




Grand Opéra, Romantik, Realismus
Die französische "Große Oper",
die Grand Opéra
ist eine der zentralen Musiktheatergattungen zwischen dem Vorabend der
Julirevolution von 1830 und dem Jahrzehnt nach den Revolutionen von 1848/1849.
eine grandiose Verbindung ein. Die französische Romantik ist wesentlich stärker der Realität zugewandt als die deutsche. Statt der Flucht in mittelalterlich-feudale Vergangenheit oder Natur wendet sie sich der gegenwärtigen, modernen Realität zu. In antibürgerlicher Grundhaltung bevorzugt auch sie das Abseitige und gelangt oft zu einer ziemlich krassen Darstellung der Wirklichkeit, besonders der Schatten- und Nachtseiten. Diese Tendenz vermittelt unter anderem der in Frankreich besonders geschätzte Schriftsteller (nicht der Komponist) E. T. A. HOFFMANN (1776-1822), der das Poetische und Phantastische vorzugsweise im Alltäglichen suchte. Der Übergang von dieser Art Romantik zum (gesellschaftskritischen) Realismus ist fließend. Diese Verschränkung von Romantik und Realismus prägte auch die Grand Opéra.
Schon am Ende der Restaurationszeit bzw. am Vorabend der Julirevolution von 1830 setzte sich dieser relativ neuartige Operntypus von Paris aus mit
durch. Die Grand Opéra passt zur neuen großbürgerlichen Herrschaftsschicht nach der Pariser Julirevolution von 1830 und tritt ihren Siegeszug an. Der Historismus prägt die Stoffwahl. Meist geht es, in historischem Gewand, um die Verschränkung von großer Staatsaktion und privater Liebe. Großangelegte Szenen, reichlich Ballette und ein pompöser, aber sorgfältig integrierter Aufwand an Bühnenausstattung und Inszenierung prägen die Grand Opéra.
SPONTINI oder die Empire-Oper
Sie knüpft
Zu den unmittelbaren Vorläufern gehört die im napoleonischen Kaiserreich sich herausbildende Empire-Oper GASPARE SPONTINIs (1774-1851, Bild 2). SPONTINI wurde 1805 "Kammerkomponist" am französischen Kaiserhof NAPOLEONs, 1810 wurde er Direktor des Théâtre Italien in Paris, einer Vereinigung der Comédie Française mit der Opéra Italien. 1812 wurde er seines Amtes wegen Verschuldung des Theaters enthoben. 1814 behielt er seine Stellung, nun als Hofkomponist, bei den zurückgekehrten Bourbonen, wurde 1816 "Komponist des Königs beider Sizilien", 1820 im preußischen Berlin "Erster Capellmeister und General-Musikdirector" bzw. "General-Oberintendant der königlichen Musik" und hielt diese Stellung bis 1842. Seine beiden prunkvollen großen Opern aus der napoleonischen Zeit,
mit dem exotischen Stoff der spanischen Eroberung Mexikos zeigen eine
stark italienische und traditionsverhaftete Prägung. Sie verbinden
aber den wohllautenden italienischen Belcanto
mit dem französischen "éclat
triomphale", der effektvoll auftrumpfenden großen Szene
der Revolutionsoper.
SPONTINIs dritte große Oper "Olympie"
(nach der Tragödie von VOLTAIRE) wurde in Paris 1819 uraufgeführt;
es folgten eine deutsche Fassung von E. T. A. HOFFMANN,
Berlin 1821, sowie eine dritte Fassung, Paris 1826.
SPONTINIs Festspiel auf einen exotischen Stoff - "Lalla Rookh"
(Berlin 1821) - wurde bald umgearbeitet in "Nurmahal
oder das Rosenfest von Kaschmir" (Berlin 1822). "Agnes
von Hohenstaufen", in deutscher Sprache komponiert (Text E. B. S. RAUPACH,
Berlin 1829), ein Tribut an den Preußen-Mythos, ist dann das letzte
größere Werke SPONTINIs.
AUBER, ROSSINI und die Julirevolution
von 1830
Der neue Ansatz nach SPONTINI fällt zeitlich fast zusammen mit dem
Ende von dessen produktiver Phase. Der romantisch-revolutionäre Drang
nach Befreiung vom strengen, klassizistischen Dramen-Ideal, der die französischen
Dichter und Dramatiker schon seit längerem bewegte, verband sich
mit den neuen, politisch-revolutionären Bestrebungen.
Die traditionsreiche Pariser Opéra wurde in "La
Muette de Portici" ("Die
Stumme von Portici") von AUBER und AUGUSTIN
EUGÈNE SCRIBE (1791-1861) 1828 zur Institution
von Tendenzen umfunktioniert, die zwei Jahre später in der Julirevolution
zum Sturz der Bourbonenherrschaft führten. Der riesige, nach den
Jahren der Stagnation besonders aufsehenerregende Erfolg des Werkes basierte
vor allem auf den kontrastreichen, heftig bewegten Massenszenen, durch deren schwungvolle, volkstümliche, oft vom gesamten Chor und
Orchester vorgetragene Melodien der Elan der Revolution zu Musik wurde.
Thema ist der historische Aufstand gegen die spanische Herrschaft in Neapel.
Ausgerechnet die Hauptrolle wurde nur pantomimisch ausgeführt. Tanz
und Ballett gab es reichlich, und sie wurden zu einem wichtigen
Merkmal der Grand opéra allgemein. AUBERs Arien versuchen,
zu vereinen. Die "Stumme von Portici" blieb AUBERs einziger
Beitrag zur Grand Opéra. In den 1830ern wurde er als Komponist
der Opéra comique, der heiteren Oper berühmt. Darüber
hinaus errang AUBERs Oper politische Bedeutung, indem sie bei ihrer Brüsseler
Aufführung 1830 das Zeichen für den belgisch-wallonischen Aufstand
gab, der zur Trennung Belgiens und Hollands führte.
