

Das Leben des Künstlers
TIZIANO VECELLIO, genannt TIZIAN
(Bild 1), wurde um 1477 oder auch erst zwischen 1488 und 1490 als Sohn
einer wohlhabenden Familie in Pieve di Cadore in Italien geboren. Über
sein Geburtsjahr besteht nach wie vor Uneinigkeit, jedoch geht die neuere
Forschung von einem späteren Datum, also zwischen 1488 und 1490, aus.
Künstlerische
Ausbildung
Bereits als Zehnjähriger soll er nach Venedig
gekommen sein, um sich der Malerei zu widmen. Ausgebildet wurde er in
der Werkstatt des bekannten Meisters GIOVANNI
BELLINI (um 1430/35-1516) aus der auch GIORGIONE,
ein anderer berühmter Maler des venezianischen Cinquecento (16. Jahrhundert),
hervorgegangen ist, der ebenfalls einen Einfluss auf den jungen TIZIAN
ausübte. BELLINI gehörte zur gleichen Generation wie etwa ANDREA DEL VERROCCHIO
(1435-1488), DOMENICO GHIRLANDAJO (1449-1494) und PIETRO PERUGINO
(um 1445/48-1523).
Das Werk TIZIANs
TIZIANs Werk ist für die Kunstgeschichte nicht unproblematisch, da häufig
nicht klar ist, inwieweit seine Gehilfen und Gesellen an den einzelnen
Bildern mitgearbeitet haben, da er ihnen kaum Gelegenheit für einen eigenständigen
Stil einräumte.
Im Allgemeinen wird TIZIANs Werk in sechs
Schaffensperioden eingeteilt.
Die erste Phase geht etwa von
1508-1516 und umfasst TIZIANs Frühwerk, das noch stark durch GIORGIONE
(1477-1510) beeinflusst ist. Erste künstlerische Tätigkeiten TIZIANs
sind Fresken am "Fondaco dei Tedeschi" in Venedig, die er gemeinsam
mit GIORGIONE um 1508-1509 ausführte. Diese Fresken wurden allerdings
im 17. Jahrhundert stark beschädigt, heute sind nur noch Fragmente
erhalten, die sich im Palazzo Ducale und der Gallerie dell'Academia in
Venedig befinden.
1511 floh TIZIAN vor der Pest in Venedig und reiste nach Padua, wo er
Fresken mit Szenen aus dem Leben des Heiligen Antonius in der Scuola del
Santo malte.1512 kehrte er nach Venedig zurück. Hier errichtete er 1513
seine eigene Werkstatt bei San Samuele.
Es entstanden zahlreiche Altarbilder, Allegorien
und Porträts. 1516 starb BELLINI, und erst jetzt begann TIZIANs
große und unabhängige Malerei. Ab 1516 trat er in die Dienste von ALFONSO
D´ESTE (1476-1534), Herzog von Ferrara, Modena und Reggio
sowie Gatte der berühmten LUCRETIA BORGIA (1480-1519), nachdem
er einen Antrag, in den Dienst Papst LEOs X. zu treten, abgelehnt hatte.
Für D'ESTE malte er zwei Porträts, von denen das erste verschollen ist,
das zweite, vermutlich von 1523, befindet sich in New York im Metropolitan
Museum.
Außerdem malte TIZIAN für ALFONSO D'ESTE das
"Venusfest" (1518-19) und das "Bacchanal"
(1518-19), die sich heute im Prado in Madrid befinden, sowie "Ariadne
auf Naxos" (in der National Gallery, London).
In Ferrara lernte er auch ARIOST (LUDOVICO ARIOSTO, 1474-1533, italienischer
Dichter) kennen, den er mehrfach porträtierte. Zwischen 1516 und 1518
entstand eines der Hauptwerke TIZIANs, die sogenannte "Assunta",
die Himmelfahrt Mariens. Dieses Werk kennzeichnet auch den Beginn
der zweiten Schaffensperiode, zu
der auch die bereits erwähnten Bilder mythologischen Inhalts für ALFONSO
D'Este zählen.
Ebenso in diese Phase fallen Werke, wie die Altäre für Kirchen in Ancona
und Brescia und die bekannte "Madonna
mit Heiligen und Mitgliedern der Familie Pesaro" (1519-26).
Gestiftet wurde dieses Ölgemälde von dem venezianischen Edelmann JACOPO
PESARO, den TIZIAN gemäß der Tradition der Stifterbildnisse in seinem
Werk verewigt hat. Besonders kühn und für die Zeit ungewöhnlich ist die
Komposition des Bildes. TIZIAN setzt seine Madonna nicht, wie etwa noch
bei GIOVANNI BELLINI, in die Mitte, sondern sie erscheint am rechten Bildrand,
erhöht thronend mit dem Kind. Auch der Heilige Petrus mit dem Schlüssel
und der Heilige FRANZ VON ASSISI (zu erkennen an den Wundmalen) stehen
nicht wie bei BELLINI links und rechts neben der Madonna, sondern sie
werden von TIZIAN in die Handlung einbezogen. Diese ungewohnte
Komposition wirkt dabei jedoch keineswegs schief oder unausgewogen,
sondern wirkt durch die gekonnte Verwendung von Licht und Farbe überaus
harmonisch.
