


Zum Begriff "Konzert"
Der Begriff "Konzert"
bezieht sich sowohl auf die Gattung wie auf die Institution Konzert. Das
dem Begriff "Konzert" zugrunde liegende lateinische Wort "concertare"
heißt sowohl "wetteifern, kämpfen, streiten, disputieren"
als auch "mit jemandem zusammenwirken". Das daraus abgeleitete
italienische concertare (Concerto)
erhielt die Bedeutung: "etwas miteinander in Übereinstimmung
bringen, vereinigen". "Wetteifern" hat durchaus mit Kampf
und Konkurrenz auf einem Markt zu tun.
Im Unterschied zum deutschen Sprachgebrauch wird im Englischen und Französischen
zwischen
Konzert und
Konzertwesen
Die historisch strukturierte Summe aller Konzerte und Konzerttypen ist das Konzertwesen. Das Konzertwesen entwickelte sich von eher bescheidenen Anfängen seit
dem 17. Jh. allmählich zu einem zentralen Bereich der bürgerlichen
Musikkultur besonders im 19. Jh. Nach einem Kulminationspunkt kurz
nach 1900 ist es im 20. Jh. einer zunehmenden Konkurrenz seitens der
technischen Medien ausgesetzt. In direkter oder indirekter Fortsetzung von
Traditionslinien des populären Konzertwesens wurde das Konzert im 20. Jh.
zu einer Darbietungsform auch für die populären Musikformen, insbesondere
für die Rockmusik bis hin zum "Gesamtkunstwerk"
der Show.
Von anderen, musikunspezifischen Realisierungsorten wie
oder musikspezifischen wie
unterscheidet sich das Konzert durch radikale
Musikzentrierung: Es ist der soziale Ort, an dem man sich öffentlich
um der "reinen", autonomen Musik willen versammelt (oder das
zumindest in Anpassung an die gesellschaftliche Norm vorgibt).
Hauptzüge des Konzerts
Im Konzert bildet Musik eine "autonome", eigenständige
"Welt für sich selbst". Das Konzertwesen hob im Verlauf
seiner Entwicklung alle anderen musikalischen Kultur- und Realisierungsformen
auf und entwickelte sich so zur allgemeinen Form von Musikrealisierung.
Aus der Konzentration aufs "Rein"-Musikalische folgen für
die produktive Realisierung vor allem geistige
wie technische Höherqualifizierungen. Dazu zählen:
Daraus folgen weiter:
Für die rezeptive Realisierung, für Hören und Verhalten, wird der radikale Verzicht auf zwischenmenschliche Kommunikation zur Norm - typisch ist u. a. das Schweigen während des Musizierens und Zurückhaltung des Beifalls bis zum Ende des Werks.
Zwei Grundformen
Historisch bildet sich das Konzertwesen aus der Synthese von zwei sehr
unterschiedlichen Grundformen
des Konzerts.
Vor- und Frühformen
Historisch gesehen finden sich Vor-
und Frühformen des Konzerts, wie andere wichtige Formen der Musikkultur,
bereits in den frühesten Zeiten der Menschheit. Im Konzert kommt
die Eigenständigkeit der Musik zu sich selbst zum Ausdruck, d. h.
eine Dimension, die von Anfang an im Musikprozess enthalten ist, aber
eben bis dahin nur als untergeordnete. Die Eigenständigkeit als Freiheit
des Objekts sowie der beteiligten Subjekte von unmittelbar (lebens)praktischen
Zwecksetzungen tritt immer wieder hervor. So gibt es Vorformen des Konzerts
z. B. bereits in der griechischen Antike, bei den odeia,
theaterartigen Gebäuden, die dem Vortrag von Rhetoren, aber auch
der Musikvorführung dienten.
