Das Kammermusiklied ist
eine Innovation des frühen 20. Jh. Es wird charakteristisch
für die Neue Musik.
Besetzungsmäßig bildet es sozusagen die Mitte zwischen
- Klavierlied und
- Orchesterlied,
also zwischen traditionellem Klavierlied
seit der Wiener Klassik und dem nach 1830 aufkommenden Orchesterlied.
Grundlegend für diese Gattung ist die Kombination Solostimme und
variable Ensembles bzw. kammermusikalische Besetzungen, also Ensembles
ohne chorische Stimmverdopplungen wie beim Orchester. Einfachheit als
Eigenschaft von "Lied" relativiert sich dabei oft.
SCHÖNBERGs Kammermusiklieder
Prototypen des Kammermusiklieds schuf ARNOLD
SCHÖNBERG (1874-1951, Bild 1) mit
- "Herzgewächse für hohen
Sopran, Celesta, Harmonium und Harfe" op. 20 (symbolistisch-jugendstilhafter
Text von MAURICE MAETERLINCK, 1911) sowie
- "Pierrot
lunaire". Die sowieso schon
bunte Farbigkeit der Besetzung wird durch einige Ergänzungen bzw.
Alternativen je nach Einzelnummer noch erweitert (z. B. Flöte
oder Piccoloflöte). Komponiert ist der "Pierrot" für
Sprech-Stimme, Klavier, Flöte (auch Piccolo), Klarinette (auch
Bassklarinette), Violine (auch Viola) und Violoncello op. 21 (Gedichte
von ALBERT GIRAUD, deutsch von OTTO ERICH HARTLEBEN, 1912).
SCHÖNBERG spricht von "Gesängen" und verwendet überdies
eine spezielle Zwischenform zwischen Singen und theatralischem Sprechen
mit exaktem Rhythmus, aber nur angedeuteten Tonhöhen. Das Werk
ist also auch darin recht neuartig - hier verbindet SCHÖNBERG
- Melodram,
- französischen Cabaret-Chanson bzw.
- deutsche Variante des "Brettllieds".
Dass SCHÖNBERG 3 mal 7 aus einem umfangreicheren Gedichtzyklus
auswählt, diesen 21 Gesängen die Opuszahl 21 gibt,
und auf das Jahr 12 datiert, sei nur am Rande vermerkt.
In der stilistisch vorwiegend rückwärtsgewandten, in aparter
Besetzung sowie Technik und Material mit Elementen der Zwölftontechnik
progressiven "Serenade für Klarinette,
Bassklarinette, Mandoline, Gitarre, Violine, Viola, Violoncello und Bariton"
op. 24 von 1920/1923 kombiniert dann SCHÖNBERG die neue Gattung
mit der traditionellen: Der IV. Satz ist ein Petrarca-Sonett.
Die Vielfarbigkeit und Variabilität des "Pierrot lunaire"
wirkt vorbildhaft. Dieser Typus dominiert besonders seit 1945 gegenüber
Klavier- wie Orchesterlied. Die Lebensfähigkeit mancher Gattungen
in der Praxis der Musikkultur zeigt sich aber daran, dass nach wie vor
sowohl Klavier- als auch Orchesterlieder entstehen.
- Die einzelnen Stücke können lose
nur gereiht oder zu einer gemeinsamen Opus-Nummer zusammengefasst
werden, wie bei ANTON WEBERN (1883-1945,
Bild 4) in "3 Volkstexte für Singstimme, Violine/Viola,
Klarinette und Bassklarinette" op. 17 (1924), oder
- sie bilden einen mehr oder minder fest
gefügten Zyklus wie im Fall "Pierrot lunaire"
mit einer übergreifenden Dramaturgie, nach dem Vorbild der klassisch-romantischen
Liederzyklen.
Mit der Kombination von Solostimme, kleiner Besetzung und der Zusammenfassung
mehrerer Lieder ergeben sich Übergänge zur Solokantate bzw.
Kammerkantate des Frühbarocks
1620-1640. Diese cantata
da camera für Solostimme mit (kammermusikalischer) Generalbassbegleitung
bildete den Anfang der italienischen Kantate (Chor und Orchester kamen
erst später dazu.) Ein Unterschied bleibt:
- Eine Kantate muss mehrsätzig sein und einen durchlaufenden thematischen
roten Faden haben, sodass sie eine übergreifende zyklische Einheit
bildet.
- Kammermusiklieder können, aber müssen sich nicht zu solchen
Einheiten fügen.
Manchmal heißen denn auch Werke der hier als "Kammermusiklied"
bezeichneten Gattung "Kammerkantate" oder gar "Kantate".
Besonders HANNS EISLER (1898-1962,
Bild 2) schrieb im dänischen Exil 1937 eine ganze Gruppe von
mehreren solchen Werken, die heute noch aktuell wirken: u. a. (bis
auf eine alle auf Texte von IGNAZIO SILONE)
- "Die römische Kantate",
- "Kriegskantate",
- "Die den Mund aufhatten"
(Titel auch: "Kleines Requiem für einen erschossenen Freund"),
- "Man lebt vom einen Tage zu dem andern" ("Kantate
im Exil"),
- sowie witzig Legenden kritisierend "Die
Weißbrot-Kantate",
- "Die Zuchthaus-Kantate" (auf
einen eigenen Text EISLERs),
- "Nein für Gesang und Streichquartett".
