

Wegbereiter der Moderne waren:

Entwicklung der modernen Kunst des
20. Jahrhunderts
Die Entwicklung
der modernen Kunst des 20. Jahrhunderts - vom gegenwärtigen
Standpunkt aus auch oft als "klassische Moderne" bezeichnet
- reicht mit ihren Ursprüngen weit bis ins 19. Jahrhundert zurück.
Die mimetische Funktion
der Kunst (Mimesis = nachahmende Darstellung der Natur), die nachahmende,
gegenständlich-naturalistische Abbildung in der Malerei, war durch
die Erfindung der Fotografie vor neue
Herausforderungen gestellt worden. Auch die gesellschaftlichen Entwicklungen
führten zu einem facettenreichen, oft unversöhnlich-gegensätzlichen
Kunstpluralismus, der durch den Wandel in der gestalterischen Entwicklung
der individuellen Künstler noch vielfältiger wurde. Gemeinsame
Grundlinie aller Bestrebungen blieb jedoch der ständige Kampf um
die Freiheit der Kunst
und der Anspruch auf Befreiung des Individuums aus seinen inneren und
äußeren Zwängen. Obwohl die "moderne Kunst"
besonders in ihrer Entwicklung zur "abstrakten" Malerei meist
als überwiegend formale Kunst und als Gegensatz zu allen Arten "realistischer"
- abbildender Malerei gesehen wird, zeigen gerade die inhaltlichen
Themen oft die tiefe Sehnsucht nach einem neuen Menschen in einer besseren,
natürlichen Umwelt.
PAUL CÉZANNE (1839-1906, Bild 3), PAUL GAUGUIN (1848-1903, Bild 2) und VINCENT VAN GOGH (1853-1890) gingen in ihrer Malerei über den Impressionismus hinaus und wurden zu Wegbereitern der Moderne. VAN GOGH schrieb zu seiner Arbeitsweise,
"Ich habe Augenblicke, in denen die Begeisterung bis zum Wahnsinn oder zur Prophetie gesteigert ist. Anstatt, dass ich das, was ich vor mir habe, genau wiedergebe, bediene ich mich willkürlicher Farben, um mich stark auszudrücken" (VINCENT VAN GOGH).
Suche nach dem "Ursprünglichen"
Auf der Suche nach dem "Ursprünglichen" entdeckten Künstler
und Kunstwissenschaftler die bis dahin unbeachteten Werke naiver Kunst.
Die Gemälde des pensionierten Zollbeamten HENRI ROUSSEAU (1844-1910,
Bild 1) nehmen dabei eine Schlüsselstellung für die weitere
Entwicklung der Kunst im 20. Jahrhundert ein. In seinem Bemühen,
das Erlebte, das Erdachte und das Erträumte möglichst eindringlich
und überdeutlich darzustellen, verändert er die Größenverhältnisse,
um die Bedeutung der für ihn wichtigen Einzelheiten zu betonen. Starke
Hell-Dunkel-Kontraste und magische Farben lassen eine wie verzaubert wirkende
Traumwelt entstehen, die zu einer Reise in die Erinnerungen und Träume
der eigenen Kindheit einladen. Die Maler des Expressionismus, des Kubismus,
des Surrealismus und des magischen Realismus berufen sich auf die naive
Kunst und machen sie so zu einer bedeutenden Quelle ihres Schaffens.

Gestaltungskraft der Kinder
Auch die naive Schaffensfreude und unbewusste Gestaltungskraft der Kinder
fand wieder eine neue, verstärkte Beachtung. Schon zur Zeit der Aufklärung
und der Romantik wurde die eigenständige Fantasie der kindlichen,
bildnerischen Tätigkeit entdeckt, doch erst um 1900 entfaltete sich
mit der Kunsterzieherbewegung
ein systematisches, pädagogisches sowie psychologisches Interesse
an der Pflege der schöpferischen Kräfte der Kinder. Ausstellungen
wie "Das Kind als Künstler" in
Hamburg 1897 und Veröffentlichungen wie "Der
Genius im Kinde" entdeckten die Kinderzeichnung
als eigenständiges Ausdrucksmittel. Der erste Kunsterzieherkongress
in Dresden 1901 fand mit seinen Forderungen nach einer musisch-ästhetischen
Erziehung großen Widerhall innerhalb und außerhalb der Schule,
und seine Empfehlungen mündeten in die Reformbewegung der 1920ger-Jahre.
Die Folgen dieser psychologischen Erkenntnisse wirken auch auf die Kunst
zurück und finden sich in Bildern des Expressionismus und des Surrealismus
wieder.
GIORGIO DE CHIRICO (1888-1978) schrieb 1911:
"Wenn ein Kunstwerk unsterblich sein soll, muss es alle Schranken des Menschlichen sprengen: Es darf weder Vernunft noch Logik haben. Auf diese Weise kommt es dem Traum und dem Geiste des Kindes nahe."