













Die Wurzeln des Begriffs "Sinfonische Dichtung" liegen in der Klaviermusik des beginnenden 19. Jh. In dieser Zeit verbreitete sich die Übernahme von Gattungsbezeichnungen aus dem Bereich der Dichtung in die Instrumentalmusik. Einige frühe Beispiele dafür geben
Dabei geht es darum, den Ausdruck und den besonderen Tonfall der literarischen
Gattung musikalisch umzusetzen. CARL
LOEWE (1796-1869) ging dabei mit seinem Klavierstück "Mazeppa
- Eine Tondichtung nach Byron" (1830) noch weiter. Im
Titel wird auf eine konkrete dichterische Vorlage zu Lord GEORG BYRONs
(1788-1824) Gedicht "Mazeppa" verwiesen.
Mit diesem Hinweis auf eine nichtmusikalische Vorlage ebnete LOEWE den
Weg zur Verbindung poetischer Kompositionsabsichten mit außermusikalischen
Programmen. In FRANZ LISZTs (1811-1886, Bild 1) Klavierschaffen
gewann diese Idee einer poetischen Musik
erheblich an Bedeutung.
Entstehung der Gattung
Da sich die Sinfonischen Dichtungen nach außermusikalischen Vorlagen
gestalten, sind sie in die Gattung der Programm-Musik
einzuordnen. Im Bereich des Sinfonischen finden sie
die wesentlichen Vorläufer. Ziel war es, die erstarrten Sinfonie-Konzepte
der Wiener Klassik zu erneuern. Bereits
im Chorfinale von BEETHOVENs 9. Sinfonie d-Moll op. 125 (1822-1824)
war ein Aufweichen der alten Formen in der Überschreitung traditioneller
Gattungsgrenzen zu sehen. Angesichts des zugrunde liegenden literarischen
Werkes wurde die Musik hier zum Ausdruck einer "dichterischen Absicht".
Die literarische Grundlage dieses Orchesterwerks nahmen eine Reihe Komponisten
zum Anlass, auch in ihren Sinfonien außermusikalische Themen als
Programme einzubeziehen. Während RICHARD
WAGNER (1813-1883) in seinen Musikdramen Texte bzw. Handlung
als Vorlagen einbindet, greift FRANZ
LISZT in den Sinfonischen Dichtungen auf poetische Ideen, Sujets bzw.
Programme zurück.
Die Sinfonische Dichtung
unterscheidet sich von der Sinfonie also vorrangig durch
Das ist aber nicht immer an der Benennung der Werke festmachbar. So
bezeichnete LISZT seine 1. Sinfonische Dichtung auch noch nach Einführung
der neuen Gattungsbezeichnung 1854 als "Bergsinfonie".
Auch in der Ouvertüre liegt ein Ausgangspunkt für die Entstehung der Sinfonischen Dichtung, da ihr durch die einleitende Funktion zu einer Oper bzw. zu einem Schauspiel bereits ein literarisches Thema zugrunde liegt. Insbesondere
sind in diesem Zusammenhang als wichtige Wegbereiter zu nennen. LISZT bezeichnete noch bis 1854 seine einsätzigen sinfonischen Werke als Ouvertüren. Er übertrug erst in dem zusammengestellten Zyklus seiner 12 Sinfonischen Dichtungen den Begriff auch auf die vor 1854 entstandenen Kompositionen. Durch die Einführung des neuen Begriffs "Sinfonische Dichtung" sollte ein höherer sinfonischer Rang gegenüber der Ouvertüre zum Ausdruck gebracht werden. Dies zeigt sich in drei Punkten:
Die Konzertouvertüre mit Programm wollte LISZT aber von diesem neuen Konzept der Sinfonischen Dichtung klar abgrenzen. Dennoch sind die nach 1854 komponierten Ouvertüren anderer Komponisten von dieser neuen Sinfonie-Idee beeinflusst, auch ohne die Gattungsbezeichnung übernommen zu haben.
Bedeutung des Programms
Als Programme für die Sinfonischen
Dichtungen dienten Themen
Die Inhalte wurden aber nicht bloß illustriert bzw. nacherzählt. Vielmehr ging es darum, das in Dichtung und Malerei nicht Darstellbare mithilfe der Musik auszudrücken. Die Musik wurde selbst zur Dichtung, in dem sie es sich zur Aufgabe machte, innere Vorgänge bzw. konkrete Gefühlsgehalte zu erzählen. Der Inhalt prägte zugleich die Form, in dem sich die Strukturprinzipien der klassischen Sinfonie dem zugrunde gelegten Sujet unterordneten. Mit der Gattungsidee Sinfonische Dichtung kann also kein bestimmter Aufbau verbunden werden.
