











Musikalisches Handeln und Denken als
Gegenstand der Dokumentation
Der Untersuchungsgegenstand
der ethnomusikologischen Feldforschung umfasst - ganz allgemein
ausgedrückt - das Musiksystem oder die Musiksysteme einer Ethnie,
d.h. die Summe von Normen, Werten, Vorstellungen, von Sprechen und Denken
über Musik, sowie die expressiven Symbole (Töne, Worte, Zeichen
und Gegenstände der Musik), ganz allgemein die Konzeptualisierung
des musikalischen Handelns und Denkens.
Die zentralen Tätigkeiten des Ethnografen lassen sich mit Kategorien des (teilnehmenden) Beobachtens, Befragens und Protokollierens umreißen, wobei das Aufzeichnen mittels digitaler Klang- oder Videogeräte als Sonderform des Protokollierens, d.h. als instrumentell vermittelte Beobachtung verstanden werden kann. Wenn man sich anschickt, Musik, Tanz oder Gesang zu beschreiben, so stützt man sich bewusst oder unbewusst auf eine bestimmte Verfahrensfrage. Gefragt wird nach der Motivation eines bestimmten musikalischen Handelns. Man setzt sich mit den Absichten, Zielvorstellungen und Motiven des Musizierens, Tanzens und Singens auseinander, um verstehen zu können, warum eine spezifisch musikalische Handlung vollzogen wird.
1. Das Fragen nach Zweck,
Mittel und Conclusio
Was ist der Zweck (Z),
die Absicht bzw. das Handlungsziel der Musiker? Welche musikalische Handlung
oder Performanz wird als Mittel
(M) eingesetzt und welche Schlussfolgerung
(Conclusio
C) wird daraus gezogen?
An einem Fallbeispiel, einem Tanz bolivianischer Indios aus dem Andenhochland, soll dies veranschaulicht werden:
Zweck (Z): Indios bzw.
Bauern aus Llaura Llokolloko (in der Provinz Pacajes, im Departament La
Paz) haben die Absicht, Regen für die nächste Anpflanzzeit herbeizuführen.
Mittel (M): Das Mittel hierzu wird
von den Indios in einem festlichen Ritus zu Ehren der "Mutter Erde"
(Pachamama) gesehen, verbunden mit Opfergaben als Dank an sie und
der gleichzeitig damit zum Ausdruck gebrachten Bitte, sie möge in
Gegenleistung den fürs Wachstum wichtigen Regen herbeizuführen,
so dass die Erde und Ernte fruchtbar bleiben werde.
Conclusio (C): Folglich kommen die
Indios zusammen, um für "Mutter Erde" (Pachamama)
einen Bändertanz (chokela) auszuführen
(C), auf dessen Höhepunkt die ch'allaku
erfolgt. Hierbei werden Opfergaben in Form von Coca, Maisbier, Weihrauch,
Tanz, Musik und Gesang der Pachamama symbolisch dargereicht. Dies geschieht
unter den von einer Trommel (caja) begleitenden
Klängen von Kerbflöten (chokelas)
zur Ausführung des Bändertanzes (danza de
cintas) im Kontext der rituellen Opferzeremonie und der tänzerisch-pantomimischen
Darstellung einer Vikunja (vicuña)-Jagd
(s. Hörbeispiel 1, Aufnahme von MAX PETER BAUMANN, Bolivien,
1979; s. auch Bild 1).
Gesangstext (aus dem Aymara übersetzt):
Kommentar zum Hörbeispiel chokela:
Die 12 Kerbflöten (Chokelas),
Quenas)
und die große Trommel (Caja oder Bombo)
werden von 13 Musikern gespielt und begleiten 11 Tänzerinnen und
weitere vier Tänzer sowie den Gesang von vier Frauen und einem Mann.
Die Musik stammt aus der Aymara sprechenden Gemeinde Llaura Llokolloko
in der Provinz Pacajes (Department von La Paz).
