirklichkeit
zum Ziel hat, um die Wahrnehmung von Realität zu vertiefen und eine
unsichtbare Wirklichkeit zu enthüllen.
Künstler
des Realismus
GUSTAVE COURBET (1819-1877)
Als
GUSTAVE COURBET im Salon
von 1850/51 seine
"Steinklopfer",
1849, ausstellte (Bild 2), traf er auf den erbitterten Widerstand der Kunstkritik.
Man stieß sich am Thema und an der Malweise. Das Bild beschreibt das
Elend dieser Straßenarbeiter und glorifiziert es nicht als opferbereiten
Heroismus. Das geschieht mit Mitteln ohne allen Glanz. Entsprechend wurde
das Gemälde von der Kritik herabgewürdigt: es sei hässlich
und hässlich gemalt.Erst ein halbes Jahrhundert später wurde
die politische Intention gesehen und ausgesprochen:
"Die Steinklopfer' betraten das Feld
der Kunst in der Art von Aufwieglern; die Steine, die sie auf der Straße
klopften, verwandelten sich in Pflastersteine, die Fensterscheiben zerschlugen.
Man glaubte, das ganz gemeine und schwielige Volk losstürzen zu
sehen und mit revolutionären Mitteln sein Recht auf Kunst zu fordern,
wie es vorher das Recht auf Leben auf den Barrikaden erkämpft hat."
(RICHARD MUTHER, 1906).
EDOUARD MANET
(1832-1883)
EDOUARD MANET (Bild 3) gilt
als Wegbereiter des Impressionismus. Er pflegte zwar Gedankenaustausch mit
EDGAR DEGAS, CLAUDE MONET und AUGUSTE RENOIR, aber er beteiligte sich an
keiner der Aktivitäten der Gruppe der Impressionisten. Seine
gelöste
Malweise, die helle Palette, die
leuchtenden Farben und die Wahl großstädtischer Themen machten
ihn zu einem der ersten Maler des modernen Lebens. Nicht wenige seiner Bilder
fußen auf gründlichen Studien der alten Meister in den Museen,
besonders von
TIZIAN (Bild 4),
VELAZQUEZ und GOYA.
Aus deren Werken übernahmen einige seiner Bilder das kompositionelle
Grundgerüst. So interpretierte und aktualisierte seine "Olympia"
von 1863 (Bild 5), die zum Skandalbild des Salons von 1865 wurde,
ein Gemälde von TIZIAN ("Die Venus von Urbino", 1538; Bild 6).
MANETs Bild stellt eine unbekleidete Kokotte auf ihrer Lagerstatt in Erwartung
ihres Galans dar. Aber nicht nur das unwillkommene Thema erregte das Publikum,
sondern auch die offene, teilweise skizzenhafte Malweise.
ADOLPH VON
MENZEL (1815-1905)
Eine besondere Spielart wirklichkeitsbezogener Kunst stellen die Bilder
des deutschen Malers
ADOLPH
VON MENZEL (Bild 7) dar. Er war ein unermüdlich zeichnender
Beobachter, dem schon in den 1840er-Jahren Werke gelangen, die auf den französischen
Impressionismus vorauswiesen (Bild 8).
In seinem
"Eisenwalzwerk"
(1872-1875) stellt er die schwere Arbeit in einer Eisenhütte dar (Bild
9).
Bevor er Einzelstudien zu diesem Bild machte, erarbeitete er sich in groben
Skizzen eine Vorstellung von den Arbeitsvorgängen. Er sah genau hin,
sah auch die Zusammenhänge, sah die Ausbeutung der Arbeiter, sah darin
aber auch ein heroisches Bild zeitgenössischer Giganten am Werk. Darum
wollte er ursprünglich einen anderen Bildtitel: "Moderne Cyklopen".