








Funktionstheorie
HUGO RIEMANN (1849-1919) begründete
um 1890 die Funktionstheorie:
In der Darstellung der Harmonik mittels Funktionen erhält jeder Akkord
innerhalb eines harmonischen Verlaufs eine Funktion, die sich auf die
Grundtonart eines Musikstücks oder eines Abschnitts bezieht. Akkorde
der Grundtonart erhalten die Funktion "Tonika";
die Hauptfunktionen, die sich auf diese Tonika beziehen, heißen
"Dominante"
und "Subdominante".
Daneben verwendet die Funktionstheorie noch weitere Funktionsbezeichnungen
wie "Parallele", "Gegenklang",
"Variante" und "Zwischendominante".
Im stilistischen Bereich von der Barockzeit bis zur Spätromantik
(17. bis Ende des 19. Jh.) lassen sich die meisten Kompositionen mit Hilfe
der Funktionstheorie schlüssig harmonisch analysieren.
Die Funktionstheorie wurde seit ihrer Entstehung ständig erweitert
und verändert. Sie ist heute das meistbenutzte "Werkzeug"
zur Erklärung von harmonischen Verläufen in der klassischen
und romantischen Musik.
Kadenz
Eine Kadenz ist eine standardisierte
Harmoniefolge, die die Haupttonart eines Musikstücks bestätigt
und sehr oft an dessen Anfang und Schluss steht.
Sie besteht aus den drei Hauptdreiklängen (manchmal Septakkorden)
auf der I., IV. und V. Stufe einer Tonart in folgender Anordnung:

(Die dargestellte einfache und erweiterte Kadenz
in C-Dur ist in den Hörbeispielen 1 und 2 auch klanglich erfassbar.)
Die Funktionstheorie weist jedem leitereigenen Dreiklang und den meisten leitereigenen Septakkorden eine Funktion innerhalb der Kadenz zu.
Kadenzerweiterungen
Die Funktion eines Dreiklangs kann durch einen terzverwandten
Dreiklang (Nebendreiklang)
stellvertretend übernommen werden (Tonika/Tonikaparallele, Hörbeispiel
3).
Terzverwandte Tonarten haben zwei Dreiklangstöne gemeinsam: C-Dur
und a-Moll sind terzverwandt.
Auch Septakkorde können innerhalb der Tonart eine Funktion übernehmen. Das im Akkord enthaltene dissonante Intervall bewirkt dabei eine nach Auflösung strebende Spannung.
| Dominanten können auch zu anderen Funktionen als der Tonika gebildet werden (Hörbeispiel 4). Sie heißen dann Zwischendominante (Doppeldominante) und beziehen sich nur auf eine direkt folgende Funktion. Das Funktionssymbol D wird in Klammern gesetzt. | ![]() |
Der Akkord einer Zwischendominante enthält meist einen leiterfremden Ton.
Sequenz
Neben der Kadenz hat sich seit der Barockzeit die Sequenz als Grundform
harmonischer Fortschreitungen herausgebildet. Das meistbenutzte Modell
ist die Quintfallsequenz,
bei der die Basstöne in Quinten absteigen. Dabei werden meist leitereigene
Dreiklänge oder Septakkorde verwendet (diatonische
Sequenz); es kommen aber auch Dominantseptakkorde
vor (dominantische
Sequenz).
Im Hörbeispiel 5 ist erklingt eine diatonische Quintfallsequenz und
es sind Stufenbezeichnungen dargestellt.
Akkordfremde Töne
auf betonter Zählzeit
Vorhalte
treten anstelle eines Akkordtons ein und werden in der Regel auf der folgenden
unbetonten Zählzeit schrittweise zum nächstliegenden Akkordton
weitergeführt.
| Beispiel: Quartvorhalt (Stufen 4-3 über dem Grundton, Hörbeispiel 6) | ![]() |
Akkordfremde Töne
auf unbetonter Zählzeit
| Wechselnote, Durchgang | Die Melodie verlässt einen Akkordton schrittweise
und kehrt wieder zu ihm zurück bzw. schreitet zum nächsten
Akkordton weiter. (Hörbeispiel 7) |
| Antizipation | Die Melodie nimmt einen Ton des folgenden Akkords voraus.
Antizipation heißt "Vorausnahme". (Hörbeispiel 8) |
| Orgelpunkt | Ein liegender Basston kann akkordeigen oder akkordfremd
sein (auf betonter oder unbetonter Zählzeit). (Hörbeispiel 9) |
Schlussformeln
| Mit dem authentischen Ganzschluss (Dominante-Tonika)
schließen die meisten Musikstücke. Die Grundtonart wird
dabei abschließend bestätigt. (Hörbeispiel 10) |
|
| plagaler Ganzschluss | Der plagale Ganzschluss, der über die Subdominante
zur Tonika führt, hat eine andere Wirkung als ein authentischer
Schluss, weil die Dominante fehlt. (Hörbeispiel 11) |
| Halbschluss | Der Halbschluss (Dominante ohne abschließende
Tonika) wird an formalen Einschnitten eingesetzt; danach fließt
das harmonische Geschehen weiter. (Hörbeispiel 12) |
| Trugschluss | Der Trugschluss bringt überraschend den Dreiklang
der VI. Stufe anstelle des erwarteten Dreiklangs der Grundtonart.
Auch nach einem Trugschluss fließt das harmonische Geschehen
weiter. (Hörbeispiel 13) |
Modulation
Die meisten tonal gebunden Musikstücke wechseln während ihres
harmonischen Verlaufs von der Grundtonart in andere Tonarten. Während
einer solchen Modulation führt
der Komponist in das Tonmaterial der Ausgangstonart leiterfremde Töne
ein und wechselt damit zum Tonmaterial einer neuen Tonart.
Oft liegen Ausgangs- und Zieltonart nur eine Quinte und damit ein Vorzeichen auseinander (diatonische Modulation, Hörbeispiel 14), so dass die beiden Tonarten viele gemeinsame Töne haben.
Manchmal moduliert ein Musikstück aber auch in kurzer
Zeit über weite Entfernungen (chromatische
Modulation oder enharmonische
Modulation,
Hörbeispiel 15), sodass der Hörer
sich abrupt in einer neuen tonartlichen Umgebung wiederfindet.
Chorus, Bluesstrophe
Vielen Jazztiteln liegt ein festes Harmonieschema zugrunde, das ständig
wiederholt wird, wie bei den Strophen eines Liedes. Ein solcher Chorus
ist meist 8-, 12- oder 16-taktig oder aus mehreren Abschnitten dieser
Länge zusammengesetzt. Auf der Basis dieser Harmoniefolge improvisieren
die Jazzmusiker.
(Hörbeispiel 16)
Jazzkadenz, harmonische
Patterns
In der Jazzkadenz werden die Kadenzfunktionen
von Septakkorden (mit Optionstönen)
dargestellt.
Die Subdominante wird oft von einem Akkord der II. Stufe repräsentiert.
Häufig folgt statt der abschließende Tonika die II-V-Folge
einer anderen Tonart (II-V-Kette).
(Hörbeispiel 17)
In der Popmusik werden
oft harmonische Patterns
(engl. "pattern": stereotypes Grundmuster,
das oft wiederholt wird) verwendet, die aus einer Parallelverschiebung
der leitereigenen Dreiklänge oder Septakkorde bestehen.
(Hörbeispiel 18)