



Musikerinnen in der Antike
Schon früh spielten Frauen
in der Musikgeschichte eine große
Rolle. Bildliche Darstellungen in der Antike belegten das bereits. Frauen
traten vor allem als Interpretinnen hervor. Sie galten z. B. als
Spezialistinnen des Kitheraspiels.
Die Spieler waren üblicherweise auch die Dichter und Komponisten
der Musik, die sie vortrugen, sodass auch die musizierenden Frauen die
von ihnen dargebotene Musik zugleich komponierten.
Namentlich bekannt ist die Dichtermusikerin
SAPPHO (610-650 v. Chr.) in Mytilene auf Lesbos. Sie komponierte
Lieder, Preisgesänge und Hymnen, gründete einen Jungfrauenkreis
und verstand sich als Dienerin der Musen. Der Überlieferung zufolge
erfand sie die mixolydische Oktavgattung des griechischen Tonsystems.
Doch auch SAPPHO war es wie allen Frauen untersagt, öffentlich zu
spielen. Ihr Wirkungsraum war auf Privathäuser beschränkt. Nach
ihrer Eheschließung hatte sie keine musische Betätigungsmöglichkeit
mehr.
Seit dem 6. Jh. v. Chr. nahmen die sogenannten "Hetären",
die "geistreichen Prostituierten" der griechischen
Antike mit ihren Dienstleistungen für Geist und Körper
eine Sonderstellung ein. Sie waren vielseitig gebildet, wurden von Männern,
für die sie bei gesellschaftlichen Ereignissen und Gastmalen tanzten
und musizierten, gefördert.
Bei den liberalen Römern
wurden angesichts des hohen Bildungsideals die dichtenden und musizierenden
Frauen (Bild 1) weit mehr geschätzt als bei den Griechen. Mit
der Ausbreitung des Christentums sollte
sich das jedoch radikal ändern. Die frühen Kirchenväter
gehorchten den patriarchalischen Prinzipien des Monotheismus. Die Musen
wurden als "böse Dämonen", angesehen, Musik und Leidenschaft
wurden entsprechend zur Sünde. Die musizierende Frau galt als Verführerin
und wurde entsprechend verachtet und geächtet. In der Kirche und
vor Männern durften Frauen nicht musizieren, selbst die Gebete durften
sie nur lautlos mit den Lippen sprechen.
Dennoch gab es auch im Weiteren musizierende
Frauen in Griechenland, Byzanz und im Vorderen Orient. Seit dem
4. Jh. entstanden Organisationen von Asketen und Jungfrauen, die
Psalmen und Hymnen sangen. In Byzanz wurde das Amt der Diakonissin eingeführt.
Diakonissinnen sangen innerhalb religiöser Handlungen. Einige von
ihnen wurden später heilig gesprochen. Die HEILIGE
MACRINA (geb. um 327) beispielsweise gründete ein Frauenkloster,
in dem Tag und Nacht musiziert wurde. Wahrscheinlich haben die Frauen
auch gedichtet und komponiert. Eine der ältesten erhaltenen Handschriften
einer komponierenden Frau sind die Texte und Melodien von der adligen
KASIA (geb. um 810). Es sind
vor allem für Festtage komponierte Hymnen.
Musikerinnen im Mittelalter
Gegen Ende des 12. Jh. wurden vor allem im deutschsprachigem Raum
die Frauenklöster zu einem gesellschaftlichen und religiösen
Machtfaktor. In den Zentren deutscher Frauenmystik, in Hessen und im Rheinland,
verstanden sich die Nonnen als Musikerinnen
Christi. Viele der Nonnen sind
namentlich bekannt, z. B. ELISABETH VON SCHÖNAU (12. Jh.)
und HILDEGARD VON BINGEN
(1098-1179). Letztere gilt als früheste
Komponistin von Kunstmusik. Ihre Kompositionen zeichnen sich gegenüber
den traditionellen musikalischen Schemen durch große Freizügigkeit
aus. 1177 verbot man ihr jedoch, ihre Hymnen innerhalb des Gottesdienstes
zu singen.
