


Geschichtliches
Die Begriffe "Motiv" und "Thema" stehen in engem Zusammenhang.
Noch bis 1837 wurde das Begriffspaar synonym verwendet. Erst die Musiktheoretiker
ADOLF BERNHARD MARX
(1795-1866) und JOHANN
CHRISTIAN LOBE (1797-1881) grenzen die beiden Termini voneinander
ab und sorgen damit für eine genauere Definition.
Der Begriff "Motiv"
Das Wort "Motiv" leitet sich vom lateinischen motivus
ab, was sich mit "beweglich" übersetzen lässt. Es
steht allgemein für einen Beweggrund, einen Antrieb, eine Ursache
oder einen Zweck.
In der musikalischen Formenlehre bezeichnet der Begriff die kleinste Sinneinheit
und Triebkraft einer Komposition. Das Motiv
ist charakterisiert durch eine prägnante Tonfolge, die entweder für
eine ganze Komposition oder einen Formteil der Komposition von Bedeutung
ist. Es ist abzugrenzen von Tonfolgen, die für die eigentliche Entwicklung
eines musikalischen Werkes keine Relevanz haben. Dazu gehören Übergänge,
Schlussfloskeln, Begleitfiguren, Figurationen, Verzierungen usw., die
sich unter der Kategorie "Figur"
zusammenfassen lassen.
Die Länge von Motiven ist unterschiedlich. Es sollte jedoch mindestens aus zwei Tönen bestehen, wie beispielsweise das Jagdmotiv mit seiner aufsteigenden Quarte oder das Kuckucksmotiv mit der absteigenden kleinen Terz. Längere Motive können entweder in ihrem gesamten Umfang betrachtet werden oder noch einmal in Teilmotive zerlegt werden. Dabei sollten immer die Motivstruktur und der weitere Verlauf des Werkes im Auge bleiben.
Eine Abgrenzung zwischen einzelnen Motiven wird meist durch Wiederholungen, Phrasierungseinschnitten, Pausen und anderen Zäsuren deutlich gemacht. Selten ist sie mit der Taktgliederung identisch. Das Motiv wird durch die drei Grundelemente der Musik - Melodie, Harmonie und Rhythmus - bestimmt. Sie können unterschiedlich stark hervortreten. Während beispielsweise in einstimmigen Liedern das Motiv hauptsächlich durch die Melodie und den Rhythmus bestimmt ist, wird in mehrstimmigen Instrumentalsätzen auch das harmonische Gefüge das Bild des Motivs prägen.
Motivtypen
Die Verarbeitung eines Motivs ist abhängig vom Stil des Musikstücks,
in dem es vorkommt. In diesem Zusammenhang werden zwei Haupttypen von
Motiven unterschieden: das "Fortspinnungsmotiv" und das "Entwicklungsmotiv".
Das Fortspinnungsmotiv
tritt vorrangig in der polyphonen Musik bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts
auf. Es beruht auf der linearen Melodik des mittelalterlichen Kirchengesangs.
Die noch einstimmige Melodie des Eingangsmotivs wird meist ohne größere
Unterbrechungen weitergesponnen bis ein neues Motiv auftaucht, das in
ähnlicher Weise fortgeführt wird.
Durch solche Motivfortspinnungen fällt es oft schwer, das eigentliche
Motiv abzugrenzen. Es entstehen fast nie symmetrische Abläufe im
formalen Aufbau.
Das Entwicklungsmotiv
steht in der homophon orientierten Musik des 18. und 19. Jahrhunderts
im Vordergrund. Durch die melodische, rhythmische und harmonische Gestalt
lässt es sich klar vom folgenden Motiv trennen. In der Regel orientiert
sich sein Aufbau an symmetrischen Zwei-, Vier- oder Achttaktgruppen.
Das Entwicklungsmotiv erscheint im Verlauf des Werkes in veränderter
Gestalt, aber die ursprüngliche Form bleibt erkennbar und nachvollziehbar.
