
Afro Beat trifft Celtic Music
Ab 1996, am Ende der Neuerungen von "Rock trifft auf traditionelle
irische Musik" und zeitgleich auf dem Höhepunkt des weltweit
vermarkteten irischen Tanztruppe RIVERDANCE, begann das neue Unternehmen
AFRO CELT SOUND SYSTEM,
eine experimentellen Gruppe, welche keltische Musik ("Celtic
Music") traditioneller Herkunft mit afrikanischen Rhythmen
und Techno-Beat zusammenbrachte.
Celtic Music - von traditional
bis River Dance
Celtic Music
ist innerhalb der World Music eine Sammelbezeichnung für irische
und schottische Musik. Die Bezeichnung bezieht sich historisch auf ein
keltisches Erbe und auf keltische Sprachen.
In einem neu erwachten Bewusstsein gilt das inselkeltische Kulturerbe
als Symbol der Einheit zwischen den gälisch sprechenden Iren und
Schotten, den walisisch bzw. bretonisch Sprechenden im englischen Wales
bzw. in der französischen Bretagne.
Die Wiederbelebung der irischen traditionellen Folkmusic erfolgte in den 1970er Jahren durch Gruppen wie PLANXTY, den BOYS OF THE LOUGH und der BOTHY BAND.
Das jährliche inter-keltische Festival in Lorient in der Bretagne feiert diese neue kulturpolitische Solidarität inzwischen seit über 10 Jahren. Neben anderen "keltisch" orientierten Festivals in Irland, Schottland und Wales, Galizien und Asturien bietet sich bei solchen Ereignissen die Möglichkeit an, sich gegenüber den dominanten Kultureinflüssen Englands, Frankreichs und Spaniens mit den Mitteln einer marginalisierten Kultur symbolisch zu artikulieren.
Fidel, Flöte, Tin oder Penny Whistle, irischer und bretonischer Dudelsack (bombarde und uillean pipe), bretonische Oboe (biniou), Concertina, Akkordeon, Mandoline, amerikanisches Banjo, walisische Harfe (Crwth), griechische Langhalslaute (Bouzouki) und irische Rahmentrommel (Bodhrán) prägen die keltische Folkmusic, Tanz und Gesang sowohl in ihren traditionellen als auch modernisierten Stilen.
Um 1990 setzte die Crossover-Gruppe CLANNAD Synthesizer und Trommel-Programme ein, indem sie eine Art mystische Stimmung herbeiführten, welche die "Celtic Music" in die Nähe von New Age brachte.
Die Mega-Shows "Riverdance" und "Lord of
the Dance" transformierten schließlich traditionell irische
Elemente in moderne synkretistische Formen.
Riverdance startete 1995 und
wurde für ein Zielpublikum auf dem weltweiten Markt und zuleich für
den Broadway konzipiert. Choreografie, Balletteinlagen, Chorusline, Lichteffekte,
große Soundsysteme und Anleihen an osteuropäische Rhythmen
vermischten sich mit traditionellen irischen Stereotypen. Involviert waren
80 Tänzerinnen und Tänzer, davon dreißig irische Stepptänzer
und eine große Gruppe traditioneller irischer Folkmusiker. Es wirkten
des weiteren mit Mitglieder der Dubliner Gesangsgruppe ANÚNA, das
Moskauer FOLK BALLETT, das DELIVERANCE ENSEMBLE von Atlanta, die Flamenco-Tänzerin
MARIA PAGE, der Gitarrist RAFAEL RIQUENTI, amerikanische Stepptänzer
und der ungarischer Musiker NIKOLA PAROV mit Dudelsack (Gaita) und Flöte
(Kaval). Thematisiert wurden traditionelle Symbole (reel-
and jig-Melodien), das irische Leben, geprägt von Nationalismus
und Emigration irischer Auswanderer.
Andere Musikgruppen integrierten zur irischen Musik Pop und Rock oder wie die irisch-amerikanische Gruppe BLACK 47 Rock, Rap und Jazz. "Celtic Musik" bezeichnet heute jede denkbare Kombination von "keltischer" Musik mit unterschiedlichsten Formen der "Weltmusik", wozu gleichsam als fernste Kombination seit 1996 auch das Afro Celt Sound System gehört.