Der Aymara-Tanz ist ein Bändertanz (danza de
cintas, Bild 2) und
wird als musikalische Opfergabe der als "Mutter Erde" verehrten
Pachamama dargebracht. Musiker, Tänzerinnen und Tänzer tanzen
im Kreis um einen in der Mitte stehenden Pfahl. Von diesem gehen rote,
grüne und gelbe Bänder aus, die von den Tanzenden mit einer
Hand gehalten werden und so wie die Speichen eines Rades ein Netz bilden.
Die Bänder werden während des Tanzens miteinander durch geschicktes
Überkreuzen verflochten, sodass an dem oberen Ende der Pfahlspitze
ein kunstvolles Bändergeflecht entsteht, das man das Auge des Puma
(puma naira) nennt. Das mythologische Symbol
bezeichnet Stärke und Fruchtbarkeit. Das Netz repräsentiert
zugleich das Jagdnetz, mit dem die wild lebenden Vicuñas (kleinwüchsige
Lamas) der feinen Wolle wegen zum Scheren eingefangen werden. Der Trommler
ist als Fuchs (k'usillo) verkleidet, der für
die Jungtiere der Vicuñas ständig eine drohende Gefahr darstellt.
War der Tanz früher ein Tanz der Jäger und Sammler, der -
wie vermutet wird - ein alter Ritus aus dem Tiwanaku-Gebiet in der
Region um den Titicacasee darstellt, so hatte er in der Kolonialzeit einige
Veränderungen erfahren. Seine Bedeutung liegt inzwischen vor allem
darin, der "Mutter Erde" Dankesopfer darzureichen (Prinzip
des Gebens) und eine Bitte um Regen für das Ackerland auszudrücken.
Auf dem Höhepunkt des Tanzes werden neben Musik, Tanz und Gesang
Pachamama weitere Opfergaben wie Coca-Blätter, Maisbier (chicha),
Weihrauch (q'oa) in allen vier Himmelsrichtungen
dargereicht und mit der Bitte verknüpft, Pachamama möge auch
im nächsten Jahr eine gute Ernte schenken (Prinzip
des Nehmens).
2. Beobachten, Befragen,
Interpretieren und Verstehen
Beobachtet wird vorerst eine musikspezifische Handlung als Conclusio.
Im vorangehenden Beispiel ist es die fortschreitende Tanzhandlung der
chokela (C),
die man als Außenseiter mit eigenen Augen und eigenen Ohren beobachten
und hören kann. Das Beobachten und Hören von Musik und Liedtexten
alleine gibt allerdings noch keine Auskunft darüber, wozu der Tanz
dient, in welchem kulturspezifischen Kontext die musikalische Handlung
vollzogen wird und welche Funktion er innerhalb eines Mittels zum Zweck
erfüllt.
Über die empirisch beobachtbare Conclusio wird der Ethnograf deshalb
zur Befragung der Musiker-Gruppe fortschreiten,
um in Interviews zu erfahren, dass mit dem Mittel der Pachamama-Verehrung
(M), der von der Gruppe beabsichtigte
Zweck erreicht werden soll, den notwendigen Regen zur Subsistenzsicherung
für die nächste Anpflanzzeit zu erhalten (Z).
Die ethnomusikologische Feldforschung unterscheidet demnach die drei Ebenen des Beobachtens, Befragens und (interpretierenden) Verstehens.
3. Notative und intentionale
Betrachtungsebenen
Es ist wichtig, in der Ethnografie diese einzelnen Schritte auseinander
zu halten, um den ganzen Zusammenhang des Erklärens bzw. Verstehens
im Hinblick auf die Aussagekraft vor Augen zu haben.
4. Protokollsätze
oder Protokollaussagen
Protokollsätze
oder Protokollaussagen sind Aussagen,
welche das Vorkommen von Phänomenen, d.h. von sinnlich beobachtbaren
Ereignissen feststellen. Sie gehen aus der Beobachtungssituation des Feldforschers
hervor. Eine Protokollaussage enthält empirisch überprüfbare
Angaben zur musikalischen Handlung wie Zeitkoordinaten; Raumkoordinaten;
Umstände; Beschreibung des Phänomens. In der Praxis enthält
sie zudem noch den Namen des Beobachters. Um die Protokollaussage in eine
etwas praktikablere und systematische Form zu bringen, kann man diese
mit wenigen Abkürzel wie folgt umreißen:
Wer kommt mit Wem zusammen,
um Wann, Wo und mit Was, Welche musikalische Handlung zu vollziehen?