Die einzelnen Umbildungsformen des Ausgangsmotivs stellen die jeweiligen
Stufen der Motiventwicklung innerhalb der Komposition dar.
Das Entwicklungsmotiv bleibt also nicht nur Ausgangspunkt von Entwicklung
-wie das Fortspinnungsmotiv-, sondern trägt selbst zu dieser bei.
Die Möglichkeiten der motivischen Verarbeitung lassen sich hier am
besten untersuchen, da das Motiv gut abgegrenzt ist und seine rhythmische
sowie die melodische Struktur auch in veränderter Form noch deutlich
sichtbar bleibt.
Das Motiv und seine Verarbeitung
Die Grundlagen jeder motivischen Verarbeitung sind: Wiederholung, Variierung
oder Kontrast. Dabei ist es vom musikalischen Genre, vom Stil und von
der Gattung abhängig, welches Prinzip vorwiegend verwendet wird.
Bei der Wiederholung sind zu unterscheiden zwischen
Ein besonderer Fall der wörtlichen Wiederholung ist das Ostinato (von ital. ostinato = starr- und eigensinnig, hartnäckig, entschlossen). Hier wird das Motiv über lange Strecken hinweg mehrmalig und unverändert in einer Stimme wiederholt.
Bei der Sequenz
werden zwei Formen unterschieden. Die sogenannte reale
Sequenz wiederholt das Motiv intervallgetreu auf einer anderen
Tonstufe (Hörbeispiel 2).
Werden aber Intervalle der ursprünglichen Tonfolge verändert,
um die Ausgangstonart nicht zu verlassen, spricht man von tonaler
Sequenz.
Das Variationsprinzip steht für die veränderte Wiederholung des Ausgangsmotivs. Sie beruht auf der Veränderung der drei Grundelemente der Musik: Melodie, Harmonie und Rhythmus. Werden nicht nur Motive variiert, sondern auch größere Formteile, Sätze sowie Lied- und Instrumentalthemen entsteht der Formtyp Variation.
In melodischer Hinsicht gibt es drei grundsätzliche Möglichkeiten den ursprünglichen Melodieverlauf zu verändern:
Um die Tonart möglichst nicht zu verlassen, gibt es bei der Umkehrung und beim Krebs die Möglichkeiten von realer und tonaler motivischer Verarbeitung.
Rhythmisch können die folgenden Veränderungen
auftreten:
Der Rhythmus des gesamten Motivs kann
entweder vergrößert (Augmentation)
oder verkleinert werden (Diminution).
Dabei werden die einzelnen Töne meist auf doppelte oder vierfache
Werte ausgedehnt bzw. vermindert. Es gibt aber auch die Möglichkeit
nur einzelne Töne des Motivs zu augmentieren bzw. zu diminuieren.
Die melodischen und rhythmischen Umbildungen können gleichzeitig auftreten. In einem solchen Fall wird das Motiv so abgewandelt und verändert, daß die Bezüge zum Ausgangsmotiv immer lockerer werden und oft kaum noch zu erkennen sind.
Beim Kontrastprinzip tritt dem ursprünglichen Motiv ein Kontrast- oder Konfliktmotiv entgegen. Es bringt neues Material mit und erzeugt durch den Gegensatz zum Ausgangsmotiv interessante Spannungsverhältnisse für den weiteren Werkverlauf.
Das Thema und seine musikalischen
Merkmale
Das Wort "Thema" kommt aus dem Griechischen und wird übersetzt
mit: Satz, abzuhandelnder Gegenstand oder das (Auf)gesetzte. Im Allgemeinen
bedeutet es: Aufgabe, Gegenstand, Leitgedanke und zusätzlich beinhaltet
es die Möglichkeit zur Ver- bzw. Bearbeitung fähig zu sein.
