










Im Ensemble der Genres und Gattungen der populären Musik nimmt der Jazz (Hörbeispiel 2) eine Sonderstellung ein. Er entstand im letzten Drittel des 19. Jh. in den Südstaaten der USA aus den in Nordamerika aufeinandertreffenden unterschiedlichen kulturellen Traditionen der afroamerikanischen und euroamerikanischen Bevölkerung. In der ersten Hälfte des 20. Jh. wurde er nahezu weltweit zu einer dominanten Form der populären Musik. Er prägte fast alle ihre Spielweisen, eroberte sich mit den Experimentalformationen des Swing in den 1930er-Jahren den Konzertsaal und ist heute ein Zwitterwesen, das sowohl Aspekte der populären Musik wie solche der Kunstmusik in sich vereinigt. Jazz ist zu einem eigenständigen Sektor im Musikbetrieb der Gegenwart geworden.
Charakteristik und Hauptformen des
Jazz
Kennzeichen des
Jazz sind:
Jeder Stil in der mehr als einhundertjährigen Entwicklung dieser Musik hat dafür neue musikalische Lösungen hervorgebracht. Die Hauptformen des Jazz (Bild 2) umspannen Gegensätze, die
Dass sich der Jazz nicht durch einen Kanon ganz bestimmter Musizierprinzipien
definiert, macht die Dynamik seiner Entwicklung aus - auch wenn innerhalb
der einzelnen Stilkonzepte grundlegende musikalische Verbindlichkeiten
existieren. Jazz stellt damit eine ständige Herausforderung an die
Kreativität des Musikers dar, was sich in einer unüberschaubar
gewordenen Vielzahl von Spielweisen und Stilformen niederschlägt
(Hörbeispiele 1 bis 6).
Im Chicago der 1920er-Jahre begannen sich dann auch weiße Musiker
um einen eigenständigen Beitrag zur Entwicklung dieser Musik zu bemühen,
der als Chicago-Stil in die Jazzgeschichte eingegangen ist.
Eine bedeutende Rolle in der Herausbildung des Chicago
Jazz spielte die 1922 an der Chicagoer Austin High School als Schüler-Band
gegründete AUSTIN
HIGH SCHOOL GANG. Zu ihren Gründungsmitgliedern
gehörten
Sie führten die Soloimprovisation in den Jazz ein, mit der sich
der Übergang vom melodiebezogenen kollektiv-variativen Improvisationsverfahren
des New Orleans Jazz zur solistisch freien Stimmerfindung über der
Harmoniefolge des Themas vollzog. Damit begann die allmähliche Umwertung
des Jazz in eine Musik, die nicht mehr nur als Tanzmusik,
sondern zunehmend auch um ihrer selbst willen, als Form der Entfaltung
individueller Kreativität und spieltechnischer Virtuosität
gespielt wurde.
Swing
Mit dem Swing (Hörbeispiel 3)
setzte sich der Jazz in den 1930er-Jahren weltweit erst einmal als Tanzmusik
durch. Der Swing-Stil wurde in der zweiten Hälfte der 1920er-Jahre
vor allem in den Big Bands von
geprägt. Mitte der 1930er-Jahre wurde er durch die spektakulären
Erfolge des Orchesters von BENNY
GOODMAN (1909-1986), der auch den Beinamen "King
of Swing" führte, zu einem Massenphänomen. Er zog
die Jugend der damaligen Zeit in seinen Bann und äußerte sich
auch in wilden Tanzmoden.
Das im Swing-Stil vorherrschende Big-Band-Konzept
brachte mit der Notwendigkeit des Durcharrangierens der Stücke eine
wesentliche Erweiterung der harmonischen Basis des Musizierens.
Bebop
Aus den Big Bands traten aber auch immer wieder Experimentalformationen
hervor, die sich - obwohl im Schatten der zunehmend kommerzieller
werdenden Big-Band-Shows - als entscheidend für die Weiterentwicklung
des Jazz erwiesen. Hier knüpften in den 1940er-Jahren die Musiker
des Bebop (Hörbeispiel 4)
an, die als Gegenreaktion auf den inzwischen weitgehend kommerzialisierten
Big-Band-Swing eine Erneuerung des Jazz anstrebten. Sie knüpften
an das in dieser Zeit erstarkende politische Selbstbewusstsein der Afroamerikaner
an und wandten sich dabei bewusst gegen die Orientierung an den Unterhaltungsbedürfnissen
der weißen Bevölkerungsmehrheit in den USA.
Bebop war das Produkt eine Gruppe junger farbiger Musiker aus New York und Kansas City, darunter
die sich nach ihren offiziellen Verpflichtungen in diversen Nachtklubs regelmäßig trafen und zusammenspielten.
Der Bebop löste den Jazz endgültig aus seiner funktionalen Bindung als Tanzmusik und eröffnete damit den Musikern völlig neue künstlerische Freiräume zur Entfaltung ihrer Kreativität.
kennzeichneten jetzt den Jazz, der sich nun in die unterschiedlichsten,
oft geradezu gegensätzlichen Stilrichtungen zu entwickeln begann.
Die Folge Thema - Improvisationen - Thema, die vorherigen Absprachen
über Formverlauf, Rhythmus und thematisches Material (Head
Arrangement) wurden dabei allmählich aufgegeben und durch
individuelle Spielkonzepte ersetzt.
Free Jazz
Um 1960 leitete dies die als Free
Jazz, gelegentlich auch als Creative
Music, New Thing, Total Music bezeichnete Entwicklungsphase des
Jazz ein (Hörbeispiel 5), zu deren europäischem Gegenstück
in den 1970er-Jahren die Improvised
Music wurde.
Zu den Vorreitern dieser Entwicklung gehörten
der mit seinem 1961 eingespielten Titel "Free Jazz" dieser
Spielweise auch ihren Namen gab.
Eine große Rolle für die Herausbildung des Free Jazz spielte
die Ende der 1950er-Jahre von dem Tenor- und Sopransaxophonisten JOHN
COLTRANE (1926-1967) und dem Trompeter MILES
DAVIS (1926-1991) entwickelte modale
Spielweise, bei der nicht mehr
über eine Akkordfolge, sondern über eine vorher festgelegte
Tonskala improvisiert wurde, auf der beliebige Akkordbildungen möglich
waren. Das hat den Jazz nicht nur endgültig aus der tonalen Bindung
herausgeführt, sondern ihn auch in die Nähe außereuropäischer
Tonsysteme gebracht. In der Folge dieser Entwicklung wurde mit
arabischen und indischen Skalen experimentiert. Zugleich wurde der Jazz
durch Instrumente aus den Kulturen Afrikas
und Asiens bereichert, insbesondere der Perkussionsapparat wurde
erheblich erweitert. Der Klangraum
wurde durch die musikalische Nutzung von Geräuschen und die spieltechnische
Ausdehnung des Tonumfangs der Instrumente (Überblasen usw.) erheblich
vergrößert.
Eine weitere Errungenschaft des Free Jazz war die Aufhebung
der Funktionsteilung von Solist und Begleitung und damit der Hierachie
der Instrumente (Soloinstrumente, Begleitinstrumente, Rhythmusinstrumente),
was ein gleichberechtigtes kollektives Musizieren
und Improvisieren ermöglichte. Individuelle Spielkonzepte
von Solisten wie Ensembles, die sich in dem durch die Entwicklung des
Jazz geschaffenen Raum entsprechend ihrer künstlerischen Überzeugungen
positionierten, traten fortan an Stelle musikalischer Verbindlichkeiten.