Im arabisch-spanischen und südfranzösischen Raum traten im Mittelalter
ebenfalls zahlreiche Lyrikerinnen und Komponistinnen hervor. Sie trugen
ihre Lieder am Hofe vor, sangen von höfischer Liebe und christlichem
Glauben, z. B. BEATRIX DE
DIA im 12. Jh..
Aus dem 15. Jh. sind zahlreiche Liederbücher
vor allem von Nonnen erhalten, so das Wienhäuser Liederbuch, das
Liederbuch der KATHARINA VON TIRS, das Liederbuch der ANNA VON KÖLN.
Die fantasiereichen Gesänge gingen ins Volks- und Kirchenliedrepertoire
ein. Sie waren zum Teil mehrstimmig und wurden auch instrumental begleitet.
Die Frauen waren musikalisch nicht ausgebildet, brachten keine anspruchsvollen
Kunstwerke hervor, aber ihr Liedgut verbreitete sich rasch unter den Schwestern.
Komponistinnen in der Renaissance
In Europa war das Musizieren der Frauen lange auf Klöster, Badehäuser
oder Bordells beschränkt. Aber im Zuge der Renaissance entwickelte
sich unter anderem in Italien ein blühendes
öffentliches Musikleben, das die Frauen förderte. Zu Beginn
des 17. Jh. komponierte hier z. B. die Hofsängerin FRANCESCA
CACCINI (1587- um 1640) eine der frühesten Opern überhaupt.
Sie schrieb auch Singspiele und Madrigale. CACCINI gilt als eine der ersten
weltlich-bürgerlichen Komponistinnen. Die Frauen der höfischen
Gesellschaft wurden die Mäzenen der Musikerinnen und unterstützten
die zeitgenössische Musik.
In Frankreich traten am Hofe Ludwigs XIV.
Komponistinnen hervor, z. B. ELISABETH
CLAUDE JACQUET DE LA GUERRE (1664-1729). Sie komponierte Kammermusik
für Clavecin und Violine, geistliche und weltliche Kantaten, spielte
für den König und auf öffentlichen Konzerten, den "concerts
spirituels", sowie auf Konzerten in ihrer Pariser Privatwohnung.
Sie gehört zu den ersten eigenständigen Musikerpersönlichkeiten
und verlegte mit großem Erfolg ihre Notenbücher. Auch schrieb
sie eine Oper und obgleich die Gattung in Frankreich noch nicht weit verbreitet
und kaum entwickelt war, zeigte ihre Oper gegenüber den bekannten
italienischen Opern eine eigene französische Ausprägung.
Deutsche Komponistinnen im 18. und
19. Jh.
Anders als in Italien und Frankreich waren in Deutschland die Kompositionen der Frauen nicht sehr anspruchsvoll. Dies lag vor allem
am sehr eingeschränkten Zugang der Frauen zur Bildung. Nur in christlichem
Rahmen bzw. in der Kirchenmusik wurden sie unterrichtet. Erst im 18. Jh.
gab es wieder bedeutende Komponistinnen. Jedoch gehörten ein Haus
"guter" Gesellschaft und entsprechende finanzielle Mittel dazu,
um die Werke aufführen zu lassen und in der Öffentlichkeit Erfolg
zu haben. Eine der bekanntesten Komponistinnen dieser Zeit war ANNA
AMALIA (1723-1783), Prinzessin von Preussen, Schwester FRIEDRICHS
DES GROSSEN. Sie erhielt von PHILIPP KIRNBERGER (1721-1783), einem
Schüler JOHANN SEBASTIAN BACHS (1685-1750), Unterricht. Später
engagierte sie sich für den Aufbau einer Bibliothek, um Musikalien
zu sammeln (Amalien-Bibliothek).
In Berlin brachte die Berliner Liederschule bekannte Komponistinnen hervor, z. B. JULIANE
REICHARDT (1752-1783), Tochter des Geigers und Komponisten FRANZ
BENDA (1709-1786) und Ehefrau von JOHANN FRIEDRICH REICHARDT (1752-1814).
