

Der Komponist, Cellist, Dirigent und Theaterunternehmer JACQUES
OFFENBACH (* 20.06.1819 Köln,
05.10.1880
Paris, Bild 1) gehört zu Hauptvertretern der Opéra bouffe
(französische Operette) und gilt für dieses Musikgenre als stilprägend.
Aus diesem Grund wird die Opéra bouffe häufig auch als Offenbachiade
bezeichnet.
Die Opéra bouffe
entsteht nach 1850 in Paris aus der Opéra
comique. Es handelt sich um ein Bühnenwerk mit gesprochenen
Dialogen und mitreißender Musik. Sie unterscheidet sich von der
Opéra comique vor allem durch den Rückgriff auf zeitgenössische
Tänze und Märsche von rhythmischer Prägnanz. Ironische
musikalische Zitate aus fremden Werken sind ein Charakteristikum der Opéra
bouffe. Die Besetzung der Orchester ist sehr reduziert. Es gibt keine
Mehrfachbesetzungen der Bläser und auch der Streichersatz muss mit
einer Minimalbesetzung auskommen.
1858 erreicht OFFENBACH die Aufhebung
des Theaterprivilegs, die es ihm
ermöglicht,
Seine Bühnenwerke behandeln meist die Moral der Gesellschaft und die Politik des Zweiten Kaiserreichs, die er satirisch darstellt. Der deutsch-französische Krieg 1870/1871 markiert das Ende dieser Epoche. OFFENBACH, der während der Kriegsjahre aus Paris in seine deutsche Heimat geflohen war, kehrt zwar nach Beendigung des Krieges wieder in die französische Metropole zurück - die "goldenen" Jahre der Offenbachschen Operette sind jedoch mit dem Ende der Gesellschaft des zweiten Kaiserreichs vorbei.
Das erste Bühnenstück, das OFFENBACH selbst als Operette betitelt, ist "La Rose de Saint - Fleur" (1856). Während OFFENBACH seine frühen Einakter am Théâtre-Français noch Musiquettes oder Bouffonerien nennt, häuft sich die Bezeichnung "Opérette" in den späteren Jahren.
Das französische Wort "bouffe" [buf] bedeutet komisch und wird in Verbindung mit dem Singspiel "Opéra" oder auch der verkleinernden Form des Singspiels, der Opérette, in Abgrenzung zur Opéra comique verwendet. OFFENBACH gebraucht die Bezeichnung "bouffe" gern, sobald einem seiner Werke ein eher komischer als idyllischer Charakter innewohnt.
Operette und Offenbachiade
Generell lassen sich die von OFFENBACH als "Opérettes"
bezeichneten Bühnenstücke nicht unter einen bestimmten Kriterienkatalog
subsumieren. OFFENBACH war kein Systematiker. Es ist anzunehmen, dass
er die Untertitel seiner Bühnenwerke nahezu willkürlich auswählte.
So trägt der gedruckte Klavierauszug eines Stückes oftmals einen
anderen Titel, als das dazugehörige Theaterplakat. Ebenso sorgen
die Korrespondenzen mit seinen Librettisten oftmals für Verwirrung,
denn darin rubriziert er seine Werke pauschal unter dem Begriff "Opérettes".
Der Begriff der "Offenbachiade", der sich für OFFENBACHs Operetten-Typus eingebürgert hat, geht
auf den Schriftsteller ALPHONSE DAUDET
(1840-1897, Bild 2) zurück. Der Begriff bezeichnet den
"Prototyp" einer Offenbachschen Operette und die damit verbundenen
Grundprinzipien der Satire, der Parodie, der Karikatur und der Persiflage.
Musikalische Charakteristika der Offenbachiade
Musikalisch lehnt sich OFFENBACHs Operette an die Entwicklungsstränge
der älteren Opéra
comique an. Sowohl eine einfache Melodik als auch eine differenzierte
Instrumentation sind die Kennzeichen der Opéra comique, wie sie
in der zweiten Hälfte des 18. Jh. auftaucht. OFFENBACHs Umsetzung
dieser Tradition ist besonders
Kontrapunktische Raffinessen und Ausschreitungen in weiter entfernte
harmonische Bereiche findet man nur an ausgewählten Stellen. Die
Instrumentation seiner Bühnenwerke gestaltet sich meist in Anlehnung
an das spätklassische oder frühromantische Orchester.
Dem Anspruch an die Form des Singspiels
begegnet OFFENBACH mit der drastischen Überzeichnung des Pathos der
zeitgenössischen Grand Opéra. An Stellen, an denen sich die
Grand Opéra dramatisch zeigt und eine ins Große zielende
Wirkung anstrebt, parodiert die Opéra bouffe deren Ernsthaftigkeit.
