Musik
Klassifikation von Weltmusikinstrumenten
HackbrettspielerinEmische und etische BeobachtungsperspektiveMaracasQuena (Kerbflöte)

Musikinstrumente sind technische Mittel der Klangerzeugung und sie werden in verschiedenen Kulturen nach unterschiedlichen Merkmalen klassifiziert.

Weltmusikinstrumente: chinesisches System
Das chinesische System (ba-yin) unterteilt seit dem 8. Jh. vor Chr. die Musikinstrumente in acht Gruppen gemäß der kosmologischen Vorstellung, den Himmelsrichtungen, den Jahreszeiten und Baumaterialien:

Material Himmels-richtung Jahreszeit Haupt-instrument Anlass des Musizierens
"Leder/
Fell"
Nord Winter Trommel bei feierlichen Anlässen
"Kale-basse" Nordost Winter-frühling Mundorgel
(Sho)
 
"Bambus" Ost Frühling Flöte, Pfeife beim Anpflanzen von Bäumen und Getreide
"Holz" Südost Frühlings-sommer Holztiger/
Schlagzeug
 
"Seide" Süd Sommer Zither/
Laute
wenn Seidenraupen ihr Kokon spinnen
"Erde/Ton" Südwest Sommer-herbst Gefäßflöte/
Okarina
 
"Metall" West Herbst Glocken/
Gongs
erklingt beim Rückzug der Truppen
"Stein" Nordwest Herbst-winter Stein-plattenspiel  

In den alten Sanskritschriften zu den "Lehren der dramatischen Kunst" (Bharatiya-natya-shastra des Mönchs BHARATA um die Zeitenwende. wurden die Musikinstrumente (vâdhya) in vier Klassen eingeteilt. Diese wurden bestimmt durch die Natur der in Schwingung versetzten Teile und die Art der Tonerzeugung, ein Prinzip, das viel später in einer systematischen und kulturvergleichenden Weise auch E. M. VON HORNBOSTEL und CURT SACHS in ihrer Systematik der Musikinstrumente (1914) angewandt und ausgebaut wurde.

Weltmusikinstrumente: indisches System der Musikinstrumentenklassifikation

  1. tâta vâdhya: "Saiteninstrumente" (Chordophone), bei denen die Saite gespannt wird (von tan, spannen) und durch Zupfen, Streichen, oder Schlagen in Schwingung gebracht wird, z.B. die Laute vîna, die sarangî oder tâmpûrâ)

  2. avanadha vâdhya: "Trommelinstrumente" (Membranophone), die mit einem Fell ausgestattet sind (von avanadha, bedeckt)

  3. sushira vâdhya: "Blasinstrumente" (Aerophone), die "hohl" oder "durchstochen" sind, bei denen der Klang mit Luft oder Atem erzeugt wird, z.B. die Bambusflöte muralî).

  4. ghana vâdhya: "Schlaginstrumente" (Idiophone), die aus einem soliden Material wie zum Beispiel aus Metall gefertigt sind und geschlagen werden (von han, schlagen), z.B. die kleinen Becken talam.

In Tibet werden die Musikinstrumente eingeteilt in "geschlagene" (brdun-ba), "geblasene" und die (mit der Hand) "geschwungene" Instrumente (’khrol-ba) der Handtrommel und Glocke. Die vierte Gattung der Saiteninstrumente (rgyud-can) wird allerdings im buddhistischen Bereich der Klöster nicht eingesetzt.

Maraka - "singende" und "geblasene" Musikinstrumente der brasilianischen Kamayurá
Wie komplex, in sich stimmig und logisch die Instrumentenklassifikation auch in sogenannten traditionellen Kulturen sein kann, zeigt das Beispiel der Kamayurá am oberen Xingu-Fluss (Brasilien). Der Klangstrom (ihu) wird dort prinzipiell unterschieden in jenen der gesprochenen Sprache und jenen der Musik (maraka), wobei die gesungene Sprache wie auch das Beten (kewere) zu den "singenden", d.h. geblasenen Musikinstrumenten (marakatap) gerechnet wird im Unterschied zu den Musikinstrumenten wie die Rasseln, die nur eine Begleitung machen. Prinzipiell wird zudem auch unterschieden in Musikinstrumente zum Gesang, zum Vergnügen oder zum Tanz, daneben grenzt man kleine Blasinstrumente, die nur zum Lernen oder Lehren dienen, von den eigentlichen Melodie- tragenden Instrumenten ab.