Beispiel eines einfacher Protokollsatzes (bzw. Basissatzes aus der Beobachtung
des oben erwähnten Chokela-Tanzes):
Selbstverständlich wäre
jede einzelne Protokollaussage noch detaillierter zu fassen. So könnte
zu jedem einzelnen Fragepunkt die Einzelbeobachtung exakter in eine Folge
von Aussagen gegliedert werden, wie etwa zur Beobachtung des ungefähren
Alters der Tänzerinnen und Tänzer; ihre Trachten können
in einfachsten Aussagesätzen beschrieben, die Zeit kann genauer angegeben,
der Ort der Handlung präziser bestimmt werden; die Musikinstrumente
können im Detail gezeichnet und abgemessen sowie die einzelnen Tanzschritte
und Tanzfiguren aufgelistet werden usw.
Schon diese kurzen Hinweise genügen, um anzuzeigen, dass im strengen
Sinn Protokollaussagen nie das Ganze der Ereignisse vermitteln können,
da sie schon durch die selektive Wahrnehmung eine Eingrenzung vornehmen.
Der Protokollsatz ist im besonderen das Ergebnis von Einzelwahrnehmungen,
die unter dem Gesichtspunkt aufgezeichnet werden: Was
ist der Fall?
Protokollsätze
sind noch keine Erklärungen, sie geben noch keine Auskunft auf die
Frage: Warum ist etwas der Fall? Protokollsätze
sind die Ergebnisse wiederholter Wahrnehmungen. Innerhalb der ersten Phase
der Datenerhebung, aus welcher sich die Ergebnisse der Protokollsätze
herleiten, kann folgender Aufbau festgestellt werden:
Wahrnehmen - Beobachten - Protokollieren
5.
Motivation: Warum ist etwas der Fall?
"Allem Anschein nach muss nämlich jede Wissenschaft am Anfang
erkunden, was der Fall ist, ehe sie sinnvoll fragen kann, warum es sich
so und nicht anders mit ihm verhält" (ELISABETH STRÖKER
1973).
Beobachtungsdaten
gehören in der Feldforschung zu den konstituierenden Elementen, mit
denen man erst auf die Idee kommt, was innerhalb der wissenschaftlichen
Tätigkeit erklärt bzw. verstanden werden soll.
Mit dem Umreißen
der notativen Betrachtungsebene als eine Form des protokollierenden Beobachtens
von sinnlich wahrnehmbaren Ereignissen können zwar Tanzbewegungen
beschrieben, Hörbares in Sprache oder Transkriptionen umgesetzt und
einzelne musikalische Phänomene in Aussagen wiedergegeben werden,
ohne dass man das Beobachtete deshalb auch verstehen müsste. Auf
die Frage, warum etwas der Fall ist, geben die aufgelisteten Beobachtungen
in den wenigsten Fällen Auskunft, da es eine Frage nach der Motivation
menschlichen Handelns ist und diese ist nur durch Befragen der Musiker
feststellbar.
Bei dem oben erwähnten bolivianischen Bändertanz kann man den Formverlauf, die Instrumente, die gespielt werden, und alle weiteren Ereignisse beobachten. Doch was der Trommler zur Begleitung der Kerbflöten in seiner Verkleidung bedeutet (Bild 6), ist nicht beobachtbar, ebenso nicht die einheimische Terminologie der Instrumente und die musikalischen Konzepte der Musiker, geschweige denn was das der Zweck des Musikmachens darstellt. Es ist zwar möglich, den maskierten Trommler mit unseren Beobachtungsbegriffen als "teufelähnliche Gestalt" zu beschreiben. Aber bereits diese Art der Beschreibung bewirkt eine inhaltliche Aussage, die nicht zutreffend ist.
Die aus einem eurozentrischen Verständnis
heraus als "teufelähnliche Gestalt" interpretierte Tanzfigur
entpuppt sich nach der Befragung im fremdkulturellen Kontext als "Fuchsgestalt"
(k'usillo).