Andererseits gehört zum eigentlichen Konzert ein ganzes Bündel
von Voraussetzungen und Merkmalen. Diese entfalten sich erst mit der allmählichen
Freisetzung des Individuums durch die kapitalistische Produktionsweise
samt Markt und bürgerlicher Gesellschaft. Die wirklichen historischen
Anfänge des Konzerts liegen denn auch frühestens in der (Spät-)Renaissance
mit dem allmählichen Autonomwerden der Kunst wie der Einzelkünste
- in Gestalt höfisch-aristokratischer Darbietungsformen sowie
der italienischen Akademie und ihrer französischen und deutschen
Nachfolgeformen.
Solche Anfänge im haus- und kammermusikalischen, spontan-familiären
oder bereits vereinsmäßig organisierten Musizieren lassen sich
auf etwa 1600 datieren. Die allmähliche faktische Öffnung dieser
dem Bereich einer "bürgerlichen Öffentlichkeit" zugehörigen
Vereinigungen durch Zulassung von hörendem und später auch zahlendem
Publikum setzt frühestens ein halbes Jh. später ein.
Zeitlich etwa parallel verläuft die Entwicklung des anderen Strangs,
des professionellen Konzerts. Hier gehen Frankreich (Paris) und England
(vor allem London seit der Restauration 1660) voran. Ausgangspunkt sind
zum einen mehr oder minder mäzenatische Veranstaltungen des Typus
"Hauskonzert"
oder "Privatkonzert".
Zum dritten schließlich entstehen Ansätze eines Konzertwesens im Bereich des Gaststättenwesens, besonders nachhaltig in den Londoner Vergnügungsparks bzw. Konzertgärten seit den 1660er-Jahren:
Auch diese pleasure gardens dienten als Modelle und wurden andernorts übernommen, so
Entwicklung des Konzerts
Für die Etablierung des Konzertwesens erscheinen die Regelmäßigkeit
und damit mindestens zeitweilige Stabilität auf Grundlage der bürgerlichen
Vereinigung entscheidend. So bildete sich eine auch zeitliche Eigenständigkeit
in Gestalt des "wöchentlichen Konzerts"; das war nicht
zuletzt eine (verdeckte) Konkurrenz zum wöchentlichen Gottesdienst.
Die finanzielle Grundlage schufen zum einen die Subskription, die vorgängige Verpflichtung zur Bezahlung eines oder mehrerer Konzerte,
die das Konzert als Angebot überhaupt erst möglich machte und
auch für die Virtuosenkonzerte außerhalb der Höfe im 18. Jh.
üblich war. Das Abonnement als
Weiterentwicklung der Subskription setzte ein solches Angebot als bereits
existierend voraus.
Einen nächsten Schub brachten modellhafte
Gründungen um und nach 1710 wie
Hier ist die Konzentration bzw. Reduktion auf "reine" Musik im Wesentlichen bereits zur Norm geworden, so wie dann in weiteren Gründungswellen nach 1740:
Etwa seit dieser Zeit lässt sich von einem Konzertwesen im engeren
Sinn sprechen, das eine gewisse Fülle und Vielfalt von Konzerten
voraussetzt.
Musikfeste bzw. Festivals mit Laien- oder Berufsmusikern, Chören oder Instrumentalensembles
kommen ebenfalls im 18. Jh. auf. Sie sind eine Art Konzert in Potenz
- konzentriert, intensiviert oder auch nur multipliziert, wie
Das Konzertwesen strahlt von großstädtischen Metropolen aus.
Es bildet sich aber nach den dort geprägten Modellen bei hinreichendem
Reifegrad der jeweiligen musikkulturellen Binnenverhältnisse rasch
auch anderswo, in den Mittel- und sogar Kleinstädten der west- und
mitteleuropäischen Länder.
