Auffassungen zum Politischen in der
Musik
Die Auffassungen zum Politischen in
der Musik gehen weit auseinander. Am geläufigsten ist die Vorstellung,
dass Musik grundsätzlich unpolitisch ist, weil sie besonders "abstrakt"
und realitätsfern sei. Die am anderen Pol stehende Auffassung geht
davon aus, dass auch die Musik stets eine politische Dimension habe, weil
"alles irgendwie politisch" ist. Dazwischen steht die politische
Instrumentalisierung
von Musik, das heisst, die Nutzung
von Musik, die selbst keinen politischen Zweck verfolgte bzw. keinen direkten
Bezug zu den politische Inhalten aufweist, für die sie in Anspruch
genommen wird. Das ist z. B. belegt durch den WAGNER-Kult der Nazis
in Deutschland oder durch den Einsatz der sinfonische Dichtung "Les
Préludes" von FRANZ LISZT als Eröffnungsfanfare für
die Berichte des Oberkommandos der Wehrmacht.
Davon zu unterscheiden ist der Begriff der
politischen Musik im engeren Sinn. Darunter ist Musik zu verstehen,
die in ein unmittelbares Verhältnis zur Politik und zum Politischen
tritt und beim Hörer politisch motivierte Wirkungen, wie Solidarisierung,
Mobilisierung, Aufklärung und Überzeugung, hervorrufen will
(Bild 1).
Begriff "politische Musik"
Es zeigt sich, dass aber auch politische
Musik im engeren Sinn auffallend mehrdeutig gebraucht wird:
- Als politische Musik gilt zum einen Musik, die "gesellschaftskritisch"
und "links" ist. Das geht schon aus der frühesten Verwendung
des Begriffs 1851 durch den konservativen Volkskundler WILHELM HEINRICH
RIEHL (1823-1897) hervor, steht aber auch im Kontext der internationalen
Studenten- und Protestbewegung um 1968 und deren Nachwirkungen bis in
die Gegenwart.
- Als politische Musik gilt zum anderen aber auch jede Art von Musik,
die mit der Sphäre des Politischen und Staatlichen verbunden ist.
Das sind z. B. Nationalhymnen
oder Militärmusik.
Inhalt und Charakter des Politischen prägen dabei die Musik, die
dienstbar gemacht wird.
- Politische Musik erscheint zudem als "politisch engagierte
Musik" und damit als Abweichung
von vermeintlich "unpolitischer" Musik.
Abgesehen von diesen verschiedenen Verwendungsweisen des Begriffs "politische
Musik", hat Musik wie jede Form der sozialen und kulturellen Kommunikation
tatsächlich eine potenzielle politische Dimension. Musik
ist direkt oder indirekt immer mit der Gesellschaft und den sie prägenden
Konflikten und Auseinandersetzungen verbunden. Das wird aber nur deutlich
und gesellschaftlich relevant, wenn Musik bewusst in den Bereich der Politik
hineingestellt ist, wenn sie direkt und unmittelbar in die sozialen und
politische Auseinandersetzungen eingreift, wenn sie zur öffentlichen
Artikulation kollektiver Interessen wird (Bild 2). Soziale, nationale,
religiöse und ethnische Konflikte stellten z. B. immer wieder
direkte Bezugs- und Artikulationsgegenstände für Musik dar.
Funktion und Wirkung
Eine politisch instrumentalisierte Musik durch ihre Einbeziehung in die
Politik ist noch keine politische Musik. So sind etwa Jazz oder die Zwölftontechnik
nicht "an sich" politisch. Jazz
und Zwölftontechnik
wurden aber zum Politikum, als sie im Hitler-Regime als "entartet",
"jüdisch", "kulturbolschewistisch" verfemt wurden
und sie von den Komponisten in der Musik des antifaschistischen Widerstands
verwendet wurde.
Bewusstheit eine entscheidende Voraussetzung
politischer Musik, und zwar sowohl vonseiten der Produzenten
wie vonseiten der Rezipienten.
Wenn mit Musik Politisches bewirkt werden soll - im Sinne von Aufklärung,
Gesellschaftskritik, Unterstützung im Kampf um Macht, aber auch im
Sinne von Gegenaufklärung, Manipulation, Verdeckung von Ausbeutung
und Repression - ist eine bewusste Positionierung in den politischen
Auseinandersetzungen unerlässlich. Das hängt damit zusammen,
dass sich die politische
Dimension von Musik immer nur in einem realen gesellschaftlichen Kraftfeld
widerstreitender Interessen entfalten kann.
Das Politische ist keine immanente Eigenschaft
der Musik. Es ist auch nicht auf die äußerliche Seite der Musik,
auf die Textbotschaften zu reduzieren, die vertont werden.
