





Die Musik hängt vor allem im Bereich der Akustik
eng mit der Physik zusammen. Deshalb sollen nachfolgend einige physikalische
Phänomene untersucht werden, die für das, was man landläufig
als Klang bezeichnet, ganz entscheidend sind.
Im Laufe der Zeit haben sich für die Beschreibung von akustischen
Ereignissen leider mehrere Begriffe festgesetzt, die oftmals die gleiche
oder zumindest eine ähnliche Sache meinen. In den nächsten Abschnitten
geht es um die beiden Phänomene Obertonreihe
und Naturtonreihe (Hörbeispiel 1),
die ebenfalls zu dem gerade erwähnten begrifflichen Chaos beigetragen
haben, indem sie auch heute noch in verschiedenen Quellen gleichgesetzt
werden. Zwar ist eine Naturtonreihe durchaus auch eine Obertonreihe, aber
umgekehrt gibt es Obertonreihen, die nichts mit Naturtönen zu tun
haben. Die genauere Bedeutung klärt sich im Folgenden:
Obertonreihe
Wenn man von einem einzelnen Ton spricht, so hat man damit im musikalischen
Sinne die kleinste Analyseebene erreicht. Im physikalischen Sinne allerdings
lässt sich ein Einzelton weiter in verschiedene Teiltöne
auf unterschiedlichen Frequenzen zerlegen. Der unterste Teilton ist maßgebend
für die empfundene Tonhöhe. Man spricht hier von der Grundfrequenz
bzw. auch vom Grundton.
Insgesamt lassen sich mit den Teiltönen (auch Partialtöne
genannt) alle Klänge in der Musik genauso beschreiben, wie man dies
allgemeiner gesehen mit jeglichen akustischen Ereignissen tun kann. Fast
alle Töne, Klänge, Geräusche, selbst unsere eigene Sprache
setzt sich aus einer ganzen Reihe von Einzeltönen zusammen. Dabei
sind nicht die aufeinanderfolgenden Laute gemeint, sondern bereits wenn
wir auch nur einen kurzen Ton von uns geben, hören wir in Wirklichkeit
eine Vielzahl von Einzeltönen gleichzeitig. Alle diese Teiltöne
liegen in Form von Sinusschwingungen vor.
Ein wichtiger Hinweis muss an der Stelle noch zur Zählung gegeben
werden: Der unterste Teilton (also die Grundfrequenz) zählt als Oberton
nicht mit. Ein Gesamtton besteht also zum Beispiel aus 10 Teiltönen
- dies sind dann 9 Obertöne und der sogenannte Grundton.
Welche Frequenzen als Obertöne auftreten, hängt von den physikalischen
Eigenschaften des jeweiligen Klangerzeugers ab - man spricht hier
von "Eigenfrequenzen". Es
gibt Klänge mit harmonischen und solche mit nichtharmonischen Obertonreihen.
Im Bereich der harmonischen Obertonreihen handelt es sich bei den Frequenzen der Obertöne um ganzzahlige Vielfache der Frequenz des Grundtons (Naturtonreihe: siehe weiter unten). Als Beispiel lassen sich hier Saiten- und Blasinstrumente anführen.
Bei nichtharmonischen Obertonreihen bilden die Frequenzen der Teiltöne komplizierte nicht ganzzahlige Verhältnisse zueinander. Die Klänge reichen bei den Instrumenten von geräuschhaften Tönen (beispielsweise Trommeln) bis hin zu metallenen Klangfarben (zum Beispiel Glocke).
Die Anzahl der Obertöne und ihr Verhältnis zueinander beschreibt
aber nur einen Teil eines Gesamtklanges. Wichtig ist ebenso, wie laut
die einzelnen Obertöne sind. Im Normalfall (also bei natürlich
vorkommenden Klängen) sind höhere Obertöne leiser als tiefere,
da die schnellere Schwingung mehr Energie benötigt.
