
Chicha aus den Stadtvierteln
von Lima
Chicha-Musik oder auch cumbia
andina ist eine urbane Fusion der kolumbanischen cumbia
der Küste mit Melodien und Liedern aus dem Andenhochland. Chicha-Musik
entstand in den 80er-Jahren in den Stadtvierteln und Slums von Lima.
Ein Sänger wird von elektrischen Gitarren, Bass, Keyboard oder Synthesizer
begleitet und von karibischen Perkussionsinstrumenten wie Bongos (Bild
1) und Timbales (mit Kuhglocke) rhythmisch unterstützt.
Der rurale Stil der pentatonischen Melodien sowie die Struktur der Lieder
basieren auf dem indianische wayno des Hochlandes,
der städtische Rhythmus auf der cumbia
der tief gelegenen Küstenregion.
Der Name "chicha" leitet sich von dem traditionellen Maisbier her, das seit der Inkazeit das typische Getränk der Andenhochländer ist. Im Zusammenhang mit den Festen, die in dem traditionellen Restaurant, der chichería, gefeiert wurden, entwickelte sich im städtischen und sozial angespannten Umfeld unter den vom Land herbeigezogenen Arbeitsmigranten zahllose Tanzlokale, die Bailódromos und später dann die Chichodrómos, in denen getanzt und gefeiert wurde, um die Probleme des Alltags zu bewältigen und zu vergessen.
Chicha als pan-andines
Lebensgefühl
Die traditionelle wayno-Musik sowie die ländliche
kommerzielle Musik des Hochlandes war zu regional-spezifisch als dass
sie ein solidarischer Ausdruck der zusammengewürfelten neuen Migranten
sein konnte. Aus diesem Grund musste ein musikalische Genre geschaffen
werden, das eine Art pan-andines Musikgefühl hervorbrachte und die
Erinnerung an die Melodien des Hochlandes in Verbindung mit dem neuen
Lebensrhythmus der música tropical verband.
Zugleich konnte diese neue Musik die Massen begeistern und die Ideen von
Politikern, Werbeleuten und Fans bewegen.
Lieder und Texte der Chicha-Musik sind nicht so abstrakt wie die der früheren linken Folkloregruppen, sondern erzählen konkret über die Schwierigkeiten und Probleme der abgewanderten Bauern (campesinos), die in den Slums von Lima und anderen größeren Städten Perus mit Arbeitslosigkeit, Hunger und Elend konfrontiert waren.
Mitte der 1980er-Jahren wurde Chicha so bekannt und kommerziell
so attraktiv, dass sich ein Starkult entwickelte und einzelne Gruppen
wie LOS SHAPIS oder die GRUPO
ALEGRIA als professionelle Musiker ihr Leben fristen konnten.
Die Musik und ihre Liedtexte selber wurden gelegentlich interpretiert
als eine Art Resistance und als Medium, mit dem das andine kulturelle
Erbe in Großstädten wie Lima auch bei den Arbeitsmigranten
der zweiten Generation eine Überlebenschance hatte.
Mitte der 1990er-Jahre kam es zu einer weiteren überregionalen Entwicklung. Als Chicha der Migranten erlebte sie um 1999 und 2000 in der Techno-Cumbia (tecnocumbia) einen zweiten Boom, der vor allem über die Rundfunksender getragen wurde und sich so als eine länderübergreifende Musik noch stärker an eine internationale música tropical anlehnte und gleichzeitig weitere Elemente von Rock, Reggae, Salsa und Techno zusammenführte und sich damit teilweise loslöste von dem einseitigen Image der sozialen Unterschicht.