Das Orchesterlied -
das Lied für Singstimme mit Orchesterbegleitung
- ist weniger als Gattung, vielmehr durch einzelne Werke bekannt,
allen voran die zahlreichen Orchesterlieder von GUSTAV
MAHLER (1860-1911), dazu gehören u. a.:
- die unheimlichen beklemmenden Einzellieder "Revelge"
und "Der Tamboursg'sell"
(1899),
- die in Stoff und Ton weit gefächerten 12 Lieder aus "Des
Knaben Wunderhorn" (1893/1905),
- der ergreifende Zyklus "Kindertotenlieder"
(FRIEDRICH RÜCKERT, 1901/1904).
Entstehung und Entwicklung
Das Orchesterlied entstand in den 1830er-Jahren, maßgeblich durch
HECTOR BERLIOZ (1803-1869, Bild 1).
Das klassisch-romantische Kunstlied
als Klavierlied findet als Orchesterlied
eine geradezu natürliche Fortsetzung. Denn im Prinzip ist es nichts
anderes als Sologesang mit Orchester- statt Klavierbegleitung. Sehr oft
geht denn auch das Orchesterlied vom Klavierlied aus. Das Orchesterlied
ist so
- einerseits eine Instrumentierung bzw. als Orchestrierung auffassbar,
so etwa bei einigen Liedern von HUGO WOLF (1860-1903) in den 1890er-Jahren.
- Andererseits aber wirkt umgekehrt oft die Klavierversion als eine
Art Klavierauszug oder nur vorläufige
Fassung (so fast durchweg bei GUSTAV MAHLER).
Die Vielfarbigkeit des Orchesters lässt jedenfalls das zur Geltung
kommen, was in der relativen Einfarbigkeit des Klaviers klanglich im Verborgenen
bleibt. Die klangfarblich-sinnlichen Qualitäten sind daher naturgemäß
reicher und tragen zur Attraktivität des Orchesterlieds bei.
Neben dem Liedhaften kommt hier nicht selten das
Arienhafte mit dem Gestus
- des Opernmäßigen,
- Dramatischen,
- Theatralischen herein.
Beeinflusst wurde die Herausbildung des Orchesterlieds von der Konzertarie. Der Aufführungsort, der Konzertsaal, war derselbe. Teils waren diese
Arien zunächst nur einfach aus Opern herausgenommen, teils eigens
komponiert - LUDWIG
VAN BEETHOVENs (1770-1827,
Bild 2) "Ah, perfido!" gehörte zu Standard-Stücken im Konzertrepertoire des 19. Jh.
Noch ALBAN BERG (1885-1935, Bild 4) schreibt
1929 eine Konzertarie "Der Wein" für Sopran und Orchester (drei Sonette von CHARLES BAUDELAIRE in
der Übersetzung von STEFAN GEORGE).
Hauptvertreter der Gattung
HECTOR BERLIOZ (1803-1869,
Bild 1) komponierte erste Muster dieser Gattung:
- 1830 mit dem Zyklus "Irische Melodien" op. 2 (Text THOMAS GOURNET nach THOMAS MOORE),
- 1831 mit dem romanzenhaften strophischen "La
Captive" op. 12 (Text von VICTOR HUGO) und
- 1840 mit dem Zyklus "Les Nuits d'été" op. 5 ("Die Sommernächte", Text von THÉOPHILE
GAUTIER, ursprünglich als Klavierlieder komponiert).
"Les Nuits d'été" sind ein Zyklus über
das autobiografisch vermittelte Thema der scheiternden und enttäuschten
Liebe - so wie in BERLIOZ "Phantastische
Symphonie" (1830) oder dann GUSTAV
MAHLERs (1860-1911)
Zyklus "Lieder eines fahrenden Gesellen" (1883/1885).
Bei MAHLER bildet das (häufig zu Zyklen zusammengefasste) Orchesterlied
neben den Sinfonien schon quantitativ und hinsichtlich des Stellenwerts
im Schaffen ein Zentrum seines Werks, dazu gehören:
- neben den bereits genannten "5 Liedern" ("Kindertotenlieder") nach FRIEDRICH RÜCKERT (1901/1904)
- schließlich das groß angelegte "Lied
von der Erde" für Tenor, Alt und Orchester als Verschränkung
von Orchesterlied und Sinfonie (1907/1908).