In der musikalischen Formenlehre bezeichnet der Begriff "Thema"
den Hauptgedanken einer Komposition. Dieser Grundgedanke tritt deutlich
hervor und trägt eine charakteristische melodische, rhythmische und
harmonische Gestalt. Das Thema ist meist aus
mehreren Motiven zusammengesetzt, die es untergliedern. Während
ein Motiv aus wenigstens zwei Tönen besteht, erstreckt sich ein Thema
über mehrere Takte.
Thementypen
Da der formale Aufbau des Themas vom musikalischen Stil, der Zeit und
seinem Erscheinungsort abhängig ist, werden zwei Hauptformen unterschieden:
das "geschlossene Thema" und das "offene Thema".
Ein geschlossenes Thema ist meist symmetrisch aufgebaut und in sich abgeschlossen. Es bestimmt die Musik der Klassik des 18. und 19. Jahrhunderts. Bei den zugrunde gelegten Motiven handelt es sich um Entwicklungsmotive.
Ein offenes Thema ist in der Regel kürzer und vorwiegend asymmetrisch geformt. Es prägt die polyphonen Werke der barocken Musik bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts. Sein offenes Ende entspricht dem offenen Schluss des zeitgleichen Fortspinnungsmotiv. Oft ist das Thema mit einem solchen Motiv identisch.
Das Thema als Grundidee
einer Komposition
Innerhalb der Musikgeschichte lässt sich eine zunehmende Bedeutung
des Themas als Kernpunkt einer Komposition erkennen. Es dient als formbildendes
Mittel zur Vereinheitlichung. Bereits in den frühen Imitationen des
15. Jahrhunderts beginnt diese zunehmende Bedeutung des Themas, da es
in allen beteiligten Stimmen wiederholt wird. Auf diesem Imitationsprinzip
beruht auch das durchkomponierte Orgel-Ricercare (ab 2. Hälfte 16.
Jh.), das in jedem Abschnitt auf einem einzigen Thema basiert.
Diesem Formtyp schließen sich die Variations-Ricercare GIROLAMO
FRESCOBALDIs (1583-1643) an.
Hier wird in den verschiedenen Kompositionsabschnitten ein und dasselbe
Themas in variierter Form verwendet.
Besondere Bedeutung erlangt das Thema in der barocken Fuge.
Hier baut sich in der Regel aus einem einzigen Thema das gesamte Werk
auf. (Seltener sind Doppel-, Tripel- oder Quadrupelfugen mit zwei, drei
oder vier Themen.)
Dieses Thema eröffnet das Werk und durchläuft in der sogenannten
Exposition alle Stimmen. Es bildet also den Ausgangspunkt für die
Entwicklung der gesamten Komposition. Als Grundidee der Komposition eröffnet
das Fugenthema auch die weiteren Durchführungen, in denen das Thema
immer wieder unverändert durch die beteiligten Stimmen geführt
wird.
Noch bis ins 18. Jahrhundert wurden Fugenthemen mit dem alten Begriff des Sogettos bzw. des Subjekts bezeichnet. Die Komposition eines solchen Subjekts beruhte aber nicht nur auf originellen und unverkennbaren Ideen des Komponisten. Entscheidend war die satztechnische Eignung. Das Interesse galt den kontrapunktischen Voraussetzungen, die das Thema bot. An diesen Möglichkeiten orientierte sich die zum Thema komponierte Gegenstimme, der Kontrapunkt bzw. das Kontrasubjekt.
Während in der Fuge ein Thema das Werk bestimmt, treten im Sonatensatz der Klassik zwei Themen auf. Es wird zwischen dem ersten Thema (Hauptthema) und dem zweiten Thema (Seitenthema) unterschieden. Beide Themen sind zwar symmetrisch beschaffen, doch in ihrem Charakter, ihrem Aufbau und der Harmonik sind sie voneinander verschieden. Meistens tritt einem kraftvollen Hauptthema ein kantables Seitenthema entgegen. Doch dieser Themengegensatz soll innerhalb des Sonatensatzes überwunden werden, in dem sich die zwei Themen einander annähern. Sie verändern sich im Verlauf des Musikstücks auf tonaler, harmonischer, melodischer und teilweise auch auf rhythmischer Ebene. Diese Wandlungen prägen das Bild der gesamten Komposition. Am Ende sind die Sonatenthemen nicht mehr dieselben wie am Anfang. Aber immer lässt sich ihre Entwicklung nachvollziehen und auf die ursprünglichen Themen zurückführen.