Je mehr Obertöne ein Klang hat, desto durchdringender oder schärfer
hört er sich an. Das heißt andersherum, dass ein Klang ohne
Obertöne sehr dumpf klingen müsste. Solch ein reiner
Sinuston kommt aber in der Natur kaum vor und kann meist nur technisch
erzeugt werden. Ein Beispiel hierzu wäre der Piep-Ton zum Fernseh-Testbild,
der zumindest im Fernsehstudio ein Sinuston ist. Durch die Übertragung
und die Verfälschung durch den TV-Lautsprecher kommen aber in geringem
Maße schon wieder Obertöne hinzu. Ein natürliches Sinuston-Beispiel
wäre die Stimmgabel, die
je nach Ausführung auch einen fast reinen Sinuston erzeugt.
Man kann Sinustöne auch bewusst dazu einsetzen, beispielsweise in
Synthesizern entsprechende Klänge damit zu bauen. Hierzu muss man
allerdings wissen, was für ein Obertonspektrum der Zielklang hat.
Dies ist selbst für Geübte nur sehr begrenzt realisierbar.
Rein mathematisch ist es natürlich auch möglich, eine Untertonreihe
zu errechnen, indem man die gleichen Algorithmen anwendet, mit denen man
auch die Obertonreihe eines Klanges beschreiben könnte. Aber auch
diese Töne kommen so in der Natur nicht vor.
Was allerdings eine für uns alltägliche Bedeutung hat, ist der
sogenannte Residualton.
Gemeint damit ist ein Ton, der eigentlich gar nicht zu hören ist,
sondern nur durch das menschliche Gehirn "errechnet" wird (Psychoakustik).
Es geht beispielsweise um die Musikwiedergabe in einem einfachen Kofferradio.
Rein physikalisch ist der eingebaute kleine Lautsprecher nicht in der
Lage, den tiefen Ton einer Bassgitarre wiederzugeben. Dieser Ton existiert
also im Gesamt-Klangbild nicht! Trotzdem wird jeder Hörer bestätigen,
dass er den Bass hört - das Gehirn vervollständigt das
Klangbild aufgrund der Obertonreihe der Bassgitarre, die im Klangbild
erhalten blieb. Ohne diese Fähigkeit könnte man weder Musikwiedergabe
aus kleinen Lautsprechern genießen, noch würde man den Gesprächspartner
am anderen Ende des Telefons an der Stimme erkennen.
Resonanz und Formanten
Aus dem gerade Beschriebenen ergibt sich die Fragestellung, warum menschliche
Stimmen überhaupt unterschiedlich klingen. Rein theoretisch müsste
ja der gleiche Klang entstehen,
wenn zwei Personen beispielsweise den gleichen Ton singen. Aber im Ergebnis
ist nur die Tonhöhe gleich, nicht aber der Stimmklang. Auch dafür
sind die Obertöne zuständig. Bedingt durch die individuelle
Größe und Form von Mund und Rachen, die beim Menschen im Wesentlichen
den Resonanzraum
bilden, werden manche Frequenzen verstärkt, andere abgeschwächt.
Hinzu kommt, dass der gleiche Vokal bei verschiedenen Menschen unterschiedliche
Resonanzen erzeugt. Diese sprachbezogene Resonanzkurve nennt sich Formant.
Beim sogenannten Obertongesang
macht man sich durch eine besondere Gesangstechnik die für den Klang
bedeutenden Obertöne zu nutze, indem diese besonders betont werden.
Diese spezielle Technik setzt eine gewisse Begabung und entsprechendes
Gesangstraining voraus.
Naturtonreihe
Die Naturtonreihe (auch Harmonische
genannt) beinhaltet alle sogenannten harmonischen Töne. Wie oben
schon beschrieben wurde, bilden alle weiteren Teiltöne von der Frequenz
her ein ganzzahlig Vielfaches der Grundfrequenz. In der Summe ergeben
alle Obertöne zusammen das Frequenzspektrum des entsprechenden Tones.
Die Frequenzverhältnisse der einzelnen Teiltöne kann man sowohl
mathematisch als auch musikalisch beschreiben:
|
1. Ton |
unterster Ton | Grundton |
|
2. Ton |
Oktave darüber | 1. Oberton |
|
3. Ton |
Quinte darüber | 2. Oberton |
|
4. Ton |
Quarte darüber | 3. Oberton |
|
5. Ton |
große Terz darüber | 4. Oberton |
|
6. Ton |
kleine Terz darüber | 5. Oberton u.s.w. |
Ausgehend von der vorangestellten
Nummerierung der Töne haben der Grundton und die Oktave darüber
ein Verhältnis von 1:2 (zum Beispiel 200 Hz : 400 Hz);
die Oktave wiederum zur großen Terz 2:5.