Emisch/etisch - die kulturimmanente und die kulturvergleichende Betrachtungsweise
Musikinstrumente weisen in unterschiedlichen Kulturen eine geschichtliche wie auch sozio-kulturelle Vielfalt der Konstruktion, Terminologie, der Klassifikation, der Spielweisen, der ästhetischen Klangssymbolik, der Funktionen sowie der Ensemblebesetzungen auf. Zu unterscheiden ist demnach hinsichtlich der Klassifikation von Musikinstrumenten - wie ganz allgemein auch bei der Betrachtung und Interpretation einer spezifischen Kultur - die Kriterien einer kultur-immanenten (emischen) Betrachtungsweise, die versucht mit den Wirklichkeitskonzepten der betreffenden Kultur selber die Dinge zu sehen und zu erklären im Unterschied zu einer Betrachtungsebene, die von außen kommt und mit kultur-"fremden" d.h. von extern herangetragenen (etischen) Betrachtungs- und Klassifikationskonzepten, diese Wirklichkeit zu beschreiben (Bild 2).

 

Musikinstrumente als kulturelle Ikonen - Die Lokalisierung des Traditionellen
Alle Musikinstrumente sind Teil des Weltkulturerbes. Der freie Fluss von Menschen, Waren und kulturellen Gütern sowie von Musik in einem globalen Rahmen haben es mit sich gebracht, dass musikalische Praktiken nicht mehr direkt an bestimmte Herkunftsorte gebunden sind: Mit der Migration von Menschengruppen fern von ihrem Heimatland hat sich auch deren Musik verbreitet. Die freie Zirkulation von Musik über Massenmedien, vor allem Fernsehen, Rundfunk, Video und Schallplatten, brachte es mit sich, dass sich auch Ideen, Musikauffassungen und -stile auch losgelöst von ihren Trägern frei verbreiten konnten.
Auf der globalen Ebene werden Weltmusikinstrumente nicht zuletzt deswegen in der Regel stereotypisierte und mit Nationen in Verbindung gebracht. In der Frage, welche Musikinstrumente als nationale verstanden und angesehen werden, zeigt es sich rasch, dass in den letzten Jahren die Anzahl durch ihre Medienpräsenz zugenommen hat. Eine Liste von traditionellen Instrumenten soll - andeutungsweise und ohne damit vollständig sein zu können - in der Übersicht verdeutlichen, wie der Wiedererkennungswert automatisch und fast zwingend in der obersten groben Welt-Kategorie mit einem Land (einer Nation) assoziiert wird.

Alphorn Schweiz
Anklung Südostasien
Arghul Ägypten

Balaleika

Russland
Bandonion Argentinien
Banjo USA
Berimbao Brasilien
Bodhran Irland
Brummtopf Deutschland
Charango Bolivien
Chin China
Cimbalom Ungarn
Cuica Brasilien
Darabuka Türkei
Davidsharfe Äthiopien
Davul-Zurna Türkei
Deutsche Laute Deutschland
Didjeridu Australien
Djembé Guinea
Dudelsack Schottland
Duduk Armenien
Erhu China
Gamelanorchester Java, Bali
Gitarre Spanien
Gusle Jugoslawien
Guiro Kuba
Hackbrett (Bild 1) Deutschland
Kora Westafrika
Kanun Türkei
Kastagnetten Spanien
Keltische Harfe Irland
Kokle Lettland
Koto Japan
Launeddas Sardinien
Lyra Griechenland
Maraca (Bild 3) Südamerika
Mbira (Sanza, Likembe) Sambia
Morinchur Mongolei
Musette Frankreich
Nycjelharpa Schweden
Panflöte (Siku) Peru
Quena (Bild 4) Peru
Sarangi Indien
Saz Türkei
Schamanentrommel Sibirien
Shamisen Japan
Shakuhachi Japan
Shékere Kuba
Sitar Indien
Sistrum Äthiopien
Steelband Trinidad
Talking Drum Nigeria
Tamburine Sizilien
Tablas Indien
Taiko Japan
Tin Whistle Irland
Ud arabische Länder
Ukulele Hawaii
Vina Indien
Xylophon Schwarzafrika

Viele der aufgelisteten Instrumente werden inzwischen in multikulturellen Musikgeschäften und in sogenannten Dritte-Welt-Musikläden gehandelt oder zumindest bei multikulturellen Festveranstaltungen auch von Musikern aus anderen Herkunftsländern gespielt. Genau genommen sind die wenigsten Instrumente für alle Regionen der entsprechenden Länder repräsentativ. Dennoch werden sie auf der globalen Ebene in ihrer Repräsentanz in der Regel als fürs ganze Land typisch wahrgenommen.

Zum Beispiel war das sogenannte Didjeridu ursprünglich von den australischen Yolngu unter dem Namen Yidaki nur im nordöstlichen Arnhem Land bekannt, und es wurde nur von Männern bei bestimmten Zeremonien gespielt, inzwischen ist es eine Instrumenten-Ikone für ganz Australien geworden (Neuenfeldt 1997:VII). Das didjeridu wird inzwischen weltweit auch von Frauen bei ganz unterschiedlichen Anlässen und in verschiedensten Ensembles gespielt.

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