In der Form des instrumentalen Rondos
(18./ 19. Jh.) dominiert ein Hauptthema (A) das Werk. Dieses Rondothema
erscheint mehrmals. Es verbindet die unterschiedlichen Zwischenteile miteinander,
sodass sich die folgende Form ergibt: A-B-A-C-A-D-
-A.
Da dieses Thema die Aufmerksamkeit des Hörers immer wieder aufs Neue
fesseln und steigern sollte, muss es eine starke Aussagekraft besitzen.
Oft wird es deshalb auch in variierter Form oder in einer anderen Tonart
auftauchen. Der ständig wiederkehrende Eintritt des Themas als Grundidee
der Komposition ist zwar nicht das einzige, wohl aber das entscheidendste
Merkmal der Rondoform.
In der Form der Variation reihen sich mehre Abschnitte oder eigenständige Sätze aneinander, die auf nur einem Thema beruhen. Dabei werden in den einzelnen Variationsabschnitten Veränderungen des ursprünglichen Themas vorgenommen, die sich entweder direkt am Thema orientieren (strenge Variation) oder die nur indirekt auf das Thema gestützt sind (freie Variation). Wieder ist eine Themenidee, die für den gesamten Kompositionverlauf maßgebend ist.
In den großen Formen der Romantik, besonders der Spätromatik, werden thematische Ableitungsprozesse immer entscheidender. Darunter ist ein kompositorisches Verfahren zu verstehen, bei dem mehrere Themen innerhalb eines Werkes auseinander hervorgehen. Die verwendeten Themen setzen sich aus knappen, wandlungsfähigen Motiven zusammen, um möglichst viel Raum für motivische Verarbeitung zu geben.
Doch in welcher Gattung, in welcher Zeit oder an welchem Ort ein Thema erscheint, es ist immer auch Ausdruck der individuellen musikalischen Sprache des jeweiligen Komponisten
Thema und Motiv im 20.
Jahrhundert
In der atonalen Musik des 20. Jahrhunderts ist es nicht mehr sinnvoll
von "Thema" im ursprünglichen Sinne zu reden. Denn ohne
tonale Harmonik und Melodik fehlten die wesentlichen Kräfte, die
für eine einheitliche zusammenhängende Themenform sorgten.
In der Zwölftontechnik ARNOLD
SCHÖNBERGs (1874-1951)
wurde die Form des konkreten Themas, durch die sogenannte Reihe
abgelöst. In solchen Reihen ist genau festgelegt, in welcher Abfolge
alle 12 Halbtöne im Musikstück erklingen sollten. Dadurch ergeben
sich vorgeordnete Ton- und Intervallbeziehungen, die gewissermaßen
mit Motiven vergleichbar sind. Auf die Reihe lassen sich auch die Möglichkeiten
der motivischen Verarbeitung anwenden. Da ihr aber die musikalisch konkrete
Gestalt eines Themas oder eines festgelegten Motivs fehlt, ist es angebrachter
bei einer Reihe allein von musikalischer Substanz zu sprechen.
(Hörbeispiel 5: Ausschnitt aus der Zwölftonkomposition "HS
= F2" von SPICEK WATNAGURA)
In der seriellen Musik ab den 1950er-Jahren werden zwar die Töne der Reihe noch stärker durchorganisiert als zuvor, doch das thematisch-motivische Denken verliert zunehmend an Bedeutung. Schließlich löst es sich in der Aleatorik seit dem Ende der 1950er-Jahre völlig auf.