1527 lernt TIZIAN den italienischen Dichter PIETRO ARETINO (er schrieb
u.a. bissige Satiren, wie die "Wollüstige Sonette", ital.
Sonetti lussuriosi) kennen, den er für FEDERIGO GONZAGA porträtiert.1530
entsteht der "Märtyrertod Petri".
Dieses Werk kennzeichnet auch das Ende seiner zweiten Schaffensperiode.
1867 wurde es bei einem Brand zerstört.
Etwa 1530-1540 wird die dritte
Periode datiert und gemeinhin als "schöpferische
Pause" bezeichnet. In dieser Zeit entstanden vor allem die
Meisterwerke für FRANCESCO MARIA DELLA ROVERE (1490-1538 ), den Hof
von Urbino, unter anderem auch die berühmte "Venus
von Urbino" in den Uffizien
in Florenz (Bild 2). 1530 lernte TIZIAN auch Kaiser KARL V.
(1500-1558) kennen, mit dem ihn dann bis zu seinem Tod eine Freundschaft
verbindet.
1532 erhielt er von FEDERIGO GONZAGA (1500-1540) den Auftrag, nach Bologna zu reisen, wo er auf KARL V. traf, den er ebenfalls porträtierte (Bild 3). Am 10. Mai 1533 wurde er dann von Kaiser KARL V. zum Hofmaler sowie zum Grafen des Lateranischen Palastes und zum "Ritter des Goldenen Sporn" ernannt.
Die vierte Phase seines
Schaffens lag zwischen 1540 und 1550; in dieser Phase entstanden bedeutende
Porträts für Kaiser KARL, u. a. "Karl V. nach der
Schlacht von Mühlberg" (1548) und "Kaiser Karl V.
zu Pferd" (1548), in Augsburg und für die Familie FARNESE in Rom.
Außerdem wandte er sich religiösen Themen zu, die geprägt sind von einer
Steigerung des Ausdrucks und der Farbigkeit, so beispielsweise die "Dornenkrönung",
"Ecce Homo" und "Johannes
der Täufer".
Ab 1542 versuchte Papst PAUL III., TIZIAN nach Rom
zu holen. 1545 folgte TIZIAN schließlich der Einladung. Dort malte er
das Porträt des Papstes und 1545/46 die "Danae",
die ursprünglich für den Palazzo del Giardino in Parma bestimmt war
und sich heute im Nationalmuseum in Neapel befindet.
TIZIAN reiste über Florenz nach Venedig zurück.1547 wurde er von Kaiser KARL V. nach Augsburg eingeladen. Er kehrte jedoch bald wieder nach Venedig zurück. 1550 wurde diese Einladung dann von PHILIPP II. von Spanien (1527-1598) erneuert, dessen Porträt TIZIAN daraufhin malte. Für ihn entstanden auch ab 1553 die "Poesien", Werke, deren mythologische Themen auf OVIDs "Metamorphosen" beruhen. Diese Jahre zwischen 1550 und 1560 gelten als "Zeit der reinsten Malerei", neben den "Poesien" entstanden ebenfalls wieder Porträts und Bilder mit religiösen Inhalten, wie "Mater Dolorosa" und "La Gloria".
Die letzte Phase von 1560
bis 1576 bezeichnet TIZIANs Spätwerk. Er malte zahlreiche religiöse Werke,
wie "Mariä Verkündigung",
"Sündenfall" oder eine
"Maria mit Kind", sowie eine Pietà, die TIZIAN für sein
eigenes Grab geschaffen hat.
Auch für PHILIPP II. von Spanien entstanden weitere Werke wie der
"Seesieg von Lepanto". 1566
wurde TIZIAN in die Florentinische
Akademie aufgenommen.
Am 27. August starb der fast hundertjährige TIZIAN in Venedig an der Pest. Er wird in der Kirche Santa Maria de Frari beigesetzt.
TIZIAN gilt, zusammen mit TINTORETTO (d. i. JACOPO ROBUSTI, gen.
JACOPO TINTORETTO, 1519-1594) und PAOLO VERONESE (1528-1588),
als Hauptvertreter der venezianischen Malerei
des Cinquecento (16. Jahrhundert). In seinem langen Leben
legte er quasi den Weg von der Frührenaissance zum Frühbarock zurück.
Berühmt wurde er vor allem für seine Verwendung von Farbe und der wechselnden
Lichtführung, durch die er der Malerei neue Möglichkeiten eröffnete.