Afro Celt Sound System
Das Afro Celt Sound System
ist eine Fusion von keltischen und afrikanischen Elementen mit moderner
Elektronik. Fusioniert werden irisch-gälischer Musik mit afrikanischen
Rhythmen und Instrumenten und mit moderner Tanzklubmusik zu Keyboard,
Dancefloor Samples und Dubbing.
Zum irisch klingenden Teil der Gruppe (kurz: AFROKELTEN)
gehören der meist in Gälisch singende sean
nós-Sänger IARLA
OLIONARD und der Bodhrán- und Whistle-Spieler JAMES
MCNALLY sowie die Piperin EMER
MAYOCK.
Die Afro-Klänge steuern die Gastmusiker MOUSSA
SISSIKO aus Guinea (talking drums, djembe)
und NFALY KOYATE
aus Nigeria (kora) bei. Diese sind - mit
den Worten des von SOMON EMMERSON, dem Erfinders von AFRO CELT SOUND SYSTEMS
- "Nomaden, spielen mal hier, mal dort".
SOMON EMMERSON selber ist
nicht nur Erfinder, sondern auch Produzent der Gruppe und spielt zudem
Gitarre und Keyboard. JOHNNY
KHALSI scheint mit seinem Turban und Vollbart ein Pandschabi zu sein,
ist aber in Kenia aufgewachsen, lebt inzwischen in London und spielt die
indischen Dhol-Drums.
Im Unterschied zu der belgischen Ethnopop-Gruppe DEEP FOREST verwenden die Afrokelten beim Disco-Sound keine Samples, die sie vorher nicht selber eingespielt haben. Schlagzeug, Bass und Keyboard werden nicht live vorgetragen, sondern kommen wie die meisten Klänge aus dem DAT-Recorder.
Afro-irische Ethno-Elemente, Live-Instrumentalspiel, Musik-Samples und Surround Mixes synthetisieren sich zu einer exquisiten und zugleich kommerziellen Mischung aus New Age, Postrock und Global Dancefloor. Nach EMMERSON gibt es für AfroKelten keine Regeln und man arbeitet auch nicht mit einem ausschließlichen Genre. Wenn es so etwas gäbe, wäre es im wesentlichen die eklektische Sache von World Fusion mit einem acht Minuten dauernden ambient-dubbing und der Magie des musikalischen Morphing, wo man sich innerhalb einer Minute in einem folk club wähnt und in der nächsten bereits in einem techno rave.
Transmigranten der Weltmusik
Die Projekte der AfroKelten sind europäisch mit irischen Musikern,
von einem britischen Produzenten organisiert, in London beim Virgin Real
World Label für einen Weltmarkt herausgegeben und mit afrikanischen
Künstlern als überseeische Gäste (oder vielleicht doch
"Gastarbeiter" ?) inhaltlich bereichert worden. Künstler
gehören in der "world music" und insbesondere auf ihren
Welttourneen zu den modernen Transmigranten des Jetsets. Sie sind hier
und dort, Botschafter von Marketing-Projekten einerseits und das Ergebnis
von Kulturdialogen andererseits, sie sind jene Grenzgänger, die die
Dynamik des globalen Flusses über die Grenzen hinweg aufrechterhalten
und zugleich das Widerständig-Regionale als differenzierendes Merkmal
in das Patchwork eines weltweit agierenden Netzwerkes von Tourneen, Verkaufscharts
und Vertriebssystemen einfließen lassen.
Die universale Botschaft der AfroKelten lautet: Ob Ire oder Afrikaner, als Menschen sind wird alle gleich, als Künstler und Kulturschaffende jedoch sind wir verschieden in unserer regionalen Verortung. Im Kulturdialog der Transmigranten ließe sich für die Zukunft etwa erahnen, dass weder der Universalismus ("wir sind alle gleich") noch der Relativismus ("wir sind alle anders") eine schlüssige Antwort sein kann, sondern vielmehr das dialogische Dazwischen, im hörbaren Erkunden des Gemeinsamen in der Differenz von Individualität und Solidarität.