
Formenlehre
Die Existenz einer Formenlehre
für die Musik geht davon aus, dass ihre Elemente mithilfe absichtsvoll
eingesetzter Gestaltungsmittel zu einem geformten Ganzen zusammengefügt
werden, das für den Hörer nicht eine beliebige Aneinanderreihung
der einzelnen Elemente darstellt, sondern eine sinnfällige Ganzheit
bildet.
Dies gilt für die meisten Kompositionen der "klassischen"
abendländischen Musiktradition ebenso wie für ein improvisiertes
Jazz-Solo. Viele andere Musikstile und -gattungen dagegen beziehen ihre
Wirkung auf Musiker und Hörer gerade nicht aus dem Erlebnis eines
vom Komponisten vorherbestimmten Ablaufs: afrikanische Trommelmusik, indischer
Raga, die Minimal Music, ... .
Die Formenlehre hat daher zu prüfen, ob die von ihr verwendeten Begriffe und Kategorien dem Gegenstand, den sie beschreiben will, überhaupt angemessen sind. Ohne Begriffe, Schemabildung und Kategorisierung kommt die Formenlehre allerdings nicht aus, denn sie will musikalische Abläufe hauptsächlich mit sprachlichen Mitteln beschreiben, verständlich machen und deuten (wobei Mittel grafischer Darstellung behilflich sind). Musik kann aber nicht restlos in Sprache aufgehen, weil sie eine eigene Art von Sprache ist. Die Beschreibung einer musikalischen Form wird sich dem Musikstück also immer nur nähern können.
Die Kategorisierung mittels Begriffen birgt noch andere Probleme:
Auch die Formenlehre selbst hat bereits
ihre Geschichte:
Im 19. Jahrhundert wurden die Formen der klassischen Instrumentalmusik
zu Idealtypen, und deren Kategorien wie Entwicklung und Folgerichtigkeit
wurden später auch zur Analyse anderer Musik herangezogen, wie Musik
der Renaissance, des 20. Jahrhunderts oder aus nicht-abendländischen
Traditionen; die Formbildungen mancher Epochen wurden als unvollkommene
"Vorstufen" oder "primitive" Randformen bewertet.
Hatte dies zeitweise zur Verengung des Blicks geführt, bemüht
sich die Formenlehre heute in allen Stilbereichen um eine autonome und
materialgerechte Beschreibung der Formbildung. Auch zwischen den Positionen
der Abstrahierung und allgemeingültigen Kategoriebildung einerseits
und einer nur am Einzelfall orientierten Sichtweise andererseits hat sich
eine differenzierte Haltung des Ausgleichs entwickelt: Kein Kunstwerk
geht deckungsgleich in einer Formkategorie auf, aber kein Kunstwerk kann
auch ganz verstanden werden ohne Berücksichtigung der kompositorischen
Standards, von denen es sich zur Zeit seiner Entstehung abhob.
Grundprinzipien musikalischer
Gestaltung
Die folgenden (melodischen, harmonischen und rhythmischen) Grundprinzipien
musikalischer Gestaltung gibt es - im Großen und im Kleinen:
Wiederholung, Reihung, Wiederkehr, Variante und Kontrast.
Wiederholung stiftet Zusammenhang und bringt ein Moment der Ruhe und Voraussehbarkeit in den musikalischen Ablauf (Hörbeispiel 1). Andererseits kann Wiederholung als bestimmendes Prinzip Zustände der Trance und Ekstase hervorrufen, besonders im Zusammenhang mit Stimulation zur Bewegung, wie in afrikanischer Trommelmusik oder in einigen Stilformen des Jazz.
Reihung nennt man die Aufeinanderfolge mehrerer Gedanken, Formteile oder ganzer Musikstücke. Die Reihungselemente können beziehungslos nebeneinanderstehen, können aber auch untereinander einen inneren Bezug haben oder in eine größere Form eingebunden sein, etwa durch Zugehörigkeit zu einem Zyklus. Die Reihungselemente gehen nicht auseinander hervor, sondern stehen gleichberechtigt nebeneinander. Eine Reihung hat prinzipiell ein offenes Ende, wie z. B. Lieder, bei denen improvisatorisch neue Strophen angefügt werden können.
Wiederkehr (Reprise): Auf eine erzählte Episode, auf den ersten Gedanken oder Abschnitt eines Musikstücks folgt ein zweiter, kontrastierender Teil der Erzählung oder des Musikstücks; der dritte Teil schließlich führt zur Thematik des Anfangs zurück und lässt diese in neuem Licht erscheinen.
Variante und Kontrast
bezeichnen eine direkte Beziehung zweier musikalischer Gedanken und sind
grundlegende Elemente der klassischen Motiventwicklung (Hörbeispiel
2).
Variante ist Veränderung, aber nicht in allen Eigenschaften. Sie
ist rückbezogen auf Vorangegangenes.
Beim Kontrast sind musikalische Elemente oder Formteile zueinander gegensätzlich.
Kontrast wirkt trennend, kann aber auch ergänzend wirken, wenn ihm
auf einer anderen Ebene des Materials Analogie gegenübersteht: Zwei
kontrastierende Soli über identisch gestalteten Jazz-Chorussen vereinen
trennende und verbindende Elemente.