Die meisten Komponistinnen stammten hier aus Musikerfamilien, begannen
ihre Karriere als Sängerinnen und lernten das Klavierspiel, um sich
zu begleiten. Oft schrieben sie in der Tradition des sich emanzipierenden
Bürgertums volksliedähnliche Stücke.
Berühmte Komponistinnen
der Wiener Klassik waren beispielsweise die in der Kindheit erblindete
MARIANNE MARTINEZ (1744-1812) und MARIA THERESIA VON PARADIS (1759-1824).
Sie schrieben vor allem Klaviermusik, die derzeit eine Hochblüte
erlebte. Ihre Werke wurden auf Salonabenden gespielt, sie wurden gleichberechtigt
in die musikalische Gesellschaft aufgenommen und ihre Leistungen wurden
hoch geschätzt. Beide gründeten musikalische Bildungsanstalten,
wo hervorragende Pianistinnen ausgebildet wurden. Mit ihren Konzerten
nahmen sie am Wiener Musikleben des Biedermeier teil.
In der Musik der deutschen Romantik, im Umkreis von ROBERT SCHUMANN (1810-1856) und FELIX MENDELSSOHN BARTHOLDY (1809-1847), begannen deutsche Komponistinnen auch größere Kompositionen, Sonaten, Sinfonien und Oratorien, zu schreiben. Daneben hinterließen sie ein sehr umfangreiches Liedschaffen. Dazu gehören FANNY HENSEL (1805-1847, Bild 2) und JOHANNA KINKEL (1810-1858). Sie verfaßten auch musiktheoretische Aufsätze. Zahlreiche erhaltene Briefe unterrichten von ihrem Leben und ihrem Schicksal. FANNY HENSEL, Schwester von MENDELSSOHN, musste lange Zeit heimlich komponieren, da es ihr der strenge Vater untersagt hatte. Sie erhielt zwar eine musikalische Ausbildung, wurde aber als musizierende und komponierende Frau nicht akzeptiert und gefördert. Erst nach ihrer Hochzeit mit einem vorurteilslosen Künstler, fand sie Unterstützung für ihr Schaffen. Sie gab "Sonntagsmusiken" und konnte auch ihre Werke für größere Besetzungen öffentlich aufführen. Dennoch mußte sie als Frau das Gespött der Musikkritiker über sich ergehen lassen.
Französische Komponistinnen im
19. und 20. Jh.
Eine der bedeutendsten Komponistinnen des 19. Jh. war LOUISE
FARRENC (1804-1875). Sie schrieb zahlreiche Klavierwerke, Kammermusik
und Musik für Orchester sowie Opern. Ihre Werke,
die sie zum größten Teil verlegen konnte, fanden
große Anerkennung. FARRENC ist eine der ersten Komponistinnen,
die als selbstständige Persönlichkeit innerhalb der Musikszene
vollkommen anerkannt war. 1842 erhielt sie eine Professur am Pariser Conservatoire
als Klavierpädagogin. Allerdings unterrichtete sie zunächst
nur junge Frauen. Später erhielt sie die begehrte Auszeichnung "Prix
Chartier" für ihr kompositorisches Schaffen. Diese Umstände
waren von großer Bedeutung, denn bisher waren Frauen bei Wettbewerben
und Ausschreibungen ausgeschlossen worden. Erst 1908 wurden sie zum Rompreis
zugelassen. Selbst NADIA BOULANGER
(1887-1979), die erstmals als Frau den zweiten Rompreis
gewann und eine berühmte Pariser Pädagogin, Dirigentin und
Komponistin war, konnte nur in Nebenfächern unterrichten und die
Frauen wurden viel schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen.
Die Schwester von NADIA BOULANGER, LILI
BOULANGER (1893-1918), erhielt 1913 den ersten Preis beim legendären
Romwettbewerb. Sie war ihren männlichen Kollegen weit überlegen
und wurde damit über Nacht zur Berühmtheit. Sie war eine der
Repräsentantinnen des musikalischen Impressionismus in Frankreich.