Der Gesamtklang entsteht dadurch, dass Ohr und Gehirn die einzelnen Teiltöne
zu einem Gesamtton verbinden, wobei der spezifische Klang sich bei Instrumenten
beispielsweise aus mehreren Parametern ergibt:
Davon ausgehend begründet sich der unterschiedliche Klang einzelner Instrumente. So besitzen die Streicher ein sehr reichhaltiges Spektrum an Teiltönen. Bei Klarinetten werden hauptsächlich die ungeraden Teiltöne betont. Das Fagott wiederum erzeugt einen Grundton, der leiser ist als die darüber liegenden Teiltöne. Glocken schließlich heben sehr stark die Terzen hervor. Zusätzlich kommen noch nicht-harmonische Teilklänge hinzu, die also nicht zur Naturtonreihe gehören und den metallenen Klangcharakter ausmachen.
Naturtonreihe und Spieltechnik
Neben dem Klang hat die Naturtonreihe auch eine entscheidende Bedeutung
für das eigentliche Spielen oder auch schon das Bauen vieler Instrumente.
Beim Saiteninstrument stellt praktisch die ohne weitere Griffe gespielte
Saite, die damit komplett schwingt, den Grundton dar. Will man die Oktave
darüber zum Klingen bringen, unterteilt man durch das Greifen auf
dem Griffbrett die Saite genau in der Mitte, so dass die halbe Saite nun
in der doppelten Frequenz schwingt (also wieder im Verhältnis 1:2).
Wollte man die nächsthöhere Oktave spielen, muss man die erwähnte
Hälfte wieder in der Mitte unterteilen - man benötigt also
die Hälfte von der Hälfte oder anders gesagt ein Viertel der
Gesamtsaite.
Daraus wird deutlich, dass die Abstände in höheren Regionen
immer enger werden, zumal im Moment nur von dem an sich großen Intervall
Oktave gesprochen wurde. Gleichzeitig klärt sich damit, warum auf
der Gitarre nach oben hin die Bundabstände immer kleiner werden.
Spieler eines Streichinstrumentes haben es hier übrigens um einiges
schwerer, denn auch für die Streichersaiten gelten selbstverständlich
die gleichen physikalischen Gesetze, die die nicht gleichmäßigen
Tonabstände zur Folge haben. Eine Orientierung oder gar Einteilung
wie bei der Gitarre gibt es aber nicht - der Spieler muss die Lage
der Töne quasi blind finden, was normalerweise nach dem Erlernen
eines solchen Instrumentes zum allgemeinen Spielgefühl dazugehört
und nicht selten den Spielern im Laufe der Jahre ein sehr gutes musikalisches
Gehör beschert - schließlich spielen sie nach diesem.
Auch eine spezielle Spieltechnik bei Saiteninstrumenten hat mit der Naturtonreihe zu tun - das sogenannte Flageolett. Gemeint ist dabei das leichte Fingeraufsetzen an den Punkten, wo die Töne der zu der Saite zugehörigen Obertöne der Naturtonreihe liegen, also bei der Oktave, der Quinte darüber oder an anderen entsprechenden Punkten. Das Ergebnis bringt eine Hervorhebung dieser Obertöne mit sich, was bei Streichern zum Beispiel fast flötenähnliche hohe Töne zur Folge hat.
Bei den Blasinstrumenten spielen die Obertöne der Naturtonreihe eine entscheidende Rolle für die überhaupt auf dem jeweiligen Instrument zur Verfügung stehenden Töne. Sie entstehen durch das sogenannte Überblasen, wobei damit bei den Holzblasinstrumenten der 3. oder 4. Oberton erreicht wird; bei den Blechblasinstrumenten ist durchaus der 10. Oberton möglich, falls der Musiker die entsprechenden Fähigkeiten hat.Mit dem Überblasen ist das Verstärken des Luftdruckes oder der Lippenspannung beim Anblasen eines Instrumentes gemeint. Dadurch erklingt statt des Grundtones ein höherer Teilton. Insbesondere für Blechblasinstrumente, die keine Ventile besitzen (Flügelhorn), ist dies die einzige Möglichkeit, verschiedene Töne zu erzeugen - eben die, welche zur Naturtonreihe des Instrumentes gehören. Im Übrigen ist es bei der Anwendung richtiger Überblastechnik möglich, auf Holzblasinstrumenten ein Flageolett zu erzeugen.