Hier muss die Befragung auf die fremdkulturelle Ebene hinzielen, um einerseits
den intentionalen Begriff für die "teufelähnliche Gestalt"
zu erhalten und den Begriff mit kulturadäquaten (emisch verstandenen)
Inhalten zu füllen. Erst auf diese Weise wird offenbar, dass die
vollzogene Beobachtung unter einer falschen Prämisse stattgefunden
hatte, dass dieser "teufelähnliche" Tänzer in Tat
und Wahrheit einen k'usillo repräsentiert,
einen Fuchs.
Die Beobachtungen in einer fremden Kultur können mit der Befragung
von Informanten und über den Erfahrungsbereich innerhalb der entsprechenden
Kultur richtig verstanden werden, da Wahrnehmen und Beobachten letztlich
auch auf kulturspezifischen Konventionen beruhen. Beobachtungen im fremdkulturellen
Umfeld werden im Hinblick auf die Motive des musikalischen Handelns erst
dann richtig interpretierbar, wenn die Befragung der Informanten (Musiker)
nach deren Intentionen hinzutritt. Ziel der intentionalen Betrachtungsebene
muss es demgemäss sein, mit den Augen
und Ohren der anderen Kultur beobachten und hören zu lernen.
Diese Idealvorstellung wird vermutlich in den wenigsten Fällen eingehandelt
werden, ist aber vorerst anzustreben. Mit der intentionalen Betrachtungsebene
wird im Grunde genommen das gesamte musikalische Konzept der Fremdkultur
in ihrem eigenen Begreifen und Denken zu Worte gebracht (kulturimmanente
bzw. emische Betrachtungsebene).
6.
Beobachten und Verstehen: Auch das Auge der Kamera interpretiert die Welt
Das anglo-sächsische "Seeing is believing" ("Was ich
sehe, an das glaube ich") hat immer schon auf eine allzu unkritische
Hinnahme des Sehens bzw. Beobachtens verwiesen. MELVILLE J. HERSKOVITS
hatte das kulturspezifische Vorverständnis schon im simplen "Beobachten"
auf markante Weise thematisiert, wenn er schreibt:
"Mehr
als ein Völkerkundler hat von der Erfahrung berichtet, die er machte,
wenn er eine scharfe Fotografie eines Hauses, einer Person, einer vertrauten
Landschaft Menschen zeigte, die in einer Kultur lebten, die keinerlei
Kenntnis von der Fotografie besaß. Sie berichteten, wie der Eingeborene
bei seinem Versuch, dieses für ihn bedeutungslose Arrangement verschiedener
Grauschattierungen auf einem Stück Papier zu interpretieren, sich
das Bild in den verschiedensten Blickwinkeln vor Augen gehalten habe,
wie er es sogar umgedreht habe, um die Rückseite zu inspizieren.
Denn selbst die schärfste Fotografie ist nur eine Interpretation
dessen, was die Kamera sieht."
(vgl. MELVILLE J. HERSKOVITS,
Man and His Works, New York 1948).
Wir interpretieren und verstehen die Welt nicht nur mit einem mentalen, sondern auch mit einem inzwischen technologisch bestimmten Auge und sind zugleich eingewoben in den subtilen "Brainwash" der eigenkulturellen Konstrukte, aber auch der szientistischen Paradigmata wissenschaftlicher Communities, die über Leitbilder funktionieren. Über Leitbilder wirken verstärkt auch gruppenspezifische und massenmediale Einwirkungen, seien diese nun größere oder kleinere Ideologiekonstrukte wie etwa jene von "Wahrheit und Methode" oder von besonderen "Leitkultur"-Anmaßungen religiöser, politischerer oder ästhetischer Prägung.
7. Feldforschung zur Musik in der eigenen Umgebung
Diese und weitere Fragen gehören zum Kernbestand von Interviews.
8.
Gruppeninterviews, Fragebogen und Archivierung
Die folgenden Formblätter
sollen als kleine Anregung zur musikalischen Feldforschungsdokumentation
in der eigenen Umgebung anregen.
Je nach Situation und Vorhaben können die einzelnen Fragen übernommen, abgeändert oder erweitert werden.