Erheblich war der Beitrag des führenden französischen Librettisten, AUGUSTIN EUGÈNE
SCRIBE. Er verfasste u. a.
die Libretti zu
aber auch zu zahlreichen Werken der Opéra comique. Er schrieb die Libretti auf die spezifischen Bedürfnisse der Bühne hin mit
Im Schreib-Handwerk auf höchstem Niveau galt ihm das "gut gemachte
Stück" als Ideal.
ROSSINI folgte AUBER 1829 mit seiner Oper "Guillaume Tell" über
den Schweizer Freiheitshelden, der schon FRIEDRICH SCHILLER (1759-1805)
inspiriert hatte. AUBERs primär französisches Werk eines von
der Opéra comique herkommenden Komponisten und ROSSINIs "Tell"
als Große Oper primär italienischer Prägung wurden zusammen
richtungweisend. Wie vorher die Werke SPONTINIs, so vereinte dann MEYERBEERs
Schaffen diese beiden Stränge.
MEYERBEER, HALÉVY und der Vormärz
bis 1848
In den 1830ern und bis 1849 bestimmte GIACOMO
MEYERBEER (1791-1864, Bild 3) die Szene in Paris, u. a.
mit "Robert le diable" ("Robert
der Teufel", Text EUGÈNE SCRIBE, 1831), "Die
Hugenotten" (1836), "Der
Prophet" (1849). MEYERBEER versteht es, eine außerordentliche
Spannweite von heterogenen Stilmitteln, Formen, Charakteren in einen streng
durchdachten, klaren und einleuchtenden Gesamtplan zu integrieren.
bilden ein kontrastreiches, farbiges Ganzes.
Mit der Aufführung von "Robert
le diable" ("Robert,
der Teufel") Ende 1831 gelangte MEYERBEER endgültig an die Spitze
der Opernkomponisten seiner Zeit. ROSSINI, sein fähigster Rivale,
zog sich von der Bühne zurück. Bereits 1834 stand "Robert
le diable" auf dem Spielplan von nicht weniger als 77 Bühnen
in insgesamt zehn Ländern. Das zeigt die weite internationale Ausstrahlung
dieses Operntyps. Die "Hugenotten" erreichten allein in Paris
die Zahl von über 1 000 Aufführungen, und galten dort
in Krisenzeiten als die zugkräftigste Repertoireoper.
Auch bei JACQUES FROMENTAL HALÉVYs (1799-1862, Bild 4) "La Juive" (Die Jüdin; Text von SCRIBE, 1835) sind die typischen Merkmale der Großen Oper mit ihren scharfen Kontrasten und leidenschaftlichen Ausbrüchen voll ausgeprägt. Wie MEYBERBEER bedient er sich des historischen Sujets als Rahmen für
Wie das Nonnenballett in "Robert le Diable", so ergeben auch
die als theatralische Mittel verwendeten jüdischen religiösen
Zeremonien in "La Juive" besondere, exotistisch-archaistische
Reize. Stofflich steht "La Juive" auf dem Boden von GOTTHOLD
EPHRAIM LESSINGs (1729-1781) "Nathan" und Sir
WALTER SCOTTs (1771-1832) "Ivanhoe" und wendet sich
- wie MEYERBEERs "Hugenotten" - gegen religiösen
Fanatismus. Wie bei SCRIBE zeigen sich Wechselwirkungen zu anderen französischen
Operntypen. Bezeichnend ist z. B., dass HALÉVYs Neffe LUDOVIC
HALÉVY (1834-1908) ein bedeutender Librettist der französischen
Opéra comique und Operette wurde.
Die
Grand Opéra, WAGNER und VERDI
MEYERBEERs Opernkonzeption und Werke wirkten erheblich sowohl auf RICHARD
WAGNER (1813-1883, Bild 5) als auch auf GIUSEPPE
VERDI (1813-1901, Bild 6). WAGNERs Werke mindestens bis zum
"Lohengrin", sogar seine "Opernreform" in Richtung "Musikdrama" - d. h. eine möglichst enge Integration von Musik und Theater
- sind ohne MEYERBEERs Vorbild nicht denkbar. Erst aus der betont aggressiven
Distanzierung von der Großen Oper MEYERBEERscher Prägung erwuchs
WAGNERs Idee des Musikdramas. WAGNER ist insoweit nur Nachfolger, nicht
"Erfinder" des musikalisch-dramatischen Gesamtkunstwerks. Seine
epochemachenden Neuerungen zumal in Instrumentation und Harmonik beginnen
mit der Phase nach der Revolution von 1848/1849.
Für beide Komponisten war auch praktisch-ökonomisch die Pariser Oper ein wichtiger Bezugspunkt.
folgen direkt dem Muster der Grand opéra. VERDIs erstes Originalwerk
für die Opéra, "Les vêpres siciliennes", ist
einmal mehr eine Oper über den Aufstand gegen eine Fremdherrschaft.
RICHARD WAGNER scheiterte 1861 mit dem "Tannhäuser"
(entstanden schon 1842-1845), gewann aber Anhänger besonders
in Kreisen der künstlerischen Moderne. VERDIs Ausgangspunkt ist der
italienische Operntyp. Zur beherrschenden Figur der italienischen wie
(neben MEYERBEER) der französischen Bühne wird VERDI schon seit
Ende der 1840er-Jahre.
Er schließt - über ROSSINI - vor allem an die Opera
seria an, bezieht aber häufig Elemente und Verfahren der "Großen
Oper" ein, so noch in "Aida"
(Kairo 1871).