Wer mit den oben genannten Instrumenten nichts zu tun hat und sich die Naturton-Problematik immer noch schwer vorstellen kann, sollte am Klavier folgendes Experiment versuchen: Mit der rechten Hand drückt man ganz vorsichtig eine C-Taste und die darüber liegende G-Taste, so dass die Töne nicht angeschlagen werden. Während man diese Tasten weiter gedrückt hält, schlägt man nun mit der linken Hand das unter den beiden gedrückten Tasten liegende c kurz an. Nach dem Loslassen dieser Taste kann man die beiden Töne, die man eigentlich gar nicht angespielt hat, deutlich hören. Was ist passiert? - Der gespielte Ton c ist in dem Fall der Grundton, die beiden anderen sind die ersten beiden Töne der Naturtonreihe, die mit zum Schwingen angeregt werden. Zur Rückkontrolle kann man andere Tasten gedrückt halten, die nicht zu den Naturtönen gehören. In dem Fall sollte kein Mitschwingen auftreten.
Noch einfacher geht es, wenn man ein sogenanntes Heulrohr zur Verfügung hat. Ein Heulrohr (manchmal auch Musikschlauch genannt) ist ein flexibler, gerillter Plastikschlauch, den es in meist grellen Farben an diversen Souvenir-Ständen gibt. Hält man das eine Ende fest und schleudert dann das Rohr in einer Drehbewegung, dann hört man je nach Drehgeschwindigkeit verschiedene Töne, die umso höher sind, je größer die Geschwindigkeit ist. Grundsätzlich entstehen die Töne durch eine Resonanz der Luftströmung im Inneren des Rohres. Dabei werden nur die Naturtöne zum Klingen gebracht. (Hörbeispiel 2)
Stimmung
Die Stimmung ist in der Musik
die Bezeichnung für die Art, in der bei einem Musikinstrument die
Töne des Tonsystems aufeinander abgestimmt werden. Dabei geht es
hier um die Feinabstimmung im Bereich von weniger als einem Viertel-Ton.
Vor allem bei Tasteninstrumenten wird auch gern die Bezeichnung Temperatur
verwendet; im Bereich der technischen Instrumente (zum Beispiel Synthesizer)
spricht man von Microtuning.
Im Laufe der Musikgeschichte haben sich verschiedene Stimmsysteme entwickelt, die alle ihre Vor- und Nachteile haben. Nachfolgend sollen die wichtigsten beschrieben werden. Um die Problematik auch hörbar zu machen, wurde der Anfang eines Mozart-Stückes (Originaltonart d-Moll) in allen Stimmungen eingespielt. Da es vom Aufwand her fast unmöglich ist, dazu jeweils ein Instrument neu einzurichten, wurde ein Synthesizer mit einer Orgel-Simulation verwendet. Nicht jeder Hörer wird alle feinen Unterschiede bemerken - hier spielt musikalisches Gehör auf jeden Fall eine große Rolle.
Bei Instrumenten mit festen Tonhöhen stellt die gleichstufige
Stimmung heute die Standardstimmung dar. Nur selten werden die ganz
alten Stimmungen verwendet - etwa dann, wenn man alte Musik bewusst
mit ihrem historischen Klang aufführen möchte.
Um für das Stimmen einen Bezugspunkt zu haben, wurde der sogenannte
Kammerton a
festgelegt. Auch dieser Ton hat sich im Laufe der Musikentwicklung verändert.
Er lag zu BACHs Zeiten noch bei 415,5 Hertz. Später bei MOZART
waren es 421,6 Hertz; um 1885 legte man 435 Hertz fest und der
seit 1939 definierte heute übliche Kammerton befindet sich bei 440 Hertz.