Die Kriterien der Sinfonik bei LISZT
Es sind vier Kriterien
der Sinfonik bei LISZT bekannt:
Nachfolge LISZTs
Seit dem späteren 19. Jh. wird der Begriff "Sinfonische
Dichtung" nicht selten durch das Wort "Tondichtung" ersetzt, z. B. in
LISZTs Sinfonische Dichtungen sind reine Orchesterwerke. Die weitere Gattungsgeschichte überträgt den Begriff aber auch
auf Kompositionen mit
Chor. Ein Beispiel dafür ist
die Bezeichnung "Sinfonische Dichtung" für CESAR
FRANCKs (1822-1890) mehrsätziges sinfonisches Werk mit
Chorpartien "Psyché" (1886-1888).
Der Begriff "Sinfonische Dichtung" wurde nach LISZT oft auf Programmsinfonien ausgeweitet, wie bei MORITZ MOSZKOWSKIs (1854-1925) "Johanna d`Arc" op. 19 oder bei GUSTAV MAHLER (1860-1911), der seine 1. Sinfonie D-Dur (Hörbeispiel 1) selbst zeitweilig als "Titan einer Tondichtung in Symphonieform" bezeichnete.
Werke in der
Reihenfolge ihrer zyklischen Anordnung
In den Jahren 1848-1858 schrieb LISZT 12 Sinfonische
Dichtungen. Er komponierte die Werke in Weimar, wo auch die meisten
von ihnen uraufgeführt wurden. Die Zusammenstellung zu einem Zyklus
war ein Bestandteil der Konzeption Sinfonische Dichtung.
1. Die Sinfonische Dichtung Nr. 1, die sogenannte "Bergsinfonie" - Ce qu`on entend sur la montagne (Was man auf dem Berge hört, 1847/1848) -, ist die erste Sinfonische Dichtung LISZTs und bildet den Beginn des Zyklus. Das gleichnamige Gedicht des französischen Dichters VICTOR HUGO (1802-1885, Bild 6) gab die außermusikalische Vorlage für diese Komposition. Bereits seit den 1830er-Jahren plante LISZT, ein Werk nach diesem Gedicht zu schreiben, das aber erst 1850 mit der "Bergsinfonie" zur Uraufführung gelangte. Drei weitere Umarbeitungen führten zur endgültigen Fassung von 1857.
2. Die Sinfonische Dichtung Nr. 2 "Tasso" (1849) entstand als Ouvertüre zu JOHANN WOLFGANG VON GOETHEs (1749-1832) Drama "Tasso". Anlässlich der Hundertjahrfeier von GOETHEs Geburtstag wurde das Werk in Weimar unter LISZTs Leitung 1849 das erste Mal aufgeführt. In der Komposition wird das Schicksal des italienischen Dichters TORQUATO TASSO (2. Hälfte des 16. Jh., Bild 7) dargestellt. Um die italienische Herkunft TASSOs hervorzuheben, gestaltet LISZT das musikalische Hauptthema in Anlehnung an den Gesang venezianischer Gondelführer.
3. Die Sinfonische Dichtung Nr. 3 "Les Préludes" (1848, Hörbeispiel 2) ist aus Motiven geformt, die LISZT bereits 1848 für die Einleitungsmusik zu seiner Chorkomposition "Les quatre Eléments" verwendet hatte. Erst nachträglich wurde die umfangreiche "Méditation" des französischen Dichters ALPHONSE DE LAMARTINE (1790-1869) als Programm herangezogen. Zusätzlich stellt LISZT eine Erläuterung voran:
"Was ist unser Leben anderes als eine Reihenfolge von Präludien zu jenem unbekannten Gesang, dessen erste feierliche Note der Tod anstimmt?"
Doch es bleibt zu überlegen, ob mit diesen beiden Quellen der inhaltliche Kern der optimistischen Komposition getroffen ist. Im Gegensatz zur Mehrzahl der Titel in "Les Préludes" ("Die Vorspiele"), handelt es sich hier um ein sinfonisches Orchesterwerk in einem einzigen Satz.
4. Die Sinfonische Dichtung Nr. 4 "Orpheus" entstand 1853/1854 als musikalische Einleitung für die Weimarer Erstaufführung von CHRISTOPH WILLIBALD GLUCKs (1714-1787, Bild 8) Oper "Orpheus und Eurydike". Die Anregung zu diesem Werk gab nicht GLUCKs Komposition, sondern eine etruskische Vase im Louvre, auf der Orpheus, der Sänger der griechischen Mythologie, zu sehen ist. Beeindruckt von dieser Vasenmalerei bezeichnete LISZT Orpheus als "Dichter-Musiker". Er konzentrierte sich bei seiner Komposition weniger auf die Handlung der antiken Sage als vielmehr auf die Person Orpheus.