Texte
können zwar die
politische
Funktion von Musik konkretisieren, aber Musik ist kein neutrales Transportmittel
für politische Textbotschaften (Bild 3). Das
Politische
in der Musik ist vielmehr ein Aspekt ihrer Wirkung, die Rückkopplung
ihrer Wirkung auf die klangliche Gestalt. Ob die Wirkung von Musik mobilisierend
ist, ob Musik parteiergreifend ist für eine bestimmte Gruppe oder Sache
in der Gesellschaft, ob sie die Gemeinsamkeit und Gemeinschaftlichkeit einer
sozialen Gruppe als Subjekt gesellschaftlicher Veränderungen zum Ausdruck
bringt oder vermittelt, all das hängt von sehr vielen Faktoren und
der konkreten Situation des Musizierens ab. Eben deshalb wird z. B. die
gemeinschaftsbildende oder mobilisierende Wirkung von Musik in bestimmten
Situationen als sehr unmittelbar und damit die politische Kraft der Musik
als sehr konkret erfahren. Und doch sind die klanglichen Eigenschaften,
die Melodien und Rhythmen, die diese Wirkung vermitteln, außerhalb
dieses Kraftfeldes politisch neutrale klangliche Gestaltungsmittel. Darum
braucht es das Moment der Bewusstheit, um Musik mit Eigenschaften auszustatten,
die unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen und in konkreten Machtkonstellationen
- politische Wirkungen entfalten.
Formen politischer Musik
Politische Musik in diesem Sinn ist schon sehr alt und dürfte bereits
in den Stadtstaaten der griechischen und römischen Antike eine bedeutende
Rolle gespielt haben, auch wenn hier die Überlieferung fehlt. Seither
hat sie sich jedoch in den unterschiedlichsten Zusammenhängen entfaltet.
Das widerspiegelt sich in verschiedenen
Formen
politischer Musik. Dazu gehören
das politische Lied, die Arbeiterkampfmusik oder die Musik des antifaschistischen
Widerstands.
- Eine sehr alte und noch heute lebendige Form politischer Musik ist
das politische Lied.
Es erfreut sich nicht zuletzt deshalb einer so lang anhaltenden und
ungebrochenen Tradition, weil es unter den Bedingungen politischer Unterdrückung
eine Waffe derjenigen ist, die ihrer bedürfen und keine andere
haben - die Machtlosen, Entrechteten, Ausgebeuteten und Unterdrückten.
Ihre stärkste Waffe in den sozialen und politischen Auseinandersetzungen
ist die Kollektivität, für die das Lied als ein kulturelles
Kommunikationsmedium eine zentrale Rolle spielen kann, um der Gemeinschaftlichkeit
in der Gemeinsamkeit des Gesangs einen sinnlichen und hörbaren
Ausdruck zu geben (Internetverweis 1, Bild 4). Das politische Lied ist
aber auch eine Form politischer Gegenöffentlichkeit.
Auch hier darf aus der Textzentriertheit, die für das Lied charakteristisch
ist, nicht auf die Bedeutungslosigkeit seiner klanglichen Gestalt geschlossen
werden. Nur wenn die Musik tatsächlich auch die Massen ergreift,
für die es bestimmt ist, vermag sich politische Wirkung zu entfalten.
Ansonsten bleibt auch der beste politische Text nur gut gemeinte Absicht,
der seine Adressaten dann nicht erreicht.
Von den Kreuzzugsliedern
im 12. Jh. über die Lieder der Bauernaufstände des 16. Jh.
bis in die politischen Emanzipationsbewegungen unserer Tage spielt das
Lied als Instrument der politischen
Auseinandersetzung eine zentrale Rolle. Liedbewegungen, wie die in den
1960er-Jahren von Chile (La nueva canción chilena) ausgegangene
lateinamerikanische Nueva
canción, aber auch die
studentische Protestsongbewegung
in den USA und Westeuropa während der 1960er-Jahre, haben dem politische
Lied immer wieder neue Wirkungsräume erschlossen.
Das politische Lied selbst ist in viele Bereiche der Musik vorgedrungen.
War es der Natur der Sache nach lange Zeit im Volkslied verwurzelt,
obwohl auch Kirchenlieder explizit politischen Charakter bekommen haben,
so ist es im Verlauf der 20. Jh. vom südamerikanischen Tangolied
über den politischen Blues, die Rockmusik bis hin zu den gerappten
politischen Statements der Gegenwart vor allem in die verschiedenen
Zweige der populären Musik hinein gewandert.
- Arbeiterkampfmusik
(Internetverweis 2) als eine Form politischer Musik wurde z. B.
von HANNS EISLER (1889-1962)
in den 1920er- und frühen 1930er-Jahren komponiert. Aber auch die
faschistische Gemeinschaftsmusik der Nationalsozialisten, die Musik
in den früheren sozialistischen Ländern oder der Politrock
der 1960er- und frühen 1970er-Jahre gehören zu dieser Musikform.
Auch im Konzertsaal und auf der Opernbühne ist politische Musik
präsent.
LUIGI NONO (1924-1990)
komponierte z. B. sein "Canto sospeso" (1956) oder seine
Oper "Intolleranza" (1960) in Verarbeitung von Briefen zum
Tode verurteilter Widerstandskämpfer (Bild 5).
HANS
WERNER HENZE (geb. 1926) widmete sein Oratorium "Das Floß
der Medusa" (1968) mit explizit politischer Aussage dem Andenken
des kubanischen Revolutionärs CHE GUEVARA.
