


JOSEPH HAYDNs (1732-1809, Bild 1) umfangreiches sinfonisches Werk lieferte der klassischen Sinfonie das Modell. Erfunden hat HAYDN die Formanlage der klassischen Sinfonie jedoch nicht. Denn bereits die Komponisten der Mannheimer Schule aus der Zeit der "Vorklassik" schrieben Sinfonien, die in der Regel vier Sätze hatten, mit einem Menuett an dritter Stelle und mit der Anlage des ersten Satzes in der Art der (erst viel später so benannten) Sonatenhauptsatzform. Und dennoch hat HAYDN allein durch einen großen Qualitätsunterschied zwischen ihm und seinen Zeitgenossen die Sinfonie zu dem gemacht, was sie werden sollte. Denn HAYDN schuf mit einer individualisierenden Formensprache einen neuen Begriff der Sinfonie.
1. Schaffensperiode: HAYDN in
Böhmen
1759 wird HAYDN Kapellmeister bei Graf FERDINAND
MAXIMILIAN VON MORZIN (1693-1763) auf Schloss Lukawitz in
Böhmen. Hier entsteht seine 1. Sinfonie.
Ihr Charakter ist noch der des galanten und heiteren Rokoko, und sie hat
auch noch keinen Menuettsatz. In HAYDNs erster Sinfonie sowie in den weiteren
vier, die er für den Grafen MORZIN schrieb, lässt sich aber
bereits seine besondere Vorstellung von Musik erkennen. Die musiksprachlichen
Mittel sind zwar dieselben wie diejenigen, derer sich auch seine Zeitgenossen
bedienten, sie werden von HAYDN aber auf eine besondere Weise eingesetzt,
die die musikalische Vorstellungskraft anspricht. Zu dieser Zeit war HAYDN
noch relativ unbekannt.
2. Schaffensperiosde:
Die 1760er-Jahre auf Schloss Eszterháza
1761 wird HAYDN zweiter Kapellmeister (neben GREGOR JOSEF WERNER, 1693-1766)
des Fürsten PAUL II. ANTON
ESTERHÁZY (1711-1762).
Der Nachfolger ESZTERHÁZYs ab 1762, NIKOLAUS I. ESTERHÁZY
(1714-1790), baute von 1764-1766 ein neues Schloss "Eszterháza" am Neusiedler See (Bild 2). Dieses Schloss wurde im Stile Versailles
mit Opernhaus und Marionettentheater errichtet und war der Vorstellung verpflichtet,
dass Kunst und Natur auf "überaus edle und
prächtige Art" verbunden und immer ein "sanftes
Lächeln der Natur, Freude und Entzücken" zugegen seien
sollten. Diese Vorstellung prägte auch den Charakter von HAYDNs Werken.
Für das prächtig inszenierte Leben auf dem Schloss wurde ein
größeres Orchester eingesetzt, dem HAYDN inzwischen als erster
Kapellmeister vorstand. Für dieses Orchester schrieb HAYDN insgesamt
etwa 60 Sinfonien, u. a. die "Jagdsymphonie" Nr. 31 mit vier Hörnern und
Jagdsignalen der Gegend oder die strahlenden C-Dur-Sinfonien mit ihren
Trompeten und Pauken, die in der Tradition der barocken Intraden stehen (Intraden-Sinfonien).
Besonders in den ersten etwa 30 Sinfonien ist noch der Einfluss der
Traditionen des 17. Jh. zu finden. So schrieb HAYDN Sinfonien mit
Soli, durch welche die Solisten gut zur Geltung kamen. Die konzertante
Struktur, die sich in diesen Sinfonien zeigt, findet sich in vielen Werken
des 17. Jh. Außerdem lässt sich in ihnen noch seine Vorliebe
für kontrapunktische Satztechnik ausmachen. HAYDNs frühe
Werke entstanden zu einer Zeit, als der kompositorische Stil von JOHANN
SEBASTIAN BACH (1685-1750) und GEORG FRIEDRICH HÄNDEL (1685-1759)
aus der Mode gekommen war, Komponisten jedoch noch nicht zu neuen Wegen
gefunden hatten. Es war eine Periode des Umbruchs, der Erforschung und
Unsicherheit, und HAYDN war selbst einer der musikalischen Erforscher
jener Zeit.
3. Schaffensperiode: Die 1770er-Jahre
auf Schloss Eszterháza
Die 1770er-Jahre sind die Jahre
des Empfindsamen Stils und des Sturm
und Drang. Auch HAYDNs Werke zeigen
zu dieser Zeit mehr Expressivität und Leidenschaft, die sich in seiner
Musik durch das Verwenden von Moll-Tonarten, erregten Tremoli und Synkopen
ausdrücken. In den Sinfonien dieser Phase entwickelt HAYDN auch die
Technik der thematischen Arbeit, die statt der kontrapunktischen Struktur
nun Motive des thematischen Materials über die einzelnen Stimmen
verteilt. Die Entwicklung der oft sehr einfachen musikalischen Themen
innerhalb eines Werkes ist zu einem Hauptkriterium für die Kategorie
"sinfonisch" geworden.
Auffällig sind auch die langsamen Einleitungen der ersten Sätze
in HAYDNs Sinfonien. Sie sind ebenfalls Vorbild für nachfolgende
Komponisten geworden. In ihnen spiegelt sich der Wille, die Gattung Sinfonie
aus dem ursprünglichen Unterhaltungszweck zu befreien und ihr einen
tieferen Anspruch zu geben. Die meisten Sinfonien mit den Nummern zwischen
34 und ungefähr 59 sind von dieser Art.
4. Schaffensperiode: Die 1780er-Jahre
auf Schloss Eszterháza
Die 1780er-Jahre gelten als HAYDNs Reifezeit. Inzwischen reicht der Ruf
HAYDNs als einer der bedeutendsten Komponisten der Zeit weit über
die Landesgrenzen hinaus. In dieser Phase entstanden unter anderem die
sechs sogenannten "Pariser
Symphonien" Nr. 82-87, die er als Kompositionsauftrag für die "Concerts
de la Loge Olympique" schrieb. Diese Sinfonien ragen sicher
besonders deswegen aus den übrigen Sinfonien heraus, weil der Auftrag
dazu aus der Metropole Paris mit ihren nahezu unbegrenzten musikalischen
Möglichkeiten kommt, und weil HAYDN in Paris mehr als an anderen
Orten in Konkurrenz zur gesamten europäischen Musikproduktion treten
musste. HAYDN formulierte selbst, er hätte in Paris "6 Prächtige
Symphonien" geschrieben.