5. 1802 entwarf der deutsche Theologe und Geschichtsphilosoph JOHANN GOTTFRIED HERDER (1744-1803)
die Szenenfolge "Der entfesselte Prometheus", inspiriert durch
den altgriechischen Prometheus-Mythos. Dieses Werk gab die Vorlage zu LISZT
Sinfonischer Dichtung Nr. 5 "Prometheus" (1850). In der Komposition ging es nicht darum, den Prometheus-Mythos
neu zu gestalten, sondern um die Darstellung der wesentlichen Stimmungen,
die durch den Mythos empfunden werden. Anlässlich der Enthüllung
der HERDER-Statue im Weimarer Hoftheater am 24. August 1850 führte
LISZT seinen "Prometheus" als Ouvertüre zu HERDERs Szenenfolge
erstmals auf. Nach einer Überarbeitung im Jahre 1855 wurde er mit den
anderen Sinfonischen Dichtungen des Zyklus als Nr. 5 herausgegeben.
6. Die Sinfonische Dichtung Nr. 6 "Mazeppa" beruht auf der Person des damaligen Kosaken-Oberhaupts IWAN
STEPHANOWITSCH MAZEPPA (1644-1709). Mit dieser kühnen Person
hatte sich schon der junge LISZT intensiv beschäftigt. 1839 erschien
bereits eine Konzertetüde für Klavier "Mazeppa", in
der der Komponist musikalisches Material von früheren Jugendkompositionen
verwendet hatte. Im Jahre 1851 vollendete LISZT schließlich die gleichnamige
Sinfonische Dichtung Nr. 6, die sich in manchem mit dem älteren
Klavierwerk vergleichen lässt. Er brachte das Werk am 16. April
1854 in Weimar zur Uraufführung. Als außermusikalisches Programm
diente ein Gedicht des Franzosen VICTOR HUGO (1802-1885), in dem das
kämpferische Schicksal MAZEPPAs zum Ausdruck kommt.
7. Das besondere an der Sinfonische Dichtung Nr. 7 "Festklänge" (1854) ist, dass sie weder ein eindeutiges Programm noch eine literarische
Einführung des Komponisten enthält. Dennoch wohnt ihr eine programmatische
Idee inne. Anlass für die Komposition war die geplante Hochzeit
LISZTs mit der Fürstin CAROLYNE
VON SAYN WITTGENSTEIN. Auch wenn diese Heirat nie stattgefunden hat,
erklärt doch der erwartete festliche Anlass den programmatischen Titel
"Festklänge". Musikalisch charakterisiert LISZT sich durch
ein männlich-ernstes Hauptthema und seine Geliebte durch ein weiblich-graziöses
Seitenthema.
8. Die Juli-Revolution von 1830 gab den
äußeren Anlass für LISZT, eine Revolutionssinfonie zu schreiben.
Doch der einzige, vollständig ausgeführte Satz dieses geplanten
Werkes war die spätere Sinfonische Dichtung Nr. 8 "Héroide funèbre" ("Heldenklage", 1850). Um dem heroischen Charakter der "Heldenklage" noch mehr
an Ausdruck zu verleihen, wird im Mittelteil dreimal die Marseillaise, die heutige französische Nationalhymne, zitiert.
9. Ähnlich wie bei "Festklänge" wurde auch der Sinfonischen
Dichtung Nr. 9 "Hungaria" (1854) kein literarisch formuliertes Programm vorangestellt. Die Komposition
entstand nach Eindrücken einer Konzertreise, die LISZT 1840 in sein
Heimatland Ungarn unternahm. Im Auftrag des ungarischen Dichters MIHÁLY
VÖRÖSMARTY (1800-1855) schrieb er eine, seine einstige
Heimat ehrende, Musik, die aus dem "Heroischen
Marsch" für Klavier (1840) entwickelt wurde.
10. Die Sinfonische Dichtung Nr. 10 "Hamlet" (1858) wurde als Vorspiel zu WILLIAM SHAKESPEAREs (1564-1616) gleichnamigen Drama komponiert. Ihr steht kein ausführliches Programm voran, weil der Titel zur poetischen Illustration genügt. Es ist ein durchweg tragisches Werk, in dem die Hamlet-Gestalt keinerlei positive Züge erhält.
11. Mit seiner Sinfonischen Dichtung Nr. 11 vertonte LISZT 1857 WILHELM VON KAULBACHs (1804-1874) monumentales Wandgemälde "Die Hunnenschlacht" (1834-1837, Bild 9). In diesem Werk lösen sich zunehmend überschaubare Formverläufe auf, und es zeigen sich bereits deutliche Ansätze zum Gedanken an die "offene Form" des 20. Jh.