Passagen, die textlich von den Librettisten OFFENBACHs bereits zugespitzt
worden sind und das Zweite Kaiserreich aufsässig einer harschen Kritik
unterziehen, erfahren in der musikalischen Umsetzung durch OFFENBACH eine
weitere Pointierung. Dabei werden häufig Elemente der großen
Oper in parodistischer Absicht zitiert. So erfüllt das Lohengrin-Motiv
in "Belle Hélène" ebenso parodistische
Zwecke wie Ensembleszenen, die im Stil der großen Oper in einer
raffiniert durchkomponierten Orchestersprache konzipiert sind.
Ein Beispiel hierfür ist das Finale des
1. Aktes aus "Orphée aux enfers". Das Finale
beginnt mit einer Ensemblekomposition nach der Tradition des Opernfinales,
gefolgt von einem Rezitativ, dann ein musikalisches Zitat aus CHRISTOPH
WILLIBALD GLUCKs (1714-1787, Bild 3) "Orfeo et Euridice"
(Orpheus und Eurydike, 1762; "On ma ravi mon Eurydice").
Danach verdichtet sich der Satz wieder, um in einem Tutti auf die Worte
"la,la,la,la,la,la, partons, marchons" zu enden. Alle Protagonisten
singen minutenlang "gehen wir", bewegen sich dabei aber nicht.
Der Ensemblegesang wird zu einem Faktor der dramatischen Handlung.
Als Muster für den formalen Ablauf einer
Operette OFFENBACHs kann folgendes Schema dienen:
Beispiele für OFFENBACHs Operetten-Typus
"Orphée aux Enfers"
("Orpheus
in der Unterwelt", 1858) ist
eine der bekanntesten Operetten OFFENBACHs. Hier bildet erstmals ein mythologischer
Stoff aus der griechischen Antike die Vorlage für das Thema, in dem
sich nun Elemente von Parodie und Travestie mischen. Das eigentlich Neue
geschieht aber in der Handlung, die sich durch das Motiv des Ehebruchs
und die spezifische Durchmischung des sozialen Milieus in auffällige
Nachbarschaft zum bürgerlichen Ehedrama begibt. Mit der Beschränkung
auf zwei Akte ist auch eine verwickeltere, komplexere Handlung möglich.
Die Handlung ist als Parodie auf die große
Oper angelegt: das Opernpaar Orpheus und Eurydike sind hier ein
zerstrittenes Ehepaar, denen es beiden nur recht ist, als Eurydike von
Pluto in die Unterwelt entführt wird. Allerdings haben sie die Rechnung
ohne eine gewisse Dame, die sich die Öffentliche Meinung nennt, gemacht.
Die nämlich zwingt Orpheus, seine ungeliebte Gattin von den Göttern
zurückzufordern. Der gelangweilten Götter-Welt kommt das gerade
recht - höchstpersönlich starten sie ihren Ausflug in die
Unterwelt, um dort nach dem Rechten zu sehen und bei der Gelegenheit richtig
"einen drauf" zu machen.
Bei "La Belle Hélène"
("Die
schöne Helena", 1864)
handelt es sich ebenfalls um eine Gesellschafts-Satire, die erneut in die griechische Mythologie eingebettet ist. Venus hat dem
trojanischen Prinzen Paris "die Liebe der schönsten Frau der
Welt" versprochen. Für Helena von Sparta besteht kein Zweifel
- nur sie kann damit gemeint sein. Das einzige Hindernis für
diese Affäre ist aber Helenas Gatte Menelaus, der kurzerhand per
Orakelspruch zu einer Reise nach Kreta genötigt wird. Da er vergisst,
seine Rückkehr rechtzeitig anzumelden, überrascht er die beiden,
noch bevor es zum Äußersten kommen konnte. Paris aber bleibt
hartnäckig. Er kostümiert sich und erscheint als Priester der
Venus. In dieser Verkleidung entführt er Helena nach Troja.
In der Uraufführung 1864 waren die Hauptrollen mit HORTENSE
SCHNEIDER (1833-1920) und JOSÉ
DUPUIS (1831-1900) besetzt. HORTENSE SCHNEIDER wurde bereits
mit "Le Viloneux" zur ersten Operettendiva der Musikgeschichte.
Angeblich enthielt der Vertrag zwischen OFFENBACH und SCHNEIDER eine Klausel,
in der es ihr untersagt war, klassische Operngesangsstunden zu nehmen.
