Stationen aus dem Leben des Künstlers
VEIT STOSS war deutscher Bildhauer,
Kupferstecher und Maler, und zählt zu den bedeutendsten Künstlern
der Spätgotik.
Er ist wahrscheinlich um 1448 im schwäbischen Horb am Neckar geboren
und wuchs in Nürnberg auf. Seine Wanderjahre
in Schwaben und am Oberrhein brachten ihn in Berührung mit der Ulmer
Bauhütte und den beiden Bildhauern HANS
MULTSCHER und JÖRG SYRLIN.
Den größten Einfluss in dieser Zeit hatte auf den jungen STOSS
die über NICOLAUS GERHAEDT VON LEYDENS
vermittelte realistische Kunst der niederländischen
Bildhauerei.
Nach seinen Wanderjahren kehrte VEIT STOSS um 1473 nach Nürnberg
zurück, wo er heiratete und auch sein ältester Sohn ANDREAS
zur Welt kam.
Die Krakauer Schaffensphase
Über die Frühwerke
von VEIT STOSS teilen sich die Meinungen der Forscher. Aus dieser Schaffensphase
des Künstlers ist nur das Kruzifix von
Rottweil gesichert.
Im Jahre 1477 verzichtete VEIT STOSS auf sein Nürnberger Bürgerrecht
und siedelte nach Krakau über. Der Krakauer
Hochaltar ist sicherlich das Meisterwerk
des Künstlers VEIT STOSS. Finanziert von den Kaufleuten der
Stadt schuf STOSS von 1477 bis 1489 mit dem Hochaltar für die dortige
Marienkirche (Bild 1) den größten
geschnitzten Flügelaltar der deutschen Gotik.
Der farbig gefasste Altar wurde aus Lindenholz geschnitzt und besteht
aus einem Mittelteil mit vier Seitenflügeln, von denen die beiden
äußeren nur nach der Schließung der beweglichen Teile
betrachtet werden können. Im Mittelschrein sind Tod und Himmelfahrt
der Maria in überlebensgroßen, vollrunden Figuren dargestellt.
1483 erließ der Krakauer Rat dem deutschen Bildhauer "um seiner
Tugend und Kunst willen" sämtliche Steuern und ernannte ihn
zum offiziellen Berater für Bauangelegenheiten.
Nach dem Tod des polnischen Königs KAZIMIERZ IV.
im Jahre 1492 fertigte VEIT STOSS aus rotem Marmor dessen Grabmal für
den Krakauer Dom an. Vier Jahre später entstand das Gnesener
Grabmal für den 1493 verstorbenen Erzbischofs ZBIGNIEW OLESNICKI.
Die Rückkehr nach Nürnberg
1496 kehrte VEIT STOSS mit Frau und Kindern nach Nürnberg zurück.
Noch im Juli des gleichen Jahres verstarb BARBARA.
1479 ging STOSS mit CHRISTINE REINHOLT
seine zweite Ehe ein. Aus den beiden Ehen entstammen etwa 12 Kinder.
In den Jahren 1500 bis 1503 fertigte STOSS für die Pfarrgemeinde
Schwarz in Tirol einen Mariae-Himmelfahrt-Altar
an, von dem nur noch zwei Gesprengefiguren erhalten sind.
Der bürgerliche Abstieg
Eine Urkundenfälschung
führte 1503 zum bürgerlichen Zusammenbruch von VEIT STOSS. Nachdem
er die Unterschrift und das Siegel eines Kontrahenten imitiert hatte,
wurde er am 10. November 1503 zu einer Haftstrafe
im Lochgefängnis verurteilt und mit der Durchstoßung beider
Wangen öffentlich gebrandmarkt.
Zusätzlich zu den 800 Gulden Schadenersatz, die STOSS seinem
Widersacher zahlen musste, war ihm auferlegt, die Stadt Nürnberg
nicht ohne Genehmigung des Rates zu verlassen.
STOSS büßte für längere Zeit Werkstatt ein. Seine
Schüler verließen ihn und die Auftraggeber wandten sich von
ihm ab.
Das künstlerische Wirken
Trotz Verbot floh er 1504 aus Nürnberg nach Münnerstadt, wo
er mit der Verzierung und Bemalung des von TILMAN
RIEMENSCHNEIDER angefertigten Magdalenen-Altares
beauftragt wurde. Im Stil der Zeit bemalte STOSS Figuren, Reliefs und
Gehäuse. Für die Rückseite der Altarflügel fertigte
er vier Tafeln an, auf denen er die Geschichte vom Martyrium der Frankenapostel
KILIAN, KOLONAT und TOTNAN erzählte.