Alle diese Kantaten (bis auf „Nein für Gesang und Streichquartett“) sind extrem sparsam besetzt für Gesang, 2 Klarinetten,
Viola und Violoncello. In einer späteren "Kantate
auf den Tod eines Genossen" (1949, ebenfalls nach SILONE)
variiert EISLER die Besetzung leicht: Gesang mit Flöte, Klarinette,
Viola und Violoncello.
Weitere Werke
IGOR STRAWINSKY (1882-1971,
Bild 3):
- "Chansons plaisantes"
(Scherzlieder) Pribaoutki für (Männer-)Stimme und Instrumentalensemble
(1914);
- Gesangssuite "Berceuses du chat"
("Katzenwiegenlieder") für mittlere Stimme und 3 Klarinetten
(nach russischen Volksliedern, 1915/1916);
ANTON WEBERN (1883-1945,
Bild 4):
- 2 Lieder für mittlere Stimme, Klarinette/Bassklarinette,
Horn, Trompete, Celesta, Harfe, Violine, Viola und Violoncello op. 8
(RAINER MARIA RILKE, 1910);
- 6 Lieder für hohe Stimme, Klarinette, Bassklarinette, Violine
und Violoncello op. 14 (GEORG TRAKL, 1917-1921);
- 5 geistliche Lieder für Sopran, Flöte, Klarinette/Bassklarinette,
Trompete, Harfe und Violine/Viola op. 15 (1917-1922);
- 5 Kanons für hohen Sopran, Klarinette und Bassklarinette
op. 16 (lateinischer Text, 1923/1924);
- 3 Lieder für Singstimme, Klarinette und Gitarre op. 18
(1925);
PIERRE BOULEZ (* 1925,
Bild 5):
- "Le Marteau sans maître" ("Der Hammer ohne Meister") für Singstimme, Flöte,
Viola, Gitarre, Vibraphon, Xylophon, Perkussion (RENE CHAR, 1952-1955);
ARIBERT REIMANN (* 1936):
- Epitaph für Tenor und 7 Instrumente (PERCY BYSSHE SHELLEY, 1965).
Ein paradoxer Grenzfall neben mehreren anderen sozusagen "gewöhnlichen"
Kammermusik-Liedzyklen sind die "Attila
József-Fragmente" op. 20 für Sopran solo
ohne jede Instrumentalbegleitung (1981) von GYÖRGY
KURTÁG (* 1926).
Von den jüngeren Komponisten trug besonders VOLKER
BLUMENTHALER (* 1951) zu dieser Gattung bei. Er schrieb u. a.:
- den "Judith-Monolog" für Mezzosopran (Sopran), Viola (Violoncello) und Klavier (OTTO
WINZEN, 1968);
- "Las raíces" - Fragmente aus dem Canto general für Sopran (Mezzosopran),
Flöte und Gitarre (PABLO NERUDA, 1992);
- "hoti chronos" (Offenbarung
des Johannes, PETRARCA, HÖLDERLIN, SHAKESPEARE, RIMBAUD, NIETZSCHE,
POE, 2004), "ein musikalischer Kommentar
zum Apokalypse-Zyklus von MAX BECKMANN" für Sopran, Flöte,
Klarinette, Violine, Violoncello und Klavier;
- den Zyklus "Proportionen einer schlanken
Frau, Ausrisse" (ALBRECHT DÜRER, 1990, Internetverweis 1)
für Sopran, Klarinette, Bassklarinette, Kontrabass und Schlagzeug;
- den potenzierten, mehrteiligen Zyklus auf Texte mehrerer Dichterinnen
und Dichter: "Rooms/Räume -
Zyklus/cycle" mit insgesamt 4 "Büchern"
und leicht variierter Besetzung: Sopran, Flöte, Klarinette, Vibraphon,
Violine und Violoncello, teilweise Schlagzeug (1997/1998).
Bei BLUMENTHALER finden sich überdies schließlich einige
Gattungsvarianten:
- Reine Sprechstimme - Erklärung
einiger Dinge (PABLO NERUDA, 1975) für Sprecher, Flöte,
Klarinette, Trompete, Violine, Violoncello und Klavier;
- Kammermusiklied mit mehr als einer Gesangsstimme "Il
fiore del deserto - concetti e frammenti" ("Die
Blume der Wüste - Einfälle und Fragmente") für
Mezzosopran, Tenor und kleines Orchester (G. LEOPARDI.1992);
- Übergang zum Orchesterlied: "Ziegel
aus schwarzem Licht", Kantate für Sopran und kleines
Orchester (2 fl-ob-2 cl-hn-tr-tb-3 perc-2 va-2 vc-cb)
(ROBINSON JEFFERS, HANS ARP, 1985);
Mit der zweifachen Besetzung von Flöte, Klarinette, Viola und Violoncello
handelt es sich bereits um ein Kammerorchester.
