


Auf kunstgewerblichem Gebiet kristallisierten sich zwei antagonistische Reformauffassungen heraus, die bis heute nebeneinander existieren (Bild 1).
Stadttypus Gartenstadt
Mit sozialreformerischen Zielsetzungen konzipierte der Brite EBENEZER
HOWARD 1898 den Stadttypus "garden city" (Gartenstadt).
In der Nähe übervölkerter Großstädte sollten
eigenständige Siedlungen durchsetzt von Grünanlagen entstehen.
Damit konnten ein übermäßiges Wachstum der Städte
und die Landflucht verhindert werden. Bei einer maximalen Größe
von 30 000 Einwohnern sollte die Gartenstadt Arbeitsstätten
für die Bewohner enthalten und ein beträchtlicher Teil ihrer
Gemarkung garten- und ackerbaulicher Nutzung zugeführt werden.
Nach dem Gartenstadtprinzip
entstanden in Großbritannien nördlich von London Letchworth
(1903) und Welwyn Garden City (1920), in Deutschland Hellerau (heute zu
Dresden, 1907/08) von RICHARD RIEMERSCHMID (Bild 2). An der Wiener
Siedler- und Gartenstadtbewegung der Zwanzigerjahre beteiliggten sich
ADOLF LOOS, JOSEF FRANK, FRANZ SCHUSTER und OSKAR STRAND. Später
nannte man auch Vorstädte, die als reine Wohnbezirke angelegt worden
waren, Gartenstadt, z. B. Karlsruhe-Rüppurr, Essen-Hüttenau.
Unter dem Einfluss von JOHN RUSKIN und AUGUSTUS WELBY PUGIN suchte man die mittelalterliche Handwerksstruktur bei moralisch gebundener Ästhetik und sozialistischen Gemeinschaftsvorstellungen zu erneuern. Aus dieser Bewegung ging die 1888 gegründete Arts and Crafts Society hervor, die kunstgewerbliche Ausstellungen veranstaltete. Weit reichend war der Einfluss auf die Erneuerung des Kunstgewerbes um 1900 (Jugendstil bzw. Art nouveau), auf den Deutschen Werkbund und das Bauhaus (Bild 4).
Chicagoer Schule
Chicagoer Schule ist die
Bezeichnung für eine Gruppe von Architekten, die nach dem Großbrand
der Stadt (1871) in den 1880er- und 1890er-Jahren eine Reihe bemerkenswerter
Gebäude errichteten und Tendenzen der modernen Architektur vorwegnahmen.
Merkmale dieser Bauten sind die konsequente Verwendung des Stahlskeletts und die Suche nach einer der neuen Konstruktionsweise, die sich der funktionalen
und statischen Struktur anpasste und schlichte Gebäudeformen hervorbrachte.
Das Warenhaus Carson, Pirie & Scott (1899, 1903/04) von SULLIVAN und das Reliance Building (1890-1994, 1904) von BURNHAM und ROOT sind
Höhepunkte des Schaffens der Chicagoer Schule.
Als Second School of Chicago (Zweite Chicagoer Schule) bezeichnet man die von LUDWIG MIES VAN DER ROHE beeinflusste, Stilelemente des Bauhauses aufgreifende Wiederbelebung der Chicagoer Schule in den Vierzigerjahren des 20. Jahrhunderts.