Entfaltung zur herrschenden Form der
Musikkultur
So wichtig Liebhaberaktivitäten für den Fortbestand des Konzertwesens
bis heute sind, so sehr verdankt sich doch der Durchbruch
zur herrschenden Form einer durchgreifenden Professionalisierung hin
zum "entwickelten Konzert". Ihr Ansatz liegt, innerhalb der
bürgerlichen (Honoratioren-)Vereinigungen, bei den Vokalsolisten und beim instrumentalen Musizieren. Mit der verstärkten Professionalisierung
des Konzert-Musizierens vor allem seit etwa 1815 gingen die Musikliebhaber
zunächst der gleichrangigen instrumentalen Kompetenz verlustig. Daher
beschränkte sich die musikalische Laienaktivität immer mehr
auf Mitwirkung in Chören. Kehrseite dieses Prozesses war ein Verlust
an imaginär-realer Selbstverwirklichung des Publikums.
Etwa mit 1848 war die Etablierung größerer stehender Konzertorchester von Berufsmusikern außerhalb des höfischen Bereichs in gesellschaftlichem
Maßstab verwirklicht. Hierbei wirkten Orchester
häufig in Doppelfunktion zusammen.
Als weitere Stufe der Entwicklung verwandelte sich dann die bürgerliche
Konzertgesellschaft in einen nur noch organisierenden, veranstaltenden
und einen Kern des Publikums bildenden Trägerverein. Dementsprechend
reduzierte sich bei den professionellen Musikern der mimetische Fächer
auf das Nur-Musizieren, auf den Typus des bereits im Opern- und Hoforchester
vorgebildeten "reinen" und auf ein Instrument spezialisierten,
dafür aber technisch immer perfekteren Tutti-Musikers.
Das (besonders seit 1830) Aufkommen des (Künstler-)Agenten, der den Musiker von Organisation usw. entlastet, förderte die Herausbildung
des "reinen" Musikers:
Schließlich wurden nach 1917/18 mit russischer Oktober- und deutscher
Novemberrevolution Instanzen des Staats als relativer Vertretung von Allgemeinheit
zum Träger zentraler Teilinstitutionen des Konzertwesens, des Orchesters
und (in der Regel) des speziellen Konzertsaals bzw. -hauses.
Repertoire, Verhaltensnormen und Verhaltensweisen
Ein Rest der kollektiven Eigentätigkeit, der die Spaltung in Ausführende
und Hörende zu überbrücken sucht, ist der Beifall. Als Ausdruck wie Instrument der Bildungsfunktion des Konzerts dient das Programm. Es ist die verbale Formulierung des Konzertinhalts, vom Konzertzettel
bis zum Programmheft. Allgemeine Tendenz ist dabei die Erhöhung der
Standards, vor allem wachsende Genauigkeit und Ausführlichkeit der
Angaben zu Werken und Interpreten - wobei schon der Impresario JOHN ELLA nach 1848 analytische Notenbeispiele einführte. Mit dem
Konzertwesen entwickelte sich auch die Musikkritik seit dem Ende des 18. Jh., wobei immer größerer Akzent
auf die Wertung der Interpretationsleistung statt auf die Erläuterung
der Werke gelegt wurde.
Im Hinblick auf das Repertoire saugte das Konzertwesen im Verlauf seiner
geschichtlichen Entfaltung tendenziell alle Gattungen - als entfunktionalisierte
- förmlich in sich hinein: "bunte",
gemischte Programme mit vielen einzelnen Nummern und langer Gesamtdauer
von oft drei bis vier Stunden sind daher noch über die Zäsur
von 1848 hinaus die Regel. Im späteren 19. Jh. bildete sich
im gehobenen, "philharmonischen" Segment des Konzertwesens eine
Reduzierung des Programms auf bis heute gültige Standards mit Ouvertüre
- Solokonzert - Sinfonie heraus.