Komponistinnen der Hochromantik
Virtuosinnen und Komponistinnen
der Hochromantik waren CLARA SCHUMANN (1819-1896) und LOUISE
ADOLPHA LE BEAU (1850-1927). Über CLARA
SCHUMANN (Bild 3), ihr Leben als Frau, Pianistin und Komponistin
an der Seite von ROBERT SCHUMANN ist inzwischen viel geschrieben worden.
Nach dem Tod ihres Mannes ROBERT SCHUMANN war sie gezwungen, für
den Unterhalt ihrer sieben Kinder alleine aufzukommen. CLARA SCHUMANN
leitete von 1878-1892 eine Meisterklasse für Klavier am Konservatorium
in Frankfurt am Main. Sie verfasste Kadenzen zu den Klavierkonzerten von
MOZART und BEETHOVEN und war eine begabte Komponistin. Vor allem ihre
romantische Klaviermusik ist bekannt geworden. Im Vergleich zu anderen
Komponistinnen ihrer Zeit war sie trotz ihrer Dominanz und Vielseitigkeit
jedoch wenig emanzipiert. LOUISE
ADOLPHA LE BEAU, Schülerin
von CLARA SCHUMANN, löste sich von der reinen Klaviermusik, schrieb
Konzertouvertüren, Klavierkonzerte, eine Sinfonie, Chorwerke u. a.
Diese Werke aufzuführen und drucken zu lassen war ein großer
finanzieller Aufwand. LE BEAU bemühte sich jedoch unermüdlich,
um sich bei den Verlegern, Intendanten, Kapellmeistern und Agenten Gehör
zu verschaffen. In ihren Lebenserinnerungen beschrieb sie die Schwierigkeiten,
die sie als Frau dabei hatte. Besonderes Aufsehen erregte sie schließlich
mit ihren Werken für Streichinstrumente, für die sie ein subtiles
Gespür entwickelte und für die sie versuchte, alle klanglichen
Möglichkeiten auszuschöpfen. Sie komponierte beispielsweise
Konzertstücke für die vernachlässigte Viola. In Salzburg
wurde sie dadurch ermutigt, dass bei der Aufführung ihrer Orchester-Fantasie
in dem Orchester des Mozarteums viele Musikerinnen saßen. Dies ist
bis heute eine Seltenheit bei vielen großen Orchestern.
Musikerinnen im 20. und 21. Jh.
Im 20. Jh. verbesserte sich die Situation der Musikerinnen und Komponistinnen.
Zwei Klassikerinnen
der Moderne im deutschsprachigen Raum waren ILSE
FROMM-MICHAELIS (1888-1986) und GRETE
VON ZIERITZ (1899-2001). MICHAELIS wie ZIERITZ spielten
als Pianistinnen schon mit jungen Jahren viele avantgardistische Werke.
Als Komponistinnen trugen sie zu den Neuerungen der Musik des 20. Jh.
bei.
In der Zeit des Nationalsozialismus und in der Folge des Zweiten Weltkrieges
sind viele Dokumente und Zeugnisse von Komponistinnen und Musikerinnen
zerstört worden. Eine Reihe von Frauen, die nun auch für Radio,
Film und Bühne komponierten, verließen Europa; ihre Schicksale
sind von der Musikwissenschaft bis heute nicht weiter verfolgt worden.
In der Musik der Gegenwart finden die komponierenden Frauen wie etwa RUTH
ZECHLIN (geb. 1926), JACQUELINE FONTYN (geb. 1930), OLGA
NEUWIRTH (geb. 1937), YOUNGHI PAGH-PAAN (geb. 1945), PAULINE
OLIVEROS (geb. 1932), MEREDITH
MONK (geb. 1942, Bild 4), ELENA FIRSSOWA (geb. 1950),
ADRIANA HÖLSKY (geb. 1953), VIOLETA DINESCU (geb. 1953)
eine weit größere Beachtung als ihre Berufsvorgängerinnen.
An ihren Kompositionen werden Bestrebungen deutlich, neue und individuelle
musikalische Wege zu beschreiten. Sie sind oft weit mehr als ihre männlichen
Kollegen bereit zu experimentieren, Konventionen zu brechen und damit
auch Risiken einzugehen.