Dabei handelte es sich einerseits um ein Stilmittel, mittels dessen die
tragenden Arien der Grand Opéra parodiert werden konnten, andererseits
vermittelte ihr diese Maßnahme stimmliche Unmittelbarkeit.
Mit "La Vie Parisienne" ("Pariser
Leben", 1866) wagten OFFENBACH
und seine Librettisten
den Schritt von der Antikenparodie zur Gesellschaftssatire, die in das zeitgenössische Flair der Metropole Paris eingebettet ist. Der Pariser Playboy Raoul bietet sich dem schwedischen Ehepaar Gondremarck als Fremdenführer an. In der Hoffnung, die Ehegattin verführen zu können, quartiert er das Paar in seine eigenen vier Wände ein. Er gibt vor, dass es sich dabei um eine Filiale des Grandhotels handeln würde. Mithilfe seiner Freunde und Bediensteten wird dem schwedischen Touristenpaar ein Klischee-Paris vorgegaukelt, das ihren Erwartungen auch voll und ganz gerecht wird. So kommt es, dass sie durchaus nicht enttäuscht sind, als der Schwindel schließlich auffliegt.
Die Offenbachiade in der Zeitgeschichte
OFFENBACHs Bühnenwerk ist stark verflochten mit der Sozialgeschichte
seiner Epoche, mit dem Zweiten Kaiserreich,
speziell der Zeit zwischen den beiden Weltausstellungen 1855 und 1867.
Zusammen mit seinen Librettisten hat OFFENBACH vor allem antike Mythen
mit aktuellen Bezügen aus dem Alltag der europäischen Metropole
Paris angereichert. Das, was OFFENBACH in dieser Zeit komponiert, sind
Operetten, die in das Regime des Zweiten Kaiserreichs einzugreifen versuchen.
Sie spiegeln einerseits ihre Epoche, andererseits wenden sie soziale
Missstände ins Satirische.
Die Spottlieder OFFENBACHs machen sich besonders gern über soziale
und kulturelle Scheinwelten lustig. Er schreibt gegen erstarrte Lebenshaltungen,
gegen das verlogene Idyll des Kleinbürgers an. Hohle Autorität,
Doppelmoral und anmaßende Gewalt sind das Ziel seines Spotts. Bestehende
und bedrückende Machtverhältnisse werden auf der Bühne
umgestülpt oder wenigstens doch entkräftet. Als typisch für
die Offenbachiade gilt die Laissez-faire-Moral.
Bürgerliche Konventionen unterzieht OFFENBACH einer satirischen Betrachtung.
Insbesondere der Verstoß gegen den ehelichen Treueschwur ist ein
zentrales Motiv seiner Opéra bouffe.
Besonders charakteristisch sind in diesem Zusammenhang die finalen Ensembleszenen.
Die Aktschlüsse münden meist
in geselligen Trinkgelagen. Dies kann auch als satirischer Angriff auf
die Leistungsprinzipien des Bürgertums verstanden werden. Soziale
Randgruppen werden dabei zu Helden der Handlung. Sie entkräften die
Grundsätze der Gesellschaft, indem sie sich über ihr eigenes,
an anderen Werten ausgerichtetes Glück freuen. Egal, ob sie Räuber,
Bohemiens oder Revoluzzer sind - sie haben andere Eigenschaften als
die Bourgeoisie. Sie verachten sowohl Besitz als auch Moral. Deshalb faszinieren
sie das Publikum.
Als weiteres Merkmal der Offenbachiade gilt die Thematisierung
von Industrialisierung und Modernisierung. Die mit Modernisierungsprozessen
einhergehenden Veränderung der Gesellschaft, die damit verbundene
soziale Mobilität sowie die neue Rolle der Behörden wird in
OFFENBACHs Operetten immer wieder dargestellt.
Auch die Exotismen sind ein häufig eingesetztes Stilmittel. Der Exotismus
innerhalb der Operette lässt sich in zwei Kategorien einteilen, in
sogenannte Ausbruch- und in Einbruchstücke.
Ziel ist es natürlich, sich an den hiesigen Lebensformen zu reiben und sie durcheinander zu bringen. OFFENBACH parodiert den Drang zur geografischen Ferne ebenso wie die Mythologisierung der Geschichte.
Werke
OFFENBACH schrieb insgesamt über 600 Kompositionen,
dazu gehörten 141 Bühnenwerke, diverse Orchesterwerke,
Werke für Soloinstrumente (ca. 75 vollendeten Cello-Kompositionen)
und Kammermusik, Werke für Singstimme, geistliche Werke.