Zum anderen verselbstständigten sich besondere Formen des Konzerts
wie
Populäre Konzertformen bildeten ein quantitativ und besonders in der zweiten Hälfte des 19. Jh. für die Durchsetzung von damals neuer Musik auch qualitativ wichtiges Segment des Konzertwesens.
machten solche Formen mit der Mischung von Populärem und Anspruchsvollem zu nicht unwichtigen Orten musikalischer "Volksbildung". Mitglieder der BILSE-Kapelle gründeten 1882 das Berliner Philharmonische Orchester. Zu diesen Formen, die sich nie ganz von der Einbettung in das Gaststättenwesen emanzipierten, zählen u. a.:
Eine charakteristische Form für das spätere 19. Jh. ist
das "Monstrekonzert" mit
riesigen Besetzungen. Diese Vielfalt wird ergänzt durch Formen mit
theatralischen Elementen, britische music
hall, französisches café
chantant bzw. café concert.
Wiewohl im Konzertwesen ideell sich das Allgemeininteresse artikuliert
und es an alle adressiert ist, wurde lange Zeit, im Namen der Einheit
von "Besitz und Bildung", das Volk nicht im Konzertwesen geduldet.
Demgegenüber war ein verbilligter Eintritt für "Volkssinfoniekonzerte" eine wenigstens formelle Demokratisierung des Zugangs Ende des 19. Jh.
nach englischen Modellen. Weitere Ansätze bildeten Volks-
und Arbeiterkonzerte im Rahmen der Arbeiterbewegung.
Wandlungen des Konzertwesens im Zeitalter
der technischen Reproduktion von Musik
Das Modell Konzert wurde im Zug der Europäisierung der Welt seit
dem späten 18. Jh. in die schon höher entwickelten Länder
und Kolonien exportiert oder auch in selbstständige Staaten wie etwa
nach Japan. Um und kurz nach 1900 erreichte die bürgerliche kunstreligiöse Sakralisierung des Konzerts mit tempelartigem
Sinfoniehaus und Verdeckung des Orchesters einen Höhepunkt. Ab den
1920ern verdrängte die Ausbreitung des Rundfunks im Verein mit den ebenfalls rein akustischen Tonträgern das (klassische) Konzertwesen aus der führenden musikkulturellen
Stellung.
Seit 1945 steigerten sich aufgrund wachsender internationaler wirtschaftlicher
wie kultureller Verflechtung samt selbstverständlichem (transkontinentalem) Flugverkehr nochmals sprunghaft Intensität
und Verdichtung des Konzertwesens.
Eine Gegenwirkung zu der Kommerzialisierungs- wie der Musealisierungstendenz
schuf das partielle Bündnis zwischen Neuer Musik und öffentlich-rechtlichem
bzw. staatlichem Hörfunk nach
1945. Es ist heute weitgehend aufgekündigt.
Sparen staatlicherseits, als ob Kultur rentabel sein müsste, wirkt
mit zunehmender Kommerzialisierung destruktiv zusammen. Diese sucht zum
einen auch das Konzertwesen qua Sponsoring u. Ä. als Reklame
und Marketing in Dienst zu nehmen. Da das nur bei einem gewissen wenigstens
formellen Niveau funktioniert, dürfte schon deshalb ein konventionell-stromlinienförmiges,
am Gala- und Festivalprinzip orientiertes
Segment des Konzertwesens auf absehbare Zeit überleben.
Zum anderen geht von den transnationalen Tonträgerkonzernen wie Agenturen
mit ihrer Orientierung an kurzfristigen, möglichst hohen Gewinnen
ein wachsender Druck auf das Konzertwesen aus, Standards der Musik wie
Musikrealisierung zu erniedrigen. Dafür sorgt u. a. der von
der Unterhaltungsindustrie ausstrahlende Starkult.
Eine einigermaßen solide Geschäftsgrundlage gibt es auf absehbare
Zeit für Konzerte als "Live"-Rohmaterial für mediale
Weiterverarbeitung zwischen Videoclip und weltweit ausgestrahltem
Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker. Gewisse Chancen liegen weiter
im konservativen Beharren, schließlich in Formen wie
die den Bildungs- und Demokratieanspruch als Kern des Konzerts bewahren.