Da MAHLER hier zwei Solisten verwendet, die verschiedene
lyrisch-epische Rollen spielen - allerdings nie miteinander in Dialog
treten -, kommen sogar Elemente der Kantate mit herein. Auch sonst sind die Orchesterlieder mit den Sinfonien durch Übernahmen, Anklänge u. a. vielfältig verflochten
- in der 1. Sinfonie (1884/1888) z. B. zitiert MAHLER gleich
zweimal als thematisch wichtiger Rolle aus seinen "Liedern eines fahrenden
Gesellen".
Auch in der Neuen Musik findet das
Orchesterlied eine Fortsetzung, u. a. mit:
- MAURICE RAVELs
(1875-1937, Bild 3) leicht exotistischer Shéhérazade
"Trois poèmes de Tristan Klingsor"
(1903);
- OTTORINO RESPIGHIs
(1879-1936) "La sensitiva"
(Text nach PERCY BYSSHE SHELLEY, 1918);
- ALBAN BERGs
(1885-1935, Bild 4) "5 Orchesterlieder
nach Ansichtskartentexten von P. ALTENBERG" op. 4
(1912) - sie verursachten bei der Uraufführung 1913 in Wien
einen der großen Konzertskandale des 20. Jh.; neben der atonalen,
konzentrierten und neuartigen Klangsprache befremdete das Spannungsverhältnis
zwischen großem orchestralem Aufwand und miniaturhafter Kürze
der Lieder;
- ARNOLD SCHÖNBERGs
(1874-1951, Bild 5) "Vier
Lieder für Gesang und Orchester" op. 22 (1913-1916);
- PAUL HINDEMITHs
(1895-1963) spätexpressionistischen "Drei
Gesänge für Sopran und großes Orchester"
op. 9 (1917).
Nach der Zäsur von 1945 lebte die Gattung Orchesterlied weiter,
u. a. durch:
- RICHARD STRAUSS (1864-1949,
Bild 6)
- mit den nostalgisch-verklärenden "Vier
Letzte Lieder" (1949);
- HANS WERNER HENZE (* 1926, Bild 7)
- mit "5 Neapolitanische Lieder
für mittlere Stimme und Kammerorchester" (1956), in
denen er italienisch-südländische Kantabilität beschwört
und
- mit "Nachtstücke und Arien
für Sopran und Orchester" (INGEBORG BACHMANN, 1957),
in denen bilderreich und klangvoll die Gefahr von Atomkrieg und Naturzerstörung
heraufbeschworen wird;
- LUIGI NONO (1924-1990,
Bild 8)
- mit "Canti di vita e d'amore"
("Gesänge vom Leben und der Liebe") für Sopran,
Tenor und Orchester" (1962, mit den Teilen Sul ponte di Hiroshima
und Per Djamila Boupachà für Sopran solo sowie Tu; DJAMILA
BOUPACHÀ war eine algerische Freiheitskämpferin; die unbegleitete
Einstimmigkeit wie die Stimmführung und Melodik des ihr gewidmeten
Satzes spielen auf Arabisches an und verweisen damit konkret auf die
Widmungsträgerin und den Kontext: der Algerienkrieg endete 1962);
- außerdem mit "Como una
ola de fuerza für Sopran, Klavier, Orchester und Tonband"
(1972);
- DMITRIJ SCHOSTAKOWITSCH
(1906-1975, Bild 9)
- mit zahlreichen Orchestrierungen von Klavierliedern, dazu gehört
u. a. die verfinsterte, in zyklischen Kontrasten angelegte "Suite
über Verse des Michelangelo Buonarrotti" op. 145a
(1975);
- ARIBERT REIMANN (* 1936)
- mit "HÖLDERLIN-Fragmente
für Sopran und Orchester" (1963),
- "Zyklus für Bariton und
Orchester" (PAUL CELAN, 1971),
- "Lines für Sopran und Streicher"
(PERCY BYSSHE SHELLEY, 1973);
- WOLFGANG RIHM (* 1952)
- mit "Wölfli-Liederbuch"
(1980/82).