Die Bezeichnung Stillleben
(ndrl.: stilleven, frz.: nature morte = tote Natur, ital.: natura morta)
umfasst die Darstellung lebloser oder unbewegter Gegenstände (z.
B. Blumen, Früchte, Jagdbeute, Geräte aller Art), die nach formalkünstlerischen
und ästhetischen Gesichtspunkten angeordnet sind. Der Begriff Stillleben
wurde erstmals um 1650 in einem holländischen Bilderverzeichnis erwähnt.
Dabei bilden Komposition, Form und Farbe den Schwerpunkt der künstlerischen
Gestaltung. Nach den Inhalten werden Blumenstillleben, Küchenstück
und Jagdstück unterschieden. Seit dem 17. Jahrhundert ist die Stilllebenmalerei
eine selbstständige Disziplin.
Geschichtliche
Entwicklung des Stilllebens
Motive in der Art des Stilllebens befinden sich schon in der
spätantiken
Dekorationsmalerei (Pompeji, Bild 1; Herculaneum), hingegen kaum
in der mittelalterlichen Kunst, denn die absichtslose Darstellung eines
Gegenstandes war mit ihrem Grundprinzip, der "sprechenden" Bildaussage,
nicht vereinbar. So sind die Arrangements von Pflanzen und Geräten
auf Bildern (besonders Marienbildern) Ende des 14. Jahrhunderts und
besonders im frühen 15. Jahrhundert in der Regel als allegorische
Hinweise auf das dargestellte Thema zu verstehen (z. B. JAN VAN EYCK,
ROBERT CAMPIN).
Stillleben der folgenden Zeit begegnen uns als
Teil eines größeren Ganzen (Außenseiten von Altarflügeln,
Bild 2; Holzintarsien als Wandverkleidung).
Auch einige kleinformatige, als eigenständige
Bilder überlieferte Stillleben, wie das von IACOPO DE' BARBARIS
1504 gemalte "Rebhuhn mit Eisenhandschuh und Armbrustbolzen"
und die Blumenstücke von LUDGER TOM RING DEM JÜNGEREN, dienten
wohl als Schrankverkleidungen (Bild 3).
In einem Bild von PIETER AERTSEN ("Christus
bei Maria und Martha", 1553) wird die weitere Entwicklung deutlich:
Die biblische Szene - früher Hauptgegenstand der Darstellung - wird
zum Hintergrund eines prächtig gemalten Stilllebens.
Den traditionellen Bedeutungsgehalt des
Vanitasbildes
(lat.: vanitas = Leere, nichtiges Treiben, Prahlerei, Eitelkeit) bewahrte
das Vanitasstillleben (Bild 4). Mit dem Totenkopf als Symbol menschlicher
Sterblichkeit trat die
Vanitas seit
dem 15. Jahrhundert in Zusammenhang mit Bildnissen auf und bildete
mit Motiven wie erloschener Kerze, Sanduhr, Briefen, welkende Blumen und
Insekten seit dem 17. Jahrhundert vor allem in der niederländischen
Kunst einen eigenen Typus des Stilllebens aus. Auch Einsiedler- und Büßerszenen
(Hieronymus, Magdalena) werden als Allegorien der Vanitas gedeutet.
Vanitas nimmt Bezug auf das Buch Kohelet
(Der Prediger Salomo) des Alten Testaments und symbolisiert so die Verbindung
von vollem satten Leben mit dem Tod oder Todesboten.
"Vanitas
vanitatum et omnia vanitas" =
"Eitelkeiten
der Eitelkeit, und alles ist Eitelkeit!" oder
"Es
ist alles eitel."
Zu allgemeiner
Blüte
kam das Stillleben im 17. Jahrhundert, gleichzeitig mit den emblematischen
Darstellungen, aber weniger in Italien als in Spanien und vor allem in den
Niederlanden (Bild 5). In den verschiedenen Regionen der Niederlande
entwickelten sich spezifische Stilllebenmotive, einige Maler wandten sich
bestimmten Motiven zu, so der nach seinen Blumenstücken benannte "Blumenbruegel"
(JAN BRUEGEL DER ÄLTERE).
Von der
akademischen
Kunst Frankreichs wurde
das Stillleben wegen des geringen Wertes des Gegenstandes nicht geschätzt,
dennoch gab es dort im 17. Jahrhundert einige namhafte Künstler,
die sich ihm widmeten (LUBIN BAUGIN, FRANÇOIS DESPORTES, JEAN-BAPTISTE
OUDRY). Im 18. Jahrhundert fand das Stillleben in der subtilen Kunst
JEAN-SIMÉON CHARDINs zu einem Höhepunkt (Bild 6).
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gewann das Stillleben
erneut an Bedeutung, als die Realisten
und Impressionisten ihre spezifischen
bildnerischen Mittel im Stillleben umsetzten.
Die Realisten,
an einer genauen Naturbeobachtung interessiert, lehnten eine tiefe allegorische
Bedeutung ab.
Die Impressionisten waren
weniger an den Objekten interessiert als an ihrer optischen Erscheinung
in der Atmosphäre und im Wechsel des Lichts. VAN GOGHs gegenständliche
Stillleben zeugen von einer starken Emotionalität (Bild 7).
Eine neue Sichtweise auf
die Realität und die Auseinandersetzung mit Raum- und Formproblemen
prägte die Malweise CÉZANNEs und der Kubisten, wie PICASSO
und BRAQUE, die zu einer abstrahierten Darstellung gelangten. Der gegenständlich-abbildende
Charakter des Stilllebens kam erst wieder mit den Fauves und im Expressionismus
in emotionalen, koloristisch bestimmten Bildern auf. Die diversen Ausdrucksformen
der Künstler des 20. Jahrhunderts demonstrieren neue Inhalte
der Kunstauffassung auch im Stillleben.
WILLEM KALF:
Stillleben mit Porzellandose
Der in Amsterdam tätige
WILLEM
KALF war besonders berühmt für eine Malweise, mittels derer
er die erlesenen Stücke gleichsam aus dem Dunkel des Hintergrundes
"auffunkeln" lassen konnte. Dieser "Katzenaugeneffekt"
kennzeichnet auch das Bild "Stillleben mit Porzellandose": Auf
einer marmornen, von einem Orientteppich bedeckten Tischplatte erkennt man,
in labilem Gleichgewicht vereint, einen silbernen Teller mit chinesischer
Porzellandose, ein Fruchtmesser mit einem Griff aus Achat, Obst, Gläser
venezianischer Art und eine Taschenuhr mit Uhrenschlüssel an blauem
Band (Bild 8).