Da vom Maler VEIT STOSS nur sehr wenige Bilder erhalten sind, nehmen die
Münnerstädter
Tafeln eine wichtige Stellung ein. Nach dem Abriss des RIEMENSCHNEIDER-Altares
im Jahre 1649 wurden die Flügeltafeln von STOSS als eigenständige
Kunstwerke in der Stadtpfarrkirche Münnerstadt bewahrt, und sind
heute an der linken Seitenwand des Chores zu besichtigen.
Weil er entgegen den Anordnungen Nürnberg verlassen hatte, wurde
VEIT STOSS 1506 erneut verhaftet. Seine
Lage besserte sich, als der kunstfreudige Kaiser
MAXIMILIAN I. ihn im September 1506 begnadigte.
Seitdem bekam STOSS wieder größere Aufträge.Von
1505 bis 1507 arbeitete STOSS an dem Apostel
ANDREAS im Ostchor der Sebalduskirche in Nürnberg. Den Paulus
der Nürnberger Lorenzkirche stellte
er 1513 fertig.
1512 zog Kaiser MAXIMILIAN den Nürnberger Bildhauer bei der Planung
des mit Bronzefiguren umstellten Kaisergrabes
in der Hofkirche in Innsbruck heran. Die Nürnberger Rotgießer
verweigerten STOSS jedoch die notwendige Mitwirkung, sodass vermutlich
nur die Grabmalfigur der ZIMBURGIS VON MASOWIEN von VEIT STOSS stammt.
Im Auftrag von RAFFAEL TORRIGIANI fertigte STOSS im Jahre 1516 die Raphael-Tobias-Gruppe
an, die sich heute im Germanischen Nationalmuseum
in Nürnberg befindet.
Im gleichen Jahr entstand der
Heilige Rochus für die Annunziatakirche in Florenz, den GIORGIO
VASARI als ein "Wunder der Holzarbeit" bezeichnete.
Im Chor der Nürnberger St. Lorenzkirche hängt der
"Englische Gruß",
eine kolossale Vollfigurengruppe, die 1517 von ANTON TUCHER gestiftet
wurde. Dieses beeindruckende Werk spätmittelalterlicher Holzschnitzkunst
zeigt, eingerahmt von 55 Blüten des Rosenkranzes, die Verkündigung
an Maria durch den Erzengel Gabriel. Die Medaillons der Umrahmung geben
die sieben Freuden der Maria wieder.
Oben erscheint Gottvater, und ein Engel betrachtet die beiden auf Wolken
stehenden 2,20 m hohen Hauptfiguren. Das Kruzifix auf dem Hauptaltar
der Kirche stammt ebenfalls von STOSS.
In den Jahren 1520 bis 1523 schuf VEIT STOSS mit dem "Bamberger
Altar" seine letzte
große Arbeit. In diesem Werk zeigen sich bereits deutlich
die neue Raum- und Körperauffassung der Renaissance.
Das Schreinrelief dieses Altars war dem Weihnachtswunder gewidmet.
Die letzten Lebensjahre
Infolge der Reformation kam
das mit den Stiftungen für Kirchen zusammenhängende künstlerische
Schaffen weitgehend zum Erliegen, sodass auch VEIT STOSS in seinen letzten
zehn Lebensjahren kaum Aufträge erhielt. In diesen auftragsarmen
Zeiten verkaufte STOSS an seinem Stand an der Nürnberger Frauenkirche
auf Vorrat geschaffene Kleinkunstwerke.
Von den dabei veräußerten grafischen Blättern sind lediglich
zehn Kupferstiche mit seinen
Initialen erhalten.
1525 wurde STOSS aufgrund seiner reformationsfeindlichen
Ansichten der Stadt Nürnberg verwiesen. Im folgenden Jahr
reiste der inzwischen 78-Jährige nach Breslau, wo ihn die Nachricht
vom Tod seiner Frau erreichte.
Am 22. September 1533 starb VEIT STOSS als vereinsamter, verarmter
Mann in Nürnberg. Sein Grab befindet
sich auf dem Johanniskirchhof.